Zeitgenossen

Harry Graf Kessler


Beitrag von
Jakob Raben '99,
LK-Deutsch
Tagebücher und Memoiren:
Über "Gesichter und Zeiten"
Zusammenhang mit Dehmel
Leseprobe
Plan eines Völkerbundes
Zusammenfassung


Harry Graf Kessler wird am 23.Mai 1868 in Paris geboren . Sein Vater, ein Hamburger Bankier, ist mit einer
irischen Adeligen verheiratet, die eine sehr schöne Frau gewesen sein muß. Kessler besucht zunächst ein Halbinternat in Paris,wechselt 1880 auf ein Internat in Ascot/England. Auf Wunsch seines Vaters tritt er 1882 in die Hamburger "Gelehrtenschule des Johanneums" ein, wo er auch Abitur macht. Um die Möglichkeiten, die seine gesellschaftliche Stellung ihm bietet, auszunutzen, entscheidet sich Kessler zunächst für ein Jurastudium, womit er 1888 in Bonn beginnt, und das er einige Jahre später in Leipzig mit einer Promotion abschließt. Seine von ihm angestrebte Diplomatenlaufbahn scheitert jedoch später an Widerständen des Auswärtigen Amtes.
Nach seiner Übersiedelung nach Berlin 1893 arbeitet er an der Redaktion der Kunstzeitschrift PAN mit, in der u.a.Veröffentlichungen von Richard Dehmel, Theodor Fontane, Friedrich Nietsche, Detlef von Liliencron, Julius Hart, Novalis, Paul Verlaine und Alfred Lichtwark sowie Kunstbeilagen berühmter Maler erscheinen. In dieser Zeit entstehen Freundschaften u.a. mit Dehmel, Arno Holz und Paul Scheerbart.
1903 wird Kessler Direktor des Großherzoglichen Museums für Kunst- und Kunstgewerbe in Weimar. Auf sein Betreiben bildet sich in demselben Jahr der Deutsche Künstlerbund, dessen erster Vizepräsident er wird. Dieser Bund unterstützt in jener Zeit weniger anerkannte Künstler wie Edvard Munch, Johannes Becher, Liliencron und die Maler der Brücke. Aus seinem Freundeskreis sind insbesondere Eberhard von Bodenhausen, Henry van der Velde, Max Liebermann sowie Hugo von Hofmannsthal hervorzuheben, mit dem er den"Rosenkavalier"und und die Handlung für das Ballett "Josephslegende" verfaßt.
1913 richtet Keßler unter dem Namen "Cranachpresse" eine eigene Presse ein, in der er u.a. Shakespeares Hamlet in der Übersetzung von Gerhard Hauptmann druckt. Es entstehen weiter u.a. Ausgaben klassischer Werke wie der "Eclogen" des Vergil, das "Satyricon" des Petronius mit Holzschnitten von Aristide Maillol, diverse Werke zeitgenössischer Schriftsteller wie Rilke, van de Velde und Hauptmann sowie eigene Werke. Unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg wird Kessler als deutscher Abgesandter nach Polen geschickt.
Nach seiner Rückkehr entwickelt er Ideen zu einem Völkerbund und übernimmt 1922 für kurze Zeit das Amt des Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft. 1924 versucht er ein Reichstagsmandat zu erlangen. Als dieser Versuch scheitert, zieht er sich weitgehend aus der Politik zurück und widmet sich wieder hauptsächlich der Arbeit bei der Cranachpresse. 1933 emigriert Kessler nach Frankreich und lebt u.a. einige Jahre in Palma de Mallorca, wo er intensiv an seinen Memorien arbeitet. Kessler kann jedoch nur einen Band unter dem Titel "Völker und Vaterländer" fertigstellen, da er am 30.11.1937 in Lyon stirbt.

Tagebücher und Memoiren ("Gesichter und Zeiten")

Der Titel "Gesichter und Zeiten" bezeichnet das unvollendet gebliebene Memoirenwerk Kesslers, das auf seinen Tagebüchern basiert, die er über 6 Jahrzehnte (1880-1937) fast lückenlos führte. Seine Tagebücher tauchten nach seinem Tode erst nach und nach auf. So wurden 1977 überraschend bei einer Auktion 2 Bände und kurz danach 11 weitere Bände im Antiquariatshandel angeboten. Schließlich stieß man bei der Räumung eines Banksafes in Palma auf Aufzeichnungen Kesslers, darunter auch 3 Tagebücher aus den Jahren 1902 - 1912, die 1985 dem restlichen Bestand beigefügt wurden.
Da Kessler ein engagierter Beobachter seiner Zeit war und sich sowohl mit Politik als auch Literatur und Kunst befaßte, bieten die Tagebücher eine umfassende Information über die damalige Gesellschaft. Außergewöhnlich ist dabei, daß er nicht nur der deutschen, sondern der europäischen Gesellschaft angehörte. Er wurde in 3 Ländern erzogen und hatte insbesondere durch seine Reisen lebenslang Kontakte zu verschiedenen Ländern. Diesen Erfahrungen entsprang offensichtlich seine "europäische" Grundeinstellung, wie sie später insbesondere in dem Plan eines Europäischen Völkerbundes zum Ausdruck kam.
Von besonderem Interesse sind die Memoiren aber auch deshalb, weil Kessler mit sehr vielen Künstlern seiner Zeit Kontakt hatte. Im "Schwarzen Ferkel" in Berlin traf er regelmäßig Größen der damaligen Künstlerszene wie Dehmel, Holz, Scheerbart, Strindberg, Bierbaum, von Bodenhausen, Munch, Hoffmannsthal, Hauptmann. Mit diesen arbeitete er z.T. in der Redaktion des "PAN" zusammen. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit im Künstlerbund kannte er Maler und bildende Künstler, die heute zu den bedeutendsten jener Zeit gezählt werden, wie.z.B. Gauguin, Rodin, Munch, Beckmann, Liebermann, Slevogt und Kandinsky.
Der erste Band Kesslers Memoiren "Gesichter und Zeiten" erschien im Jahre 1935 unter dem Titel "Völker und Vaterländer".


