Zeitgenossen

Arno Holz
Zeichnung: Bruno Paul



Würdigungen und Polemiken: zeitgenössische literarische Portraits
Martin Moebius (O. J. Bierbaum)
Victor Hadwiger
Übersicht Leseproben aus
Buch der Zeit
Phantasus
Daphnis
Revolution der Lyrik
Nach dem Muster von Arno Holz
Louisa von Strachwitz
Sophie Evers, F. Schmidt-Dencker
Julia Shulkevych
Marie Rusche

Vera Haustein
Stephan Hilpert
Thea Küstner
Felix Scheder-Beschien
Zusammenhang Dehmel
Briefe


Arno Holz mitte Dreißig.
Arno Holz wird als viertes von insgesamt zehn Kindern am 26.4.1863 in Rastenburg in Ostpreußen geboren. 1875 verkauft sein Vater die Königlich Preußische privilegierte Apotheke "Zum Schwarzen Adler", um in Berlin die Verwaltung einer Apotheke zu übernehmen. Seine Schülerlaufbahn auf dem Berliner Humboldt-Gymnasium und anschließend dem Königstädtischen Gymnasium ist nicht unproblematisch. Mit 19 Jahren veröffentlicht er mit "Klinginsherz" einen Liederstrauß von Frühling und Liebe. Ein ähnliches Bild zeigen die 1884 erschienenen, zusammen mit Oskar Jerschke herausgegebenen "Deutschen Weisen". Gewidmet sind sie Julius Wolff, dem Vertreter der Butzenscheibenlyrik. Der - späteren - Literaturkritik gelten sie zwar als formgewandt, aber auch als epigonenhaft und wenig originell. In dieser Zeit schwärmt Arno Holz vor allem für die - herkömmliche - Lyrik des Lübeckers Emanuel Geibel, dem er nach dessen Tod in einem besonderen Gedenkbuch huldigt. Später wird er sich von diesem lierarischen "Eklektiker", der ihm gleichwohl als Gentleman unvergessen bleibt, absetzen. Er beschäftigt sich mit Emile Zola und beteiligt sich 1885 an den "Modernen Dichtercharakteren", einer "Anthologie der Moderne", , als deren Herausgeber Hermann Conradi, Karl Henckell und Wilhelm Arent zeichneten. Hier und in dem 1886 folgenden eigenen "Buch der Zeit. Lieder eines Modernen" entdeckt er die Poesie der Großstadt und die neuen sozialistischen Ideen, ohne aber die traditionellen lyrischen Formen aufzugeben. Erst auf dem Wege über Sprachtheorie und poetologische Überlegungen, die er 1891 in seinem Buch "Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze" veröffentlicht, gelangt er zu der Einsicht, entsprechend den neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten mit dem literarischen Handwerkszeug Sprache anders umzugehen. Praktisch gewendet werden diese neuen Erkenntnisse, die Verknüpfung präziser Beobachtungen aus seiner Berliner Umgebung mit einer innovativen Sprachverwendung, in dem zusammen mit Johannes Schlaf geschriebenen und 1889 veröffentlichten Text "Papa Hamlet". Das "konsequent naturalistische Verfahren" wenden Arno Holz und Johannes Schlaf ein Jahr später auf das Drama an. Über das Resultat, "Familie Selicke. Drama in drei Aufzügen" , urteilt der Theaterkritiker Theodor Fontane: "Diese Vorstellung wuchs insoweit über alle vorhergegangenen an Interesse hinaus, als wir hier eigentlichstes Neuland haben. Hier scheiden sich die Wege, hier trennt sich Alt und Neu." Gerhart Hauptmann widmet dem Verfassern von "Papa Hamlet" sein erstes Drama "Vor Sonnenaufgang" 1889 - diesen Titel hat Arno Holz ihm empfohlen. Im Folgenden trennen sich Arno Holz und Johannes Schlaf - unter bitteren Zerwürfnissen; dieser geht seine eigenen Wege. Arno Holz ist aufgrund wirtschaftlicher Probleme über lange Zeiträume an schöpferischer Arbeit gehindert. Freundschaftliche Kontakte ergeben sich zu Liliencron, Dehmel, Bierbaum, dem Maler Hugo Ernst Schmidt. In Mombert sieht er einen geistigen Schüler, 1896 lebt und arbeitet er zusammen mit dem jüngeren Schriftsteller Paul Ernst. Als Veröffentlichung erscheinen zunächst nur die "Sozialaristokraten" , in ihnen wird das sprachliche Verfahren der "Familie Selicke" fortgeführt. Dieses Lustspiel ist auch eine Satire auf Bruno Wille, John Henry Mackay, Stanislaw Przybyszewski und andere aus dem Friedrichshagener Kreis. Zu einer neuen produktiven Wende kommt es 1898: Arno Holz überträgt seinen "konsequenten Naturalismus" - unter der Bezeichnug "impressionistisch" wird er in die Literaturgeschichte eingehen - auf die Lyrik, wieder begleitet von theoretischen Reflexionen, die er 1899 in dem Buch "Revolution der Lyrik" - veröffentlicht; in den späten Ausgaben wird er von"Evolution" reden. Im "Phantasus" - zuerst veröffentlicht 1998/99, in verschiedenen späteren Auflagen gerät er immer umfangreicher und ausufernder - bemüht er sich um eine neue, sehr genaue sprachliche Gestaltung der sinnlichen Wahrnehmung, formal verabschiedet er Reim und Metrik, ins Auge fällt die Strukturierung der Gedichte durch die immanente Mittelachse. In der "Blechschmiede" setzt er sich 1902 satirisch mit den pathetischen Schreibweisen von George, Dauthendey, Dehmel, Mombert u.a. auseinander. Die Beschäftigung mit der deutschen Barockdichtung führt 1903 zu den "Liedern auf einer alten Laute", des "Schäffers Dafnis sälbst verfärtigten, sämmbtlichen Fress- Sauff und Venus-Liedern". Die "Sonnenfinsternis", 1908, in der am Beispiel eines Malers die eigene Erkenntnis- und Künstlerproblematik dargestellt wird, gilt als Arno Holz´dramatisches Meisterwerk. In seiner letzten Lebensphase arbeitet er wieder am "Phantasus", der ihn insgesamt etwa dreißig Jahre lang beschäftigt. Der Text schwillt an - bis 1925 auf drei Bände, noch umfangreicher ist die Nachlassfassung - und durchläuft verschiedene Stilstufen. Ab 1913 ändert sich die Darstellungsweise, der Verzicht auf den Reim wird wieder aufgegeben, der Stil wird barocker, später expressionistisch. - Arno Holz stirbt am 26.10.1929 in Berlin.

Mählich durchbrechende Sonne

Schönes,
grünes, weiches
Gras.

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber Butterblumen!

Über ... mir ... warm ... der Himmel.

Ein
weites, schütteres,
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes Weiß,
das mir die Augen
langsam ... ganz ... langsam
schließt.

Wehende ... Luft ... kaum merklich
ein Duft, ein
zartes ... Summen

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und
deutlich ... spüre ich ... wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.

Versunken
alles ... Nur noch
ich.
Selig!

Schöne Texte von und zu Arno Holz finden sich auf einer Website aus Altona-Mottenburg "fulgara frango".


Arno Holz als Kind, mit Achtzehn, Mitte Zwanzig und als Scherenschnitt.


Aus : Martin Möbius (d.i. Otto Julius Bierbaum), Steckbriefe, Berlin und Leipzig 1900, S. 91/92.
Arno Holz ist ein beklagenswerter Mann. Er hat in seiner Jugend, als er der talentvollste Gymnasiast in Deutschland und Umgebung war, sich dermaßen an Reimen übernommen (man denke an: gekurvt - gefaltenwurft), daß er heute Gallenbrechen kriegt, wenn er nur einen Reim ahnt. Und nun bedenke man, wieviel Reime er tatsächlich hören und lesen muß! Denn:
Die Schnecke schleimt,
Der Tischler leimt,
Das Sandkorn keimt,
Der Deutsche reimt.
Um diesem Unwesen entgegenzutreten und sich halbwegs die Möglichkeit, friedlich weiterzuleben zu verschaffen, hat Arno, der schon vorher den Naturalismus und die aus sich selber laufende Maus erfunden hatte, die neue Lyrik aus den Fingern der Verzweiflung gesogen. Erst kam das rauchlose Pulver,
dann kam der reimlose Vers: Daß dieser wichtiger ist als jenes, weiß jeder Gebildete. Arno ist außerdem überzeugt davon. Bereits haben sich ganze Haufen, Rotten und Banden von reimlosen Lyrikern gebildet, die unter dem Feldgeschrei: Gedenke der Mittelaxe! Dichte ohne Reim! das Land durchziehen und schreckliche Verwüstungen unter der Jugend anrichten. Denn, da das Dichten nun noch leichter geworden ist, fangen schon die Faatchenkinder an, fürchterlich zu werden.
Daß Holz vom Ring der Papierfabrikanten zu seiner scheußlichen That angestiftet worden wäre, ist eine giftige Verleumdung, denn, wenn die Mittelaxe auch wirklich viel Papier frißt, so darf doch nicht vergessen werden, daß die reimlosen Lyriker noch schwerer Verleger finden, als die mit avec.


