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Am 23.4.1899 wird Vladimir Nabokov als das älteste von fünf Kindern in St. Petersburg geboren. Seine europäisch gesinnte Familie gehört zur aristokratischen reichen Oberschicht des zaristischen Rußland. Der Vater, ein erfolgreicher Jurist, gerät als Liberaler zunehmend in Opposition zur zaristischen Regierung. Der junge Vladimir wird von englischen, französischen und russischen Gouvernanten und Lehrern erzogen. Die Familie lebt mit einer großen Dienerschaft im St. Petersburger Stadthaus und im Sommer auf dem ihr gehörenden Landsitz Wyra, 50 Meilen weiter südlich gelegen. Auf den Urlaubsreisen kommen die Nabokovschen Kinder durch Berlin und Paris, nach Biarritz, an die Côte d`Azur, die Adria usw. Nach der Oktoberrevolution flieht die Familie über Jalta nach England, später nach Berlin. Vladimir Nabokov studiert in Cambridge russische und französische Literatur. Innerhalb der Kommilitonen des Trinity College steht er in politischer Hinsicht recht alleine da: Viele Studenten sympathisieren mit der jungen Sowjet-Republik und sehen - gönnerhaft und überheblich - in ihm einen zwangsläufig verblendeten Weißrussen; die emigrierten russischen Kommilitonen leiden vor allem unter dem Verlust ihrer materiellen Ressourcen und Privilegien; eine solche Haltung lehnt Nabokov entschieden ab. 1922 wird der Vater in Berlin von russischen Faschisten erschossen. Vladimir und sein Bruder Sergej, dieser am Christ College, bringen ihr Studium mit Auszeichnung zu Ende. Die Familie Nabokov geht auseinander: Mit den drei jüngeren Kindern siedelt sich die Mutter in Prag an, Sergej in Paris, und Vladimir in Berlin. Seinen Unterhalt verdient er sich mit Englisch-Unterricht, Tennis-Stunden und als Komparse. 1925 heiraten er und Véra Jewsejewna Slonim. 1934 wird der Sohn Dmitri geboren. Nabokov publiziert meist unter dem Pseudonym W. Sirin einen Großteil seiner Gedichte in den Zeitschriften der ca. 200 000 Menschen starken exilrussischen Gemeinde.1937 verlässt er nach 15 Jahren mit seiner Familie Nazideutschland, bis 1940 lebt und arbeitet er in Paris und Südfrankreich. Ihm wird immer deutlicher, dass sich angesichts der politischen Entwicklung die russischen Exilszenen in Berlin, Prag und Paris zerstreuen werden. Da er so Gefahr läuft, sein Lesepublikum ganz zu verlieren - in der Sowjetunion hat er natürlich nicht die geringste Chance zu veröffentlichen-, versucht er in eine andere Sprache zu wechseln. Er experimentiert mit dem Französischen und Englischen, die er beide seit seiner Kinderzeit beherrscht, und nicht erst im Exil sich aneignet. Die französischen Versuche gibt er bald auf und schreibt im Badezimmer einer Pariser Einzimmerwohnung seinen ersten englischsprachigen Roman, dem neun russische vorausgegangen sind: The Real Life of Sebastian Knight (1938). Nach der erneuten Flucht, diesmal aus dem faschistischen Europa, lebt er in den USA: Am Wellesley College lehrt er Russisch, zugleich als Fellow von 42-48 am zoologischen Museum der Harvard-Universität Lepidopterologie. 1955 erscheint sein Roman "Lolita" in Paris, seine amerikanische Ausgabe 1958 machte ihn mit einem Schlag weltberühmt, und auch wohlhabend. Heute gilt "Lolita" als moderner Klassiker. Als erfolgreicher Dozent arbeitet er 1948-1959 an der Cornell-Universität in Ithaca, New York. 1961 übersiedeln Vladimir und Véra Nabokov unter Beibehaltung der US-Bürgerschaft nach Montreux in der Schweiz, wo sie eine Suite im Palace Hotel bewohnen. Am 2.Juli 1977 stirbt er in Lausanne. |
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Bald fand ich heraus, dass ein Lepidopterologe, der seiner stillen Suche nachgeht, in anderen Wesen leicht seltsame Reaktionen auslöst. Wie oft, wenn es zu einem Picknick ging und ich verlegen versuchte, meine bescheidenen Gerätschaften unbemerkt in den nach Teer riechenden Char-à-Bancs (ein Teerpräparat sollte die Fliegen von den Pferden fernhalten) oder in das nach Teer riechende Opel-Cabriolet (so roch Benzin vor vierzig Jahren) hineinzuschmuggeln, bemerkte irgendeine Cousine oder Tante: "Musst du dieses Netz da wirklich mitnehmen? Kannst du dich nicht wie ein normaler Junge beschäftigen? Findest di nicht, dass du allen den Spaß verdirbst?" Gerade als ich im Begriffe stand, in der Nähe eines Wegweisers NACH BODENLAUBE bei Bad Kissingen in Bayern meinen Vater und den majestätischen alten Muromzew (der vier Jahre vorher, 1906, Präsident des ersten russischen Parlaments gewesen war) auf einen langen Spaziergang zu begleiten, wandte dieser mir, einem verletzlichen Elfjährigen, sein marmornes Haupt zu und sagte mit seiner berühmten Feierlichkeit: "Komm auf jeden Fall mit, aber jage keine Schmetterlinge, Kind. Es stört den Rhythmusdes Spaziergangs." Auf einem Pfade oberhalb des Schwarzen Meeres auf der Krim, zwischen Sträuchern, die in wächserner Blüte standen, versuchte mich im März 1918 ein o-beiniger bolschewistischer