Zeitgenossen

Hugo von Hofmannsthal
Aus "Almanach 1925", S. Fischer Verlag.



Würdigungen und Polemiken: zeitgenössische literarische Portraits
Victor Hadwiger
Martin Moebius
(O. J. Bierbaum)

Zusammenhang mit Dehmel
Brief an Richard Dehmel
Texte von Hofmannsthal
Gedichte und kleine Dramen

Sabine Schwarz, Verena Vielhaben
Klasse 10a, 2000
Interpretationen zu "Idylle"

Jonas Singelmann
Grundkurs Deutsch, 3. Semester
Interpretation der "Reitergeschichte"
Katharina Bauer, Charlotte Bartels,
Julian Müller
Kreatives Schreiben:
Doppelgänger - und Selbst-
begegnungstexte nach der "Reitergeschichte"

Laura Spengler,
Umschreibung der
"Reitergeschichte"
à la A. Schnitzler

Die Homepage der
kritischen Hofmannsthal-Ausgabe

Zeitgenössisches "literarisches Portrait" von Victor Hadwiger aus:
Führer durch die moderne Literatur
, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung der Schriftsteller Victor Hadwiger, Erich Mühsam, René Schickele, Walter Bläsing. Berlin 1906. S.93-94

Hugo von Hofmannsthal. Die Überwindung des Naturalismus, der seine Grenzen bis in den äußersten Süden des deutschen Sprachgebietes vorgeschoben hatte, mußte naturgemäß zum erstenmal gerade hier in Erscheinung treten. Die graziöse, leichtlebige Art des Wienertums duldete die literarische Klobigkeit nicht lange unter seinen Dichtern. Es suchte wieder nach Marmorschönheit, nach Stil mit einem Worte, und erreichte diesen auch in der Architektonik der Verse Hofmannsthals. Hugo von Hofmannsthal (1874 in Wien geboren, lebt ebenda) ist trotz seiner umfangreichen dramatischen Produktion und seines unleugbaren Bühnengeschicks als spezifisch lyrisches Talent zu betrachten, als ein Talent, das seine Note durch einen auf subjektiver, individualisierender Grundlage basierenden Eklektizismus erhält. Neben Goethe und Jakobsen
sind es auch moderne Einflüsse, vor allem der des nur wenige Jahre älteren Stefan George, die ihn zu einem klassizisierenden Formalismus hinleiten. Aber nicht so wie letzterer aus mystischen Tiefen die Gesichte der Dinge holt, macht es Hofmannsthal; er arbeitet seine Bilder aus einem konkreteren Material. Er ist ein Ziseleur im Verse wie der Däne Jakobsen in der Prosa, ein Plastiker wie Goethe und nimmt von George eigentlich nur das Prinzip der Sprachgestaltung. Für Prägnanz und Lapidarismus der Naturalisten setzt die neue Schule, wir wollen sie Renaissanceromantik nennen, den Wort= und Bilderrausch; sie charakterisiert in farbigen Flächen, wie Heine mit Strichen angedeutet hatte. Durch dieses Prinzip allein schon, das dem Toninhalt der Sprache wieder zu seinem Recht verhalf, wurde ihr der Sieg über die stammelnde Kargheit des Ausdrucks, wie sie beispielsweise im "Phantasus" allen Reichtum des natürlichen Stimmungsgehaltes mancher Gedichte geradezu erstickte, gar leicht, und die Schar der Hofmannsthal=Schüler und =Verehrer wuchs, wie die der Holzianer abnahm. Daß sich diese formelle Regeneration so vielversprechend gerade in der Persönlichkeit Hofmannsthals vollzog, nachdem andere, wie beispielsweise Felix Dörmann, in ihren Versbüchern dem Formdemokratismus der Epigonen Walt Whitmans seine aristokratisch=nervöse Zentifolientechnik gegenübergestellt hatten. Warum gerade Hofmannsthal die Keime, die im Boden seiner engeren Heimat bereits wucherten, zur Blüte erlösen mußte,das lag wohl hauptsächlich in dem Umstande, daß diesmal, - anders wie sonst, wenn es sich um die Erscheinung einer gesättigten Kultur handelt, - nicht ein Dekadenter und Überreizter die Hegemonie an sich reißen durfte, im Gegenteil das schlummernde Erbe der italienischen Renaissancepoeten einem Gesunden zufallen mußte. Auf eine müde, in gequälten Melodien sich dahinschleppende Zeit war eine klangarme,, klanglose gefolgt, und alles, was sich an lebendiger Energie in Ton und Farbe sozusagen durch Jahrzehnte aufgespeichert hatte, wurde plötzlich frei und suchte sich in den verschiedenen Richtungen auszubreiten. Bei vielen zerriß es die Grenzen, zerrüttete und entstellte die, die ihm entgegenkamen, so bei den Impressionisten, wo die Karikatur den Typus verschlang; bei Hofmannsthal dagegen fand der strenge Strom ein strenges, kompaktes Gefäß, eine Natur, die sich nicht überfluten oder gar