Zeitgenossen

Detlev von Liliencron


Zusammengestellt von
Valeska von der Wense '99,
LK-Deutsch
Victor Hadwiger
Eine weitere zeitgenössische Kurzbiographie
Martin Möbius
(O. J. Bierbaum)

Steckbrief
Liliencron über sich
Textbeispiele
Der Handkuß
Ist das alles?

Der Broadway in New York
Am Strande
Zusammenhang mit Dehmel

Am 3. Juni wird Friedrich (Fritz) Adolf Axel Freiherr v. Liliencron als Sohn eines dänischen Zollbeamten im damals noch dänischen Kiel geboren. Den in den amtlichen Zeugnissen fehlenden Vornamen Detlev legt sich der angehende Dichter 1879 eigenmächtig zu.
Nach dem Abbruch des Gymnasiums besucht er die Realschule in Erfurt und eine Berliner Kadettenschule. Als Offizier dient er in der preußischen Armee und nimmt Teil am preußisch – österreichischen Krieg (1866) und auch am deutsch- französischen Krieg (1870/1871). Danach verlässt er die Armee aufgrund seiner hohen Verschuldung, um nach Amerika auszuwandern. Sein Versuch, in die US-Army aufgenommen zu werden, mißlingt. Nach seinem Amerika – Aufenthalt (1875 – 1877), wo er den Lebensunterhalt als Sprachlehrer, Zureiter, Klavierspieler und Maler zu bestreiten versucht, kehrt er nach Hamburg zurück und heiratet Helene Freiin v. Bodenhausen. Fünf Jahre später wird er iin den Verwaltungsdienst aufgenommen und 1882/83 Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Doch wegen seiner hohen Verschuldung muß er auch dieses Amt quittieren.Wohl nicht zuletzt wegen seiner anhaltenden finaziellen Misere scheitert seine Ehe. 1896 verheiratet er sich erneut mit Auguste Brande . Er schließt im Laufe seines Lebens Freundschaft mit Richard Dehmel, Gustav Falke, Otto Julius Bierbaum, Otto Ernst, Harry Graf Kessler und vielen anderen. Am 22. Juli 1909 stirbt Detlev v. Liliencron in Alt-Rahlstedt bei Hamburg an einer Lungenentzündung.