Arno Holz mitte Fünfzig.
Zeitgenössisches "literarisches Portrait" von Victor Hadwiger aus:
Führer durch die moderne Literatur
, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung der Schriftsteller Victor Hadwiger, Erich Mühsam, René Schickele, Walter Bläsing. Berlin 1906. S.96-99

Unter denen, die der neuen Richtung zum Siege verhalfen, ist Arno Holz das stärkste Temperament. Er ging wie kein anderer konsequent seinen Überzeugungen nach und focht theoretisch und praktisch gegen die Reaktion. Schon in jungen Jahren, als Neunzehnjähriger, veröffentlichte er die ersten Früchte seiner Muse und widmete sie - - - Julius Wolf, als dessen begeisterten Verehrer er sich wie alle echten Geibelianer offen bekannte. Alle Süßlichkeit, alle Weichlichkeit dieses blassen Formalisten findet sich in diesen Versen. Auch die zweite Sammlung, in der die Herweghpolterei den Grundton abgab, arbeitet noch ganz mit übernommenen Mitteln. Aber zwischen den bombastischen Schönrednereien dieser sozialen Lyrikbegann bereits ein Akkord durchzuklingen, der mit den Kraftrhythmen der späteren künstlerischen Revolution gewisse Obertöne gemeinsam hatte. Dieses "Buch der Zeit" ließ den künftigen Artisten bereits im Keime erkennen.
Den ersten Anstoß zum Bruch mit den alten Traditionen gab die literarische Bekanntschaft mit Zola und Tolstoi. Der Franzose sowohl wie der Russe waren keine Fremden mehr in Deutschland; längst hatten die gärenden Geister die Bedeutung der Genannten, wenn auch nicht ganz klar, so doch im Prinzip erfaßt. Da kam der junge Holz nach Berlin, wo sich das neue Evangelium immer entschiedener durchzusetzen begann. Mit raschem und sicherem Griff erfaßte er die Zügel der Bewegung, und bald hatte er in Johannes Schlaf einen eifrigen mitstrebenden entdeckt. Ihre ersten gemeinsamen Werke "Papierene Passion" und "Papa Hamlet" fanden sofort Beachtung, ebenso wie das Drama "Familie Selicke", die alle drei unter dem Titel "Neue Gleise" zusammengefaßt und in einem gemeinsamen Bande veröffentlicht wurden. Das Buch ist gleichsam der Ausgangspunkt einer ganzen Literaturperiode geworden. Trotz der Unmöglichkeiten und Übertreibungen blieb es nicht nur das älteste, sondern auch das beste Zeugnis des konsequenten Naturalismus. Es hatte bei allen Irrtümern künstlerische Qualitäten. Die Novellen sowohl wie das Drama haben Szenen von suggestiver Kraft, großgeschaute Momente. Aus Wust und Unklarheit löst sich doch eine bewußte Technik und stellenweise ein frappierender Glanz der Charakteristik. Erinnern wir uns beispielsweise an das Bild des großen "Thienwiebel", an die reizende, kokette Ophelia, an das mörderische Geschrei des kleinen Fortinbras! Da gibt es eine Menge interessanter Farbenflecke und Reflexe, die in ihrer Buntheit oft an Zolas meisterhafte Schilderungen erinnern.
Gewiß hatte Holz direkt von Zola gelernt, aber sein Streben ging über Zola hinaus. Er wollte Anschluß an die Natur, ohne jedes individualisierende Moment. In seinem Aufsatz "Zola als Theoretiker" sehen wir ihn bereits in hellem Gegensatz mit den Tendenzen des Franzosen. "Exakte Reproduktion der Natur", das war künftig die Losung. So erfolgte seine Berührung mit den Skandinaviern, voran mit Arne Garborg, die in der vordersten Reihe "der Konsequenten" marschierten. Bekannt sind die Worte, die der sonst so skeptische Theodor Fontane beim Erscheinen der "Familie Selicke" schrieb:"Hier scheiden sich die Wege, hier trennt sich alt und neu." Aber auch die Theoretiker beschäftigte das neue Licht. Entrüstet rief die Reaktion Zeter; ein gewisser Avonianus schrieb in seiner "Dramatischen Handwerkslehre": "Die bis zur Frechheit rücksichtslose Verleugnung aller technischen Regeln sei empörend." (Apostrophierung im Original) Andere fanden die große Erregung über die extreme Originalität der jungen Dramatiker überflüssig und wiesen auf die Technik des Lokalstückes hin, die hier mit einer Übertragung auf tragische Stoffe benutzt war. Alle diese Ergüsse konnten jedoch den Erfolg des Stückes nicht aufhalten. Aber nicht mehr lange sollte die Arbeit des Zweigestirnes Holz und Schlaf fortdauern. Eine schwache Nachahmung von Wilhelm Busch war ihre letzte gemeinsame Arbeit. Schlaf blieb zunächst Dramatiker, Holz treffen wir bald wieder auf seinem ursprünglichen Gebiete, der Lyrik. Bei diesem neuen Versuche, die modernen Prinzipien zu verallgemeinern, werden wir leicht an die Malerei der letzten Jahre erinnert, vor allem an Liebermann. Dieser Vergleich hat auch des öfteren Ausdruck gefunden, so ungerecht er dem freimüteigen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint. - Holz hat in der Lyrik die neue Technik verinnerlicht und nicht eben glatt übertragen. Ja, er hat uns auch hier einen Schritt vorwärts gebracht, indem er der Phonetik und dem inneren Rhythmus größere Beachtung schenkte. Seine Polemik gegen den Reim hatte allerdings viel Maniriertes an sich. Selbst ein Meister des Reimes, wie er später in der parodistischen "Blechschmiede" bewies, glaubte er sich dieses Recht eines Angriffs auf ein so wichtiges Mittel des poetischen Ausdrucks anmaßen zu dürfen, ohne den Vorwurf eines mangelhaften musikalischen Könnens auf sich laden zu müssen. Man muß jedoch bei der Auswahl aus seinem "Phantasus", der für die neuen metrischen Grundsätze bezeichnend ist, sehr vorsichtig sein. Neben vielem Schönen und Klangvollem finden sich Mißtöne der Manier und Übertriebenheiten aller Art, die das rhythmische Gefühl oft genug verletzen. In neuester Zeit hat sich Holz in archaisierenden Versen versucht, die mit Meisterschaft den Ton des siebzehnten Jahrhunderts treffen. Es erschienen bisher zwei Sammlungen, "Lieder auf einer alten Laute" und "Dafnis, Freß- Sauf- und Venuslieder", die den alten Formmeister so recht erkennen lassen und ganz entzückende Lieder enthalten. Dagegen ist sein erneuter Versuch mit dem Drama als völlig verfehlt zu betrachten, obwohl sein äußerlicher Erfolg, den er 1904 mit dem in Gemeinschaft mit Jerschke geschriebenen "Traumulus" hatte, ein großer war. V. H.

Leseprobe
Buch der Zeit
Frühling
Berliner Frühling
Für kleine Kinder
Für Schnillern etcetera
Een Boot is noch buten!
Amerika
Pfui Deibel
Reimspiel
Chanson
Phantasus, Seite:
7
8
9
12
14
15
24
25
81
Daphnis
Er lihgt mit ihr im Grünen
Revolution der Lyrik
- Übersicht -

Aus Buch der Zeit 1886. Hier aus Neue Ausgabe, Dresden (Carl Reißner, 244 S.) o.J.
Frühling
1.
Die Ammer flötet tief im Grund,
der Frühling blüht mein Herz gesund.

Über die Augen halt ich die Hand,
schimmernd liegt vor mir das Land.

Schimmernd wie ein goldener Rauch,
über allen Dingen ruht ein Hauch.

So still, so sonnig hängt die Luft,
über die ganze Welt weht Veilchenduft.

Über die ganze Welt, ungesehn
leise, leise Sonntagsglocken gehn.

Die Ammer flötet tief im Grund,
der Frühling blüht mein Herz gesund.

2.
Auf der grünen Hallelujawiese
geht es jetzt zu wie im Paradiese.

Da blitzt der Himmel wie blaue Seide
mit Lämmerwölkchen weiß wie Kreide.

Und aus den Blumen, pardauz in die Wurzeln,
hunderttausend kleine Engelchen purzeln.

Die Welt ist groß, was ist dabei,
Habermus und Kindergeschrei.

Schnell die Patschhand, schlingt den Tanz,
Ringelringelrosenkranz!

3.
Und mitten, mitten in all dem Lenze,
da steht meine Liebste und flicht sich Kränze!

Mit blauen Schuhen und roten Hacken,
ein Ding wie aus Marzipan gebacken!

Ihr schläägt das Herz, wo bleibt der Hans?
Blumen, Blumen in seinen Kranz!

Blumen, Blumen soviel es gibt,
für ihn, für ihn, der mich liebt, der mich liebt!

Grillengezirp, Lerchengesinge,
sich übertaumelnde Schmetterlinge!

(S.214/15)


Berliner Frühling

Wohl haben sie dich alle schon besungen
und singen dich noch immer an , o Lenz,
doch da dein Zauber nun auch mich bezwungen,
meld ich mich auch zur großen Konkurrenz.
Doch fürcht ich fast, ich bin dir zu prosaisch,
aus meinen Versen sprüht kein Fünkchen Geist;
und denk ich gar an deinen Dichter Kleist,
klingt meine Sprache mir fast wie Hawaisch.

Kein Veilchenduft versetzt mich in Ekstase,
denn ach, ich bin ein Epigone nur;
nie trank ich Wein aus einem Wasserglase,
und nüchtern bin ich bis zur Unnatur.
Der Tonfall meiner lyrischen Kollegen
ist mir ein unverstandner Dialekt,
denn meinen Reim hat die Kultur beleckt
und meine Muse wallt auf andern Wegen.

Ins Waldversteck verirrt sie sich nur selten,
die blaue Blume ist ihr längst verblüht;
doch zieht die Ahnung neugeborner Welten
ihr süßer als ein Märchen durchs Gemüt.
Zu Armut tritt sie hin und zählt die Groschen,
ihr rotes Banner pflanzt sie in den Streit,
an ihr Herz schlägt das große Herz der Zeit,
und aller Weltschmerz scheint ihr abgedroschen.

Doch heute singt sie, was ihr längst verboten,
mir scheint, dein Lächeln hat sie mir behext,
und unter deine altbekannten Noten
schreibt sie begeistert einen neuen Text.
Die Flur ergrünt, und bläulich blüht der Flieder,
ich aber leire meine Lenzmusik,
und lachend schon vernehm ich die Kritik:
Das denkt und singt ja wie ein Seifensieder!

*
Schon blökt ins Feld die erste Hammelherde,
der Hof hielt seine letzte Soirée,
und grasgrün überdeckt die alte Erde
kokett ihr weißes Winternegligée.
Der Wald rauscht wieder seine Lenzgeschichten,
und mir im Schädel rasselt kreuz und quer
ein ganzer Rattenkönig von Gedichten,
ein Reim- und Rhythmenungetüm umher.

Wie Gold in meine ärmliche Mansarde
Durchs offne Fenster fällt der Sonnenschein,
und graubefrackt lärmt eine Spatzengarde:
Ich schnitt es gern in alle Rinden ein!
Die Luft weht lau, und eine Linde süpreitet
grün übers Dach ihr junges Laubpanier,
und vor mir auf dem Tisch liegt ausgebreitet
fein säuberlich ein Bogen Schreibpapier.

O lang ists her, daß mirs im Hirne blitzte!
Im Winterschnee erfror die Phantasie;
erst heute wars, daß ich den Bleistift spitzte,
erst heut in dieser Frühlingsszenerie.
Weh, mein Talent versickert schon im Sande,
des eitlen Nichtstuns bin ich endlich satt;
drum, da ich ihn noch nie sah auf dem Lande,
besing ich nun den Frühling in der Stadt.