zersprengen ließ. - Wollen wir Hofmannsthal mit anderen Verskünstlern früherer Perioden unserer Literatur vergleichen, so springen uns sofort wesentliche Unterschiede in die Augen, die vielleicht für das intimere Verständnis seiner Kunst nicht ohne Bedeutung sind. Bei aller Gemeinsamkeit, die ihn im Prinzip beispielsweise mit Heine verbindet, wir meinen die Sauberkeit und Überlegtheit der Technik, ist unser Zeitgenosse in seinem Verhältnis der Sprache gegenüber , wir wagen diese Behautung, der bei weitem Reichere. Wie der eine ein mühevoller Entdecker ist, ist der andere ein souveräner Herr im Prunkgewande; wie der eine sucht, so wählt der andere. Er ist der typische Aristokrat, den Nietzsche verwöhnt hat; mit der Grazie des Aristokratismus, aber auch mit seinen Anstößigkeiten, immer peinlich gekämmt und gewaschen, immer bewaffnet - mit Geistreicheleien und kleinen Oberflächlichkeiten, die so mit dazu gehören, weil das Gähnen vielleicht doch irgendwo hinter den Portieren lauert. Hofmannsthal ist ganz das Produkt einer Zeitepoche und seine Kunst ein Resumé aus einem Teil ihrer Kulturreflexe, ein Erfüller und nicht, wie viele zu glauben geneigt waren, ein Schöpfer und Prophet. Er besitzt alle Charakteristika des Talentes und gar keine des Genies. In allen seinen Büchern versteht er es stets über einem guten Durchschnitt zu bleiben, und auch die kleinste Kleinigkeit ist ihm wertvoll genug, das Hofmannsthalsche Renommée stützen zu helfen; seine Höhepunkte sind Höhepunkte der künstlerischen Berechnung, nicht des unmittelbaren Impulses. Er kargt nicht mit dem Effekt, aber er läßt sich doch nicht hinreißen. Und er kommt sich entgegen, wenn er in der Wahl der äußeren Form diejenigen Maße wählt, welche die strengste künstlerische Zucht verlangen, die Maße eben jener erwähnten Renaissance. Es ist bezeichnend, wie ihm gerade in diesen von ihm bevorzugten Rhythmen die feinsten Nüancen, Töne von in deutscher Sprache nie gehörter Reinheit und Weichheit gelingen, wie er imstande ist, ein Gefühl oder Bild ganz in Melodie umzusetzen. Noch eines Momentes sei zur Charakteristik der Lyrik Hofmannsthals gedacht, seines intimen Verhältnisses zur bildenden Kunst. Das Bildnerische in seinen Versen hält dem Musikalischen die Waage, ja es ist stellenweise noch stärker, und nicht selten sieht man deutlich, wie er nach Modellen arbeitet, wie er ganz Plastiker wird.
Der gleiche Standpunkt, der den Lyriker Hofmannsthal charakterisiert, ist auch dem Dramatiker gegenüber gerechtfertigt. Denn fast alle Elemente seiner Dramen und gerade die dichterisch wertvollsten sind die lyrischen. - Unter dem Pseudonym Theophil Morren veröffentlichte er 1892 unter dem Titel "Gestern", Studie in einem Akt in Reimen, eine kleine dramatische Filigranarbeit, die ihn im wesentlichen bereits vollkommen charakterisiert. Ihr folgte bald darauf "Der Tod des Tizian" und 1894 der "Tor und der Tod". In den Hauptzügen sind die Helden aller dieser Stücke, wie auch der folgenden, "Die Hochzeit der Sobeide", "Abenteurer", die später unter dem Titel "Theater in Versen" erschienen sind, innerlich verwandt. Immer ist es der unerfüllte Drang, das Leben rastlos auszuschöpfen, der ihre Tragik bedeutet und sie zum Träger einer tiefen Symbolik macht. "Der Kaiser und die Hexe" 1897, "Madonna Dianora" 1898, "Welttheater" 1898 haben ihre intimen Reize und sind Zeugnisse einer überaus zart differenzierten Seele.
Hofmannsthals Bestreben, seine Anlage ganz bestimmte Wege gehen zu lassen, sich sozusagen Grenzen der Persönlichkeit anzuweisen, drückt sich wohl auch darin aus, wenn er fremde Stücke seiner Eigenart untertan macht und sie als Neubearbeitung der modernen Bühne zugänglich macht. Seine "Elektra", die in der Stimmung der Sophokleischen Tragödie neue Lichter abgewinnt und in der Charakteristik der Hauptgestalt eine sichere Hand verrät, hat die letzte Theatersaison um einen interessanten Beitrag bereichert. Sein "Gerettetes Venedig" ist dagegen nur als eine formelle Leistung beachtenswert. V. H.

Illustration von Bruno Paul aus
M. Möbius "Steckbriefe",
Verlag Schuster und Loeffler, Berlin und Leipzig 1900.

Aus : Martin Möbius (d.i. Otto Julius Bierbaum), Steckbriefe, Berlin und Leipzig 1900, S. 85-88.

