Zeitgenossen

Friedrich Nietzsche



Zusammenhang mit Dehmel

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Zeitgenössisches "literarisches Portrait" von Erich Mühsam aus:
Führer durch die moderne Literatur, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung der Schriftsteller Victor Hadwiger, Erich Mühsam, René Schickele, Walter Bläsing. Berlin 1906. S.134-139
Friedrich Nietzsche, geb. 1844 in Röcken bei Lützen, verfiel 1889 in Wahnsinn und starb 1901 in Weimar. Nietzsches Einfluß auf das ganze Geistesleben unserer Zeit ist so bedeutend, die Umwälzung in der Auffassung aller Welt- und Lebensfragen seit Nietzsche so vollständig, daß er als eigentlicher geistiger Vater unserer modernen Literatur gelten kann. Er führte einen künstlerischen Stil in der Behandlung theoretischer Probleme ein, und schuf daher der Publizistik einen fruchtbaren Boden (Wilhelm Bölsche, Maximilian Harden usw.); er stieß die Kantische Philosophie als ethische Grundlage aller Diskussionen um und gab damit den Künstlern die moralische Ellbogenfreiheit, die das Erfordernis aller individuellen Kunstentfaltung sein muß. Er zerstörte den auch in der Dichtung bis dahin wohlgepflegten Glauben an die alleinseligmachende Bergpredigtsmoral des Mitleids und des Samaritertums, indem er dagegen das Prinzip der rücksichtslosen Selbstdurchsetzung und die Lehre vom Herrenmenschen im Gegensatz zum Herdenmenschen aufstellte. Nietzsche war Künstler vom Fundament aus, nicht nur in seinen rein dichterischen Werken, sondern auch in seinen philosophischen Streitschriften und in seinen philologischen und sozialen Polemiken. Jedes Problem sah er vom künstlerischen Standpunkt aus an und verfocht seine Stellung zu diesem Problem in künstlerischer Form. Und diese Art des Anschauens der Dinge stellte er auch als Gesetz auf, wie er es gleich in seinem ersten Werk "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" ausführt und selbst befolgt. Es folgten die "Unzeitgemäßen Betrachtungen", eine Sammlung von Essays, in denen er - immer unter dem Gesichtspunkte eines künstlerischen Kulturideals - seine ketzerischen Lehren zwar noch nicht in ihrer späteren Geschlossenheit zeigt, aber doch schon lebhaft andeutet. Noch steht er hier unter dem Banne der Wagnerischen Musik und der Schopenhauerschen genial-logischen Denkweise, wenn er auch hier schon die Lebensverneinung des letzteren heftig befehdet, und die Begeisterung für den ersteren mit der glühenden Lebensbejahung begründet, die er, bevor der "Tannhäuser" geschrieben war, in Wagners Temperament voraussetzte. Wagner hat er später völlig fallen lassen, seine frühere Liebe zu ihm als eine Art "Krankheit" bezeichnet, und ihn, in dem er nur einen christlichen Renegaten sah, mit Schimpf und Hohn überschüttet ("Der Fall Wagner"). Dagegen ist seine Anerkennung des Schopenhauerschen Geistes trotz der scharfen Kluft, die beide Denker sachlich trennte, doch bis zuletzt eine sehr große gewesen. Die Lehre vom "Willen zum Leben", die Schopenhauer aufstellte, und die Nietzsche begierig aufgriff, war der Kitt der Verehrung, wenn auch Nietzsche sich nicht scheute, den großen Philosophen wegen der Logik, mit der er eben aus diesem Willen zum Leben seine pessimistischen Folgerungen ableitete, einen "Begriffslumpen" zu nennen. Es dauerte nicht lange, bis Nietzsche alle Autoritäten abschüttelte, und nun teils mit schneidendem Hohn, teils mit leidenschaftlicher Begeisterung seine Lehre vom "Willen zur Macht" allen in der früheren Kantschen oder christlichen Moral befangenen Theorien entgegenstellte. Das geschah zunächst in den aphoristischen Werken: "Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister" und "Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile". Hier zeigte sich Nietzsche zuerst als der gewaltige Aphoristiker, der er in allen Werken geblieben ist. Jeden Gedanken, dem er Ausdruck geben will, packt er in einen kurzen, schlagenden Satz und stellt ihn gleichsam in Ausrufungszeichen hin. Eine große Menge neuer Wortbildungen, kühner Vergleiche, schlagender Ausdrücke sind auf diese Weise aus Nietzsches überreichem Geist in die deutsche Sprache übergegangen. Einen neuen, sehr wichtigen und für die Gestaltung unserer künstlerischen Kultur maßgebenden Faktor führt Nietzsche in seinem nächsten Werk "Die fröhliche Wissenschaft" in den modernen Denkkreis ein: die Herleitung aller psychologischen Momente aus physiologischen Ursachen. Mit diesem in seiner blendenden Sprache vorgetragenen und einem immensen Wissen und logischer Überzeugungskraft begründeten Argument zieht er gegen die Leiden des Körpers, des Geistes und der Seele und vor allem gegen das Mitleiden zu Felde. Er will Kraftnaturen züchten, aber keine Schwächlinge. Wer stark ist, soll seine Stärke fördern und pflegen, aber nicht den Krankenwärter der Schwachen spielen. Jetzt hat er das Mittel, um seine machtvollen Schläge gegen das Christentum, gegen alle traditionelle Moral, gegen Kant und die herkömmliche sittliche Vernunft zu führen. Die "Fröhliche Wissenschaft" ist ein Dithyrambus auf das irdische Leben im Gegensatz zu dem jenseitigen, außerweltlichen, überirdischen. Nietzsche erinnert den Menschen an das Tier in seinem Wesen, das er nicht unterdrücken kann, sondern pflegen und entwickeln solle, um sich selbst auch in den seelischen und geistigen Fähigkeiten zur letzten, höchsten Entwicklung zu bringen. Hier kommt zuerst die Idee des "Übermenschen" zum Vorschein, des Menschen, der aus Kraft und physischer Überlegenheit gezeugt, an Körper und Geist den Herdenmenschenüberragt und dadurch befähigt ist, als ein höheres Wesen, mit der rücksichtslosesten Ausnutzung der Schwachen und Herdenmenschen, eine neue irdische Kultur, s e i n e Kultur zu züchten. Der Traum vom Übermenschen ersteht nun in