Zeitgenossen

Paul Scheerbart



Christan Patschkowski,
LK-Deutsch '00
Biographie
Christan Patschkowski,
LK-Deutsch '00
Lesarten
Zusammenhang mit Dehmel
Brief an Paula Dehmel
Briefe von Richard Dehmel

STECKBRIEFE
erlassen hinter dreißig literarischen Uebelthätern gemeingefährlicher Natur
von
Martin Möbius
mit den getreuen Bildnissen der Dreißig
versehen von Bruno Paul
Erstes bis Drittes Tausend
im Verlage Schuster und Loeffler
Berlin und Leipzig 1900
Paul Scheerbart

Daß die Narren die weisesten aller Menschen sind, ist im allgemeinen schon lange nicht mehr wahr. Was sich heute vom Narrenspielen ernährt (in Witzblättern oder gleich in Büchern) ist meistenteils eine recht flache Sorte Federvieh. Diese Narren seiner Majestät des Mobs sind größtenteils witzig, boshaft, scharf, respektlos, frech, gemein, schnodderig, würdelos, allen Meinungen feil, jedem Wunsche ihres hunderttausendköpfigen Gebieters gefügig und schlagen Purzelbäume nach jeder Mode, - aber daß sie weise wären, glaubt nicht einmal das Publikum, das sie darum auch verachtet, weil sie im Grunde doch recht seichte Narren sind.
Zu diesen jämmerlichen Spaßmachern gehört Paul Scheerbart nicht: er ist ein Hanswurst aus dem Grunde, ein Pickelhäring voller Tiefe, ein wahrhaft ausbündiger Narr um der Weisheit willen. Kein Wunder, daß weder König Mob noch König Snob ihn in seine Dienste nimmt: er wird immer ein freier Narr bleiben. Nur am Hofe des Weltgeistes ist er zu hause, des Weltgeistes, der bekanntlich antierotisch von Natur ist.
Ach, der Weltgeist! Hätte er nicht Paul Scheerbarten, er hätte schon längst einen Kartoffelpuffer aus dem Kosmos gemacht. Aber der einzige Antierotiker der deutschen Literatur macht ihm soviel Spaß, daß er`s noch eine Weile mit ansieht.
Es kann auch gar nichts Amüsanteres geben. als wenn so gräßlich ernsthaft ist. Gefrorener Kümmel mit Krystallen. Und, natürlich: boshaft wie ein Affe.
Der Humorist hat`s hinterm Ohr
Und kommt dem gar nicht komisch vor,
Der auch die Liebe schon verlor.

Paul Scheerbart, der eigentlich Bruno Küfer hieß, wurde 1863 in Danzig geboren. Der sich in ständiger Geldnot befindende Schriftsteller – ein Grund hierfür war sein starker Alkoholkonsum – hielt sich in der Bohèmeszene Berlins und Münchens auf. Bekannt für seinen skurrilen phantastischen Erzählstil, der mitunter auch gesellschaftskritische Fragmente enthält, gilt er heute als Vorläufer des Expressionismus. Er schrieb vor allem Gedichte, Prosatexte und Kurzdramen. Mit führenden Naturalisten befreundet, begründete er 1892 den "Verlag der Phantasten". 1897 erschien "Tarub, Bagdads berühmte Köchin", ein Buch, das er als arabischen Kultutrroman bezeichnete – in Wirklichkeit geht es um das zeitgenössische Berlin. Ein Jahr später folgte die Germanensatire "Na Prost! Phantastischer Königsroman". Die in den darauffolgenden Jahren entstandene Lyrik der "Katerpoesie" gab Scheerbart erst 1909 in Druck. Später erschienen einige Beiträge für Herwarth Waldens expressionistische Avantgarde-Zeitschrift "Der Sturm". Zeitgleich wurde auch das Werk "Perpetuum Mobile" veröffentlicht und wenig später "Die Geschichte einer Erfindung", welches die Versuche beschreibt, eine solche Maschine zu erfinden. Dieser Versuch brachte keinerlei technisches, sonder ein amüsantes literarisches Ergebnis hervor. Mit dem Roman "Glasarchitektur" trat der Autor als utopischer Architekturtheoretiker hervor und machte sich auch als Zeichner einen Namen. Über Scheerbarts Beziehung zu Frauen ist nicht mehr bekannt, als eine Jugendliebe, die den meisten Zeitgenossen verborgen blieb.
Scheerbart starb am 15. Oktober 1915 in Berlin.