Hugo von Hofmannsthal, der letzte, schon mit allen Zeichen der Morbidität zur Welt gekommene Sproß einer dem galizischen Uradel angehörigen Familie, deren Stammvater im heiligen Lande (wohin er in den Kreuzzügen als Fahnenträger Gottfrieds von Bouillon gekommen war) von den trauernden Jüdinnen als Sohn Davids empfangen wurde, und die sich im Laufe der Jahrhunderte mit allen Aristokratieen der Welt so vielfach und glücklich mischte, daß ihr Letzter geradezu als extrait quadruple des gesammten europöischen Hochadels bezeichnet werden kann, - ich übergehe, da die Periode ohnehin schon lang ist, die übrigen Adelsqualitäten Hugos und sage, indem ich den Satz

neu anpfähle: Hugo von Hofmannsthal ist ein feiner Kerl. Es giebt nichts, das seiner Poesie verglichen werden könnte, es sei denn eine mit Spitzen in vielen Etagen besetzte seidene Damenunterhose. Unendlich prächtig, unendlich reich, unendlich glänzend, unendlich weich, und, ach, so lecker intim. Es steckt nicht immer viel dahinter, aber es läßt sich stets das Angenehmste ahnen.
Ruppige Leute vermissen an Hugos Versen den Erdgeruch. Die Trampeltiere! Haben Damenunterhöschen je nach Erde gerochen? Sind sie dazu da, nach Erde zu riechen? Wäre es nicht abscheulich, wenn sie nach Erde röchen? Ach, sie rascheln und rauschen so süß, und ihr Parfüm ist sehr hold. So roch, glaubts dem Steckbriefschreiber, die Königin von Saba, die unter den Urahninnen Hugos ist.

Zusammenhang mit Dehmel

Abbildung aus
"Briefe 1890-1901",
S. Fischer Verlag, Berlin 1935.

Eine Interpretation des "Briefes an Dehmel" findet sich im Rahmen einer Untersuchung der "Lyrik des jungen Hofmansthal" von Dieter Schrey.

Brief an Richard Dehmel
(von einer Waffenübung in Mähren)

Ich reite viele Stunden jeden Tag,
Durch tiefen toten Sand, durch hohes Gras,
Durch gutes helles Wasser und durch schwarzes

Im Wald, das quillt und gurgelt unterm Huf.
Zuweilen reit´ ich auf die Sonne zu,
Die Kupferscheibe in den schwarzen Büschen,
Zuweilen gegen feuchten Wind, manchmal
Auf einem heißen steilen Weg, manchmal
Auf einem Damm in heller stiller Luft,
Daß ich die krummen Äste zählen kann
Der Apfelbäume auf der fernen Straße
Und einen Tümpel leuchten seh´, weit weit !
Und meinen Fuchs und meine rote Kappe
Und weiße - Handschuh´ sieht man auch weit weit
Und meine dunklen Hüften, Arm´ und Schultern
Am gelben Damm bei dieser hellen Luft
Wie fliegend Glas, das überm Feuer flirrt.

Zuweilen reiten viele neben mir
Und viele vor mir, alles ist voll Lärm,
Die grünen Mulden dröhnen, und die Luft
Ist voller Klirren, und ich seh´vor mir
(Mit feuchten Augen von dem starken Wind)
Die vordersten hinjagen auf dem Hang:
Ein Knäuel Braun´ und Rappen, zwei, drei Schimmel,
Nur weiße Flecken, und in dem Gedränge
Der dunklen Reiter blinken gold die Helme
Und so die Klingen, wie ein Netz von Adern
Lebend´gen Wassers blinkt im stärksten Mond
(Darüber, weißt du? schwebt es milchig weiß
Und viele Unken schreien, wundervoll).

Zuweilen aber reit´ ich ganz allein
So still! ich höre, wie die Mücke schwirrt,
Wenn sie dem Fuchs vom Hals zur Schulter fliegt;
Lang schau ich einer Nebelkrähe nach
Und folg´ der schwarzen auf dem grauen Weg
Durch dürre Wipfel hin und her, und seh´
Fasanhähnchen auf einander losgehn
Im niedern Gras, wo viele Anemonen,
Schnneeweiße, stehn; sitz´ ab und laß den Fuchs
Mit nachgelaßnen Gurten ruhig grasen
Und riech dann noch, wenn ich zu Haus den Handschuh
Abstreif´, gemengt mit dem Geruch vom Pferd
Den Duft von wildem kühlen Thymian . . .
Und fühl´in alledem so nichts vom Leben !

Wie kann das nur geschehn, daß man so lebt
Und alles ist, als ob´s nicht wirklich wäre?
Nichts wirklich als das öde Zeitverrinnen
Und alles andere wie nichts: das Wasser,
Der Wind, das schnelle Reiten in den Wind,
Das Atmen und das Liegen in der Nacht,
Das Dunkelwerden, und die Sonne selbst,
Das große Untergehn der großen Sonne
Wie nichts, die Worte nichts, das Denken nichts!
Kann denn das sein, daß nur soweit ich seh´
Das Leben aus der Welt gesogen ist,
Aus allen Bäumen, Bergen, Hunden, aus
Unzähligen Geschöpfen, so wie Wasser
Aus einem heimlich aufgeschnittnen Schlauch?

