Zeitgenossen

Josef Kainz
Abbildung aus O. Walzel "Deutsche Dichtung", Akademische Verlagsgesellschaft
Athenaion m. b. H., Wildpark-Potsdam 1930.



Erinnerung an den Schauspieler
Josef Kainz


Hugo von Hofmannsthal
Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz

Photographien

Alfred Kerr über Josef Kainz

Julius Bab über Josef Kainz

Geboren am 2.1.1858 im damaligen Moson (Mosonmagyaróvár), gestorben am 20.9.1910 in Wien.
Er kam nach kleineren Engagements als 22-Jähriger ans Münchner Hoftheater, dann ans Deutsche Theater in Berlin. Dort machte er sich 1883 als Don Carlos einen Namen. Nachdem Otto Brahm die Leitung des Deutschen Theaters übernommen hatte - und in Berlin sich mehr und mehr die Strömungen des Naturalismus durchsetzten -, wechselte er 1899 seinen Arbeitsplatz: Er ging nach Wien an das Burgtheater. Bis zu seinem Tod gehörte er ihm an. Josef Kainz war einer der berühmtesten zeitgenössischen Schauspieler, seine grazile Spielweise gilt als typisch für den Jugendstil, er spielt als einer der ersten den differenzierten Typ des sensiblen modernen Helden.
Der Literaturwissenschaftler Oskar Walzel
In dem "Handbuch der Literaturwissenschaft, Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart" schreibt er anlässlich der Dramen Gerhart Hauptmanns: "Allein sobald diese Stücke und in ihnen die scheinbar wirkungswidrigsten Stellen auf die Bühne gelangen, bezeugen sie eine beträchtliche, vielen unerwartete Bühnenwirkung. Gewiß hat sich von Anfang an wertvollste Darstellungskunst in den Dienst von Hauptmanns Dramen gestellt; sie mag zuweilen das Beste hinzugetan haben, einem Drama Hauptmanns oder wenigstens einzelnen Augenblicken dieses Dramas etwas mit Shakespeare Verwandtes, an Shakespeare Heranreichendes zu schenken. War es nicht so, als Josef Kainz sein bestes Können für Hauptmanns armen Heinrich aufbot? Kainz erwies ebenso durch seine Darstellung, wie unmittelbar dramatisch wirksam die große Rede Meister Heinrichs auf dem Höhepunkt der "Versunkenen Glocke" werden kann." Hinsichtlich von Hauptmanns "Elga" heißt es: "Der Eindruck, nicht ganz ausgeführter Entwurf zu sein,verschwand mehr und mehr, je häufiger "Elga" die Bühne betrat. Wiederum bestätigte sich, in welch vollem Ausmaß Hauptmann den Schauspielern zu bieten gewohnt war, was durch rechte Darstellungskunst zu einem in sich geschlossenen Ganzen werden konnte. Letzte und wichtigste Aufgabe rechten Ergründens von Hauptmanns Bühnenkönnen wäre mithin der Nachweis,wieviel auf der Bühne nicht gesagt zu werden braucht, um doch zu erreichen, was erreicht werden soll. Natürlich müßte nicht bloß Hauptmanns Werk herangezogen werden, auch Verwandtes aus anderer Welt."

Erinnerung an den Schauspieler Josef Kainz
Hugo von Hofmannsthal
Verse zum Gedächtnis
des Schauspielers Josef Kainz


O hätt ich, seine Stimme hier um ihn
zu klagen! Seinen königlichen Anstand,
Mit meiner Klage darzustehn vor euch!
Dann wahrlich wäre diese Stunde groß
Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr
Als Trauer: denn dem Tun der Könige
Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt,
Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.

O seine Stimme, daß sie unter uns
Die Flügel schlüge! - Woher tönte sie?
Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach
Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon
Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern
Herab? Wer redete da aus dem Leib
des Jünglings Romeo, wer aus dem Leib
Des unglückseligen Richard Plantagenet
Oder des Tasso? Wer?
Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,
ein niebezauberter Bezauberer,
Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,
der fern war, da wir meinten, er sei nah,
Ein Fremdling über allen Fremdlingen,
Einsamer über allen Einsamen,
Der Bote eines namenlosen Herrn.

Er ist an uns vorüber. Seine Seele
War eine allzuschnelle Seele, und
Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.
Dies Haus hat ihn gehabt - doch hielt es ihn?
Wir haben ihn gehabt - er fiel dahin,
Wie unsre eigne Jugend uns entfällt.
Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.

O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges
Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen,
Wer warest du? O Schweifender! O Fremdling!
O nächtlicher Gespräche Einsamkeit
Mit deinen höchst zufälligen Genossen!
O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!
O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!
O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!
Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings
Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste
Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist
Wir mit dir wohnten - Stimme, die wir nie
Vergessen werden - o Geschick - o Ende -
Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!