Christan Patschkowski, LK-Deutsch '00


Lesarten

 

Scheerbart hatte an der Welt bzw. an der Gesellschaft, in der er lebte, viel zu kritisieren. Er war mit vielem nicht zufrieden. Er zieht dadurch oft die bestehende Ordnung der Welt und der Gesellschaft ins Lächerliche und schafft sich gleichzeitig eine eigene, die sich dem Grotesken zu neigt, was letztendlich auch mit dem Alkoholismus zu tun hat, dem Scheerbart verfallen war. Um dieses zu verdutlichen, folgen einige ausgewählte Gedichte und deren kurze Interpretation.

Frage

Meine ganze Welt ist kantig,
und die Bäume sind verrückt.
Sage, Wilhelm, sage Sauhirt,
warum gehst du so gebückt?

Gleich in der ersten Zeile des Gedichts sagt Scheerbart, wie er sich in der Welt fühlt. Stellt man sich die Welt als einen Raum vor, so wirkt sie durch das Kantige unangenehm, schärfer, fast aggressiv. Ein Raum, in dem man sich stoßen kann, in dem von allen Seiten, von jeder Ecke eine Gefahr lauern kann. Ein runder Raum im Gegensatz dazu weist weiche Linien auf, die den Ausweg ins Unendliche zulassen. Man fühlt sich geschmeidig und geborgen.
Im Fortlauf des Gedichtes erklärt er das, was das Leben auf Erden ermöglicht, die Bäume, für verrückt. Die gesamte Weltordnung wird also in den ersten beiden Zeile in Frage gestellt. Scheerbart will damit darstellen, daß mit der Gesellschaft irgendetwas nicht stimmt, kann es aber nicht konkret verbalisieren und eine Lösung dafür ist ihm somit auch nicht bekannt. Deswegen richtet er die Frage direkt an alle andern Betroffenen. Vom Kaiser Wilhelm, der die Oberschicht, bis zu dem Sauhirt, der die Unterschicht repräsentieren soll, und will wissen wo deren Probleme liegen.

Säulenlied

Ich steh auf meiner Säule
Und schau ins weite Meer.
Ich höre dein Geheule
Und wundere mich nicht mehr.
Ich steh auf meiner Säule
Mir wird mein Herz nicht schwer.

Dieses Gedicht zeigt, daß Scheerbart mit der Welt, in der er lebt, schon abgeschlossen hat. Er distanziert sich, hier bildlich auf einer Säule stehend, von der Gesellschaft. Er kann von dort aus alles überschauen. Die Probleme nimmt Scheerbart durchaus wahr, im Gedicht in Form von Geheule, doch läßt er sie in Gedanken versunken an sich vorüberrauschen und sucht lieber nach Freiheit und Unbefangenheit, die durch das Meer symbolisiert werden. Er ist also so sehr an diese Situation gewöhnt, daß sein Herz nicht mehr mehr darauf reagiert - frühere und romantische Gedichte wurden durch "Geheule" und "Säule" ironisiert.

Die großen Flammen

So nehm ich denn die Finsternis
Und balle sie zusammen
Und werfe sie, so weit ich kann,
Bis in die großen Flammen,
Die ich noch nicht gesehen habe
Und die doch da sind - irgendwo
Lichterloh...

In diesem Gedicht sollen die Flammen nicht wie üblich für etwas Zerstörerisches, sondern vielmehr für etwas Erleuchtendes stehen. Scheerbart stellt hier den Versuch dar, alle Probleme, dafür steht die Dunkelheit, zusammenzufassen und für sie, so weit es in seiner Macht steht, eine Lösung zu finden. Er weiß zwar, daß es diese Lösung gibt, fühlt sich aber nicht in der Lage diese zu finden. Es ist bei diesem Gedicht auffällig, daß sich Scheerbart für die Gesellschaft in gewissem Maße verantwortlich fühlt - andererseits wird diese Haltung gleichzeitig ironisch gebrochen.