strahlender Sprache in dem wunderbar-phantastisch-realistischen Dichtwerk "Also sprach Zarathustra", Nietzsches Hauptwerk und künstlerisch wie inhaltlich tiefste Arbeit. Es ist eine Unmenge geschrieben und gedeutet worden, um Nietzsches Absicht nit diesem Werk auf den Grund zu kommen. Hat Nietzsche hier eine philosophische Lehre schaffen wollen oder wollte er nur ein Gedicht schreiben, das sein ethisches Ideal zum Thema hat? Gegen die erste Vermutung wurde geltend gemacht, daß sich Widersprüche in den philosophischen Ausführungen finden, daß Lehren, die erst ausfürlich begründet werden, in demselben Werke wieder fallen gelassen werden usw. Auch glaubte man, die symbolistische Verbrämung der Gedanken nicht in Einklang bringen zu können mit der Erörterung der letzten Weltfragen. Denen dagegen, die im "Zarathustra" lediglich eine Dichtung sahen, wurde entgegengehalten, daß dazu die leidenschaftliche, prophetische Verkündung des Neuen, die höhnische Verneinung des Alten nicht stimmen wolle. - In Wirklichkeit ist der "Zarathustra" wohl als Nietzsches persönliches Bekenntnis aufzufassen, in dem er ein Bild gibt von der Entwicklung seiner kühnen Erkenntnisse; - und in einem solchen Werk konnte bei der monumentalen Persönlichkeit des Verfassers die oft irreführende Mischung von philosophischer Polemik und getragenster, großartigster Dichtung nicht ausbleiben. Die Sprache dieses Werkes ist eine Modernisierung der Bibelsprache, eine Mischung von Psalm und Dithyrambus, von Musik und Plastik. Zarathustra aber, in dem Nietzsche sich selbst symbolisiert, ist der große Einsame, der sich auf sich selbst zurückzieht, um das Problem des Rätsels zu finden. Wie er glaubt, es gefunden zu haben, sagt er den Freunden:" Der Sinn des Lebens ist der Übermensch!" Und er geht wieder zurück in die Einsamkeit und kehrt wieder und predigt "die ewige Wiederkunft". Aber auch diese Rettung läßt er fallen, als es ihm klar wird, wie sich sein Predigen immer nur wiederholen wird, wie im ewigen Kreislauf der Dinge er immer wieder einsam grübeln wird, und bei der Rückkehr immer wieder nur prophezeien wird: der Übermensch wird kommen; denn das ist der Sinn der Erde! - Was standhält, ist auch in diesem Werk nur der "Wille zur Macht".
"Also sprach Zarathustra" gehört zu den gewaltigsten Erscheinungen der Weltliteratur. Es konnte nicht fehlen, daß dieses Werk in seinem dichterisch-grandiosem Stil, seiner märchenhaften, symbolistischen Einkleidung und seinem geisterrevolutionirendem Inhalt in der deutschen Künstlerschaft ungeheuren Eindruck machte. Hermann Conradi sog seinen nach Befreiung lechzenden Geist voll von Nietzsches Worten; Gerhart Hauptmann nachte den verunglückten Versuch, in seiner "Versunkenen Glocke" das Problem des höheren Menschen zu dramatisieren, und dem Einfluß diesen Buches hat sich bis heute die moderne Literatur noch nicht zu entziehen vermocht, noch auch - abgesehen vielleicht von Stefan George - das auch nur versucht! - Nach solch ungeheurem Aufstieg begann Nietzsche die Moral als philosophisches Problem erkenntnistheoretisch zu bewerten. In den Schriften "Jenseits von Gut und Böse" und "Die Genealogie der Moral" beschäftigt er sich mit diesem Versuch. So glänzend nun auch diese Arbeiten sprachlich und in Hinblick auf geistreiche und tiefsinnige Betrachtungen sind, so leiden sie doch an dem übertriebenen Bestreben, das Wesen der Dinge auf etymologische Zuisammenhänge zurückzuführen. "Der Fall Wagner" erschien alsdann als eine nochmalige Auseinandersetzung mit Wagners Rückfall ins Christentum, eine aus Schmerz der Enttäuschung heraus geborenen leidenschaftliche Anklage.
1889, als letzter der von Nietzsche noch selbst besorgten Bände seiner Werke, kam die "Götzendämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert" heraus. Hier setzt sich Nietzsche in kurzen, aphoristischen Betrachtungen mit den sozialen Zuständen seiner Zeit auseinander. Mit besonderer Schärfe wendet er sich gegen das Neue Deutsche Reich, von dessen Begründung her er den Niedergang der deutschen Kultur datiert. Aber auch für die Freiheitskämpfer, vornehmlich die Anarchisten und Sozialisten, hat er nur Worte des Hohns und der Ablehnung, insofern er ihnen für ihre Bestrebungen und selbst für revolutionäre Taten urchristliche Gefühle vorwirft, die ihm mit seinem Ideal des freien Menschen im Widerspruch zu stehen scheinen. -
Im Jahre 1895 veranlaßte Nietzsches Schwester, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche, eine Gesamtausgabe seiner Werke, die an bisher Ungedrucktem u.a. enthielt: "Nietzsches Gedichte und Sprüche" und "Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums". In den Gedichten erweist sich Nietzsche als ebenso hervorragender Lyriker wie Aphoristiker. Auch hier ist er wieder der unumschränkte Beherrscher, beziehungsweise Neubildner der Sprache. In den Sprüchen zeigt sich hier und da eine ausgezeichnete Begabung zur Satire. "Der Antichrist" ist das erste Essay zu einem groß angelegten Werke: "Die Umwertung aller Werte", an dessen Weiterführung Nietzsche durch den Ausbruch seiner Geisteskrankheit verhindert wurde. 1908 verstand sich die Nachlaßverwalterin Nietzsches leider dazu, auch dessen letztes Werk, dessen Druck zur Zeit verhindert, und das bisher streng geheim gehalten wurde, der Öffentlichkeit zu übergeben. Dieses Werk, betitelt "Ecce homo. Wie man wird. Was man ist", ist eine in überhitztem, fiebrigem Tempo dahinrasende Bekenntnisschrift, schrill und kreischend im Übermaß unnatürlicher Selbstvergötterung und grandios wie eine Feuersbrunst. Nietzsche war einer der gewaltigsten Geister, die Deutschland, ja, die Europa und die Welt je besessen hat. Das können die gehässigen und blöden Anfeindungen, denen er von den verschiedensten Seiten ausgesetzt ist, nur bekräftigen!