O wie das Leben um ihn rang und niemals
Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis
Wollüstiger Verwandlung! Wie er blieb!
Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,
Gleich einem Knaben stand! O kleine Hand
Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,
O vogelhaftes Auge, das verschmähte,
Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,
O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne
Den Blick nicht niederschlägt,
o kühnes Aug,
das beiderlei Abgrund gemessen hat,
Des Lebens wie des Todes - Aug des Boten!
O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!
Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,
Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!

Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,
Schauspieler ohne Maske du, Vergeistigter,
Du bist empor, und wo mein Auge dich
Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,
Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen
Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,
Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes
Bote und Träger bist du immerdar,
Und als des Schwebend=Unzerstörbaren
Gedenken wir des Geistes, der du bist.

O Stimme! Seele! aufgeflogene!

Aus: Die Gedichte und kleinen Dramen. Prologe und Trauerreden S.84 - 86



J. K. als Kind. Abbildung aus
"Das 26. Jahr", S. Fischer Verlag, Berlin 1912.

J. K. 20jährig. Abbildung aus
"Das 26. Jahr", S. Fischer Verlag, Berlin 1912.

Aus O. Walzel "Deutsche Dichtung", Akademische
Verlagsgesellschaft Athenaion m. b. H., Wildpark-Potsdam 1930.

J. K. Ferdinand in "Kabale und Liebe". Abbildung aus
"Das 26. Jahr", S. Fischer Verlag, Berlin 1912.

J. K. als Don Carlos. Abbildung aus
"Das 26. Jahr", S. Fischer Verlag, Berlin 1912.


Der bekannte - auch auf dieser Website mehrfach präsente - Berliner Theater-Kritiker Alfred Kerr schreibt über ihn immer wieder, z.B. im April 1895:

"Berlin ist keine Theaterstadt im Sinne von Wien, wo ein Schnupfen der Hohenfels eine "Krisis" heißt, eine Laune der Wolter eine Katastrophe wird und wo ausgeruhte Feuilletonisten in dem bekannten anmutigen Stil wichtige Mitteilungen schreiben wie: "Herr Sonnenthal hat, einem on-dit zufolge gestern nachmittag...."". Am Ende des Vergleichs zwischen Wien und Berlin kommt Kerr auf die schauspielerische Bedeutung Kainz´ für Berlin zu sprechen: "Man ist in Berlin nicht ganz so weit im Personenkult. Aber man zeigt immerhin ein stärkeres Interesse, sobald es sich um das Bleiben oder den Abgang eines Mannes wie Josef Kainz handelt. Er soll nach Wien gehen Darum drehn sich jetzt die Gespräche vieler Leute, die nicht nur Theaterfexe, sondern literarisch ehrlich interessiert sind. In Wahrheit würde das Verschwinden dieses Mannes aus dem Berliner Kunstleben eine starke Einbuße bedeuten. Er spielt eine historische Rolle in der Entwicklung des modernen schauspielerischen Stils. Er war der erste, der sich in Berlin in diesem Stil durchgesetzt hat. Er hat die rasenden Jambenjünglinge, welche ihr Aug´in schönem Wahnsinn rollen ließen, beiseite geschoben und jene diskretere, realistischere, unserm Gefühl ungleich näher stehende Spielart eingeführt, die seitdem so oft an ihm verlacht und so oft bewundert worden ist. Er läßt nicht in ungehemmtem, edel-schönem Pathos Gefühle ausströmen, sondern er zeigt ruckweise, mit halb verhaltenen seelischen Gesten, die Empfindungen moderner, nervöser junger Leute." Kerr erlebt Kainz nicht nur im Theater, sondern hört ihn auch bei Lesungen oder begegnet ihm auf Gesellschaften. Ihm imponiert, dass Josef Kainz nicht zwischen Privatleben und Kunst eine Trennungslinie zieht, dass er vielmehr der Kunst mit aller Leidenschaft lebt: "Und bei jedem spätern Zusammensein sah ich es mehr, daß an diesem genialen Komödianten