Denn nicht am Waldrand bin ich aufgewachsen,
und kein Naturkind gab mir das Geleit,
ich seh die Welt sich drehn um ihre Achsen
als Kind der Großstadt und der neuen Zeit.
Tagaus, tagein umrollt vom Qualm der Essen,
wars oft mein Herz, das lautauf schlug und schrie,
und dennoch, dennoch hab ich nie vergessen
das goldne Wort: Auch dies ist Poesie!

O wie so anders, als die Herren singen,
stellt sich der Lenz hier in der Großstadt ein,
er weiß sich auch noch anders zu verdingen,
als nur als Südwind und als Vollmondschein.
Er heult als Südwind um die morschen Dächer
und wimmert wie ein kranker Komödiant,
bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer
durch Wolken lächelnd auseinanderspannt.

Und Frühling! Frühling! schallts aus allen Kehlen,
der Bettler hörts und weint des Nachts am Kai;
ein süßer Schauer rinnt durch alle Seelen
und durch die Straßen der geschmolzne Schnee.
Die Damen tragen wieder lange Schleppen,
zum Schneider eilt nun, wer sichs "leisten" kann,
die Kinder spielen lärmend auf den Treppen,
und auf den Höfen - singt der Leiermann.

Schon legt der Bäcker sich auf Osterkringel,
und seine Fenster putzt der Photograph,
der blaue Milchmann mit der gelben Klingel
stört uns tagtäglich nun den Morgenschlaf.
Mit Kupfern illustriert die Frauenzeitung
die neusten Frühjahrsmoden aus Paris,
ihre Feuilleton bringt zur Geschmacksverbreiting
den neusten Schundroman von Dumas fils.

Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker
nun wieder in sein angestammtes Recht,
und kokettierend mit dem Nasenzwicker
durchstreift den Park der Promenadenhecht.
Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen,
und ach, so mancher wird das Herzlein schwer,
ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen
schwingt wie ein Traum sich übers Häusermeer.

Am Arm das Körbchen mit den weißen Glöckchen,
das blonde Haar zerweht vom Frühlingswind,
lehnt bleich und zitternd im verschoßnen Röckchen
am Prunkpalast das Proletarierkind.
Geschminkte Dämchen und gezierte Stutzer,
doch niemand, der ihm schenkt ein freundlich Wort;
und naht sich abends der Laternenputzer,
dann schleicht es weinend sich ins Dunkle fort.
Verfolgt vom blutgen Schwarm der Manichäer,
umirrt nun Bruder Studio wie gehetzt;
bis er sich endlich rettet zum Hebräer
und seinen Winterpaletot versetzt.
Der Hypochonder sinnt auf Frühjahrskuren
und wettert auf die Stickluft der Salons,
der Italiano formt sich Gipsfiguren
und zieht vors Tor mit seinen Luftballons.

Nun geht die Welt kopfüber und kopfunter,
auf Sommerwohnung zieht schon der Rentier,
die Anschlagsäulen werden immer bunter,
und nächtlich wimmert oft das portemannaie.
Der Schornsteinfeger klettert auf die Leiter
und grinst uns an als Vogelperspekteur,
vor Klingeln kommt die Pferdebahnnicht weiter,
und alles brüllt: He, schneller, Kondukteur!

Das Militär wirft sich in Drillichhosen
und übt sich schwitzend im Paradeschritt,
als gings kopfüber gegen die Franzosen,
und krampfhaft schleppt es die Tornister mit.
Und blitzt der Exerzierplatz dann exotisch
wie ein gemaltes Farbenmosaik,
dann wird die Schusterjugend patriotisch
und lautauf spielt die Regimentsmusik.

Schon dampft der Kaffee hier und da im Garten,
der Schoßhund bellt, es kreischt der Papagei,
Papa studiert die kolorierten Karten
von Zoppot, Heringsdorf und Norderney.
In den geschlossenen Theatern trauern
die weichen Polstersitze des Parketts,
und rote Zettel predgen an den Mauern
die goldne Ära des Retourbillets.

An eine Spritztour denkt manch armer Schlucker,
doch dreht sie leider sich ums Wörtchen "wenn";
am gelben Gurt den schwarzen Opernkucker,
stelzt durchs Museum nun der Englishman.
Die Provinzialen aber schneiden Fratzen,
dank ihrer anerzognen Prüderie,
und unbemerkt nur schleichen sie wie Katzen
um unsere liebe Frau von Medici.

Doch drauß vorm Stadttor rauscht es in den Bäumen,
dort tummelt sich die fashionable Welt,
und junge Dichter wandeln dort und träumen
von ewigem Ruhm, Unsterblichkeit - und Geld.
Rings um die wieder weißen Marmormäler
spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh,
und heimlich gibt der Backfisch dem Pennäler
am Goldfischteich das erste Rendezvous.

Und macht die Nacht dann ihre stille Runde,
und blitzt es licht durchs dunkle Firmament,
dann ists die selbe Lenznacht, die zur Stunde
sich lagert um den Busen von Sorrent!
Dann ists der selbe Mond, der rings das Pflaster
sacht überdeckt mit seinem goldnen Vlies,
den vor Jahrtausenden schon Zoroaster
als ewigen Herold aller Lenze pries.

O Frühling! Frühling, dem die Welt gelodert,
du führst im Schild ein Röslein ohne Dorn;
daß uns das Herz nicht ganz vermorscht und modert,
stößt du noch immer in dein Wunderhorn.
Noch immer läßt du deine Nachtigallen
ins Frührot schlagen, wie zur Zeit Homers,
und hebst empor die Engel, die gefallen,
die kranken Söhne Fausts und Ahasvers.

Ob du vor Zeiten einst als junge Sonne
glorreich emporstiegst über Salamis,
indes Diogenes in seiner Tonne
sich philosophisch in die Nägel biß;
und ob dir heute noch im fernsten Norden
ein Opfer bringt der fromme Eskimo,
wie weiland an des Südmeers blauen Borden
der alte Mythenkönig Pharao:

Du bist und bleibst der einzig wahre Heiland,
dein schöner Wahlspruch jauchzt "Empor! Empor!"
Was soll uns noch ein waldumrauschtes Eiland?
Du wandelst um den Stadtwall auch durchs Tor!
Du bist nicht scheu wie deine Waldgespenster,
du setzt auch in die Großstadt deinen Fuß
und wehst tagtäglich durch das offne Fenster
mir in das Stübchen deinen Morgengruß.

Und jetzt, wo schon der Abend seine Lichter
rotgolden über alle Dächer strahlt,
krönst du mich lächelnd nun zu deinem Dichter
und hast mir rhythmisch das Papier bemalt.
Ich aber gebe dieses Blatt den Winden,
die Fangball spielen um den Kirchturmknauf,
und wenn noch heut die Straßenkehrer finden,
was kümmerts mich? Flieg auf, mein Lied, flieg auf!

Doch fällst du einem schönen Kind zu Füßen,
das dich errötend in den Busen steckt,
dann sprich zu ihm: "Der Frühling läßt dich grüßen!"
bis sie mit Küssen das Papier bedeckt.
Doch hascht ein Graukopf dich auf deinen Bahnen,
so ein vergilbter Langohr-Rezensent,
dann sprich zu ihm: "Respekt vor meinen Ahnen!
Mein Urtext steht im Sanskrit und im Zend!"

(S.33-39; hier noch der Titel: Frühling)


Für kleine Kinder

Der alte Fötenspieler Pan,
der lehrte mich das Dichten:
Ein Volk und ein Stückchen Marzipan
Bestehn aus zweierlei Schichten.

Die eine schlürft Austern und baut sich Kohl
Und macht in Vaterlandstreue
Und fühlt sich kannibalisch wohl
Wie Goethes fünfhundert Säue.

Die andere spielt täglich Va banque
Und kleidet sich in Lappen
Und führt ihr gantes Lebenlang
Einen Hungerknochen im Wappen!

(S.43)

Für Schnillern etcetera!

Immer noch laufen sie uns in die Quere,
Faust, Hamlet, Hiob und Ahasver.

Aber ich finde, nachgerade
Wird die Gesellschaft ein wenig fade.

Zu viel Schminke, zu viel Theater,
zu viel Klimbim und zu viel Kater.

Da lob ich mir Reuter und Wilhelm Busch.
Für Schnillern etcetera ein andermal Tusch!

(S.89)


Een Boot is noch buten!

"Ahoi! Klaas Nielsen und Peter Jehann!
Kiekt nach, ob wi noch nich to Mus sind!
Ji hewt doch gesehn dem Klabautermann?
Gott Lob, dat wi wedder to Hus sind!
Die Fischer riefens und stießen an Land
und zogen die Kiele bis hoch auf den Strand,
denn dumpf an rollten die Fluten;
Han Jochen aber rechnete nach
und schüttelte finster sein Haupt und sprach:
"Een Boot is noch buten!"

Und ernster keuchte die braune Schar
dem Dorf zu über die Dünen,
schon grüßten von fern mit zerwehtem Haar
die Fraun an den Gräbern der Hünen.
Und "Korl!" hieß es und "Leiw Marie!"
"t is doch man schön, dat ji wedder hie!"
Dumpf an rollten die Fluten -
"Un Hinrich, min Hinrich? Wo is denn dee?!"
Und Jochen wies in die brüllende See:
"Een Boot is noch buten!"

Am Ufer dräute der Möwenstein,
drauf stand ein verrufnes Gemäuer,
dort schleppten sie Werg und Strandholz hinein
und gossen Öl in das Feuer.
Das leuchtete weit in die Nacht hinaus
und sollte rufen: O komm nach Haus!
Dumpf an rollten die Fluten -
hier steht dein Weib in Nacht und Wind
und jammert laut und küßt dein Kind:
"Een Boot is noch buten!"

Doch die Nacht verrann und die See ward still,
und die Sonne schien in die Flammen,
da schluchzte die Ärmste: "As Gott will!"
und bewußtlos brach sie zusammen!
Sie trugen sie heim auf schmalem Brett,
dort liegt sie nun fiebernd im Krankenbett,
und draußen plätschern die Fluten;
dort spielt ihr Kind, ihr "lütting Jehann",
und lallt wie träumend dann und wann:
"Een Boot is noch buten!"

(S.75/76)

Amerika.

Oft frag ich lachend mich, weswegen
Mit Lanzen, Schwertern, Spießen, Keulen
Dies todesfrohe Kämpfen gegen konzessionierte Eiterbeulen?