Zusammenhang mit Dehmel
Jochen Stüsserr-Simpson
Nachruf an Nietzsche
Ein mißglückter Fluchtversuch

Das Verhältnis Dehmel-Nietzsche
Im Zusammenhang von verschiedenen Veranstaltungen im Literarischen Café sowohl zu Friedrich Nietzsche als auch zu Richard Dehmel erwuchs das Interesse, die Beziehung zwischen Nietzsche und Dehmel näher zu untersuchen. George, Hofmannsthal, Thomas und Heinrich Mann, Benn, Brecht usw. - kaum ein bekannter Autor vor, um und nach der Jahrhundertwende war nicht von Nietzsche begeistert, hat sich an ihm gerieben oder sonstwie auseinandergesetzt. Die Künstler waren der akademischen Philosophie voraus, die erst ab Ende der Zwanziger Jahre - die Interpretationsklassiker sind hier Jaspers, Löwith, Heidegger und Adorno - den großen Außenseiter Nietzsche zu rezipieren begann, der - übrigens ähnlich wie sein in London ansässiger Zeitgenosse Marx - abseits des universitären Hauptstromes arbeitete. Wie verhält es sich mit Richard Dehmel, einem der erfolgreichen deutschen Schriftsteller der Jahrhundertwende, der 26 Jahre alt ist, als Nietzsche 1889 seinen geistigen Zusammenbruch hat ?
Im folgenden handelt es sich um einen Beitrag, der so ähnlich schon veröffentlicht worden ist; in sehr viel kürzerer Form wurde er im Literarischen Café vorgetragen und in etwas längerer in dem Mitteilungsheft der Freunde des Christianeums gedruckt.

Nachruf
Von Dehmel gibt es nur zwei Texte, in denen er ausdrücklich zu Nietzsche Stellung bezieht: den in alle Gedichtsammlungen, das zeigt seine Bedeutung aus der Sicht Dehmels, immer wieder aufgenommenen "Nachruf an Nietzsche" sowie einen offenen Brief, der in dem Buch "Bekenntnisse" von 1926 abgedruckt ist. Vor allem der "Nachruf an Nietzsche" soll im folgenden betrachtet, der weniger wichtige Offene Brief aus den "Bekenntnissen" gelegentlich erläuternd zugezogen werden. Der "Nachruf" ist auch in der aktuellen Reclam-Ausgabe enthalten.
Nicht zufällig bezieht sich Dehmel in seinem "Nachruf" auf Nietzsches "Also sprach Zarathustra". Dieses Buch, das sowohl der Philosophie als auch der Literatur zugeschlagen werden kann, wirkte besonders stark auf Schriftsteller. Nietzsche selbst hielt es für sein wichtigstes Buch; es ist so spät erschienen, daß alle wichtigen Überlegungen und Konzepte, die Nietzsche in eher theoretischen früheren Schriften entwickelt hatte, in ihm gebündelt wurden. Eine weitere Verdichtung erfolgt in der komplexen Vorrede des "Zarathustra", die im Keim alle wesentlichen Gedanken dieses Buches "für Alle und Keinen" enthält. (2)

Nachruf an Nietzsche
Richard Dehmel

Und es kam die Zeit,
daß Zarathustra auferstanden,
aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;
und viel Volkes
küßte seine Spuren.
Der Jünger aber, der ihn liebte
stand von ferne,
und der Meister kannte ihn nicht.
Und der Jünger trat zu ihm und sprach:
Meister, was soll ich tun,
daß ich selig werde ?
Zarathustra aber wandte sich
und schaute hinter sich,
und seine Augen wurden fremd
und gab zur Antwort:
folge mir nach!
Da ward der Jünger sehend
und verstand
und verließ ihn.

Als er aber seines Weges wanderte,
ging er in sich
und sprach also zu seiner Sehnsucht:

Wahrlich, Viele sind,
deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras,
und im Herzen beten sie
zum Gotte Tamtam;
allzu früh erschien er diesem Volk.
Seinen Adler sahen sie fliegen,
der da heißt
der Wille zur Macht
über die Kleinen;
und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust,
die Schlange Klugheit.
Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind,
die da heißt
der Wille zur Macht
über den Einen: den Gott Ich.
Wiedergeburten feiern sie
und Wiedertaufen aller Götzen,
aber Keiner wußte noch
sich selber zu befruchten
und seinem Samen jubelnd sich zu opfern.
Der Du Deinen Opferwillen lehrtest,
fahr denn wohl! gern hätt ich dir
dein letztes Wort vom Mund geküßt,
du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes.
Aber wir leben,
und mancher Art sind
die Sonnenpfeile und Blumengifte
des fruchtbaren Todes.
Ach, daß dein Jünger dir
zu spät erschien! - (3)

