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Else Lasker-Schüler |
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Insa Meenen, LK-Deutsch '00 |
Else Lasker- Schüler in der BRAVO Sie ist jung, sie ist cool, sie ist Trend! Und das, obwohl sie vor hundert Jahren gelebt hat! Sie ließ sich nichts von ihren Eltern, spießigen Kaufleuten, oder den Männern sagen. Neben ihrer Ehe hatte sie Affären mit vielen Künstlern und Schriftstellern: Sie spielte mit den Männern. Das ist wahre Emanzipation, oder? Sie lebte lange Zeit in Berlin und zog dort durch die Kneipen und Szene-Cafes. Von einem rassigen Südländer, von dem sie nicht einmal den Namen verriet, bekam sie einen Sohn. Diese Frau brachte Skandale über Skandale! Ihre Gedichte sind ein bißchen schwer zu verstehen, manchmal ergeben sie gar keinen richtigen Sinn. Aber das zählt auch nicht. Wenn du bei deinen Freunden echten Eindruck schinden willst, denke dir eine tiefere Bedeutung aus umd sage immer: "Das ist so wahr, so wahr!" |
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| Kurzbiographie | "Die seltsamste aller Gestalten im dichtenden Deutschland" nennt die "Vossische Zeitung" sie 1932. Geboren am 11. Februar 1869 als Tochter eines Großrabbiners in Elberfeld, gestorben am 22. Januar 1945 als bekannte Schriftstellerin und auch Malerin in Jerusalem, führt sie tatsächlich kein gewöhnliches Leben. Schon frühzeitig beginnt sie, gegen die bürgerlichen Traditionen zu rebellieren; nach einem frühzeitigen Schulabbruch heiratet Else - eigentlich Elisabeth - den Arzt Berthol Lasker und zieht mit ihm nach Berlin, das zum kulturellen Mittelpunkt Deutschlands geworden ist und gehört dort zur "Bohème". Sie lernt einen mysteriösen "Griechen oder Spanier" kennen, von dem sie 1899 ihr einziges Kind, Sohn Paul, zur Welt bringt. Befreundet ist sie besonders mit dem Schriftsteller Peter Hille, mit Franz Marc- dem Gründer der Malergemeinschaft "Blauer Reiter" und Herwath Walden, dem Herausgeber der Künstlerzeitschrift "Der Sturm", den sie 1903 heiratet. Während dieser Zeit steht sie auch in Kontakt zu Richard Dehmel, den sie gelegentlich in Berliner Cafés, z.B. dem Café des Westens oder Dalbelli, trifft und mit dem sie bald eine Künstlerfreundschaft pflegt. Bis zu ihrer Flucht aus Deutschland 1933, in dem die Nazis die Macht übernommen haben, veröffentlicht sie mehrere Gedichtbände - "Styx", "Hebräische Balladen" - , Romane - "Der siebte Tag", "Peter -Hille-Buch", "Mein Herz. Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen", "Der Malik" - und ihre Theaterstücke "Die Wupper" und "Arthur Aronymus". Elses Werke sind durchzogen von mythischen und orientalischen Klängen; die Illustration führt sie selbst aus. Sie malt märchenhafte, zarte Gestalten in weiten bunten Gewändern,ähnlich wie sie sich selbst auch in der Öffentlichkeit darstellt; ab 1910 nennt sie sich gerne der "Prinz von Theben". Als ihr einer der wichtigsten Literaturpreise Deutschlands, der vor allem von Dehmel geründete Kleist-Preis verliehen wird, titelt 1932 der "Völkische Beobachter" empört:"Die Tochter eines Beduinenscheichs erhält den Kleistpreis!" In Deutschland hat der Antisemitismus die Oberhand gewonnen. Nach ihrer Flucht über die Schweiz nach Jerusalem entsteht "Das Hebräerlied" und "Mein blaues Klavier". |