Wie lang noch, und das Dunkel frißt
Europas letzte Gaslaternen,
denn das Panier der Zukunft ist
das Streifenbanner mit den freizehn Sternen.

(S.96)


Pfui Deibel!

Ihr wißt, ich bin kein "von" Verehrer,
ich bin des Zeitgeists Straßenkehrer;
doch protzgere Kerle sah ich noch nie,
als die Schlotbarone der Plutokratie!

(S.128)


Reimspiel.

Was ist das beste Futter, sprich,
für hungernde Nationen?
"Halt’s Maul Halunk, was kümmert’s dich?"
Der Reim lacht: Blaue Bohnen!

S.128)


Chanson

Noch immer baumelt der alte Zopf,
der alten Welt im Genick,
noch immer schmort ihr kein Huhn im Topf,
drum: Vive la République!

Drum: Vive la République, blique, blique,
das Herz schlägt uns im Bauch,
das Knutentum haben wir dick, dick, dick,
und Kartoffel und Hering auch!

(S.128)


Aus Phantasus 1898/99
(S.7)

Durch die Friedrichstrasse
- die Laternen brennen nur noch halb,
der trübe Wintermorgen dämmert schon -
bummle ich nach Hause.

In mir, langsam, steigt ein Bild auf.

Ein grüner Wiesenplan,
ein lachender Frühlingshimmel,
ein weisses Schloss mit weissen Nymphen.

Davor ein riesiger Kastanienbaum,
der seine roten Blütenkerzen
in einem stillen Wasser spiegelt!


(S.8)

Ich liege noch im Bett und habe eben Kaffee getrunken.
Das Feuer im Ofen knattert schon,
durchs Fenster,
das ganze Zimmer füllend,
Schneelicht.

Ich lese.

Huysmans. Là Bas.

... Alors,
en sa blanche splendeur,
l‘âme du Moyen Age rayonna dans cette salle ...

Plötzlich,
irgendwo tiefer im Hause,
ein Kanarienvogel.

Die schönsten Läufe!

Ich lasse das Buch sinken.

Die Augen schliessen sich mir.
Ich liege wieder da, den Kopf in den Kissen - -


(S.9)

Zwischen Gräben und grauen Hecken,
den Rockkragen hoch, die Hände in den Taschen,
schlendre ich durch den frühen Märzmorgen.

Falbes Gras, blinkende Lachen und schwarzes Brachland
so weit ich sehn kann.

Dazwischen,
mitten in den weißen Horizont hinein,
wie erstarrt
eine Weidenreihe.

Ich bleibe stehen.

Nirgends ein Laut. Noch nirgends Leben.
Nur die Luft und die Landschaft.

Und sonnenlos, wie den Himmel, fühl ich mein Herz!

Plötzlich ein Klang.

Ich starre in die Wolken.

Über mir,
jubelnd,
durch immer heller werdendes Licht,
die erste Lerche!


(S.12; später unter dem Titel
"Mählich durchbrechende Sonne)

Schönes,
grünes, weiches
Gras.

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber Butterblumen!

Über ... mir ... warm ... der Himmel.

Ein
weites, schütteres,
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes Weiß,
das mir die Augen
langsam ... ganz ... langsam
schließt.

Wehende ... Luft ... kaum merklich
ein Duft, ein
zartes ... Summen

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und
deutlich ... spüre ich ... wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.

Versunken
alles ... Nur noch
ich.
Selig!


(S.14)

In einem Garten
unter dunklen Bäumen
erwarten wir die Frühlingsnacht.

Noch glänzt kein Stern.

Aus einem Fenster,
schwellend,
die Töne einer Geige ...

Der Goldregen blinkt,
der Flieder duftet,
in unsern Herzen geht der Mond auf!

(S.15)

Ich bin der reichste Mann der Welt!

Meine silbernen Yachten
schwimmen auf allen Meeren.

Goldne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan,
in himmelhohen Alpenseen spiegeln sich meine Schlösser,
auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gärten.

Ich beachte sie kaum.

An ihren aus Bronze gewundenen Schlangengittern
geh ich vorbei,
über meine Diamantgruben
lass ich die Lämmer grasen.

Die Sonne scheint,
ein Vogel singt,
ich bücke mich
und pflücke eine kleine Wiesenblume.

Und plötzlich weiß ich: ich bin der ärmste Bettler!

Ein Nichts ist meine ganze Herrlichkeit
vor diesem Tautropfen,
der in der Sonne funkelt.


(S.24)

Im Thiergarten, auf einer Bank, sitz ich und rauche:
und freue mich über die schöne Vormittagssonne.

Vor mir, glitzernd der Kanal:
den Himmel spiegelnd, beide Ufer leise schaukelnd.

Ueber die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant.

Unter ihm,
zwischen den dunklen, schwimmenden Kastanienkronen,
pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht,
- den Kragen siegellackrot -
sein Spiegelbild.
Ein Kuckuck
ruft.


(S.25)

Lachend in die Siegesallee
schwenkt ein Mädchenpensionat.

Donnerwetter, sind die chic!
Wippende, grünblau schillernde Changeantschirme,
lange, buttergelbe schwedische Handschuhe,
sich bauschende, von roten Tulpen durchflammte Velvetblousen.

Drei junge Leutnants drehen ihre Schnurrbärte.

Monocles.

Die Kavalkade amüsiert sich.

Fünfzig braune, trappelnde Strandschuhe,
fünfundzwanzig klingelnde Bettelarmbänder.

Links,
hinter ihnen drein,
die Blicke kohlschwarz,
ihr Drache.

Wehe!

Wie die Sonne durch die Bäume goldne Kringel wirft ...

Ach was!

Und ich kriege die Schönste, die sich nicht sträubt um die Taille,
- die ganze Gesellschaft stiebt kreischend auseinander,
Huch! die alte Anstandsglucke fällt in Ohnmacht! -
und rufe:

Mädchen, entgürtet euch und tanzt nackt zwischen Schwertern!


(S.81)

So eine kleine Fin-de-Siècle-Krabbe, die Lawn tennis schlägt !

Rote, gewellte Madonnenscheitel,
eine lichtblaue Blouse aus Merveilleux
und im flohfarbnen Gürtel ein Veilchensträuschen,
das nach amerikanischen Cigaretten duftet.

Um ihren linken Seidenknöchel,
wenn sie die weißen Bälle pariert,
klirrt ein Goldkettchen.

Abends ist Feuerwerk.

Man drängelt sich mit ihr in eine möglichst düstre Ecke,
läßt sie sich schmachtend an seinen Busen lehnen
und sieht zu, wie die Sterne zerplatzen.

Ah!

Ein Fünfminutenkuss und gar kein Fischbein.


Daphnis. Ein lyrisches Portrait aus dem 17.Jahrhundert. 1904
Er lihgt mit ihr im Grünen.
Ode Jambica

Der vor bereiffte Wald
steht wihder wohl gestalt/
der ganze grüne Grund
lacht wihder Bluhmen-bundt.
Schon pärlt auß ihrer Kehle
die köstlichsten Jubele
mit gleichsahm siegerischem Schall
die durchaus kleine Nachtigall.

Der holden Gracien Schaar/
das Klee-gepaarte Paar/
zeigt itzt so rächt mir Lust
sich seine nakkte Brust.
Schon pakkt man sich am Bändel/
kom mit mir in den Qwändel!
Vergraben gantz in Helffen-Bein/
will alles itzt gestorben seyn!

Dorillgen/stoltzes Thier/
waß hastu gegen mir?
Du mühst dich fast aus Stein
wie Niobe zu seyn.
Rubinen und Korallen
bezihren dir die Ballen/
ach/künt ich doch/du süßes Huhn/
vergnügt in deinen Armen ruhn!

Du göldener Magnet
auß Julep und Zibeth/
du Sarg for meine Pein/
kom/laß mich bey dir seyn!
Dein Häuptgen kräntzt ein Kröngen
auß lautter Tausend-Schöngen/
die lihbe Frau auß Amathunt
ist Hindten-rümb nicht halb so rund!

Gläubs mir/ du junges Bluht/
ich bin kein Fünffzehn-Hut.
Ich bün zu jeder Zeit
for Zucht und Ehrbarkeit.
Den klugen Catalinnen
gab ich mich gantz von innen/
ein solches Herz schmihrt insgemein
die Tugend rächt mit Balsam eyn!

Ey/Ey/was ist denn daß?
Ich gläub/da hastu waß?
Von dihsem wehrten Ort
zih ich die Hand nicht fort.
Vor solchem Paradiese
wird Cypripor ein Riese;
verstatte/daß mein Kihl sich spizzt
und ihm nur Musc und Amber schwizzt!

Ein Zeißgen dirilirt/
ins grüne Gras bostirt/
darzu so kükt es her/
waß hat es denn so sehr?
Der Bach hört auff zu rauschen/
die Oreaden lauschen/
all meinen schwartzen Kummer stopff
ich itzt in dich alß Threnen-Topff!

Catull/Tibull/Properz/
sie lihbten alle Schertz/
Ovid/Horaz/Virgil/
süß droff ihr Fehder-Kihl.
Drümb lehrt auch dich mein Flöhten
empfindlich itzt erröthen;
der Saffran-gelbe Löwen-Zahn
beschehmbt offt sälbst den Dulipan!

Revolution der Lyrik 1899
Hier aus: Arno Holz, Die neue Wortkunst (Das Werk, Bd.10), Berlin (Dietz Nachfolger,732.S.) 1926: S.498-502. Der Titel der Schrift ist hier geändert in "Evolution der Lyrik", nicht mehr "Revolution..".