Gleichviel, es ist. Und nun schickst du mir her
Ein Buch so rot wie die Mohnblumen sind,
Die vielen in den vielen grünen Feldern -
Ihr Rot ist mir so nichts, und das Erschauern
Der grünen Felder unterm Abendwind
Ist mir so nichts, - was ist darin vom Leben! -
Und in dem Buch da ist´s, da ist´s, es ist.
Es macht mich schauern, springt von einem Wesen
Zum andern, sucht sich, sehnt sich nach sich selber,
Berauscht sich an sich selber, "flicht o Gott!
In eins die bang beseligten Gestalten,"
Und ist in einem Pfauen so enthüllt!
So grauenhaft in Träumen und Narzissen,
So grauenhaft und süß enthüllt! in Puppen!
Wie kann das wieder sein? Gleichviel. Es ist.

Göding, Kavalleriekaserne, 25. Juni 1895

Aus: Hugo von Hofmannsthal, Nachlese der Gedichte, Berlin (S. Fischer Verlag, 153 S.) 1934, S. 59-61.

Anmerkung:
Das Zitat bezieht sich auf das Jugendstilgedicht von Richard Dehmel
"Im Fluge", zuerst 1893/94 (Neue litterarische Blätter), dann in "Lebensblätter" 1895.


Leseprobe
Aus: Hugo von Hofmannsthal
Die Gedichte und kleinen Dramen
im Insel-Verlag zu Leipzig 1919 (263 S.)

DIE GESAMMELTEN GEDICHTE

Wo kleine Felsen, kleine Fichten
Gegen freien Himmel stehen,
Könnt ihr kommen, könnt ihr sehen,
Wie wir, trunken von Gedichten,
Kindlich schmale Pfade wandern.
Sind nicht wir vor allen andern
Doch die unberührten Kinder?
Sind es nicht die Knaben minder
Und die Mädchen, jene andern?
Sind sie wahr in ihren Spielen,
jene andern, jene vielen?

(S. 3 - nicht paginiert - )


Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelt nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.

(S. 4/5)


Erlebnis

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden,
Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.

Wie wunderbare Blumen waren da
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußte es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.

Aber seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer -
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter
Auf dunkelnblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

(S. 5/6)


Vor Tag

Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand
In sich zusammgesunken das Gewitter.
Nun denkt der Kranke:"Tag! jetzt werd ich schlafen!"
Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt
Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern
Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald
Hebt der Landstreicher ungewaschen sich
Aus weichem Bett vorjärigen Laubes auf
Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein
Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt,
Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf
Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,
Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach
Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild
Und kalten Hauches hin, indessen droben
Der Heiland und die Mutter leise, leise
Sich unterreden auf dem Brücklein: leise,
Und doch ist ihre kleine Rede ewig
Und unzerstörbar wie die Sterne droben.
Er trägt sein Kreuz und sagt nur:"Meine Mutter!"
Und sieht sie an, und:"Ach, mein lieber Sohn!"
Sagt sie. - Nun hat der Himmel mit der Erde
Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht
Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:
Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben.
Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun
Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett,
Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb
Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht
Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst
Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden,
Als hätte dieser selb heute nacht
Den guten Knaben, der er war, ermordet
Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen
Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn,
Und darum sei der Himmel so beklommen
Und alles in der Luft so sonderbar.
Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.

(S. 6/7)


Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

(S. 7)


Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand
- Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand - ,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Denleichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.

(S.8)

Lebenslied

Den Erben laß verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau!
Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten -
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert!

Er geht wie den kein Walten
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!
Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle,
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin.

Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit,
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt:
Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!

Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau
Laß lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau:
Er lächelt der Gefährten. -
Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn

(S.8/9)

Gute Stunde

Hier lieg ich, mich dünkt es der Gipfel der Welt,
Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt!

Die Wege der Menschen sind um mich her,
Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer:

Sie tragen die Ware, die ihnen gefällt,
Unwissend, daß jede mein Leben erhält.

Sie bringen in Schwingen aus Binsen und Gras
Die Früchte, von denen ich lange nicht aß:

Die Feigen erkenn ich, nun spür ich den Ort,
Doch lebte der lange Vergessene fort!

Und war mir das Leben, das schöne, entwandt,
Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!

(S.9/10)


Dein Antlitz…

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon
In frühern Nächten völlig hingegeben

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
Wo auf den leeren Hängen auseinander
Die magern Bäume standen und dazwischen
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen

Und durch die Stille hin die immer frischen
Und immer fremden silberweißen Wasser
Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf!

Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war -
Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
Wie jetzt für das Anschaun vor deinem Haar
Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!

(S.10)

Weltgeheimnis

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wußten drum.

Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.

Und redet´irr und sang ein Lied -
Auf dessen dunklen Spiegel bückt
Sich einst ein Kind und wird entrückt.

Und wächst und weiß nichts von sich selbst
Und wird ein Weib, das einer liebt
Und - wunderbar wie Liebe gibt!

Wie Liebe tiefe Kunde gibt! -
Da wird an Dinge, dumpf geahnt,
In ihren Küssen tief gemahnt ...

