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Daß die Narren die weisesten aller Menschen sind, ist im allgemeinen schon lange nicht mehr wahr. Was sich heute vom Narrenspielen ernährt (in Witzblättern oder gleich in Büchern) ist meistenteils eine recht flache Sorte Federvieh. Diese Narren seiner Majestät des Mobs sind größtenteils witzig, boshaft, scharf, respektlos, frech, gemein, schnodderig, würdelos, allen Meinungen feil, jedem Wunsche ihres hunderttausendköpfigen Gebieters gefügig und schlagen Purzelbäume nach jeder Mode, - aber daß sie weise wären, glaubt nicht einmal das Publikum, das sie darum auch verachtet, weil sie im Grunde doch recht seichte Narren sind. Zu diesen jämmerlichen Spaßmachern gehört Paul Scheerbart nicht: er ist ein Hanswurst aus dem Grunde, ein Pickelhäring voller Tiefe, ein wahrhaft ausbündiger Narr um der Weisheit willen. Kein Wunder, daß weder König Mob noch König Snob ihn in seine Dienste nimmt: er wird immer ein freier Narr bleiben. Nur am Hofe des Weltgeistes ist er zu hause, des Weltgeistes, der bekanntlich antierotisch von Natur ist. Ach, der Weltgeist! Hätte er nicht Paul Scheerbarten, er hätte schon längst einen Kartoffelpuffer aus dem Kosmos gemacht. Aber der einzige Antierotiker der deutschen Literatur macht ihm soviel Spaß, daß er`s noch eine Weile mit ansieht. Es kann auch gar nichts Amüsanteres geben. als wenn so gräßlich ernsthaft ist. Gefrorener Kümmel mit Krystallen. Und, natürlich: boshaft wie ein Affe. Der Humorist hat`s hinterm Ohr Und kommt dem gar nicht komisch vor, Der auch die Liebe schon verlor. |
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| Paul Scheerbart, der eigentlich Bruno Küfer hieß, wurde 1863 in Danzig geboren. Der sich in ständiger Geldnot befindende Schriftsteller ein Grund hierfür war sein starker Alkoholkonsum hielt sich in der Bohèmeszene Berlins und Münchens auf. Bekannt für seinen skurrilen phantastischen Erzählstil, der mitunter auch gesellschaftskritische Fragmente enthält, gilt er heute als Vorläufer des Expressionismus. Er schrieb vor allem Gedichte, Prosatexte und Kurzdramen. Mit führenden Naturalisten befreundet, begründete er 1892 den "Verlag der Phantasten". 1897 erschien "Tarub, Bagdads berühmte Köchin", ein Buch, das er als arabischen Kultutrroman bezeichnete in Wirklichkeit geht es um das zeitgenössische Berlin. Ein Jahr später folgte die Germanensatire "Na Prost! Phantastischer Königsroman". Die in den darauffolgenden Jahren entstandene Lyrik der "Katerpoesie" gab Scheerbart erst 1909 in Druck. Später erschienen einige Beiträge für Herwarth Waldens expressionistische Avantgarde-Zeitschrift "Der Sturm". Zeitgleich wurde auch das Werk "Perpetuum Mobile" veröffentlicht und wenig später "Die Geschichte einer Erfindung", welches die Versuche beschreibt, eine solche Maschine zu erfinden. Dieser Versuch brachte keinerlei technisches, sonder ein amüsantes literarisches Ergebnis hervor. Mit dem Roman "Glasarchitektur" trat der Autor als utopischer Architekturtheoretiker hervor und machte sich auch als Zeichner einen Namen. Über Scheerbarts Beziehung zu Frauen ist nicht mehr bekannt, als eine Jugendliebe, die den meisten Zeitgenossen verborgen blieb. Scheerbart starb am 15. Oktober 1915 in Berlin. |
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Scheerbart hatte an der Welt bzw. an der Gesellschaft, in der er lebte, viel zu kritisieren. Er war mit vielem nicht zufrieden. Er zieht dadurch oft die bestehende Ordnung der Welt und der Gesellschaft ins Lächerliche und schafft sich gleichzeitig eine eigene, die sich dem Grotesken zu neigt, was letztendlich auch mit dem Alkoholismus zu tun hat, dem Scheerbart verfallen war. Um dieses zu verdutlichen, folgen einige ausgewählte Gedichte und deren kurze Interpretation.