Zarathustras Aufbruch
Was wäre, wenn Zarathustra vom Corvatsch auf den Süllberg stiege, aus dem Engadiner Hochgebirge auf den Blankeneser Geesthang, wie läse er diesen Nachruf auf sich? Sehen wir uns Zarathustras Aufbruch im Original-Text an. Da heißt es:
"Und es kam die Zeit,
daß Zarathustra, auferstanden,
aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;
und viel Volkes
küßte seine Spuren."
Anders als in dem Dehmel-Gedicht sieht es im zugrunde liegenden Nietzsche-Text aus: durch seine Lehre, seine Botschaft, seinen Willen wird Zarathustra dort ins bunte Leben getrieben. Dagegen wirkt der Dehmel-Zarathustra wie ein selbstgenügsamer Spaziergänger, bei dem nicht recht ersichtlich ist, wohin er geht und was er will. Vielleicht macht gerade das ihn dafür tauglich, zum Idol aufgebaut zu werden. Der Jünger besitzt entsprechend alle Attribute eines Fans, der eine kurze Begegnung mit seinem Star zu erhaschen sucht. Weshalb erkennt der Meister seinen Jünger nicht? Woran ist die Jüngerschaft überhaupt zu erkennen? An keiner Stelle wird ein positives Verhältnis zur Lehre des Meisters deutlich, oder genauer: zu dem, was er für deren Inhalt hält. Zudem sieht das Verhältnis des ursprünglichen Zarathustra zu seinen Jügern ganz anders aus: er weint, als er sich von ihnen nach der "stillsten Stunde"- so der programmatische Namen des Kapitels im "Zarathustra" - trennen muß. Die Gesten der Heiligen- oder Heldenverehrung, das Küssen der Spuren und die Zunge, die "trieft", stehen natürlich im Gegensatz zur ursprünglichen Vorrede. Dehmel zielt kritisch auf die zeitgenössische Nietzschebegeisterung und verkehrt - in dieser Hinsicht zu Recht - die Verhältnisse des ursprünglichen "Zarathustra". Dort scheitert Zarathustra vor der Menge auf dem Markt und zieht mit den Gefährten,"die sich selber folgen wollen" (Z,27/Z,25), in die Einsamkeit. Der Wortlaut ist hier fast dergleiche wie in Dehmels Gedicht, die Handlung entgegengesetzt. Im "Nachruf an Nietzsche" zieht der Jünger, mit dem Dehmel die eigene Position markiert, scheinbar den richtigen Schluß, wenn er sich vom Lärm der Menge, dem "Gotte Tamtam" zurückzieht. In der Rede "von großen Ereignissen" (Z,191/Z,169) spricht Zarathustra:" Nicht um die Erfinder von neuem Lärm, um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt;
unhörbar dreht sie sich." Wenn in der Jüngerrede des "Nachruf an Nietzsche" das Volk den Willen "zur Macht / über die Kleinen" hat, stimmt das nicht mit dem ursprünglichen Konzept Zarathustras überein, das er "Selbstüberwindung", Streben nach dem neuen Menschen - dem "Übermenschen" - oder eben, leicht mißverständlich, "Willen zur Macht" nennt. Denn dieses enthält nach der moral- oder ideologiekritischen Befreiung aus allen Traditionen als höchstes Ziel die vollkommene Selbstbestimmung, gleichsam als notwendige Bedingung künstlerischer Kreativität.