Zeitgenössisches "literarisches Portrait" von Victor Hadwiger aus:
Führer durch die moderne Literatur, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung der Schriftsteller Victor Hadwiger, Erich Mühsam, René Schickele, Walter Bläsing. Berlin 1906. S.117 - 121
Detlev Frhr. von Liliencron (geb. zu Kiel 1844, lebt in Alt-Rahlstedt) sieht seine Welt gleichsam vom Fenster eines Eisenbahncoupés aus oder auf dem Rücken des Reittiers sitzend, das ihn über Wiesen und Felder trägt. Diese impressionistische Erfassung der Erscheinungen der Außenwelt läßt das Wesen seiner Kunst als eine Reihe von kleinen, manchmal scharfen und charakteristischen Momentphotographien erscheinen, die bald mit beabsichtigter Willkür aneinandergereiht erscheinen, bald mit peinlicher Sorgfalt geordnet sind. Man darf aber, wenn man Bezeichnung Impressionismus wählt, sich nicht mit einer Verwechslung mit jenem Schlagwort verleiten lassen, das für die literarische Saat der George-Hofmannsthal geprägt wurde. Sein Impressionismus ist naiv-naturalistischer Natur; er nimmt die Eindrücke in der Gestalt, in der sie ihm auftauchen, ohne sie in Gefühle aufzulösen. Das gibt neben der starken Schöpferkraft in der Bildung des sprachlichen Ausdrucks seiner Diktion das Gepräge. Obwohl Liliencron dem Alter nach einer früheren Periode angehört, steht er hinsichtlich seines Wesens mitten unter den Jungen. Er war einer von jenen, die plötzlich abgebrochen haben mit allem Überkommenen; ja, er beganngewissermaßen als Fertiger, während andere Revolutionäre wieHolz und Dehmel sich erst allmählich zu ihren Reifequalitäten durchgerungen haben.
Liliencron war Offizier der Preußischen Armee und machte als solcher die Feldzüge gegen Österreich und Frankreich mit; später war er Hardesvogt in Pellworm und bis 1887 Kirchspielvogt in Kellinghusen. Bald jedoch gab er diesen Posten auf und übersiedelte nach München. Gegenwärtig lebt er in Hamburg.
Liliencron hat selbst einige biographische Notizen aufgezeichnet, aus denen Bruchstücke hier Aufnahme finden sollen, weil sie für den frischen Daseinsmut dieses Mannes und seine Dankbarkeit dem Leben gegenüber so bezeichnend sind. So lesen wir von seiner frühesten Jugend, der die Mathematik, "die Scjleifmühle des Kopfes", die einzigen trüben Stunden gebracht hat. - "... Dann aber war ich frei und lief in den Garten, ins Holz, in die Felder und überließ mich meinen Träumereien. Früh bin ich Jäger geworden. Mit Hund und Gewehr allein durch die Heide, Wald und Busch zu streifen, wird immer mir ein Tag zu leben wert sein." - Oder er spricht von seiner lustigen Leutnantszeit. "O du Leutnantszeit! Mit deiner fröhlichen Frische, mit deiner Schneidigkeit, mit den vielen herrlichen Freunden und Kameraden, mit allen deinen Rosentagen, mit deinem bis aufs schärfste herangenommenen Pflichtgefühl, mit deiner strengen Selbstzucht!" Das sind warme und dankbare Worte eines Dichters, der sich als Mensch wie alle anderen fühlt, eines Optimisten, der aus allem den Ton, den Akkord, das Erquickende zu holen bereit ist.
Schon seine erste Sammlung "Adjutantenritte und andere Gedichte" fand bei Publikum und Kritik lebhafte Anerkennung, und ein berufener Beurteiler wie Theodor Storm lobte an ihr bei einigen Gedichten die von allem Nachahmungseifer freie Kraft und Grazie. Es sind zwei typische Züge, die den fröhlichen Romantiker in erster Linie charakterisieren, seine Vorliebe für Naturbilder (aufgefaßt in der eingangs geschilderten Weise) und das erotische Element in seiner liebenswürdigsten Färbung, der Genuß mit der Gloriole der Alltäglichkeit. Und das alles ist in einer anscheinend zügellosen, willkürlichen Form vorgebracht, die manchen Formalisten von "künstlerischer Zuchtlosigkeit" sprechen ließ oder ihm gar den schönen Ausdruck "dekadent" in den Mund