Frage Meine ganze Welt ist kantig, Gleich in der ersten Zeile des Gedichts sagt Scheerbart, wie er sich in der Welt fühlt. Stellt man sich die Welt als einen Raum vor, so wirkt sie durch das Kantige unangenehm, schärfer, fast aggressiv. Ein Raum, in dem man sich stoßen kann, in dem von allen Seiten, von jeder Ecke eine Gefahr lauern kann. Ein runder Raum im Gegensatz dazu weist weiche Linien auf, die den Ausweg ins Unendliche zulassen. Man fühlt sich geschmeidig und geborgen. Säulenlied Ich steh auf meiner Säule Dieses Gedicht zeigt, daß Scheerbart mit der Welt, in der er lebt, schon abgeschlossen hat. Er distanziert sich, hier bildlich auf einer Säule stehend, von der Gesellschaft. Er kann von dort aus alles überschauen. Die Probleme nimmt Scheerbart durchaus wahr, im Gedicht in Form von Geheule, doch läßt er sie in Gedanken versunken an sich vorüberrauschen und sucht lieber nach Freiheit und Unbefangenheit, die durch das Meer symbolisiert werden. Er ist also so sehr an diese Situation gewöhnt, daß sein Herz nicht mehr mehr darauf reagiert - frühere und romantische Gedichte wurden durch "Geheule" und "Säule" ironisiert. Die großen Flammen So nehm ich denn die Finsternis In diesem Gedicht sollen die Flammen nicht wie üblich für etwas Zerstörerisches, sondern vielmehr für etwas Erleuchtendes stehen. Scheerbart stellt hier den Versuch dar, alle Probleme, dafür steht die Dunkelheit, zusammenzufassen und für sie, so weit es in seiner Macht steht, eine Lösung zu finden. Er weiß zwar, daß es diese Lösung gibt, fühlt sich aber nicht in der Lage diese zu finden. Es ist bei diesem Gedicht auffällig, daß sich Scheerbart für die Gesellschaft in gewissem Maße verantwortlich fühlt - andererseits wird diese Haltung gleichzeitig ironisch gebrochen. |
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Hamburg, 27.10.91 An Frau Paula Lebe Du wohl - ich lebe wohl, mein Herz! weiter werde ich Dir heute nicht viel schreiben können, trotzdem ich voll bin von vielen neuen, schönen und seltsamen Eindrücken. Gestern war ich den halben Tag mit Liliencron zusammen, bin auf der Elbe herumgedampft etc. etc. Heute Abend will ich mit diesem köstlich altjungen Dichterkinde in die Abgründe Hamburgs tauchen: Matrosenkneipen, Singhallen und sonstiges Traurige. Du wirst aber alles ausführlich zu lesen kriegen in einem "Hamburger Brief", den ich dann morgen und übermorgen Abend für die Freie Bühne zusammendichten will; ich habe ihn Bölsche schon annonci(e)rt für die nächste Nummer. - Denke Dir: Käte , der närrische Quirl, war Sonntag noch auf dem Bahnhof. Eben, wie ich ins Coupé steigen will, kri(e)gt sie mich am Arm und ich drücke ihr einen Kuß auf die Hand und dann schnell hinein - ich war fast bis letzte Minute im Wartesaal mit Scheerbart geblieben - und durch die offene Wagentür wirft sie mir noch einen Veilchenstrauß und eine Schachtel mit Cigaretten nach und dann Ade. Ich habe ihr vorhin ein brüderliches Resignationsbriefchen geschrieben. Dein Dein Treuer. Ausgewählte Briefe I, S. 71 Blankenese. 16.1.(1903) Bl.(ankenese), 3.2.(190)3 |
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