Der tolle Mensch und der Tod Gottes
Der Dehmeljünger sieht Zarathustras Scheitern nicht in der Ablehnung seiner Person durch das Volk, sondern in der falschen Rezeption von Zarathustras Lehre. Was er als dessen Lehre dann ausgibt, ist ein Mißverständnis:
"Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind
die da heißt
der Wille zur Macht
über den Einen: den Gott Ich.
Wiedergeburten feiern sie
und Wiedertaufen aller Götzen,
aber Keiner wußte noch
sich selber zu befruchten
und seinem Samen jubelnd sich zu opfern."
Bevor unten auf das Ich- und Selbst-Verständnis Nietzsches eingegangen wird, ist eine andere Gottesfrage zu erörtern, da sie Dehmel übergeht bzw. sie nur anhand ihrer mittelbaren Wirkung berührt, der "Wiedergeburten" und "Wiedertaufen aller Götzen": Gott und Übermensch stehen sich nämlich unvereinbar gegenüber, erst das Ende der Herrschaft Gottes als der eines Irrtums schafft den Platz für den Übermenschen, der der Sinn der Erde ist oder sein soll: "Einst war der Frevel an Gott der größte Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch die Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen höher zu achten, als den Sinn der Erde!" (Z,13/Z,15) So spricht Zarathustra auf dem Marktplatz. Der erste Mensch allerdings, auf den der absteigende Zarathustra zu Beginn des Buches trifft, ist nicht zufällig ein noch gottgläubiger alter Einsiedler. Die Gottesfrage ist weder in der Gesellschaft noch für ihn selbst abgetan.
In der unmittelbar vor dem "Zarathustra" entstandenen Schrift "Die fröhliche Wissenschaft" wird in dem berühmten Aphorismus 125 dieses Ringen dramatischer dargestellt:
"Der tolle Mensch. - Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!" - Da dort gerade Viele von Denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt?
Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getödtet, - ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir dies Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?" (Bd.3, FW 481)
Das Volk in Dehmels Gedicht ähnelt den hier Herumstehenden,"welche nicht an Gott glaub(t)en", und für die sich deshalb auch die Frage nach "Wiedertaufen" und "Wiedergeburten" erübrigen sollte.
Für Dehmel ist dies auf der Ebene des Bewußtseins auch keine Frage, im Selbstkommentar der "Bekenntnisse" schreibt er, sowohl die Bedeutung des Problems als auch Nietzsches Theorem verkennend:
"Aber es müßte schon wirklich ein Gott kommen, um festzustellen, wie der wahre Übermensch beschaffen sein und nach welchen "reinen Merkmalen" seine Fortpflanzung reguliert werden müsse. Diesen Gott aber hat Nietzsche bekanntlich "abgeschafft", wie er auch jenes Christentum "überwunden" hat, dessen Aufopferungslehre die "dekadente" Menschenherde noch am ehesten bestimmen könnte, sich zu Zuchtschafen für den großen Überbock herzugeben; ich brauche mich über diese Tragikomödie der Widersprüche nicht weiter zu verbreiten. Desgleichen nicht über die mit großem Gekrach erst zugeschlagenen Torflügel zu den "Hinterwelten" und das dann schleunigst aufgemachte Hintertürchen der "ewigen Wiederkehr"". Richard Dehmel, Bekenntnisse, Berlin 1926, S.130 (4)
In oft verdeckter Form spuken die "Hinterwelten" ständig durch Zarathustras Denken und Reden, nicht selten mit Untergangs- und Todes-Metaphern verknüpft, wie sie auch bei Dehmel, doch nur seltsam un- und unterbestimmt vorkommen: "..seinem Samen jubelnd sich zu opfern./ Der Du Deinen Opferwillen lehrtest,/fahr denn wohl!..." Bei Zarathustra ist ihr metaphorischer Charakter vergleichsweise eindeutig. Wenn er sagt , er liebe denjenigen, "welcher seinen Gott züchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er muß am Zorne seines Gottes zugrunde gehen."(Z, 18), so zielt er parodierend auf die Antithesis "Alle, die ich liebe, strafe und züchtige ich", die in der Apokalypse des Neuen Testaments (3,19) formuliert ist. Nach traditionellem christlichen Verständnis erwächst aus der Größe diesseitiger Not und hiesigen Elends die Gewißheit jenseitiger Erlösung: dies trifft Zarathustras Spott in vermittelter Form. Gegenüber Text und Verständnis des Bibel-Spruchs haben sowohl Zarathustras "Lieben" und "Zugrundegehen"als auch "Züchtigen" und "Lieben" eine andere, widersprüchliche Bedeutung. Die Menschen haben, um für sich selbst einen Wert zu haben, Gott geschaffen, der dann zur Selbstberuhigung diente, dazu, sich behaglich mit den Dingen abzufinden. Wenn der Mensch den hierfür stehenden Gott "züchtigt", so trifft er seine eigene Genügsamkeit und läßt sie "zugrundegehen", das heißt, er überwindet sich selbst. Diesen Zugrunde-Gehenden liebt Zarathustra, denn er ist empfänglich für die neue Lehre: "Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch." In diesem Zitat aus der Rede von den "letzten Menschen" innerhalb der Vorrede des "Zarathustra" wird durch das an die Bibel angelehnte "Ich sage euch" das Gelehrte in den Rang einer dem Christentum vergleichbaren Heilsbotschaft erhoben: der positive Inhalt von Zarathustras Lehre ist indes völlig unchristlich. Das semantisch alltagssprachlich eher negativ besetzte "Chaos" erscheint überraschend in positiver Wertung und wird begrüßt als Ursprung und Quelle von Schöpfung, Sehnsucht usw., kurz von alledem, was den Übermenschen ausmacht. Angespielt wird auf das alte Bild der Entstehung des Kosmos und der Welt, dem Zarathustra auch die Stern-Metapher entnimmt. Die hiermit verbundenen Assoziationen werden in eine neue Dimension dadurch gewendet, daß nicht von kosmologisch naturhaftem Chaos, sondern von verinnerlichtem, geistigem, psychischem Chaos die Rede ist. So wird kein Kosmos geboren, keine Vielheit von Planeten und Sternen, sondern es entsteht nur: ein Stern. Und dieser Stern ordnet sich nicht in Sonnensysteme und Umlaufbahnen ein, um sich dort nach den Gesetzen (etwa) der Symmetrie zu bewegen und gleichbleibend zu kreisen, sondern er tanzt, und nimmt so das Chaotische seines Ursprungs wieder auf, ihm eine Richtung auf individualistische Ungebundenheit, Zwanglosigkeit und spielerische Leichtigkeit gebend.

Dies spielerische Chaos sieht der Dehmeljünger nicht, weil er kein Wissen vom Tode Gottes hat. Deshalb greift er auch zu den falschen Metaphern, um Zarathustra darzustellen. Es ist die Rede von "sich selbst befruchten", "seinem Samen jubelnd sich zu opfern" und am Ende des Gedichtes hinsichtlich der Erbschaft für die Lebenden von "Sonnenpfeilen und Blumengiften". Die Sonnenpfeile entstammen dem Repertoire Zarathustras, der die Sonne als Wahrheitssymbol von Platon übernimmt, nicht aber die übrigen Metaphern aus dem Bereich der Botanik, weil sie ein falsches Naturverhältnis anzeigen. Solange die Menschen noch kein Wissen vom Tode Gottes haben, sind alle ihre geistigen Anstrengungen und Selbstüberwindungen auf ein Jenseitiges gerichtet. "Überwunden" wird alles Sinnliche und Leibhafte, die Resultate dieser Bemühungen sind asketisch, erdfern und gespenstisch, sie können innerhalb der vorgegebenen Gottesorientierung über Illusion und Ideologie nicht hinausgelangen. Die unterdrückte Sinnlichkeit ist nur vegetativ, pflanzenhaft existent. Der Mensch wird auseinandergerissen in den "Zwiespalt" von Seele und Körper, Geist und Natur. Dieser Zwittermensch kommt in den zeitgenössischen Persönlichkeitsvorstellungen auf den Begriff: "der Ort wahrer Identität der Individuen wird in die Innerlichkeit verlegt, an deren Bedeutung gemessen die Außenwelt sich zur Äußerlichkeit verharmlost und zur vernachlässigenden Größe wird." (5) Im "Zarathustra" klingt das in seiner ersten Rede auf dem Marktplatz so:
"
Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und eben das soll der Mensch für den Übermenschen sein. Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?
Seht, ich lehre euch den Übermenschen!" (Z,13/Z,14)
Wenn bei der Gegenüberstellung Affe-Mensch der Affe überraschend als "schmerzliche Scham" des Menschen bezeichnet wird und der Mensch als mehr Affe als irgendein Affe, so wird die historische und soziale Fortentwicklung des Menschen von der Natur nicht im geläufigen Sinne - oder mit dem Zeitgenossen Darwin - als Höher- oder Weiterentwicklung verstanden: der gesellschaftlich deformierte und zerstörte Mensch gilt weniger als die Natur. Die Zwischenexistenz des Menschen als "Pflanze und Gespenst" zu beenden, ist die Aufgabe des Übermenschen.