legte. - Für den mit Vorurteilen reich gesegneten Nichtfachmann mochte das allerdings so den Anschein haben, in Wahrheit aber handelt es sich bei Liliencron um eine saubere Ziselierarbeit, die im Wesen an Heines Virtuosität und Gewissenhaftigkeit erinnert, an die man auch erst glauben lernte, als man die beiden Fassungen des "Buch der Lieder" miteinander vergleichen konnte.
Gewiß findet sich besonders in den späteren Sammlungen "Gedichte" 1889, "Heidegänger und andere Gedichte" 1891, "Neue Gedichte" 1895, "Nebel und Sonne" 1900, "Bunte Beute" 1903 sehr vieles, was die Angriffe der Kritik berechtigt erscheinen läßt. Manches, was früher Charakteristikum war, sit hier Manier geworden, was bei einer so scharf umrissenen Eigenart wie Liliencron nur zu leicht eintreten konnte. Das Burschikos-Renommistische einzelner Gedichte machte sich unangenehm breit, und die wuchernde Erotik begann zu langweilen. Die Extravaganzen der Form, ein gewisser Hang, mit lapidaren Ausdrücken Effekte zu erzielen, verleiteten den Dichter zu einer oft sehr geschmacklosen Virtuosität. Aber trotz alledem blieb auch in diesen Sammlungen noch mancher Reichtum an Schönheit.
Das Temperamentvollste bietet der Dichter wohl in seinem "Poggfred. Ein kunterbuntes Epos in 12 Kantussen" 1897 (auf 29 Kantusse vermehrt 1908), in dem er den Ton des Byronschen "Don Juan" gewissermaßen fortsetzt. Wohl besitzt Liliencron lange nicht jene feine künstlerische Zurückhaltung, die bei Byron das Wildeste im Zaume hält. Erstolpert oft über den Sack, in dem er alle seine Schätze mit sich führt, und schüttet dabei etwas zuviel davon aus. Immerhin bleibt das Gedicht eine der formell interessantesten Leistungen jener Zeitepoche.
Der Zug zum Drama ist nie so lebendig gewesen wie in unserer Zeit. Er hat auch Liliencron erfaßt und in ihm dieselben Symtome gezeitigt, wie sie etwa bei Dehmel zu finden sind. Weder Liliencrons historisches Drama "Knut der Herr" 1885, "Die Rantzow und die Pogwisch" 1886, "Der Trifels und Palermo" 1886, "Die Merowinger" 1887, noch seine dem modernen Milieu entnommenen Stücke, wie das Genrebild "Arbeitadelt", haben dramatisch empfundene Charaktere oder eine dramatische Entwicklung. Es sind gerade die Vorzüge des Lyrikers, die im Bereiche des Dramas zu krassen Mängeln werden. Eine starke Persönlichkeit spricht sich immerhin auch hier aus. Einzelne Szenen haben Kraft und Fülle des Ausdrucks, die sie wie eingestreute Balladen aus dem Ganzen heraustreten lassen.
Zu viel stärkeren Leistungen bringt er es in der Prosa. Schon 1888 erscheint sein Roman "Breide Hummelsbüttel", der von Stimmung und dekorativem Beiwerk mehr aufstapelt, als es der Rahmen der Handlung verträgt, in Einzelzügen aber den Beweis eines guten epischen Talentes verrät. Künstlerisch bei weitem abgeschlossener sind seine Skizzen und Novellen, wie "Eine Sommerschlacht" 1887, "Unter flatternden Fahnen" 1888, "Krieg und Frieden" 1891, die Situation und Kolorit dem schleswig-holsteinischen Leben entnehmen. Die Novellen "Aus Marsch und Geest", "Könige und Bauern" 1900 und seine Gedichtsammling "Bunte Beute" stehen nicht mehr auf der künstlerischen Höhe der früheren Sammlungen des nun alternden Dichters: die letzte Sammlung ist sehr schwach und enthält kaum eine annehmbare Leistung. Auch seinen jüngsten Roman "Leben und Lüge" kann man allerhöchsten Falles um einiger Einzelztüge willen liebgewinnen.