… Eine Lyrik, die auf jede Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet und die, rein formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der nur noch durch das lebt, was durch ihn zum Ausdruck ringt. Eine solche Lyrik, die von jedem überlieferten Kunstmittel absieht, nicht weil es überliefert ist, sondern weil sämtliche Werte dieser Gruppe längst aufgehört haben, Enwicklungswerte zu sein, habe ich in meinem Buche versucht.
Wozu noch der Reim? Der erste, der - vor Jahrhunderten! - auf Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und auf Brust Lust, war ein Genie; der tausendste, vorausgesetzt, daß ihn diese Folge nicht bereits genierte, ein Kretin. Brauche ich denselben Reim, den vor mir schon ein anderer gebraucht hat, so streife ich in neun Fällen von zehn denselben Gedanken. Oder, um dies bescheidner auszudrücken, doch wenigstens einen ähnlichen. Und man soll mir die Reime nennen, die in unserer Sprache noch nicht gebraucht sind! Grade die unentbehrlichsten sind es in einer Weise, daß die Bezeichnung "abgegriffen" auf sie wie auf die kostbarsten Seltenheiten klänge. Es gehört wirklich kaum "Übung" dazu: hört man heute ein erstes Reimwort, so weiß man in den weitaus meisten Fällen mit tödlicher Sicherheit auch bereits das zweite. Wir vom Publikum haben dann schon immer antizipiert, womit, um mit Liliencron zu reden, der "Tichter" nun erst hinterdreinhinkt. Wir hören Witzen zu, wissen leider aber immer schon die Pointen! Das wäre drollig und schade, daß es ausstürbe, wenn es auf die Dauer nicht so langweilig wäre. So arm ist unsre Sprache an gleichauslautenden Worten, so wenig liegt dies "Mittel" in ihr ursprünglich, daß man sicher nicht allzusehr übertreibt, wenn man blind behauptet, fünfundsiebzig Prozent ihrer sämtlichen Vokabeln waren für diese Technik von vornherein unverwendbar, existierten für sie gar nicht. Ist mir aber ein Ausdruck verwehrt, so ist es mir in der Kunst gleichzeitig mit ihm auch sein reales Äquivalent. Kann es uns also wundern, daß uns heute der gesamte Horizont unserer Lyrik um folgerecht fünfundsiebzig Prozent enger erscheint als der unserer Wirklichkeit? Die alte Form nagelte die Welt an einer bestimmten Stelle mit Brettern zu, die neue reißt den Zaun nieder und zeigt, daß die Welt auch noch hinter diese Bretter reicht. Gewiß, es mag Individualitäten geben, die sich wohl fühlen werden in dem alten Mausloch bis in alle Ewigkeit. Niemand wird sie daran hindern. Nur wird ihre Tätigkeit für den Fortschritt in ihrer Kunst ungefähr denselben Wert haben, den heute das Sodatenspielen unsrer kleinen Kinder für den künftigen Weltkrieg hat. Der Tag, wo der Reim in unsre Literatur eingeführt wurde, war ein bedeutsamer; als einen noch bedeutsameren wird ihre Geschichte den Tag verzeichnen, wo dieser Reim, nachdem er seine Schuldigkeit getan, mit Dank wieder aus ihr hinauskomplimentiert wurde. Für Struwwelpeterbücher und Hochzeitskarmina kann er ja dann immer noch, je nach Bedarf, durch die Hintertür wieder eingelassen werden.
Ähnlich die Strophe. Wie viele prachtvollste Wirkungen haben nicht ungezählte Poeten jahrhundertelang mit ihr erzielt! Wir alle, wenn wir Besseres nicht zu tun wissen und alte Erinnerungen locken, wiegen uns noch in ihr. Aber ebensowenig wie die Bedingungen stets dieselben bleiben, unter denen Kunstwerke geschaffen werden, genauso ändern sich auch fortwährend die Bedingungen, unter denen Kunstwerke genossen werden. Unser Ohr hört heute feiner. Durch jede Strophe, auch durch die schönste, klingt, sobald sie wiederholt wird, ein geheimer Leierkasten. Und gerade dieser Leierkasten ist es, der endlich raus muß aus unsrer Lyrik. Was im Anfang Hohes Lied war, ist dadurch, daß es immer wiederholt wurde, heute Bänkelsängerei geworden!
Es kann natürlich nicht meine Absicht sein, alles, was die bisherige Form von der zukünftigen trennen wird, hier schon heute positiv und negativ in Paragraphen zu zwängen. Es genügt, daß vorläufug das Prinzip gegeben ist. Man kann unmöglich an einem Baum bereits die Blätter zählen, dessen Keim kaum erst aus der Erde ragt.
Ihre ungefähren Umrisse lassen sich bestimmen; ihre Zahl und Pracht ist Sache der Entwicklung.
Wie wenig mir in meinem Buche das, was mir vorschwebte, schon geglückt ist, fühle ich selbst am tiefsten. Nur hier und da, in einzelnen Gedichten, in kleinen Absätzen, oft nur in wenigen Zeilen, glaube ich es bereits gelungen. Mein Leben, dessen äußere Umstände leider nie danach geartet waren, daß ich Ideen, die ich für die einzig fruchtbringenden hielt, ungestört nachgehen durfte, hat mich die Zeit, die Konzentration und die Kraft, die dazu gehört hätten, diese Arbeit, die sich nur als natürliche Aufgabe einer ganzen Generation darstellt, sofort selbst, allein und bis ins einzelnste zu bewältigen, nicht aufbringen lassen. Aber ich gebe diese Hoffnung nicht auf, daß es mir gelingen wird, unterstützt von gleich Überzeugten, die mir folgen werden und die, je nach ihrer Individualität, das Angefangne vertiefen und weiterbilden werden, mit jedem neuen Buche meinem Ziel um einen Schritt näher zu kommen.
Es ist mir keinen Augenblick zweifelhaft, daß man mich sofort auf Goethe und namentlich auf Heine verweisen wird: da, sieh dir an, ihre "Freien Rhythmen"; ist in ihnen nicht alles, was du willst, längst erfüllt? Diese Besserwissenden, ich kann mir nicht helfen, sind ein bißchen schwerhörig. Der geheime Leierkasten, von dem ich behaupte, daß er für feiner Hörende durch unsre ganze bisherige Lyrik klänge, klingt deutlich auch aus jenen sogenannten "Freien Rhythmen". Sie mögen meinetwegen von allem frei sein, von dem man wünscht, daß sie´s sein sollen; nur nicht von jenem falschen Pathos, das die Worte um ihre ursprünglichen Werte bringt. Diese ursprünglichen Werte den Worten aber grade zu lassen und die Worte weder aufzupusten noch zu bronzieren oder mit Watte zu umwicklen ist das ganze Geheimnis. In diese Formel, so unscheinbar sie auch aussieht, konzentriert sich alles. Wenn ich einfach und schlicht - notabene vorausgesetzt, daß mir dieses gelingt, nur mißlingt es mir leider noch meistens! - "Meer" sage, so klingt´s wie "Meer"; sagt es Heine in seinen Nordseebildern, so klingt´s wie "Amphritite". Das ist der ganze Unterschied. Er ist allerdings so wesenstief, daß das Gros, ich gebe mich da absolut keinen Illusionen hin, höchstwahrscheinlich erst hinter ihn kommen wird durch seine Enkel. Die zeitgenössische französische vers-libre-Bewegung - ich habe sie leider zu wenig kontrollieren können, aber ich vermute, daß ihre letzte Tendenz sich mit meiner deckt - scheint mir in Theorie und Praxis erst bis zu Goethe und Heine gelangt. Das heißt also, nur erst bis zu den sogenannten "freien", noch nicht aber schon zu den natürlichen Rhythmen! Jedenfalls von allen, die in Deutschland bisher Verse geschrieben, weiß ich nur einen: Liliencron! Man lese sein Lyrikon "Betrunken". Da ist alles bereits erreicht. Aber er wußte offenbar selbst nicht, was ihm gelungen war, und die Wundertür, die seine Wünschelrute schon gesprengt hatte, fiel, ohne daß er dessen, wie im Märchen, gewahr wurde, wieder hinter ihm ins Schloß. Er war zu sehr Dichter, "nur" Dichter, um zu ahnen, welchen seltsamen Dingen er bereits auf der Spur gewesen. Andre, Jüngere, kamen erst später und waren zweifellos schon beeinflußt. Es waren Kräfte unter ihnen, sogar eine erste Kraft wie Mombert, aber alles blieb nur ein Tappen. Was mit der einen Leistung bereits errungen war, wurde mit der andren wieder preisgegeben. Es war überall, falls ich mich hier des ehemaligen Jargons der seligen Gartenlaube bedienen darf, nur erst Instinkt, noch nirgends Überlegung. ... ... ...


Parallelgedichte
In neueren Schulbüchern befinden sich häufig Arno-Holz-Gedichte. Hier wird eine Anregung - Seite 35 - aus "Seitenwechsel 6", erarbeitet von Winfried Bauer u. a., Hannover (Schroedel Verlag, 240 S.) 1997, aufgegriffen. Übrigens: Die neue Überschrift - für "Schönes, grünes, weiches Gras" -stammt aus der letzten Phantasus-Ausgabe.
Aufgabe:
Entsprechend dem Gedicht "Mählich durchbrechende Sonne" lassen sich wunderbare Gedichte schreiben - vielleicht über deinen Lieblingsort?
Louisa von Strachwitz 6c/2000

Am Strand

Schöner
weicher warmer
Sand
Drin liege ich

Inmitten vieler Muscheln.

Über mir ... warm ... die Sonne
Ein
weites, schütteres
lichtwühlig lichtblendig
lichtwogiges Gelb
das mir die
Augen
langsam...ganz ... langsam
schließt.
Wehende... Luft ... kaum merklich
doch das Rauschen
des Meeres
ist gut zu
hören.
Nun
bin ich mitten in
Spanien.
Deutlich ... spüre ... ich
wie die Sonne
auf mich scheint.

Sophie Evers, Franzi Schmidt-Dencker 6c/2000:

Auf dem Meer

Schönes
blaus, weites
Meer
Drin
schwimme ich
Inmitten bunter
Fische!
Über mir ... scheint ... die Sonne.
Ein
weites schütteres
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes
Blau,
das mir das
Herz
langsam ... ganz ... langsam
schließt.
Tobende ... Wellen ... kaum merklich
ein Rausch, eine
zarte Meeresstimme
Nun bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Glück erfüllt mich ganz,
und deutlich
spüre ... ich ... wie die
Wellen
an meine Haut
klatschen.
Verschwunden
alles ...Nur noch
ich.
Selig!


Julia Shulkevych 6c/2000:

Am Strand

Schöner
weißer, reiner
Strand.
Da
liege ich
Inmitten abertausender
Steinchen.
Über mir ... heiß ... die Sonne
Die Wolken tanzen mit Wonne,
ein fast weißes hellgelbes blendendes Licht
schließt mir
langsam... ganz ... langsam
die Lider.
Ein kleiner, zunehmender
Wind weht
ich spüre ... meine Haut ... meine Glieder
dann
merke ich wieder
die Stille....
-
Nun höre
ich deutlich
ein Rauschen,
Die Wellen schlagen
auf den
warmen, weichen
Sand.