Der "Wurm" ist, biologisch gesprochen, ein Zwitter, zudem bei Nietzsche ein öfter und meist ironisch verwendetes Sexualsymbol - wie auch im vorliegenden Auszug. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb die oben erwähnten Metaphern des Dehmeljüngers, die ja nicht nur Naturmetaphern, sondern spezifischer solche der Sexualität, der vegetativen Fortpflanzung sind -"Samen", "Befruchten" - auf Zarathustra und seine Lehre nicht zutreffen.
Das spielerische und individualistische Chaos des tanzenden Sterns sieht der Dehmeljünger nicht, denn ihm bleibt der Meister ein Priester des Todes - gemeint ist Nietzsches "Dekadenz", wie aus der Selbstkommentierung Dehmels hervorgeht, zu dem er sich mit einem appellativen "Wir" in schroffen Widerspruch setzt. Als Vertreter der Lebenden und des Lebens, im Sperrdruck geschrieben, greift er, die Sprechhandlung bremsend, zum melancholischen "Ach" der deutschen Lyrik-Tradition, um den unerfüllbaren Rettungswunsch zu äußern. Weil er die Erbschaft des Meisters nur diffus mit "mancher Art....Sonnenpfeile und Blumengifte" angeben kann, bleibt die Bewegung vom "Aber wir" zum "Ach" eine hohle Geste, das umgekehrte Meister-Jünger- Verhältnis am Ende besteht tatsächlich von Anfang an, der Gedicht-Titel wäre besser `Nachruf auf Nietzsche` als "Nachruf an Nietzsche" gewesen.
"
Aber wir leben,
und mancher Art sind
die Sonnenpfeile und Blumengifte
des fruchtbaren Todes.
Ach, daß dein Jünger dir
zu spät erschien! - "

Bekenntnisse
Aus der Literaturgeschichte weiß man, daß die Selbstdeutungen von Autoren immer ein zweifelhaftes Unterfangen sind. Dehmel kennt Nietzsche theoretisch zu wenig, um sich abgrenzen zu können. Er kommt tatsächlich nicht von ihm los.Wenn Dehmel im folgenden von einer 8-tägigen Nietzsche-Begeisterung spricht, sei an die jahrelange Auseinandersetzung der Nietzsche-Interpreten Jaspers, Löwith, Adorno usw. erinnert. Erkennbar ist der Versuch, in einem voluntaristischen Akt sich vom "Pessimismus" und der "Dekadenz" des Fin de siècle und des Naturalismus loszureißen oder wenigstens zu unterscheiden. Unter der Hand kehren sie ihm nicht nur in seinen erotischen Gedichten wieder. Nach einer Abgrenzung gegen die Tradition der Romantik heißt es:
"Und somit: es ist einfach unrichtig, daß "kein anderer Denker und nur wenige Dichter mich so stark beeinflußt haben wie Nietzsche". Die Ehrfurcht vor diesem aufrichtigsten aller Selbstbekenner erfordert ein volles Bekenntnis, auch gegen ihn; Verhimmelung macht nur Backfischen Ehre. Nietzsche hat mich einmal (kurz vo der Drucklegung meines Jugendbuches "Erlösungen" acht Tage lang völlig berauscht, ich war besinnungslos hingerissen in die großartige Kampflust der Zarathustra-Rhythmen; dann aber trat eine ebenso völlige Ernüchterung ein, die Kampflust hatte sich in lauter Lufthieben erschöpft. Ich sah mich vergebens nach seinen "Neuen Tafeln" um; ich fand nur alte Gemeinplätze in neuen Übertreibungen, fast unwert eines so ungemein heftigen Kampfes. In dieser Ernüchterung, die einer Erschütterung glich, als wenn man im Traum aus dem Bett auf den Fußboden fällt, schrieb ich den "Nachruf" an ihn, in seiner biblisch-romatischen Sprache, und nahm ihn noch in mein Jugendbuch auf. Das einzige positive Täflein, das der "Jünger" vom "Meister" empfangen hatte, trug auf der Rückseite eine Negation: folge mir nicht nach, gehe deinen eigenen Weg! Und ich "folgte ihm und- verließ ihn"; keinen anderen Denker oder Dichter habe ich so für immer verlassen. Schon der Wille zur Macht "
über den Einen, den Gott Ich" war ein heroisches Opfergebot, das ich ihm unterlegt hatte; er selber hat sich in allen seinen "Überwindungen" nie unumwunden gestehen mögen, daß dies der eigentliche Inhalt seines Dichtens und Trachtens war. Für alle heldischen Naturen ist aber diese Opferwilligkeit das einfach Selbstverständliche, Notwendige, rein aus dämonischem Instinkt heraus." Bekenntnisse, S.127/28