STECKBRIEFE
erlassen hinter dreißig literarischen Uebelthätern gemeingefährlicher Natur
von Martin Möbius
(d.i. O. J. Bierbaum)

mit den getreuen Bildnissen der Dreißig
versehen von Bruno Paul


Erstes bis Drittes Tausend
im Verlage Schuster und Loeffler
Berlin und Leipzig 1900
Detlev Freiherr Liliencron

Hauptmann, Dichter und Baron:
Auf dem Barone liegt der Ton.
Einer der begütertsten Dichter der Jetztzeit. Besitzer von halb Holstein, Großgrundbesitzer und Hardesvogt auf dem Aldebaran (der seinem Haupthaar zu Ehren rot funkelt), Grandseigneur de Poggfred, Sultan der Palmaille, Mitinhaber von Pfordtes Weinstube, Hauptaktionär am Pan, Erb- und Grundherr aller böhmischen Dörfer, Generalissimus des gesammten jungen lyrischen Heerbannes mit Ausnahme der Schorschianer. Einem strengen Reglement zufolge müssen ihm sämmtliche lyrischen Erstlinge gewidmet werden, wofür er die Pflicht hat, täglich an dreihundertundsechsundzwanzig Lyriker Ermunterungsschreiben zu richten. Sein Adjutant ist Dehmel, sein Stabstrompeter Bierbaum, Großsäckelbewahrer Rudolf Mosse. Bei seinem Lever täglich Bauchtanz von hundertundzehn Indierinnen; zwanzig Prinzessinnen von Geblüt seine Servanten bei Tisch; die jeweilige Favorite unter ihnen darf mit ihm schlafen gehn, wenn er nicht gerade eine Vierländerin vorzieht.
Die nobelste seiner Passionen ist, sich arm zu stellen, seine höchste Sensation besteht darin, für sich sammeln zu lassen. Aus dem Erträgnis dieser Sammlungen, die regelmäßig Millionen einbringen, stiftet er Fonds für verarmte Verleger.
Diesen Sammlungen verdankt er übrigens seinen Ruhm. "Liliencron? Ach ja, das ist der Dichter, für den ich zehn Mark gezeichnet habe." "Kennen Sie seine Gedichte?" "Erlauben Sie mal, ich bin doch schon konfirmirt!"
Auf die Nachwelt wird er im Gefolge des mit Recht weltberühmten Professors Emil Wolf kommen, gegen den er sich zu verschiedenen Malen mit ungezogenen Versen vergangen hat. Ein gewisses Talent fürs Erotische ist ihm nicht abzusprechen

Liliencron in seinem Arbeitszimmer,
hier mit Richard Dehmel.

Leseprobe

Liliencron über sich
Und nun tritt ein kleiner untersetzter Mensch entgegen mit dickem Burgunderbacken und einem Bierbrauer- Rittmeister- und Gutsbesitzergesicht. Es ist geradezu mein Stolz, daß ich immer für einen Fettwarenhändler gehalten werde. Entsetzlich wär’s für mich, sähe ich aus wie ein Dichter. "So kündigte sich Liliencron zu einer seiner zahlreichen Vortragsabende an, die ihn durch ganz Deutschland und Österreich, ja sogar auf den Balkan führten. Auf diese Weise kam der Deutsche Bettelbaron", dem "die Speiseglocke des nahen Armenhauses zum Grützbrei" über viele Jahre hinweg " beneidenswert klang", endlich zu Popularität und Ruhm. An die zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis er sich durchgesetzt hatte und als Stern erster Ordnung am Poetenhimmel zu erstrahlen begann.

Der Handkuß

Viere lang,
Zum Empfang,
Vorne Jean,
Elegant,
Fährt meine süße Lady.

Schilderhaus,
Wache raus.
Schloßportal,
Und im Saal
Steht meine süße Lady.

Hofmarschall.
Pagenwall.
Sehr graziös,
Merveillös
Knickst meine süße Lady.

Königin,
Hoher Sinn.
Deren Hand,
Interessant,
Küßt meine süße Lady.

Viere lang,
Vom Empfang,
Vorne Jean,
Elegant,
Kommt meine süße Lady.

Nun wie war’s
Heut bei Zars?
Ach ich bin
Noch ganz hin,
Haucht meine süße Lady.

Nach und nach,
Allgemach,
Ihren Mann
Wieder dann
Kennt meine süße Lady.


Ist das alles?

Ein Maientag im Sonnenglanz,
Ein Julitag, ein Erntekranz.

Ein kurzer Traum von Glück und Rast,
Das Leben flog in Sturm und Hast.

In Sturm und Hast bergab, hinab,
Ein gleich vergessenes Menschengrab.

Allalles zieht, o Morgenrot,
Ins Netz der alte Spinnrich Tod.