Marie Rusche 6c/2000:

Im Baumhaus

Schöne
grüne, weiche
Blätter.
Drin
liege ich.
Inmitten brauner Äste!
Über mir nichts,
nur Blätter.
Oder doch!
Hier und da
tiefer, schöner
blauer
Himmel.
Nun
bin ich fern
von aller Welt,
allein..
Versunken
alles.. nur noch
ich.
Selig!
Glücklich! Wunderbar!


Vera Haustein 6c/2000

Im Boot

Schnell
und sanft.
Die Wellen,
sie rollen gegen das Boot.
Ein leises ... sehr ... leises Plätschern
Und plötzlich
ein Windstoß.
Das Boot,
es wird
schneller ... immer ... schneller.
Das Wasser spritzt
und knallt gegen den Bug.
Ein Rauschen,
Ein Gleiten,
ich fliege über den See.



Stephan Hilpert 6 c/2000

Im Schnee

Schöner
weißer, tiefer
Schnee.
Drin
gehe ich.
Inmitten hellglitzernder Schneekristalle.
Vor mir ... riesig ... die Berge
eine
schreckliche kalte
endlose, entsetzliche
Kälte,
die mir das
Blut
langsam ... ganz ... langsam
gefrieren lässt.
Klirrende ... schreckliche ... Kälte
ein Frost, ein
heftiger Sturm.
Nun
bin ich fast
auf dem Gipfel.


Thea Küstner 9a/2000

Schöne
braune, strahlende
Augen

Drin seh ich
inmitten des Momentes
Seligkeit
In mir ... liebevoll ... Gefühle

eine
zärtliche, zaghafte
ruhige, warme, sinnliche
gefühlvolle
Berührung
die mich langsam
sanft
mehr ... und ... mehr
träumen lässt..

Wundervolle ... Musik ... ganz leise
kaum hörbar, beruhigt
so ... vertraut.

Augenblick
Die leichte Umarmung
die heißen Wangen
Tränen füllen meine Augen
und
langsam ... schließe ich ... die Lider.
Wärme
fließt durch meinen
Körper
Träume
vertieft
alles ... in mir
still
Leben.

Felix Scheder-Beschien 9a/2000

Auf dem Fußballplatz

Ein schöner
zerfurchter Fußballrasen:
Darauf
ich
mit vielen anderen Spielern,
um mich herum ... gespannt ... die Zuschauer.
Eine große,
wogende, schreiende, fanatische
verschwitzte
Menge,
die mich anspornt:
Immer ... immer ... schneller
laufe ich.

Rufe ... laute Rufe ... von überall,
Schreie
eine johlende Menge.

Endlich,
ich habe den Ball,
laufe meinem Gegenspieler
davon,
ich höre ... weit entfernt ... seine Schritte
verklingen:

immer näher
am Tor:
Schuss
Tor! Alles dreht
sich
um mich.


Briefe an Richard Dehmel
Aus: Arno Holz, Briefe. Eine Auswahl. Herausgegeben von Anita Holz und Max Wagner. Mit einer Einführung von Hans Heinrich Borcherdt. München 1948, (R.Piper&Co. Verlag. Lizenz Nr.US-E-125, 309 S.)
Briefe:
34
(an D. v. Liliencron); 35; 36; 37; 38; 40; 42; 43; 44; 47; 48; 49; 52; 57; 69; 70; 76; 84 (an O. J. Bierbaum); 118; 119; 154; 155.


Arno Holz Sechzigjährig.
Die Freundschaft und Auseinandersetzung zwischen Holz und Dehmel soll dokumentiert werden. Hier zuerst die Holz-Briefe; die Dehmels u.a. Texte werden folgen.

Vorbemerkung von Max Wagner:
Die hier zum ersten Male veröffentlichte bescheidene Auswahl von Briefen des Dichters Arno Holz ist zu einem guten Teile der Sammlung des Arno-Holz-Archives entnommen, die rund 2500 Bogenbriefe und Karten umfaßt, von denen etwa zwei Drittel in der Handschrift vorliegen. Abgesehen von einigen wenigen Schreiben sind die Briefe von Arno Holz nicht in der Absicht ihrer Bekanntgabe durch den Druck, sondern nur für den Empfänger und meist aus den Impulsen des Augenblicks geschrieben, wie die oftmaligen Unterstreichungen in den Urschriften beweisen. Gedankenaustausche mit schöngeistigen Frauen sind nicht vorhanden; Familienbriefe blieben unberücksichtigt; ebenso ist von der Aufnahme literarischer Streitigkeiten, die ihre Erledigung bereits durch die in dem 10.Band der "Werk"-Ausgabe aufgenommenen Klarstellungen gefunden haben, abgesehen worden. Die Sammlung soll das schwerlastende Leben des Dichters erkennen lassen mit den sein Schaffen hemmenden Kämpfen um seine zukunftweisenden Ideen und deren Erfüllung in seinem Werk, um die Anerkennung seiner Führerschaft und - um den bescheiden beanspruchten Unterhalt. Für weitere Veröffentlichungen wird um Zuweisung bisher unbekannter Briefe des Dichters gebeten. M. W.
* Im Folgenden mit Sternchen gekennzeichnete Anmerkungen stammen von Max Wagner.

Brief Nr.34, S.92: An Detlev von Liliencron
Berlin, 23.IX.92
Lieber Freund ! Ich danke Ihnen von Herzen, daß Sie mir einen so prächtigen Menschen (und Künstler !!!) wie Dehmel, vermittelt haben. Was hatte ich früher nicht für verkehrte Anschauungen über ihn gehabt! Nochmals: ein Prachtkerl!!! Ich ziehe alles zurück ... ... ...
In Eile und herzlich! Ihr Arno Holz.

Brief Nr.35, S.92/93: An Richard Dehmel
Berlin W., Sonnabend, 92
Lieber Freund! Meinen allerherzlichsten Dank für Ihren Brief. Ich komme Dienstag. Wenn es Ihnen recht ist, schon um vier. Hätte dann bis sieben Zeit. Montag eine wichtige Entscheidung für mich, von der viel abhängt ... ... ... Soll ich auch zugleich Schmidt* bitten?
Über Verlaine hat Schlaf nichts geschrieben. Er hat nur, im Vorbeigehen, etwas von ihm zitiert. Ich glaube kaum, daß er ihn mehr kennt als ich. Und ich kenne ihn leider fast garnicht. Haben Sie ihn? dann bitte!! Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich ihn Montag früh mit der Paketfahrt erhielte. Wollen Sie die zehn Pfennige an mich dranwenden? Und dann zugleich Ihre Übersetzungen und die übrigen Originale, die Sie mir schicken wollten? Ich bitte Sie herzlich darum. Die "Erlösungen", deren Lektüre mir von a bis z kaum gelungen wäre, wenn nicht das persönliche Interesse an Ihnen immer wieder und wieder dazugetreten wäre, bieten mir noch ein zu wenig faßliches Bild von Ihnen. Und ich bin überzeugt, Ihre neueren Sachen werden mir mehr sagen. Cf. "Oben und unten". Heute, zu meinem Gaudium, erhielt ich eine Carl Blanck gezeichnete Postkarte aus dem Mecklenburgischen mit einem - Sonett!!! In diesem u.a. folgende Vierzeile:
"Nicht schmähen will ich Weimars große Todten;
Seitdem der Menschheit Kronschatz du vermehrt,
Sei mir indeß die Frage nicht verwehrt:
Ist je vorher so Schönes uns geboten?"
Notabene, es handelt sich um das "Buch der Zeit". Die Naiven werden nicht alle! -
In diesem Sinne. Herzlich Arno Holz.
* Schmidt: der Maler Hugo Ernst Schmidt

Brief Nr.36, S.93: An Richard Dehmel
Poststempel: Berlin NW., 22.VI.93
L.R. Natürlich bist Du wieder noch nicht dagewesen! Ich meine im Gewerbemuseum: in der Ausstellung Walter Crane´s*! Alltäglich von 9-3! Komme eben zurück. "Schwimme" noch. Unglaublich schön!!! "Offenbarend" ... ... ... Geh ja hin! Je eher, desto besser.
In diesem Sinne! A.H.
* Walter Crane (1845 - 1915), englischer Maler, Präraffaelit, auch Zeichner von Bilderbüchern für Kinder.

Brief Nr.37, S.93: An Richard Dehmel
Poststempel: Charlottenburg, 11.VII.93
L.R. Wir kommen!! Und zwar mit einem Meisterwerk bewaffnet, wie es die Welt bisher noch nicht gesehen: Schliefens* "Frühling". Lobsinget dem Herrn! Was wird zu dem Bierbaum* sagen? ... ... ...
An Wendt* bereits geschrieben.
Also auf Wiedersehn auf dem Bahnhof!
Herzlichste! V.
* "Schliefen"= Johannes Schlaf, wurde im Freundeskreise nicht nur "Schläfchen", sondern auch "Schliefen" und "Schlieffen" genannt.
* Otto Julius Bierbaum(1865 - 1910), Lyriker und Verfasser von "Prinz Kuckuck" usw.
* Wendt: AH hatte mit seinen jungen Freunden einen literarischen Bund "Wartburg" gegründet. Die Mitglieder hatten sich die Namen von Minnesängern zugelegt: AH = Tannhäuser, Tannhuser; Emil Richter, Kaufmann = Hartmann von der Aue (später auch Sahlmann genannt); Max Trippenbach, stud.theol. = Reinmar der Alte; Dr. Gustav Wendt, Chemiker = Ulrich von Lichtenstein; usw.

Brief Nr. 38, S.93: An Richard Dehmel
Poststempel: Berlin W., 12.I.94
L.R. Wollen Sonntag en masse und per Schlittschuh nach Tegel laufen. Via Kanal und See. Schönste Parthie! Willst Du mit dabei sein? Läuft Bierbaum auch? Willst Du den auch benachrichtigen? Bitte umgehend Antwort, damit ich Dir noch Zeit und Rendezvous schreiben kann. Natürlich nur "Mannslüd".
Herzlichste! L.V.