Von den Verächtern des Leibes
Sehen wir uns an, was es mit der Dehmelschen Projektion des "Willens über den Gott Ich", des "heroischen Opfergebots" - wie er in den Bekenntnissen hinzufügt - auf sich hat. Im Zusammenhang von Nietzsches Selbst-Verständnis wird sich diese Frage verflüchtigen. Anders und früher als Freud legt Nietzsche keine Patienten auf die Couch, sondern entwickelt spekulativ eine Topographie der Seele, die er Zarathustra in einer Rede an seine Jünger präsentieren läßt, auf eine zeitgenössische Gesellschaft zielend, in der die Triebwirklichkeit unterdrückt und offen oder raffiniert verneint wird, um ihre Herrschaft der Mediokrität gegen die Affektstarken aufrechtzuerhalten. Die Furcht vor starken Trieben verallgemeinert sich zur "Mutter der Moral", alles was das Mittelmaß der Begierden übersteigt, wird als böse ausgegrenzt. Zarathustra wendet sich gegen die "Verächter des Leibes", deren ideologisches Selbstverständnis mit ihrem Leben und Handeln nichts mehr zu tun hat. Handeln besteht nicht im reinen Denken, sondern erfordert mehr als Verstand und Vernunft, nämlich den ganzen Menschen. Sofern er sich nur als abstraktes "Ich", als denkendes Subjekt versteht, wird eine mentale Änderung hinsichtlich seines Selbstverständnisses notwendig; er darf sich nicht mehr auf intellektuelle Fähigkeiten reduzieren lassen, sondern benötigt für seine Praxis einen neuen Leitfaden, den Zarathustra im Leib findet:
"Den Verächtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen sollen sie mir, sondern nur ihrem eigenen Leibe Lebewohl sagen - und also stumm werden…
"Leib bin ich und Seele" - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden?
Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.
Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.
"Ich" sagts du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst, - dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht ich, aber tut ich.
Was der Sinn fühlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende. Aber Sinn und Geist möchten dich überreden, sie seien aller Dinge Ende, so eitel sind sie.
Werk- und Spielzeug sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit den Ohren des Geistes.
Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert, zerstört. Es herrscht und ist auch des Ich's Beherrscher.
Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, der heißt Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er." (Z,46/Z, 39)
Das Selbst, das im Leib "wohnt" und der Leib "ist", meint nicht den Leib als Substanz, sondern als Möglichkeit, sich einheitsbildend zu vollziehen. Die so gefundene Einheit genügt zudem einer anderen Anforderung: der Sinn der Erde kann nicht durch Rückgriffe auf ebenfalls hinterweltlerische idealistische Bestimmungen gestiftet werden, er muß ein Menschen-Sinn sein, d.h. er darf sich nicht an etwas ihm Äußerlichen orientieren und an die Stelle des toten Gottes einfach die Erde setzen. Er muß sowohl der Erdverbundenheit als auch der Willensautonomie genügen. Der Mensch verwirklicht sich nicht theoretisch, sondern praktisch über seinen Leib, oder anders formuliert: sein Leben. Dieses tätige Selbstverhältnis ist der Sinn der Menschen und der Sinn der Erde.
"Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verächter des Leibes, dient ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich vom Leben ab.
Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten will: - über sich hinaus zu schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.
Aber zu spät ward es ihm jetzt dafür: - so will euer Selbst untergehen, ihr Verächter des Leibes.
Untergehen will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verächtern des Leibes! Denn nicht mehr vernögt ihr über euch hinaus zu schaffen.
Und darum zürnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewußter Neid ist im scheelen Blick eurer Verachtung."
Die Leibfeindlichkeit und Selbst-Unterdrückung führen zu den verschiedenen Formen der Sublimation. Oder: Der Wille zur Macht, die Kreativität sind nur noch in depravierter Form vorhanden, oder verschwinden sogar ganz. Das Selbst geht dann unter, die soziale zweite Natur ist zur ersten geworden, eine trieb- und sexualfeindliche Kultur entsteht.

Die Hündin Sinnlichkeit
Und in diesen Sphären treffen sich Friedrich Nietzsche aus Röcken und Richard Dehmel aus Wendisch-Hermsdorf, später Sils-Maria und Blankenese.
"Rathe ich euch, eure Sinne zu tödten? Ich rathe euch zur Unschuld der Sinne.
Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei einigen eine Tugend, aber bei Vielen ein Laster.
Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus Allem, was sie thun.
Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen dies Gethier und sein Unfrieden.
Und wie artig weiß die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu betteln, wenn ihr ein Stück Fleisch versagt wird!
Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin mißtauisch gegen eure Hündin.
Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lüstern nach Leidenden. Hat sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heißt sich Mitleiden?
Und auch dies Gleichnis gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.
Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: daß sie nicht der Weg zur Hölle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der Seele." (Z,79/Z,70: Von der Keuschheit)
Dehmel tut sich hier, zumindest in frühen Jahren, bevor er die Sexualität moralisch verklärt, keinen Zwang an. Sein Umgang mit dem Religiösen ist die genaue lyrische Umsetzung der Lehre vom "Tod Gottes", auch wenn dies, wie oben zitiert, in den "Bekenntnissen" anders klingt.
"Vor verschiednen Hundert Jahren
herrschte hier ein Gott der Leiden
über traurige Barbaren.
Komm, wir wolln die Götter trösten,
daß sie sich in Dunst auflösten,
wir zwei seligen verirrten Heiden." (Venus Occulta)
Dies ist fast die Diktion eines fröhlichen Zarathustra. Wenn in Dehmels Venus Consolatrix eine Säule zu leben beginnt, die Gottesmutter Maria und die Hure Maria Magdalena zusammenfallen, dann entspricht dies exakt dem Konzept der ästhetischen Überwindung der alten Götter, nur das Dehmel, dieser "Hahnrei des Bewußtseins" - er übernimmt positiv diese ursprünglich polemische Wendung von seinen Kritikern -, am Ende immer noch ein redendes Ich stehen lassen muß.
"Und lächelnd ließ sie ihre Kleider fallen
und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
wie heilige Runen standen auf der prallen
Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
in Linien, die verliefen wundersam
bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
Willst du mir in die Augen sehn?!
Und meine Blicke badeten in ihr.