Der Broadway in New York

Detlev von Liliencron, "Der Broadway in New York"
Die Straße, die den Westen mit dem Osten
Und wieder weiter mit dem Westen bindet,
Betrat Ich einst: Der Erde Reichtum fließt
Durch diese Riesenader von New York.
Der Völker bunte Mischung sah ich hasten,
Doch drängte sich der Yankee klug und rastlos
Vor allen hier: in seinen scharfen Augen,
In seinem Rennen , seinem Sinnen lag
Nur eins, die unersättlich große Gier
Nach Gold, auf alle Fälle Geld zu "machen":
Und mich befiel ein Grauen, ratlos fast
Sah ich mich um nach einem Halt. - Da plötzlich
In all dem Schreien, Stoßen, Fluchen, Treiben,
Zog klar vorüber mir ein liebes Bild:

Ganz wie verstecktin Feld und Wald und Heide,
Fern von den Dörfern und den großen Straßen,
Liegt unser Haus vereinsamt und verloren,
in eines alten Gartens stiller Welt.
Die Sonne schien auf kiesbedeckte Wege,
Und in den Bäumen war ein Maienleben.
Du gingst zur Seite mir, und Hand in Hand,
So standen endlich wir am lichten Rande
Der kleinen Holzung: Vor uns schwieg die Landschaft.
Ein Läuten kam aus unsichtbarer Ferne.
Wie schön es war. - Es zogen tiefe Schatten
Um uns, und fröhlich küßte deine Augen
Ein frischer Buchenzweig.

Als abends dann noch einmal wir durchschritten
Des Parkes Grund, die Nachtigall zu finden
(Du wolltest ja durchaus sie singen sehen),
Wie lehntest halb erschrocken du den Kopf
An meine Schulter, als im Dickicht plötzlich
Der Marmorfaun gespenstisch auf uns sah.
Und grade hier mit voller Inbrunst schlug,
In einem kaum erblühten Apelbaum,
Die Liederkönigin; die schönsten Lieder
Sang klagend sie dem frechen Gotte vor. -
Das volle, ganze Glück lag ausgebreitet
In unsern Herzen, und es zog der Friede
Weit übers Land .... Hell leuchteten die Sterne,
Hell über uns in stiller Frühlingsnacht.

Am Strande

Der lange Junitag war heiß gewesen.
Ich saß im Garten einer Fischerhütte,
Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt
Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,
Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen
In bäurisch buntem Durcheinander prunken.
Es war die Nacht schon im Begriff dem Tage
Die Riegel vorzuschieben; stiller ward
Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich
in hoher Luft; und aus der Nähe schlug
ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.
Im Gutenacht der Sonne blinkerten
Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,
Die jenseits lag, wie blanke Messingplatten.
Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,
Gleich einer Königin, voll hoher Würde,
Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck
Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.
Sie alle winken ihre letzten Grüße
den letzten Streifen ihrer Heimat zu.
In manchem Bart mag nun die Mannesträne,
So selten sonst, unaufgehalten tropfen.
In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß
Der Lebenswellen hart und starr geworden,
klingt einmal noch ein altes Kinderlied.
Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!
Die Pflicht b efiehlt zu leben und zu kämpfen,
Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,
Und für sich selbst dem andern. Jeder so
Hat seiner Keten schwere Last zu tragen,
Die, allzuschwer, ihn in die Tiefe zieht.
Geboren werden, leiden dann und sterben,
Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.
Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,
Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,
Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.
Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:
Vom sichern Sitze des Amphitheaters
In die Arena lächelnd niederschaun,
Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird
Vom Tigertier der Armut und der Schulden...