Posten festzunehmen, weil ich (mit meinem Netz, sagte er) einem britischen Kriegsschiff Zeichengegeben hätte. ..... Ein Jahrzehnt später, in den Seealpen, fiel mir einmal auf, dass sich hinter mir eine Spur im Gras entlangschlängelte, weil mir ein fetter Landgendarm auf dem Bauch nachkroch, um zu sehen, ob ich etwa Singvögeln Fallen stellte. Amerika hat meiner verfänglichen Beschäftigung sogar noch mehr krankhaftes Interesse dieser Art entgegengebracht als andere Länder - vielleicht, weil ich in den Vierzigern war, als ich dorthin übersiedelte, und je älter ein Mensch ist, desto wunderlicher nimmt er sich mit einem Schmetterlingsnetz in der Hand aus. Strenge Farmer wiesen mich auf Verbotsschilder mit der Aufschrift ANGELN VERBOTEN hin; aus Autos, die auf Landstraßen vorbeifuhren, erscholl wildes Hohngebrüll: schläfrige Hunde, die dem schlimmsten Landstreicher keine Beachtungschenkten, reckten sich auf und kamen knurrend zu mir herüber; kleine Kinder zeigten mich ihren verwirrten Mamas; verständnissinnige Urlauber fragten mich, ob ich Krabbeltiere als Köder suche; und eines Morgens folgte mir in einer öden, von hohen blühenden Yuccas erleuchteten Gegend bei Santa Fé über eine Meile weit eine große scharze Stute. (173 f) Unter all den Gerüchen des Sumpfes bemerkte ich an meinen Fingern den feinen Duft von Schmetterlingsflügeln, einen von Art zu Art verschiedenen Duft - Vanille oder Zitrone oder Moschus oder einen modrigen, süßlichen Geruch, der schwer zu definieren ist. Immer noch nicht befriedigt, drängte ich weiter. Endlich sah ich, daß ich das Ende des Sumpflandes erreicht hatte. Das ansteigende Gelände dahinter war ein Paradies von Lupinen, Kolumbinen und Bartfaden. In der Ferne fleckten ziehende Wolkenschatten das stumpfe Grün der Hänge über der Baumgrenze und das Grau und Weiß von Longs Peak. Ich gestehe, ich glaube nicht an die Zeit. Es macht mir Vergnügen, meinen Zauberteppich nach dem Gebrauch so zusammenzulegen, dass ein Teil des Musters über den anderen zu liegen kommt. Mögen Besucher ruhig stolpern. Und am meisten genieße ich die Zeitlosigkeit, wenn ich - in einer aufs Geratewohl herausgegriffenen Landschaft - unter seltenen Schmetterlingen und ihren Futterpflanzen stehe. Das ist Ekstase, und hinter der Ekstase ist etwas anderes, schwer Erklärbares. Es ist wie ein kurzes Vakuum, in das alles strömt, was ich liebe. Ein Gefühl der Einheit mit Sonne und Stein. Ein Schauer der Dankbarkeit, wem sie auch zu gelten hat - dem kontrapunktischen Genius menschlichen Schicksals oder den freundlichen Geistern, die einem glücklichen Sterblichen zu Willen sind. (185 f.) |
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Rezension
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"Eine farbige Spirale in einer kleinen Glaskugel, so sehe ich mein eigenes Leben. Die zwanzig Jahre, die ich in meiner russischen Heimat verbracht habe (1899 bis 1919), wären dann der thetische Bogen. Einundzwanzig Jahre freiwilligen Exils in England, Deutschland und Frankreich (1919 bis 1940) bilden dazu die offensichtliche Antithese. Die Periode, die ich in meiner Wahlheimat verbracht habe (1940 bis 1960), bildet eine Synthese - und eine neue These."(374) Für uns ist im Zusammenhang der Jahrhundertwende und Dehmels insbesondere der thetische Bogen interessant. Durch ihn wird die Einbeziehung Nabokows, der vom Alter her Dehmels Sohn sein könnte, in diese Website sinnvoll. Im Vergleich zu den zeitlich näherenLebensphasen wird die vor dem ersten Weltkrieg liegende Kindheit nicht vage und verschwommen, sondern sogar sehr pointiert dargestellt. In Bezug auf sie funktioniert die Erinnerung ausgezeichnet: "Nichts ist angenehmer und seltsamer als über diese ersten Entzückungen nachzudenken. Sie gehören der harmonischen Welt einer vollkommenen Kindheit an und leben darum mit einer natürlichen Anschaulichkeit im Gedächtnis, die sich fast mühelos wiedergeben lässt; erst mit den Erinnerungen an die Jahre des Heranwachsens wird Mnemosyne wählerisch und verdrossen."(28) So erhalten wir keinen systematischen Bericht über die Jahrhundertwende, wie ihn ein Historiker geschrieben hätte, sondern einen subjektiven, der auf seine Art - vielleicht sogar mehr - Wahrheit beinhaltet. Ein Vergleich mit der 20 Jahre älteren, ebenfalls aus St.Petersburg stammenden Elena Luksch-Makowskaja zeigt etliche Parallelen hinsichtlich des russischen Umfeldes, nicht jedoch im Hinblick auf Deutschland. Nabokov, der sich in seiner Berliner Zeit zumeist unter Exilrussen bewegt, schildert die Deutschen kritisch distanziert. In dem ganzen Erinnerungsbuch taucht der Namen Hamburg nur einmal auf - und wird ausdrücklich von Nabokov im Register erfasst. Sein Bruder Sergey "wurde verhaftet, beschuldigt ein britischer Spion zu sein, und in ein Konzentrationslager in Hamburg geschickt, wo er am 10. Januar 1945 an Entkräftung starb"(350) |
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