Und eine Sehnsucht: du mußt untergehen,
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
mich selig tiefer, immer tiefer streben,
ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn -
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
und ihren Kranz von Rosen und von Reben
umklammernd, während wir verbeben,
stamml ich: o auf -auf - auferstehn!-"
In der juristischen Auseinandersetzung um dieses Gedicht, die den Grad seiner Bekanntheit erheblich steigern sollte, verwendet er in dem offenen Brief an das Königliche Amtsgericht in Berlin von 1897 eine Mischung aus gekonnter Verkaufsrhetorik und zeittypischer Doppelmoral, die in einigen Gedichten immer wieder durchbricht.:
"Um diese beiden wesentlichsten Lust- und Liebeskräfte des weiblichen Geschlechtes, die mütterliche und die bräutliche Hingebungsfähigkeit, in ihrer sinnlich reinsten und selbstlosesten Verschwisterung zu zeigen, habe ich die beiden hierfür typischen Frauengestalten der christlichen Überlieferung, - die Maria aus Nazareth und die Maria aus Magdala - zu einer Gestalt verschmolzen. Wenn ich dabei den nackten Mutterkörper , um eben dem gemeinen Wollustreiz der bloßen Leibesschönheit
vorzubeugen, in seiner wahren, durch die Wehen der Geburt gestempelten Erscheinung darstellen mußte,so kann wohl nur ein Auge daran Anstoß nehmen, das keine Ehrfurcht hat vor der lebendigen Natur! Für mich gibt es nichts Reineres als die von einer Mutter für ihr Kind erlittenen Schmerzen, und nichts Verehrungswerteres als die sichtbaren Zeichen dieser Schmerzen. "(6)
Wird Dehmels Venus Consolatrix einmal mit Heinrich Heines 1839 in Paris geschriebener Vorrede zum Buch der Lieder verglichen (8), so wird ein von Dehmel heftig und häufig bestrittener Zusammenhang sichtbar, nämlich der zur Romantik:
"......
Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten,
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw,
Ein Weib an Haupt und Brüsten.

Ein schönes Weib! Der weiße Blick,
Er sprach von wildem Begehren;
Die stummen Lippen wölbten sich
und lächelten stilles Gewähren.
............
Lebendig ward das Marmorbild,
Der Stein begann zu ächzen -
Sie trank meiner Küsse lodernde Glut
Mit Dürsten und mit Lechzen.

Sie trank mir fast den Odem aus -
Und endlich, Wollust heischend,
Umschlang sie mich, meinen armen Leib
Mit den Löwentatzen zerfleischend.
............."
Dieser Autor, der ehemalige Romantiker, saß im Pariser Exil, als Zeitgenosse Baudelaires. Beide, Heine und Baudelaire, wurden von Nietzsche bewundert. Von allen Dreien suchte sich Dehmel erfolglos loszusagen, erfolglos hinsichtlich seiner Ästhetik, solange er zur Avantgarde der Jahrhundertwende gehörte.(9) Wenn es in "Herr und Herrin" heißt: "Da du so schön bist, will ich dich zerstören/ damit es nicht ein Andrer tut", wenn wir in der Venus Perversa "den Triumph der Unnatur" begreifen oder wenn in "Mannesbangen" gegenüber den zuckenden Händen, die "wie Dolche durch die Haare fahren", Kastrationsängste auszuhalten sind, dann sind das Töne, die aus Paris, der "Hauptstadt des 19.Jahrhunderts"(Benjamin), aus der Metropole der "psychologischen Morbidität" kommen, von jener "emporreißenden Art von Künstlern, wie Delacroix, wie Berlioz..., wie Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artisten wiedererkannt hat."(Nietzsche, EH 5/10)
Gegen dieses Paris zog Richard Dehmel später ebenso erfolglos wie irrtümlich zu Felde.


Anmerkungen: 1) Sabine Henning u.a., WRWlt - o Urakkord. Die Welten des Richard Dehmel; Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky 3.8.-30.9.95. Bibliothemata Bd. 14. Bautz Verlag, Herzberg 1995.
2) Wir zitieren Nietzsche nach der Kröner-Ausgabe: Nietzsches Werke, Taschenausgabe, Leipzig (Alfred Kröner Verlag)1927 f. An zweiter Stelle in Klammern geben wir die aus guten Gründen heute übliche Nietzsche-Ausgabe an: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin/New York 1967 ff. Also sprach Zarathustra wird abgekürzt: "(Z,13/Z,15)" , d.h. "Zarathustra" Bd. 7(4), S.13/15. S p e r r druck und Flattersatz lassen sich (aktuell) digital schlecht wiedergeben. Die Orthographie und Interpunktion (zwischen beiden Ausgaben gibt es keine wesentlichen Unterschiede) werden hier beibehalten - z.B. "giebt" für "gibt" usw., mit Ausnahme des fehlenden ß für ss des Schreibmaschinenschreibers Nietzsche - er war einer der ersten - sowie des apostrophierten Genitiv - s. Insofern kommt Nietzsche - statistisch - der jüngsten Rechtschreibreform nahe, ohne sie aber tatsächlich zu treffen bzw. sie vorwegzunehmen.
3) Zuerst 1891 (An Friedrich Nietzsche), S. 132; 1898 S. 249; 1906 S. 113, GW I 1913 S.82/83; Stuttgart 1990 RUB S. 27. S p e r r druck im Original
4)Richard Dehmels Schwierigkeiten mit dem Theorem vom "Tode Gottes", auch des umfassenderen des Nihilismus, kehren immer wieder. In den "Bekenntnissen" grenzt er sich von Baudelaire ab - " Baudelaire aber ist mir direkt antipathisch" (S.137), um Verlaine als einen seiner "Vorgänger" zu nennen. Baudelaires sich an der Schöpfung "prostituierender" Gott aus den Fleurs du mal kehrt indes auch bei Verlaine wieder.
5) Anmerkung: Monika Funke, Ideologiekritik und ihre Ideologie bei Nietzsche, Stuttgart 1974, S.29.
6)Vergl. Bekenntnisse, S.121.
7) Vergl. Jenseits von Gut und Böse 201, S.121 f.
8) Vergl. Buch der Lieder, hg. von Klaus Briegleb, München (dtv) 87, S.15
9) Der spätere Nationalismus, die antisemitischen Töne und seine Kriegsbegeisterung, die literarisch zu unsäglichen Texten und in die Bedeutungslosigkeit führten, unterscheiden ihn natürlich politisch von Nietzsche, der genau dies kontinuierlich kritisierte. In einem seiner letzten Briefe bei klarem Bewußtsein bricht er wegen dessen Antisemitismus seine Beziehung zu Ferdinand Avenarius in Hamburg ab, dem Herausgeber des "Kunstwart", der auf die "schnödeste Weise" Heinrich Heine preisgegeben habe.
10) Vergl. Nietzsche, Ecce Homo 5.