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Weltende Es ist ein Weinen in der Welt Als ob der liebe Gott gestorben wär, Und der bleierne Schatten, der niederfällt, Lastet grabesschwer. Komm, wir wollen uns näher verbergen... Das Leben liegt in aller Herzen Wie in Särgen. Du! Wir wollen uns tief küssen- Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, An der wir sterben müssen. Viele Leute, die dieses Gedicht zum ersten Mal lesen, kritisieren sofort, die Dichterin sei anscheinend sehr selbstverliebt, sie nähme sich selbst zu wichtig und würde sich gerne selbst bemitleiden. Auch viele von Else Lasker- Schülers Zeitgenossen dachten ähnlich. Vielleicht lag das daran, dass sie sehr unsensibel waren, Depressionen nicht hatten oder nicht bekommen wollten und ihre Umschreibungen missdeuteten. Ich kann die Kritik verstehen und keinem wirklich von ganzem Herzen übel nehmen, dass man Else Lasker- Schüler in meinem Deutsch- Kurs einmal "maßlos übertreibend" und "ewige Nörglerin" nannte. Für mich spricht sie mit ihren Gedichten immer sehr viel Wahres aus. Durch ihre Darstellung fühle ich mich selbst häufig angesprochen und an Situationen in meinem Leben erinnert. Jeder kennt wohl das Gefühl, wenn es einem vorkommt, als würde die ganze Welt zusammenbrechen. Diese Stimmung beschreibt Else Lasker- Schüler in ihrem Gedicht "Weltende". Sie meint, alles auf der Welt müsse so wie sie leiden, etwas Schönes könne es nicht mehr geben, die ganze Welt weine. Die zweite Zeile wirkt sehr naiv, fast kindlich, durch "der liebe Gott" und "wär". Diese Kindlichkeit und Unschuld wird aber gleich durch die Verbindung zum Sterben wieder entkräftet und verliert ihre kurze Fröhlichkeit. "Der bleierne Schatten" zeigt die starke Trauer und Depression, die nicht abgewendet werden kann, und die anscheinend sehr plötzlich gekommen ist, da sie "niederfällt". ELS erwähnt in der zweiten und in der vierten Zeile den Tod und vermittelt so den Eindruck der Endlosigkeit und des Unumkehrbaren. Die zweite Strophe des Gedichts wirkt in den ersten zwei Zeilen fröhlicher als die erste Strophe und auch wieder etwas kindlich. "Komm, wir wollen uns näher verbergen" klingt wie eine Aufforderung zum Versteckspielen. Hier kann man auch einen Widerspruch zwischen den Wörtern "näher" und "verbergen" feststellen. Nähe (Offenheit) verbindet ELS hier auch gleichzeitig mit Distanz (Verborgensein). Vielleicht will sie damit ausdrücken, wie einsam sie ist, obwohl sie nicht alleine ist. "Das Leben" "in aller Herzen" klingt ungewohnt lebensfroh, wird aber durch das schwere "liegt" und besonders durch den Nachschub "wie in Särgen" wieder traurig. Auch hier verallgemeinert ELS von ihrem auf alle Herzen. Da Särge eine Endgültigkeit und Eingeschlossenheit symbolisieren, scheint es, dass ELS das Leben als Last empfindet und meint, das Leben selbst habe keine Lebendigkeit mehr. Ihr Gedicht wirkt depressiv und lebensmüde. In der dritten Strophe schickt ELS wieder eine Aufforderung an jemanden. Der Kuss wirkt wie ein Abschiedskuss vor dem Tod. Die Sehnsucht, von der sie spricht, hat sie ergriffen und sie verallgemeinert dieses wieder auf die ganze Welt. Else Lasker- Schülers Gedichte sind für mich durchzogen von Wehmut, Melancholie, Selbstmitleid, Feinfühligkeit, Schwere und gleichzeitig Leichtigkeit, Zerbrechlichkeit, Geheimnissen, Märchen, Leben und Tod... Obwohl sie häufig von fernen Ländern und Menschen schreibt, erkenne ich für mich selbst einen Bezug zu meinem Leben. Denn sie stzt sich mit den Gefühlen jedes Menschen sehr feinfühlig auseinander. Sie hat geschrieben, um ihr Leben und ihre eigene Person, ihre Religion und ihre Kultur zu verarbeiten. Obwohl nicht Genaues darüber bekannt ist, kann man vermuten, dass sie stark depressiv war- sie lächelt auf kaum einem veröffentlichten