In unsern Worten liegt es drin,
So tritt des Bettlers Fuß den Kies,
Der eines Edelsteins Verlies.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wußten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

(S.11)


Ballade des äußeren Lebens

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Früchte nieder
IUnd liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht ein Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende, und totenhaft verdorrte ...

Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

Was frommts, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend" sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

(S.12)

Nox portendis gravida

In hohen Bäumen ist ein Nebelspiel,
Und drei der schönen Sterne funkeln nah:
Die Hyazinthen an der dunklen Erde
Erinnern sich, daß hier geschehen werde,
Was früher schon und öfter wohl geschah:
Daß Hermes und die beiden Dioskuren,
Funkeln vor Übermut die luftigen Spuren
Der windgetragenen Grazien umstellen
Und spielend, mit der Grausamkeit der Jagd,
Sie aus den Wipfeln scheuchen, ja die Wellen
Des Flusses nahe treiben, bis es tagt.

Der Dichter hat woanders seinen Weg,
Und mit den Augender Meduse schauend
Sieht er das umgelegene fahle Feld
Sogleich entrückt und weiß nicht, wie es ist,
Und fügt es andern solchen Orten zu,
Wo seine Seele wie ein Kind verstellt,
Ein Dasein hat von keiner sichern Frist
In Adlersluft und abgestorbner Ruh.
Dort streut er ihr die Schatten und die Scheine
Der Erdendinge hin und Edelsteine.

Den dritten Teil des Himmels aber nimmt
Die Wolke ein von solcher Todesschwärze,
Wie sie die Seele dessen anfällt, der
Durch Nacht den Weg sich sucht mit einer Kerze:
Die Wolke, die hinzog am nächsten Morgen,
Mit Donnerschlag von tausenden Gewittern
Und blauem Lichte stark wie nahe Sonnen
Und schauerlichem Sturz von heißen Steinen,
Die Insel heimzusuchen, wo das Zittern
Aufblühen ließ die wunderbaren Wonnen,
Vor ungeheurer Angst erstorbenes Weinen
Der Kaufpreis war: daß in verstörten Gärten,
Die nie sich sahen, sich fürs Leben fanden
Und trunken sterbend, Rettung sich begehrten,
Daß Gott entsprang den Luft= und Erdenbanden,
Verwaiste Kinder gleich Propheten glühten
Und alle Seelen wie die Sterne blühten.

(S.13/14)

TERZINEN

I
Über Vergänglichkeit

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen;
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

II

Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Des Meeres starren und den Tod verstehn,
So leicht und feierlich und ohne Grauen,

Wie kleine Mädchen, die sehr blaß aussehn,
Mit großen Augen, und die immer frieren,
An einem Abend stumm vor sich hinsehn

Und wissen, daß das Leben jetzt aus ihren
Schlaftrunnen Gliedern still hinüberfließt
In Bäum und Gras, und sich matt lächelnd zieren

Wie eine Heilige, die ihr Blut vergießt.

III

Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
... Nicht anders tauchen unsre Träume auf,

Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf= und NIederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgeacht.

Das Innerste ist offen ihrem Weben,
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

(S.14/15)
Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

(S.16)


Abbildung aus "Deutsche Lyrik
seit Liliencron", Hrsg. H. Bethge,
Hesse & Becker Verlag, Leipzig 1921.


Ein Traum von großer Magie

Viel königlicher als ein Perlenband
Und kühn wie junges Meer im Morgenduft,
So war ein großer Traum - wie ich ihn fand.

Durch offene Glastüren ging die Luft.
Ich schlief im Pavillon zu ebner Erde,
Und durch vier offne Türen ging die Luft -

Und früher liefen schon geschirrte Pferde
Hindurch und Hunde eine ganze Schar
An meinem Bett vorbei. Doch die Gebärde

Des Magiers - des Ersten, Großen - war
Auf einmal zwischen mir und einer Wand:
Sein stolzes Nicken, königliches Haar.

Und hinter ihm nicht Mauer: es entsand
Ein weiter Prunk von Abgrund, dunklem Meer
Und grünen Matten hinter seiner Hand.

Er bückte sich und zog das Tiefe her.
Er bückte sich und seine Finger gingen
Im Boden so, als ob es Wasser wär.

Vom dünnen Quellenwasser aber fingen
Sich riesige Opale in den Händen
Und fielen tönend wieder ab in Ringen.

Dann warf er sich mit leichtem Schwung der Lenden -
Wie nur aus Stolz - dernächsten Klippe zu,
An ihm sah ich die Macht der Schwere enden.
In seinen Augen aber war die Ruh
Von schlafend= doch lebendgen Edelsteinen.
Er setzte sich und sprach ein solches Du

Zu Tagen, die uns ganz vergangen scheinen,
Daß sie herkamen trauervoll und groß:
Das freute ihn zu lachen und zu weinen.

Er fühlte traumhaft aller Menschen Los,
So wie er seine eignen Glieder fühlte.
Ihm war nichts nah und fern, nichts klein und groß.

Und wie tief unten sich die Erde kühlte,
Das Dunkel aus den Tiefen aufwärts drang,
Die Nacht das Laue aus den Wipfeln wühlte,

Genoß er allen Lebens großen Gang
So sehr - daß er in großer Trunkenheit
So wie ein Löwe über Klippen sprang.
.............................................................................

