Zeitgenossen

Erich Mühsam



Zusammenhang mit Dehmel

Geboren am 6.4.1878 in Berlin, wuchs in Lübeck auf, nach dem Abitur in Parchim/Mecklenburg und der Arbeit u.a.als Apothekergehilfe schloß er sich 1901 in Berlin als freier Schriftsteller der Dichtergruppe" Neue Gemeinschaft" an, dem Friedrichshagener Kreis der Brüder Hart. Bekanntschaft mit Gustav Landauer, der ihn mit den anarchistischen und kommunistischen Theoreien Proudhons, Stirners und Bakunins bekanntmacht. Freundschaft mit Farank Wedekind und Peter Hille. Redakteur 1902:"Der arme Teufel". 1905:"Der Weckruf." Seit 1909 in München, 1911 - 19 Herausgabe der Zeitschrift"Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit.", ab November 1918 bis April 19 als "reines Revolutionsorgan".Wegen der Beteiligung an der Bayerischen Räterepublik sechs Jahre Festungshaft. Von 1926 bis 31 Herausgabe der "Fanal", Engagement für eine undogmatische anarchistische Politik. Nach dem Reichstagsbrand wurde er von der SA verhaftet, nach Folterungen und einer Odyssee durch viele Gefängnisse wurde er 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Zusammenhang
mit Dehmel
Aus: "Erich Mühsam: Tagebücher 1910 - 1924"
Originalausgabe München 1994. Herausgegeben von Chris Hirte, dtv.

München, Dienstag, d. 31. Oktober 1911
Vor einer Reihe von Monaten verkaufte ich für zwölf Mark diverse Briefe von Dehmel, Wedekind, Scheerbart usw. an den russischen Gauner Glasberg. Jetzt erfahre ich durch den kleinen Hoerschelmann folgendes: Glasberg hat hier irgendwen um eine große Summe betrogen und ist ausgekniffen. Die Briefe hat er für zwanzig Mark an einen Händler verramscht, mit dem Hoerschelmann wegen Ankaufs unterhandelte. Hätte Hoerschelmann die
Sachen nicht entdeckt, so hätte der Mann sie in einem Katalog angezeigt,
und ich hätte mir wahrscheinlich große Ungelegenheiten zugezogen, da
Dehmel und Wedekind sehr empfindliche Leute sind. Der kleine Hoerschelmann hat es nun freundlich übernommen, die Sache einzurenken und hat den Händler überredet, mir den ganzen Kram zum eigenen Preise zur Verfügung zu stellen. So sehr mich die zwanzig Mark schmerzen werden, so werde ich es natürlich dioch tun, zumal der sammelwütige Zwerg mir diesen Preis gewiß gern zahlen wird und ich bei ihm sicher bin,daß mir weiter keine Unannehmlichkeiten drohen. Auch könnte ich bei ihm die Briefe immer einsehen, wenn ich sie brauchen sollte. Und an den Handschriften liegt mir nichts........(S.60)
München, Nacht zum Dienstag, den 11. August 1914
(...) Bei uns ist jeder Autofahrer als Spion verdächtig. So hat man, was offiziell zugegeben wird, schon deutsche Offiziere in ihren Autos erschossen. Das Menschenleben ist gar nichts mehr wert. Man spricht, daß bei Lüttich 2400 Deutsche gefallen seien. "Nur" heißt es dabei. Heute bringen die Blätter eine Notiz, wonach gestern in München ein zwölfjähriger Junge, der auf ein Wärterhäuschen geklettert war, um die Verladung von Sodaten mitanzusehen, von einem Wächter heruntergeschossen und schwer verwundet wurde. Diese Notiz wird mit keiner kritischen Bemerkung versehen. Es ist ganz selbstverständlich. (...) - In diesen Tagen erwartet man eine Riesenschlacht in Frankreich. Tausende werden dabei zugrundegehen - vielleicht viele Freunde und Bekannte darunter. Trotzdem ist alle törichte Erwartung darauf gerichtet: Ginge es doch erst ordentlich los! (Um so eher wird`s wieder aufhören?)
Aber eines muß zugegeben werden: Die Zuversicht der Deutschen, ihre gläubige, starke Anteilnahme ist erschütternd, aber großartig. Es ist jetzt eine seelische Einheit vorhanden, die ich einmal für große Kulturdinge erhoffe.
Was wird nur nach dem Krieg kommen? Ich fürchte sehr Böses. Ein schändlicher Materialismus wird um sich greifen und eine wüste Reaktion herbeiführen. Es ist Irrsinn, daß Leute wie Dehmel sich freiwillig gemeldet haben. Gerde diese Männer werden dann nötig sein, um den Geist zu verteidigen. Ich fürchte auch, daß eine einschneidende Spaltung der Geistigkeit eintreten wird. Der George-Kreis soll von wildem Patriotismus ergriffen werden. - Das fehlt nun gerade noch, daß unseresgleichen sich offfen der Gegenpartei zuwenden! Ich sehe eine trübe Epoche voraus(...). (S.109)

München, Mittwoch, den 21.Oktober 1914
(...)Uns kann keener! Diese Stimmung geht durch alle Kreise. Gestern sprach ich mit Heinrich Mann darüber, der von dieser Überhebung und von der unernsten Auffassung des Krieges überhaupt ebenso angeekelt ist wie ich. Er sieht aber die kulturellen Folgen des Abenteuers noch düsterer als ich. Mit gleichem Widerwillen beurteilen wir beide den offenen Brief, den Richard Dehmel vor seinem Einrücken an die Front an seine Kinder gerichtet hat. Ihm war es darin vorbehalten, den allgemeinen schwachsinnigen Haß gegen die Engländer auch noch auf deren größte Geister zu bezeiehen: Shakespeare und Byron seien Zyniker gewesen. Dann nimmt er sich jedes Feindesland einzeln vor und vermöbelt es in je fünf Zeilen so, daß kein kleinster Wertmehr übrig bleibt. Nur wir Deutsche!Nein, was sind wir für ein herrliches und unvergleichliches Volk! Es kotzt einen nachgerade an, das jeden Tag ein dutzendmal zu lesen (...)
Ich beobachte mit wachsendem Entsetzen, wie durch die absonderlichen Ereignissedie intelligentesten Gehirne verblöden(Etwas aus den Fugen sind wir alle schon, - ich entsetze mich oft über mich selber. E.M.)Nach dem Krieg wird alle Kultur Europas im Sumpfe sein, wo er am tiefsten ist. (S.127)