eigentlich nichts Komödianterei ist. Es steckt eine echte, grenzenlose Begeisterungsfähigkeit in ihm; für alle Kunst, gleichviel, welchem Gebiete sie zugehört, zeigt er leidenschaftliche, fast schmerzliche Neigung. Er vergräbt sich in seine riesige Bibliothek und übersetzt, ohne vor der Öffentlichkeit damit zu renommieren, Byron und seinen geliebten Edgar Poe; und wundervoll ist es, wenn er, vom Taumel fortgerissen, aufspringt und diese Poesien in der Ursprache deklamiert." Dass Kerr über Kainz trotz dieser Begeisterung auch anders schreiben kann - dies bleibt natürlich nicht sein letztes Wort über ihn - zeigt er im August 1895, als er in einem allgemeineren kritischen Rundumschlag auch Kainz nicht ausspart. Kerr bedauert, dass "täglich mehr und mehr die Bessern schwinden. - Auch aus dem deutschen Theater schwinden sie mehr und mehr. Oder die Guten verschlechtern sich wenigstens. Vor allem Josef Kainz, der jetzt in einer neu vorbereiteten Don-Carlos-Aufführung, der ersten diesjährigen Tat dieser Bühne, seinen spanischen Prinzen in einer manierierten Art mit gespreizten Gesten, teilnahmslosen Grimassen, gezerrten Tönen und anfechtbaren Wortakzentuierungen überlud. Beim Tode des großherzoglichen Roderich war er nicht erschüttert, sondern schien auf der Leiche zu schlafen. Ich habe ihn zwar früher einmal als Carlos gesehen, wo er überhaupt nicht die Güte hatte mitzuspielen; sondern er sagte damals, was er zu sagen hatte, ohne ein Wort auszulassen, aber mit einem gelangweilten Blick und einer tonlosen Betonung, als ob es in ihm riefe: o wären wir weiter, o wär ich zu Haus! Das war im Hochsommer und bei keiner - Premiere. Wenn dieser sensitive Künstler jetzt auch an Tagen, wo er die Kritik versammelt weiß, so wurstig und matt ist, scheint mir das ein betrübliches Symptom. Aber er wollte vielleicht nicht aus dem Rahmen fallen. Die ganze Brahmsche Carlos-Aufführung war in wesentlichen Punkten verfehlt. Die Eboli ward von einem mageren ungarischen Mädchen dargestellt ....."


Der Dehmel-Biograph und Dramaturg Julius Bab, der 1938 ins New Yorker Exil fliehen musste, ordnet 1926 in seinem Buch "Schauspieler und Schauspielkunst" Josef Kainz in dem Kapitel über Ernst Deutsch folgendermaßen in die Tradition ein:

".. Es ergibt sich die unmittelbare Abstammung dieses modernen Liebhabertyps von dem großen Josef Kainz, der ja nun, immer wieder gehörten Behauptungen zum Trotz, durchaus kein Jude war. Aber Kainz hatte, - und das war ja die erste Sensation, die er den Menschen bereitete, - trotzdem diesen Zusatz vibrierender Nervosität, intellektueller Schärfe, sprunghafter Wildheit, mit dem er den alten Liebhabertyp erneute und der Zeit wieder wichtig machte. Und Kainz hatte hundert Nachahmer, aber keinen Erben gefunden. Der Italiener Moissi erinnerte in seinen Anfängen augenblicksweise an ihn, aber er entwickelte sich mit jedem Jahr in seiner zerfließenden Weichheit weiter weg vom Mittelpunkt des Kainzschen Wesens, der eine hell gesammelte, wunderbar federnde, unermüdliche Energie war. Erst der Jude Ernst Deutsch hat wieder im innersten Wesen etwas vom Rhythmus dieses Österreichers ergriffen - von diesem

Rhythmus, der also offenbar wenig mit der Rasse und sehr viel mit der Zeit des Schauspielers zu tun hat. Die Starrheit des Schillerschen Heldentyps ist gelöst, Muskelenergie ist in Nervenenergie verwandelt.
Ernst Deutsch hat das Grundwesen der Kainzschen Technik übernommen: die springende Akzentuierung: die Fähigkeit, erstaunlich, beängstigend lange einen Ton durchzuhalten und mit gesammelter Kraft plötzlich tigermäßig auf einen Punkt zu springen, ihn herauszureißen und so durch ungeheuerste Betonung wirksam zu machen. Deutsch hat wieder das nervös tastende und abwehrende Spiel der schlanken Finger. Und Deutsch hat wieder das bittere, leidvolle Zucken der Verachtung um die Lippen. Freilich, es ist noch eine Nuance bitterer und härter bei ihm. Und dies ist denn wohl der Unterschied der dreißig Jahre, die zwischen seiner Jugend und der von Josef Kainz liegen. Auch daß jene knabenhaft spielende Anmut, jene lyrische Heiterkeit, die trotz allem den jungen Kainz umschweben konnten, daß diese weiche Wärme bei Deutsch verschüttet ist, das ist wohl die Schuld des furchtbaren Zeitalters, in dem dieser junge Mensch aufwuchs."