Cherub und hoher Herr ist unser Geist -
Wohnt nicht in uns, und in die obern Sterne
Setzt er den Stuhl und läßt uns viel verwaist:

Doch Er ist Feuer uns im tiefsten Kerne
- So ahnte mir, da ich den Traum da fand -
Und redet mit den Feuern jener Ferne

Und lebt in mir wie ich in meiner Hand.

(S.16/17/18)

Der Kaiser von China spricht

In der Mitte aller Dinge
Wohne Ich, der Sohn des Himmels.
Meine Frauen, meine Bäume,
Meine Tiere, meine Teiche
Schließt die erste Mauer ein.
Drunten liegen meine Ahnen:
Aufgebahrt mit ihren Waffen,
Ihre Kronen auf den Häuptern,
Wie es einem jeden ziemt,
Wohnen sie in den Gewölben.
Bis ins Herz der Welt hinunter
Dröhnt das Schreiten meiner Hoheit.
Stumm von meinen Rasenbänken,
Grünen Schemeln meiner Füße,
Gehen gleichgeteilte Ströme
Osten=, west0 und süd= und nordwärts,
Meinen Garten zu bewässern,
Der die weite Erde ist.
Spiegeln hier die dunkeln Augen,
Bunten Schwingen meiner Tiere,
Spiegeln draußen bunte Städte,
Dunkle Mauern, dichte Wälder
Und Gesichter vieler Völker.
Meine Edlen, wie die Sterne,
Wohnen rings um mich, sie haben
Namen, die ich ihnen gab,
Namen nach der einen Stunde,
Da mir einer näher kam,
Frauen, die ich ihnen schenkte,
Und den Scharen ihrer Kinder,
Allen Edlen dieser Erde
Schuf ich Augen, Wuchs und Lippen,
Wie der Gärtner an den Blumen.
Aber zwischen äußern Mauern
Wohnen Völker meiner Krieger,
Völker immer dumpfen Blutes,
Bis ans Meer, die letzte Mauer,
Die mein Reich und mich umgibt.

(S. 26/27)


Großmutter und Enkel

"Ferne ist dein Sinn, dein Fuß
Nur in meiner Tür!"
Woher weißt dus gleich beim Gruß?
"Kind, weil ich es spür."

Was? "Wie Sie aus süßer Ruh
Süß durch dich erschrickt." -
Sonderbar, wie Sie hast du
Vor dich hingenickt.

"Einst..." Nein: Jetzt im Augenblick!
Mich beglückt der Schein -
"Kind, was haucht dein Wort und Blick
Jetzt in mich hinein?

Meine Mädchenzeit voll Glanz
Mit verstohlenem Hauch
Öffnet mir die Seele ganz!"
Ja, ich spür es auch.

Und ich bin bei dir und bin
Wie auf fremdem Stern:
Ihr und dir mit wachem Sinn
Schwankend nah und fern!

"Als ich dem Großvater dein
Mich fürs Leben gab,
Trat ich so verwirrt nicht ein
Wie nun in mein Grab."

Grab? Was redest du von dem?
Das ist weit von dir!
Sitzest plaudernd und bequem
mit dem Enkel hier.

Deine Augen frisch und reg,
Deine Wangen hell -
"Flog nicht übern kleinen Weg
Etwas schwarz und schnell?"

Etwas ist, das wie im Traum
Mich Verliebten hält.
Wie der enge schwüle Raum
Seltsam mich umstellt!

"Fühlst du, was jetzt mich umblitzt
Und mein stockend Herz?
Wenn du bei dem Mädchen sitzt,
Unter Kuß und Scherz,

Fühl es fort und denk an mich,
aber ohne Graun:
Denk, wie ich im Sterben glich
Jungen, jungen Fraun.

(S.28/29)

Gesellschaft

Sängerin
Sind wir jung und sind nicht alt,
Lieder haben viel Gewalt,
Machen leicht und machen schwer.

Fremder
Leben gibt es nah und fern,
Was ich zeige, seht ihr gern -
Nicht die Schwere vieler Erden,
Nur die spielenden Gebärden.

Junger Herr
Vieles, was mir Freude schafft,
Fühl ich hier herangeflogen,
Aber gar so geisterhaft:
Glücklich - bin ich wie betrogen!

Dichter
Einen hellen Widerschein
Sehe ich im Kreise wandern:
Spürt auch jeder sich allein,
Spürt sich doch in allen andern.

Maler
Und wie zwischen leichten Lichtern
Flattert zwischen den Gesichtern
Schwaches Lachen hin und her.

Fremder
Lieder machen leicht und schwer!

Dichter
Lieder haben große Kraft -
Leben gibt es nah und fern.

Junger Herr
Was sie reden, hör ich gern,
Sei es immer geisterhaft.