Christan Patschkowski, LK-Deutsch '00


Zusammenhang
mit Dehmel
Hamburg, 27.10.91
An Frau Paula

Lebe Du wohl - ich lebe wohl, mein Herz!
weiter werde ich Dir heute nicht viel schreiben können, trotzdem ich voll bin von vielen neuen, schönen und seltsamen Eindrücken. Gestern war ich den halben Tag mit Liliencron zusammen, bin auf der Elbe herumgedampft etc. etc. Heute Abend will ich mit diesem köstlich altjungen Dichterkinde in die Abgründe Hamburgs tauchen: Matrosenkneipen, Singhallen und sonstiges Traurige. Du wirst aber alles ausführlich zu lesen kriegen in einem "Hamburger Brief", den ich dann morgen und übermorgen Abend für die Freie Bühne zusammendichten will; ich habe ihn Bölsche schon annonci(e)rt für die nächste Nummer. - Denke Dir: Käte , der närrische Quirl, war Sonntag noch auf dem Bahnhof. Eben, wie ich ins Coupé steigen will, kri(e)gt sie mich am Arm und ich drücke ihr einen Kuß auf die Hand und dann schnell hinein - ich war fast bis letzte Minute im Wartesaal mit Scheerbart geblieben - und durch die offene Wagentür wirft sie mir noch einen Veilchenstrauß und eine Schachtel mit Cigaretten nach und dann Ade. Ich habe ihr vorhin ein brüderliches Resignationsbriefchen geschrieben.
Dein Dein Treuer.

Ausgewählte Briefe I, S. 71

Blankenese. 16.1.(1903)

Lieber Paulus, ich danke Dir! Nur die "verwünschte Gesellschaft" kann ich nicht brauchen; die liegt außerhalb des kindlichen Erfahrungskreises. Überhaupt mußt Du mir die Liebe tun, ein klein wenig auf die kleine Gesellschaft Rücksicht zu nehmen. Nur deshalb schicke ich Dir auch die "angeführte Hexe" noch mal mit zurück. Bitte, ändre den Schluß ein bißchen! Die Moral da hinten ist Kindern gleichgiltig; was kümmern die sich um die "gute Laune" irgrnd eines Andern, und wenn`s auch ein Tichter ist. Dagegen ist es ihnen nicht gleichgiltig, zu erfahren, was denn schließlich aus der Hexe in dem Gummischuh geworden ist. Die bleibt doch da nicht ewig auf dem Balkon; das würde schließlich doch vielleicht dem lustigen Dichter "die Laune verderben". Kannst Du den Dichter nicht, da sie so schreit, als ob sie "in der großen Bratpfanne gebraten wird", auf den lustigen Einfall kommen lassen, sie wirklich zu braten?! Also ein Zündhölzchen an den Gummischuh legen, daß er mitsamt der Hexe explodirt! Das würde der kleinen Bande einen Heidenspaß machen - und dem großen Krabsikrobsi doch sicherlich auch! - Bitte, bitte!! -- Und wenn Du durchaus eine Moral hineinbringen willst, dann laß doch durchblicken am Schluß, daß die alte Hexe die Urgroßtante gewesen ist. Und bitte, erlaube mir die paar kleinen Wortänderungen für unser kleines Publicum! Z.B. "in rosigster Stimmung", das ist eine Wendung, deren Ironie für Kinder noch garnicht existiert; die wissen überhaupt noch nicht, was Stimmung bedeutet. Bei den anderen Stellen handelt sich`s nur um uns - Correcte. Du bist doch selber so sehr fürs Correcte. Ich bin manchmal mehr für`s Inkorrekte. Darum bitte ich Dich, in der Hexengeschichte "rauskommen" stehen zu lassen, mir aber zu erlauben, daß ich in der Rutschbahn die Zwerge aus den Schlitten "herausfliegen lasse", weil dann folgt:"und hinunter in die Tiefe". Diese Rutschbahn ist übrigens unbezahlbar! Ich kann Dir also blos 30 M dafür anbieten. Für die angeführte Hexe 40 M.
Und sei nicht traurig, alter Raifu!
Sonst wirst Du am Ende wieder breegenklütrig!
In unserem Alter dürfen wir uns nicht mehr einsam fühlen.
Dein oft von Dir bezauberter
Richard

* "Die Rutschbahn", im Buntscheck veröffentlicht
** Scheerbart hatte sich einige Zeit in Breege auf Rügen aufgehalt.

Ausgewählte Briefe,II, S. 10

Bl.(ankenese), 3.2.(190)3

Attentätlichsten Dank!* Aber der Untertitel ist nicht verbrecherisch genug. Überhaupt "Märchen" - damit lockt man doch höchstens einen ollen Knast hinterm Ofen vor, keine jungen Häkchen, die sich bei Zeiten krümmen sollen. Ich schlage vor: "Ein Mordsspaß" - dann also kommt mir`s scheerbärtiger vor. Schrei mal rasch: Ja! Im übrigen, alter Kometentänzer, nehme ich meine planetarische Luciferkrone von Dir ab.
Dein R.

*"Die angeführte Hexe"(Ein Mordsspaß), veröffentlicht im Buntscheck.

Ausgewählte Briefe II, S. 10