Foto. Immer wirkt sie tieftraurig und lässt aber niemanden ihre wahren Gründe dafür erfahren. Es scheint, als wisse sie selbst manchmal nicht, woher ihre Traurigkeit kommt, da ihr Schreibstil so naiv und fragend wirken kann. Ich finde es schön, wenn jemand seine Gefühle so zulassen und vielleicht auch etwas übertreiben kann, denn der Leser kann sich so besonders gut in den Autor einfühlen und sich selbst darin erkennen. Wer Else Lasker- Schüler jetzt nicht leiden kann und nicht versteht, sollte sich dennoch ihre gesammelten Werke in die hinterste Ecke vom Bücherregal stellen und vielleicht wird er irgendwann aufschrecken und merken, dass er genauso fühlt, wie sie es schrieb und vielleicht wird er dann- ganz heimlich natürlich- einen Gedichtband herauswühlen und die Sehnsucht an die Welt pochen hören |
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Etwa um 1902, als Else Lasker-Schüler ihr erstes Buch veröffentlicht, der Künstlergruppe "Neue Gemeinschaft" beitritt und mit dem Schriftsteller und Bohemien Peter Hille um die Häuser zieht, begegnet sie auch eines Tages in einer ihrer Stammkneipen in Berlin dem damals schon bekannten Schriftsteller Richard Dehmel. Sie treffen sich nun häufiger zusammen mit anderen Künstlerfreunden "im Café des Westens, gelegentlich bei Dalbelli an der Potsdamer Brücke", wie sich Alfred Döblin erinnert. Später schreiben sich beide häufig Briefe, in denen Else Lasker-Schüler Dehmel um seine Meinung zu ihren neuen Gedichten und Romanen bittet. Ein Auszug:"Seiner Sterngeborenen! Herr Dehmel! Haben Sie mein Buch"Styx" bekommen. Bitte schreiben Sie mir, ob Ihnen meine Ballade gefällt?" Else Lasker-Schüler schreibt für viele Freunde Gedichte. Hier ihres an Dehmel: Richard Dehmel Aderlaß und Transfusion zugleich; Blutgabe deinem Herzenm geschenkt. Ein finsterer Pflanzer ist er, Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf. Immer Zickzack durch sein Gesicht, Schwarzer Blitz. Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert |
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| Briefe | Es gibt etliche Briefe an Ida und Richard Dehmel im Dehmel-Archiv der SUB-Hamburg. Als ein Beispiel mag zunächst der folgende stehen, der in der umfangreicheren Sammlung enthalten ist: Margarete Kupper, Lieber gestreifter Tiger. Briefe von Else Lasker Schüler. Erster Band. München (Kösel-Verlag) 1969. 17.11.1904 Gnädige Frau. Mein Mann hätte Ihnen schon die drei componierten Gedichte des Herrn Dehmel geschickt, aber er hatte so sehr viel zu tun und seine Compositionen werden alle nacheinander gedruckt. Ich fände es ausgezeichnet, wenn die Lieder gesungen werden. "Der Arbeitsmann", "Erste Begierde", "Lied an meinen Sohn". Die Gedichte sind hervorragend vertont. Herr Gustav Landauer und seine Frau Hedwig Lachmann wissen, was mein Mann kann. Ich bitte Sie darum keine Zweifel zu hegen. Ich würde mich am liebsten an Herrn Dehmel selbst wenden, aber ich weiß nicht, ob Herr Dehmel meine Objektivität verstehen mag. Herr Wüllner würde alles fabelhaft singen. Die Person muß die Kraft des Gedichts verstehn, das können nur Einzelne. Ich halte überhaupt nur Herrn Ansorge und meinen Mann für fähig, die Gedichte des Herrn Dehmels zu vertonen. Dichter und Musiker müssen den gleichen inneren Wuchs haben. Und gerade unter den Künstlern giebt es am meisten Philister. Ich grüße Sie hochachtend gnädige Frau, Else Walden (Lasker-Schüler) Berlin W. Ludwigkirchstr. 1 Ich schreibe diesen Brief nicht mit Wissen meines Mannes. |
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