Brief Nr.40, S.95/96: An Richard Dehmel
Sonnabend. Mai 94
Lieber Riehtze! Seit gestern Nachmittag ist Schliefen wieder hier. Logier bei Hanschen*. Zustand wie gewöhnlch. Komponiert aus schwankenden Gestalten! Wollen´s jetzt, da alles bisher nichts geholfen, mit hypnotischen Einwirkungen versuchen. Natürlich je früher, desto besser. Nicht wahr? Du hast Beziehungen zu Hübbe-Schleiden*. Könntest Du Dich nicht schon morgen zu ihm rausmachen und ihn um eine betreffende "Adresse" bitten? Wir haben gehört, es sollen hier in Berlin Leute des einschlägigen Genres zu haben sein. Hübbe-Schleiden wird sie sicher kennen und den Geeignetsten Dir nennen können. Zögern mit der Geschichte möchten wir keinen Tag länger.
Nicht wahr? Wenn es Dir also irgendwie möglich ist!
Schmerzlichste! L.V.
* "Hanschen": Hans Heilmann, Theater- und Kunstkritiker, 1905 auf Vorschlag von AH Herausgeber von "Chinesische Lyrik" in R.Piper´s Sammlung "Die Fruchtschale".
* Dr.jur. Hübbe-Schleiden (1846 -1916), Herausgeber der esoterischen Zeitschrift "Sphinx".

Brief Nr.42, S.97: An Richard Dehmel
Charlottenburg, 7.VII.94
L.R. Du mußt mich quam celerrimest mal wieder besuchen. Ich habe eine derartige Masse herrlichster japanischer Buntdrucke momentan zu Hause, daß Du Deine hellste Freude dran haben wirst.
Indiesem! L.V.
P.S. Den Baukasten* an einen Schwager losgeworden. Infolgedessen vorläufig geborgen!!!
* AH hat sich in den Jahren seines literarischen Schweigens u.a. mit dem Erfinden von Kinderspielzeug befaßt (siehe Brief 66). Ein Baukasten wurde patentamtlich geschützt. Die "Laufende Maus" ist nicht seine Erfindung.

Brief Nr.43, S.97: An Richard Dehmel
Berlin W., 12.X.94
Lieber Riehtze! Habe natürlich den pp.Lensing als "Kunstwerk" auch garnicht lesen wollen. Was bleibt aber einem anders übrig, wenn der Autor von solchem Mist sich sozusagen permanenent mit dem jungen Goethe vergleicht? Auch die Parallele mit Alberti muß ich zu meinem Bedauern aufrecht erhalten. Mit Dreck, mit veritablem Dreck schmeißt auch der gute Lensing. Du weißt, daß mir jede persönliche Empfindlichkeit so ziemlich fern liegt. Nichtsdestoweniger bleibt es meine Meinung: Bonmots, wie "Holz und Stroh, Schlaf und Schaf", darf sich, ganz abgesehen von ihrer kläglichen Witzlosigkeit, die noch zu übertrumpfen höchstens einem Weinreisenden glücken würde, ein Bursche, dessen eigene Leistungen zur Zeit noch gleich absolut 0,0 sind, einfach nicht erlauben! Es existiert eben meinem Gefühl nach auch ein "Recht zu schimpfen". Und, es tut mir leid, aber in sämtlichen rebus aestheticis streite ich dies dem genannten Knaben ganz energisch ab. Confer die alten Steine im Glashaus. An solchen "Zorn im Leibe" glaube ich einfach nicht! Er müßte sich sonst zuerst gegen seinen eigenen Besitzer selbst gekehrt haben. Schluß! -
Ja, Mombert!* Alle unterschiedlichste Hochachtung. Den laß ich mir gefallen. Und erst 22? Mehr, mehr, mehr! Das ist ja ein Prachtkerl! Allerdings: das seh ich auch schon kommen (nb. vorausgesetzt, ich veröffentliche überhaupt noch was): man wird mich dann für den handfertigsten "Schüler Momberts" ausgeben, wie man mich s.Z. in Gemeinschaft mit Schliefen für den biereifrigsten Nachtreter desgroßen Reformators Gerhart Hauptmann ausgegeben hat. Es existiert ja noch heut das schöne Wort: "Hauptmannianer". Na! Ejal is schließlich ooch!
Indiesemste! L.V.
War neulich übrigens mit ihm zusammen. Betonte mehrmals. daß er sich als "Schüler Goethes" fühle. Wüßte, außer seinem mißglückten "Prolog", allerdings nichts, was ihn dieser schon gelehrt hätte ...
*Dr. Alfred Mombert (1872 - 1940), Lyriker, Verfasser von "Tag und Nacht" (1894), "Der Glühende" (1896) u.a.m.

Brief Nr.44, S.98: An Richard Dehmel
Schöneberg bei Berlin, 4.XI.94
L.R. Ein herrliches Biest! Mehr, mehr, mehr!! - Jede Deiner "solchen" Sendungen ist mir ein sogenanntes Fest. O Du - Baukasten Du!! Jeden Tag sitze ich über ihm und zirkle. Acht Stunden! Und Ostern wird er erst fertig!! Ob´s mir dann endlich glücken wird, von seinen Zinsen auch zu "tichten"? All mein Jammer packt mich, so oft ein Neues von Dir mich - pardon für das Blümchenwort - entzückt. Jedenfalls aber: mehr, mehr, mehr von der Sorte!
L. V.
Würde "kann man" stehn lassen!

Brief Nr.47, S.100: An Richard Dehmel
Berlin, 18.XII.94
L.R. Heute nachmittag Deinen "D.M."* erhalten. Unvergleichlich! Zitterndstes Leben. Wo bleiben da alle andern? Der liebste Detlev nicht ausgeschlossen ... ... ... Kommen, falls wir nicht noch zeitig abschreiben, Donnerstag Nachmittag mit Schmettows* zu Euch.
Bis dahin Betreffendste! L. v.
* D.M.: "Der Mitmensch", Tragikomödie von Richard Dehmel.
* "Schmettows": Clara und Hugo Ernst Schmidt. Der Maler, im Freundeskreis "Schmettow" genannt, hatte die Beziehungen zwischen AH und Gerhart Hauptmann geknüpft.

Brief Nr.48, S.101: An Richard Dehmel
Berlin W., 23.IV.95
L.R. Stimmt: "Clara" und "Hugo Ernst". - im übrigen! Aber darüber bist Du Dir wohl selbst am Klarsten? Dein Experiment ist ein mehr als gewagtes! Widmungen, gewiß, sind schön; aber keine - sind besser. Ich bib gespannt auf den Gesamteindruck. Dann noch eins! Nachträglich: Im 4. und namentlich im 5.Akt, glaube ich, fehlt noch etwas mehr "Schmerz" Peters. Confer die Szene mit Lux und Krause. Der Bonhomme geht auf diese Leute sofort zu sehr ein. Ich meine, er darf das Schauerliche, das ihn eben getroffen, keinen Moment vergessen. Grade seine Apathie würde ihn uns sympathisch machen. Vor allem zum Schluß, und namentlich auch die Tat Ernsts gewissermaßen "noch motivierter" erscheinen lassen.
Allerherzlichste von uns Beiden!! -

Brief Nr.49, S.101: An Richard Dehmel
L.R. Herzlichsten für das Buch. Zitat im Pan* sollgeschehen. Rot des Umschlags unglaublich schön! Schliefens Adresse erst heute aufgestöbert: Brreege (Insel Rügen) Logierhaus.
Sämtliche! L. v.
P.S. Kennt Liliencron schon Hamsuns "Pan"? Ich glaube, das müßte ein Buch nach seinem "Herzen" sein. Die Iselin-Stellen darin ersten Ranges! -
* Pan: Bibliophile Kunstzeitschrift

Brief Nr.52, S.102: An Richard Dehmel
Wilmersdorf, Pariserstr. 25, 30.IX.96
Liebster Riehtze! Ich fühle mich Deiner Aufforderung gegenüber in einer gewissen Verlegenheit. Nicht so sehr gegen Teile hätte ich Ausstellungen, obgleich solche sich mir ebenfalls aufdrängen, als vor allem gegen das Ganze. Ich halte es in jeder Beziehung zu sehr "gemacht". Ich fände eher alles in dem Ding, als - worauf seinem Titel nach doch unbedingt ein Hauptwert zu legen wäre - Humor. Zu diesem scheint mir in erster Linie (und dann immer wieder und noch mal wieder!) Natürlichkeit zu gehören. Ich entsinne mich aber kaum einer Arbeit von Dir, die mir auch nur annähernd so gekünstelt vorgekommen wäre. Selbstverständlich kann dieses Urteil von mir keinen Wert für Dich haben. Denn ich entwickele mich mehr und mehr zum Fanatiker der Einfachheit. Und kein Fanatismus ist duldsam. Trotzdem scheint mir die Möglichkeit für Dich, damit den Preis des "Simplicissimus" runterzustechen, nicht ausgeschlossen. Es paßt zu den Vignetten von Heine*. Und es wäre Tollheit, an diesen irgendeine Linie verändern zu wollen. Sunt ut sunt. Und so, meine ich, denke nun auch über Deine "gelbe Katze" - Est ut Est! - und laß Dich meine Andersgläubigkeit nicht besonders verdrießen.
Wie immer in den betreffenden Sorgen um das Nötigste bis an den Hals und drüber
Dein L. V.
* Thomas Theodor Heine (1867 - 1948), Maler und satirischer Zeichner, gründete 1896 mit Albert Langen in München den "Simplicissimus".

Brief Nr.57, S.107: An Richard Dehmel
Wilmersdorf, 28.X.96
Liebster Riehtze! Ich danke Dir herzlich für Deine Zusendungen. Ich hätte schon eher geschrieben, wenn ich - das Porto gehabt hätte. ... ... Der Gedichtband* ist "tadellos" gelungen bis auf den abscheulichen Umschlag. Schade, daß Du so mit ihm reinfallen mußtest. Bei nächstem schönen Wetter komme ich mal wieder raus und dann bequackeln wir uns auch über das Übrige. Liliencrons Poggfred fiel mir vor einigen Tagen zufällig in die Hand. Ich war entsetzt. Das ist ja die vollständigste Pleite! So hoch ich den guten und lieben Detlev auch halte, aber zu einer sogenannten Komposition hat und wird er es nie bringen können. Er ist und bleibt der geborene Mosaikarbeiter. Zu anderm, darüber muß man sich klar sein, langt´s nicht. Mit andern Worten: si tacuisset, philosophus mansisset! -
Ich habe vor einigen Tagen die "Sozialaristokraten" an Reicher* geschickt. Willst Du mir den Gefallen tun und bei ihm vorbeigehen, ob er sie nicht Engels empfehlen möchte? Ich habe nämlich Blumenthal und diesem ebenfalls je einen Abzug zugestellt. Denn das famose Theater des Westens hat nun inzwischen auch abgelehnt. Weigert sich nun noch Blumenthal*, dann ist´s mal wieder glücklich aus mit mir. Vielleicht tut´s Reicher, und vielleicht nütz´s sogar. Notabene, solange es dazu überhaupt noch Zeit ist. Denn die Unglücksbotschaft kann mit jeder Post eintreffen.
Herzlichte. Moriturus.
* Der erwähnte Gedichtband: "Weib und Welt" von Richard Dehmel (1896, Schuster&Loeffler, Berlin).
* Emanuel Reicher (1849 - 1924), Schauspieler am "Deutschen Theater" in Berlin. Georg Engels (1846 - 1907), Charakterdarsteller, der erste "College Crampton".
* Oskar Blumenthal (1852 - 1917), Schriftsteller, gründete 1888 das Lessing-Theater in Berlin, das er bis 1897 leitete.