(S.29/30)


Der Jüngling und die Spinne

Der Jüngling
(vor sich mit wachsender Trunkenheit)

Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze
Ist über alle Worte, alle Träume:
Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze
Die stillen Wolken tieferleuch´te Räume
Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt:
So trägt es mich - daß ich mich nicht versäume! -
Dem schönen Leben, Meer und Land zu Gast.
Nein! Wie ein Morgentraum vom Schläfer fällt
Und in die Wirklichkeit hineinverblaßt,
Ist mir die Wahrheit jetzt erst aufgehellt:
Nicht treib ich als ein Gast umher, mich haben
Dämonisch zum Gebieter hergestellt
Die Fügungen des Schicksals: Junge Knaben
Sind da, die Ernst und Spiele von mir lernten,
Ich seh, wie manche meine Mienen haben,
Geheimnisvoll ergreift es mich, sie ernten
Zu sehn, und an den Ufern, an den Hügeln
Spür ich in einem wundervoll entfernten
Traumbilde sich mein Innerstes entriegeln
Beim Anblick, den mir ihre Taten geben.
Ich schaue an den Himmel auf, da spiegeln
Die Wolkenreiche, spiegeln mir im Schweben
Ersehntes, Hergegebnes, mich, das Ganze!
Ich bin von einem solchen großen Leben
Umrahmt, ich habe mit dem großen Glanze
Der schönen Sterne eine also nah
Verwandte Trunkenheit -
Nach welcher Zukunft greif ich trunkner da?
Doch schwebt sie her, ich darf sie schon berühren:
Denn zu den Sternen steigt, was längst geschah,
Empor, und andre, andre Ströme führen
Das Ungeschehene herauf, die Erde
Läßt es empor aus unsichtbaren Türen,
bezwungen von der bittenden Gebärde!

So tritt er ans offene Fenster, das mit hellem Mondlicht angefüllt und von den Schatten wilder Weinblätter eingerahmt ist. Indem tritt unter seinen Augen aus dem Dunkel eines Blattes eine große Spinne mit laufenden Schritten hervor und umklammert den Leib eines kleinen Tieres. Es gibt in der Stille der Nacht einen äußerst leisen, aber kläglichen Laut, und man meint die Bewegungen der heftig umklammernden Glieder zu hören.

Der Jüngling (muß zurücktreten):

Welch eine Angst ist hier, welch eine Not.
Mein Blut muß ebben, daß ich dich da sehe,
Du häßliche Gewalt, du Tier, du Tod!
Der großen Träume wunderbare Nähe
Klingt ab, wie irgendwo das ferne Rollen
Von einem Wasserfall, den ich schon ehe
Gehört, da schien er kühn und angeschwollen,
Jetzt sinkt das Rauschen, und die hohe Ferne
Wird leer und öd aus einer ahnungsvollen:
Die Welt besitzt sich selber, o ich lerne!
Nicht hemme ich die widrige Gestalt
So wenig als den Lauf der schönen Sterne.
Vor meinen Augen tut sich die Gewalt,
Sie tut sich schmerzend mir im Herzen innen,
Sie hat an jeder meiner Fibern Halt,
Ich kann ihr - und ich will ihr nicht entrinnen:
Als wärens Wege, die zur Heimat führen,
Reißt es nach vorwärts mich mit allen Sinnen
Ins Ungewisse, und ich kann schon spüren
Ein unbegreiflich riesiges Genügen
Im Vorgefühl: ich werde dies gewinnen:
Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen.
Nun spür ich schaudernd etwas mich umgeben,
Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne,
Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben.

(S.31-33)


Idylle
nach einem antiken Vasenbild:
Zentaur mit verwundeter Frau am Rand eines Flusses.

Der Schauplatz im Böcklinschen Stil. Eine offene Dorfschmiede. Dahinter das Haus, im Hintergrunde ein Fluß. Der Schmied an der Arbeit, sein Weib müßig an die Türe gelehnt, die von der Schmiede ins Haus führt. Auf dem Boden spielt ein blondes kleines Kind mit einer zahmen Krabbe. In einer Nische ein Weinschlauch, ein paar frische Feigen und Melonenschalen.

Der Schmied
Wohin verlieren dir die sinnenden Gedanken sich,
Indes du schweigend mir das Werk, feindselig fast,
Mit solchen Lippen, leise zuckenden, beschaust?

Die Frau
Im blütenweißen, kleinen Garten saß ich oft,
Den Blick aufs väterliche Handwerk hingewandt,
Das nette Werk des Töpfers: wie der Scheibe da,
Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg,
Im stillen Werden einer zarten Blume gleich,
mit kühlem Glanz des Elfenbeins. Darauf erschuf
Der Vater Henkel, mit Akanthusblatt geziert,
Und ein Akanthus=, ein Olivenkranz wohl auch
Umlief als dunkelroter Schmuck des Kruges Rand.
Den schönen Körper dann belebte er mit Reigenkranz
Der Horen, der vorüberschwebend lebensspendenden.
Er schuf, gestreckt auf königliche Ruhebank,
Der Phädra wundervollen Leib, von Sehnsucht matt,
Und drüber flatternd Eros, der mit süßer Qual die Glieder füllt.