Das Schiff ist längst getaucht in tiefe Dunkel.
Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,
Indessen auf der Kegelbahn im Dorf
Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.
In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,
Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

 

Zusammenhang
mit Dehmel

Freundschaft mit Richard Dehmel

Richard Dehmel , einen Förstersohn aus der Mark Brandenburg, hatte es nicht all zu lange in seinem bürgerlichen Beruf als Versicherungsangestellter gehalten. In Berlin veröffentlichte er 1891 seinen ersten Gedichtband. Hierauf schrieb ihm der schon damals anerkannte Poet Liliencron einen Brief. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen dem Dichterbaron und dem 19 Jahre jüngeren Förstersohn.
D. v. Liliencron widmete 1891Richard Dehmel, sein - von sich selbst als Hauptwerk bezeichnetes - Versepos Poggfred und versah die ersten 12 Cantusse mit Zitaten aus Dehmelschen Gedichten. Dieses Werk erweiterte er 1904 auf 24 und 1908 auf 29 Cantusse. Er gestand, daß ihm die ewige Poggfrederei schon zur Manier und Manie geworden sei.
Als D. v. Liliencron 1909 starb , gab Dehmel dessen Gesammelte Werke in acht Bänden heraus. Für die Publikation einer zweibändigen Briefausgabe mußte Richard Dehmel unter 21.000 Postkarten und Briefen eine Auswahl treffen. So eifrig hatte D. v. Liliencron seine Korrespondenz betrieben. Dehmel selber hatte von dem Freund an die 3.000 Briefe erhalten, oft mit so überschwenglichen Lobeshymnen, daß er sie gar nicht veröffentlichen mochte.

Als Beispiel einer der zahlreichen Briefe vom 22. Mai 1901 von D. v. Liliencron:

Mein geliebter Richard,

eine Sache von äußerster Wichtigkeit habe ich mit Dir zu besprechen. Und erbitte darin Deinen offenen Rat. Wie der Teufel hinter der armen Seele, sind nämlich jetzt die "Über-brettl"-Theater hinter mir her. Gestern kam schon der fünfte. Ich hab’s immer ausgeschlagen bisher, meines künstlerischen, meines literarischen Rufes wegen, denn er geht damit futsch. Nun kam gestern aus Berlin zu mir ein Herr Karl Jahnke, abgesandt von der Gesellschaft "Buntes Brettl, Künstlerkabarett", und bot mir ---1000 (tausend!) Mark für den Monat! O Versucher, Versucher! Ich solle nur die "künstlerische Leitung" (wie auf dem Programm bei der Reklame p.p. stehen solle) haben, brauche niemals auf die Bühne und habe nur die Verpflichtung: einmal monatlich nach Berlin zu kommen. Alles müsse mir erst vorgelegt werden usw. usw. Oh, Versucher, o Versucher! Ich dachte mir, wenn die Sache nicht gleich verkracht(denn Wolzogen allein hat das Fett abgeschöpft; die jetzt wie die Pilze aus der Erde schießenden "Überbrettl" sind nur geldgierige Unternehmungen, die Wolzogen nie erreichen werden), und ich dachte mir also: Herrgott, 1000 Mark monatlich, vielleicht zwei Jahre! Da könnt ich ja Schulden bezahlen und meiner Familie und mir mal ein menschenwürdiges Dasein schaffen! O Versucher, o Versucher! Bis Pfingsten soll ich mich entscheiden, bis Pfingstmontag! Ich sage mir nun, und so wirst Du mit mir sagen:

Der "feine" künstlerische Ruf für mich geht dann auf alle Zeit zum Teufel, denn – Tingel-tangel bleibt Tingeltangel, das läßt sich einmal nicht davon trennen. Nun bitt ich Dich um Deine Meinung! Soll ich weiter das unerhörte Geld-Martyrium tragen? Oder soll ich meinen künstlerischen Ruf für immer opfern? Möchtest Du mir bis spätestens Sonntag darüber Deine ernste wohlerwogene Meinung sagen?

Darf ich noch einen (rasch hier geschriebenen) Poggfred-Kantus senden? 24 Stanzen. "Die singende Engelsstimme im Orgelchor der Klosterkirche." Entzückend! sage ich Dir. Da es aber nun (diese ewige, nachgerade zum Ekel werdende Poggfrederei) bei mir zur Manier und zur Manie geworden ist, habe ich Punktum mit diesem letzten Kantus gesagt.

Dein Detlev, den der Teufel am Kragen hat!