Als Beispiel aus diesem Werk soll folgende Schilderung über seinen Aufenthalt am Johanneum, der traditionell mit dem Christianeum konkurrierenden Schule in der Hamburger Innenstandt, dienen, in der er sich analytisch und gesellschaftskritisch mit der Schule auseinandersetzt:

"Wir sollten eigentlich gar nicht Griechisch oder Latein lernen, sondern arbeiten. Arbeiten um seiner selbst willen; man wollte uns abrichten zu Arbeitstieren. Vom Ideal des humanen, die ganze Menschheit und und ihre Kultur in Kopf und Herz tragenden Menschen, das die Goethezeit entflammt hatte, war nur der ungeheure Fleiß übriggeblieben, der nötig war, um den unermesslichen Stoff aufzunehmen. Und dieser Fleiß hatte sich selbststandig gemacht, wie eine Art von satanischer Majestät den Thron des humanen Ideals usurpiert, um den Herrn der neuen Zeit die für die Wirtschaft benötigten unermüdlichen und selbstzufriedenen Sklaven zu liefern. "Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun", war das Schlagwort. Ich aber wollte nicht in diesem Sinne deutsch sein. Ich wollte wissen, wozu der Schweiß? Und ich leistete erbittert und verbissen passiven Widerstand, innerlich, und soweit das anging, auch äußerlich gegen jede Arbeit, die nur meinen Fleiß, erproben und üben sollte. Ich wurde ein Rebell, mit dem Bewußtsein, ein selbstverständliches Menschenrecht zu verteidigen. Ich haßte und hinterging mit gutem Gewissen die Lehre, die uns zum Büffeln um des Büffelns willen zwingen wollten." (Gesichter und Zeiten S.174 f)

Hier zeigt sich, daß Kessler seine ursprünglichen Tagebuchaufzeichnungen benutzt hat, um die beschriebenen Vorgänge später aus der Sicht des erwachsenen Memoirenschreibers zu bewerten. Zugleich reflektiert er, welche Bedeutung diese Erfahrung für ihn selbst hatte.

So vielseitig wie seine Interessen sind auch die Themen seiner Veröffentlichungen. Darunter finden sich viele Ausstellungskataloge, Reiseberichte sowie Aufsätze und Essays aus dem Bereich der Kultur, Kunst, Philosophie und Politik. Bereits erwähnt wurde seine Mitwirkung am "Rosenkavalier" und der "Josephslegende" von Hofmannsthal. Er schrieb ferner eine Biographie über Walter von Rathenau

Völkerbund
Plan zu einem Völkerbunde

1919 verfasste Kessler einen "Plan zu einem Völkerbunde auf Grund einer Organisation der Organisationen(Weltorganisation)", der die Verfassung eines derartigen internationalen Staatenbundes enthält. Zweck dieses Bundes war vor allem die Vermeidung neuer Kriege und die Sicherung der Menschenrechte und die Regelung des Welthandels. Hauptorgan dieses Bundes ist der Weltrat, der auch einen geschäftsführenden Ausschuß wählt. Nach seinem Plan sollen ein Weltjustizhof, ein Weltschiedsgerichtshof und Verwaltungsbehörden errichtet werden. Dieser Plan hat die Form einer staatlichen Verfassung und ist nach Paragraphen geordnet. Inhaltlich stellt er eine Art Vorläufer der UNO dar.
Einen weiteren Plan für eine überstaatliche Organisation entwickelte er als "Richtlinien für einen wahren Völkerbund" 1920 in Form einer Resolution.


Zusammenfassend ist festzustellen, daß Kessler auf mehreren Gebieten von Bedeutung war.
1.Seine eigenen Schriften, insbesondere die Tagebücher und Memoiren, bieten bis heute wichtige Einblicke in das damalige Zeitgeschehen und sind auch literarisch wertvoll, weil sie nicht nur historische Fakten enthalten sondern auch zugleich diese analysieren.
2.Kessler verstand viel von Kunst und hat Maler, Bildhauer und Schriftsteller unterstützt, die zur damaligen Zeit weniger bekannt, oder sogar abgelehnt waren, und die heute zu den berühmtesten Künstlern jener Zeit zählen.
3.Kessler hat sich politisch engagiert und dabei moderne Thesen vertreten. So enthalten seine Ideen zu einem Völkerbunde Ansätze zur Überwindung des Nationalismus und sind Vorläufer der europäischen Einigung.
4.Kessler ist in mehreren Kulturen erzogen worden, unternahm zahlreiche Reisen und war als Diplomat im Ausland tätig. Er wird deshalb zurecht als "Weltmann"bezeichnet.