Brief Nr.69, S.120: An Richard Dehmel
Berlin W., 31.I.98
L.R.! Schönsten Dank! Lasse Dir selbstredend in jeder Beziehung mit größtem Vergnügen eigenste Hand. Bloß Keinem ins Handwerk pfuschen! Du wirst das selbst am Besten machen. Was meinst Du dazu? In den "Zwischenpausen" Compositionen von Stolzenberg? Er hat von Mombert und mir zusammen mindestens 25. Es ließe sich die brillianteste Auswahl treffen. Kräfte würden in Breslau* sicher aufzutreiben sein.
Herzlichste. Arno.
*Richard Dehmel veranstaltete einen Vortragsabend moderner Lyrik in Breslau. Georg Stolzenberg (1857 - 1941), Komponist und Lyriker, vertonte u.a. neben Gedichten moderner Lyriker ("Neue Dichter in Tönen", 2 Hefte) eine Anzahl "Dafnis-Lieder" (3 Hefte). Seine Gedichte: "Neues Leben" (3 Hefte, 1898,1899, und 1903) und "Garbenscheuer" (1937) schuf er als erster Schüler von AH in der "Phantasus"-Form. - Erinnerungen enthält das Heft "Arno Holz und ich" (1937). Von Verlaine vertonte Stolzenberg in der Übersetzung von Richard Schaukal das "Regenlied"; auch das dreigeteilte Gedicht "frühling" von AH (Werke I, S.266 bis 267) komponierte er in einer vom Wort ausgehenden neuen Form.

Brief Nr.70: An Richard Dehmel
Pankow, 28.II.98
L.R.! Eben den Verlegern von Christian Morgenstern und noch verschiedenen Andern in diesem Genre den "Phantasus" angeboten und - eine Ablehnung erhalten. Drollig. Nicht? Gottseidank: ich befinde mich bei Mombert in bester Gesellschaft.
Grüße! A.H.

Brief Nr.76, S.124: An Richard Dehmel
4.12.98
L.R.! Mit größtem Vergnügen! Ich wünsche Dir außerordentlichen Erfolg. Willst Du Dir ein ganz besonderes Verdienst erwerben - so lies die Flördeliese*!! Vor Deinem Publikum kannst Du sie, meine ich, riskiren. Ich lege sie "anbei". Für Deinen Cyclus "Phantasus"* hätte ich, falls Du solches wünschst, allerhand Neues. Sollichs Dir schicken? Und, da ich das Meiste abscribiren muß, bis wann?
Herzlichste! L. v.
* "Flördeliese": Siehe "Blechschmiede (Werk I, S.422 - 428)
* Richard Dehmel brachte in seinen Vortragsabenden auch "Phantasus"-Gedichte zu Gehör.

Brief Nr.84, S.130: An Otto Julius Bierbaum
Berlin-Wilmersdorf, Uhlandstr. 106, 21.VI.02
Sehr geehrter Herr! Durch die Firma C.F. Amelang in Leipzig ist an die bekanntesten Lyriker ein Rundschreiben ergangen, ihr und ihren Rechtsnachfolgern einen Erlaubnisschein" auszustellen, laut welchem sie berechtigt sein soll, in ihrer Anthologie "Polko Dichtergrüße" Arbeiten dieser Autoren für alle Zeiten honorarfrei abzudrucken.
Da das neue Gesetz uns endlich die Möglichkeit giebt, uns gegen solche Ausbeutungen zu wehren, versuche ich es, die nachstehenden fünf Autoren zu einem Zusammenschluß zu bewegen, indem ich überzeugt bin, daß sich diesem Vorgehn dann auch die Mehrzahl der übrigen hier in Betracht Kommenden anschließen würden. Äquivalente von solchen Anthologieenzusammenstellern als Einzelner zu verlangen, wäre zwecklos. Einigten sich aber mit dem Unterzeichneten auch nur die nachstehenden Fünf, so würden ohne diese Namen die betreffenden Sammlungen litterarisch wertlos und auf diese Weise die Verleger zu Honorierungen einfach gezwungen sein!
Billigen Sie mein Vorgehen, so bitte ich um Ihre umgehende Zustimmung, indem ich voraussetze, daß Sie der Firma Amelang, falls dies nicht bereits geschehn, den betreffenden "Erlaubnisschein" noch nicht unterschreiben. Sobald als möglich erhalten Sie dann die Namen der im Prinzip mit uns Einverstandenen, sowie positive Vorschläge.
Hochachtungsvoll Arno Holz.
Pardon für Schema Copie!
Bierbaum
Busse
Dehmel
Falke
Liliencron

Brief Nr.118, S.164: An Richard Dehmel
Wilmersdorf, Holsteinische Str.31. 29.XI.o5
Lieber Dehmel! 25 Exemplare des neuen Statuts, sowie die Mitteilung, ob wir mit Holland Convention haben (ich glaube "nein"), werden Dir durch Hirschfeld zugehen. Im "Übrigen" meine ich: wir hätten nun lange genug "gegrollt"* - um "nichts"! - und ich würde mich daher, und zwar aufrichtig und herzlich, freuen: wenn Du wieder den Weg zu mir fändest, statt daß wir uns noch mal bei dem guten, aber ach so öden Hirschfeld träfen. Dir recht? Dann, bitte, schreibe mir, wenn ich Dich erwarten darf. Nochmal: es würde mir eine wirkliche Freude sein!
In diesem Sinne herzlichst Dein A.H.
* AH hatte 1901, gezwungen durch Max Bruns, an den ihm als Muster hingestellten Versen von Richard Dehmel Kritik üben müssen (Werk X, S. 627 - 630). Die hier angebotene Friedenshand wurde von dem tief grollenden Dehmel zurückgewiesen. Der Verkehr beschränkte sich auf die Geschäftsführung des "Kartells lyrischer Autoren". 1909 bot die Herausgabe der Briefe von Detlev von Liliencron durch Dehmel Anlaß zu einem wortkargen Briefwechsel. Erst der 50, Geburtstag von AH brachte die beiden Dichter zur Wiederaufnahme ihrer Freundschaft (siehe Brief 154 vom 29.April 1913).

Brief Nr.119, S.165: An Richard Dehmel
Wilmersdorf, 1.XII.o5
Lieber Dehmel! Es war taprig von mir. Ich hätte meinen Vorschlag nicht machen sollen. Es war ein Stück verspäteter und daher deplacierter Romantik.
Unter der Rubrik "Pack schlägt sich etc." hatte ich uns nicht schachteln wollen. Meine Zeilen hatten ihren Grund lediglich in dem Empfinden gehabt, daß unser "Briefwechsel" damals seinen Ausgabgspunkt nicht wert gewesen war, und in der Annahme, dies Gefühl hätte inzwischen auch über Dich Herrschaft gewonnen. Sonst nichts. Mit faulen "Äppeln" habe ich noch niemand beworfen; also auch Dich nicht. Dein Vorwurf, ich hätte dies damals "erst öffentlich und dann privatim" getan, trifft mich so wenig, als ob Du mir geschrieben hättest, ich hätte damals Taschentücher von Dir gestohlen, oder Ähnliches. Deine "Rache" habe ich bereits nach dem ersten Gesätzle wieder aus der Hand gelegt. Die "Literatenseele" - und wenn vielleicht auch noch so in der Erregung niedergeschrieben - genügte mir. Ich wollte mir nicht mein Erinnerungsbild an Dich verderben. - Im übrigen hoffe ich, daß es uns gelingen wird, jede Art Theatralik zwischen uns nach wie vor zu vermeiden.
Gruß! Arno Holz.

Brief Nr.154, S.199: An Richard Dehmel
Berlin W. 30, 29.IV.13
Lieber Dehmel! Auch Dein Brief war mir eine Freude, und zwar eine allerherzlichste! Ich fand es lächerlich und klein, was uns "auseinandergebracht" hatte. Ists Dir recht - und aus Deinen Worten klingt das heraus - sind wir wieder die alten!
Von Herzen, auch ich, Dein "L.v.V."

Brief Nr. 155, S.199/200: An Richard Dehmel
B.W. 30, 24.V.13
Ich erinnre mich, oder glaube mich zu erinnern, daß Du mal unlängst mit als einer der, sagen wir "Revisoren der Schiller-Stiftung" aufgestellt warst. Und daß Ihr Euch damals "vertrauensvoll ausspracht, die Schillerstiftung werde ..." etc.etc.!
Zu meinem "50." wurde an sie der Antrag gestellt, mir eine "Ehrengabe" zu bewilligen, und zwar unter Einreichung der Anlage, die Du ja ebenfalls unterzeichnet hattest. Das "Resultat" heute? 750 Mark!! Ich fühlte diese Bettelsumme wie einen Affront und lehnte natürlich umgehend ab! Wie stellst Du Dich und die damaligen Revisoren sich zu dieser "Summe"? Empfindest Du sie ebenso, wie ich, oder "billigst" Du sie? Wäre es jetzt nicht endlich Zeit, mit dem betreffenden Gesindel - ich spreche hier nicht für mich, der ich auf die Brüder pfeife, aufzuräumen??! 41 der ersten "Intellektuellen" Deutschlands "ergreift und beschämt" etwas, 41 erste "Intellektuelle" Deutschlands "fordern die Nation auf", eine "Schuld durch eine "Ehrenspende" zu tilgen", und die "Deutsche Schillerstiftung", die nächste dazu, beteiligt sich an dieser Tilgung mit 750 Mark! Ist das nicht eine Affenschande, die einfach zum Himmel brüllt? In der Hoffnung und Annahme, daß Du und keiner der mit Dir dabei Beteiligten diese "Herausforderung" der betreffenden Herren auf Euch sitzen lassen werdet,
herzlichst A. H.
N.B. Ich schrieb diese Zeilen nur an Dich, da ich Dich in dieser Angelegenheit für den Berufensten halte.