Gewaltgen Krügen liebte er ein Bacchusfest
Zum Schmuck zu geben, wo der Purpurtraubensaft
Aufsprühte unter der Mänade nacktem Fuß
Und fliegend Haar und Thyrsusschwung die Luft erfüllt.
Auf Totenurnen war Persephoneias hohes Bild,
Die mit den seelenlosen, roten Augen schaut,
Und Blumen des Vergessens, Mohn, im heiligen Haar,
Das lebenfremde, asphodelische Gefilde tritt.
Des Redens wär kein Ende, zählt ich alle auf,
Die göttlichen, an deren schönem Leib ich
- Zum zweiten Male lebend, was gebildet war -
An deren Gram und Haß und Liebeslust
Und wechselndem Erlebnis jeder Art
Ich also Anteil hatte, ich, ein Kind,
Die mir mit halbverstandener Gefühle Hauch
Anrührten meiner Seele tiefstes Saitenspiel,
Daß mir zuweilen war, als hätte ich im Schlaf
Die stets verborgenen Mysterien durchirrt
Von Lust und Leid, Erkennende mit wachem Aug,
Davon, an dieses Sonnenlicht zurückgekehrt,
Mir mahnendes Gedenken andern Lebens bleibt
Und eine Fremde, Ausgeschloßne aus mir macht
In dieser nährenden, lebendigen Luft der Welt.

Der Schmied
Den Sinn des Seins verwirrte allzu vieler Müßiggang
Dem schön gesinnten, gern verträumten Kind, mich dünkt.
Und jene Ehrfurcht fehlte, die zu trennen weiß,
Was Göttern ziemt, was Menschen! Wie Semele dies,
Die töricht fordernde, vergehend erst begriff.
Des Gatten Handwerk lerne heilih halten du,
Das aus des mütterlichen Grundes Eingeweiden stammt
Und, sich die hundertarmig Ungebändigte,
Die Flamme, unterwerfend, klug und kraftvoll wirkt.

Die Frau
Die Flamme anzusehen, lockts mich immer neu,
Die wechselnde, mit heißem Hauch berauschende.

Der Schmied
Vielmehr erfreue Anblick dich des Werks!
Die Waffen sieh, der Pflugschar heilige Härte auch,
So schafft der Schmied, was alle andre schaffen soll.
Wo duftig aufgeworfne Scholle Samen trinkt
Und gelbes Korn der Sichel dann entgegenquillt,
Wo zwischen stillen Stämmem nach dem scheuen Wild
Der Pfeil hinschwirrt und tödlich in den Nacken schlägt,
Wo harter Huf von Rossen staubaufwirbelnd dröhnt
Und rasche Räder rollen zwischen Stadt und Stadt,
Wo der gewaltig klirrende, der Männerstreit
Die hohe liederwerte Männlichkeit enthüllt:
Da wirk ich fort und halt umwunden so die Welt
Mit starken Spuren meines Tuens, weil es tüchtig ist.

Pause.

Die Frau
Zentauren seh ich einen nahen, Jüngling noch,
Ein schöner Gott mir scheinend, wenn auch halb ein Tier,
Und aus dem Hain, entlang dem Ufer, traben her.

Der Zentaur
einen Speer in der Hand, den er dem Schmied hinhält

Find ich dem stumpfgewordnen Speere Heilung hier
Und neue Spitze der geschwungnen Wucht? Verkünd!

Der Schmied
Ob deines gleichen auch, dich selber sah ich nie.

Der Zentaur
Zum ersten Male lockte mir den Lauf
Nach eurem Dorf Bedürfnis, das du kennst.

Der Schmied
Ihm soll im kurzem abgeholfen sein. Indes erzählst
Du, wenn du dir den Dank der Frau verdienen willst,
Von fremden Wundern, die du wohl gesehn, wovon
Hieher nicht Kunde dringt, wenn nicht ein Wandrer kommt.

Die Frau
Ich reiche dir zuerst den vollen Schlauch: er ist
Mit kühlem, säuerlichem Apelwein gefüllt,
Denn andrer ist uns nicht. Das nächste Dürsten stillt
Wohl etwa weit von hier aus beßrer Schale dir
Mit heißerm Safte eine schönre Frau als ich.

Sie hat den Wein aus dem Schlauch in eine irdene Trinkschale gegossen, die er langsam schlürft.

Der Zentaur
Die allgemeinen Straßen zog ich nicht und mied
Der Hafenplätze viekvermengendes Gewühl,
Wo einer leicht von Schiffen bunte Mär erfährt.
Die öden Heiden wählte ich zum Tagesweg,
Flamongos nur und schwarze Stiere störend auf,
Und stampfte nachts das Heidekraut dahin im Duft,
Das hyazinthne Dunkel über mir.
Zuweilen kam ich wandern einem Hain vorbei,
Wo sich, zu flüchtig eigensinnger Lust gewillt,
Aus einem Schwarme von Najaden eine mir
Für eine Strecke Wegs gesellte, die ich dann
An einen jungen Satyr wiederum verlor,
Der syrinxblasend, lockend wo am Wege saß.

Die Frau
Unsäglich reizend dünkt dieses Ungebundne mir.

Der Schmied
Die Waldgeborenen kennen Scham und Treue nicht,
Die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.

Die Frau
Ward dir, dem Flötenspiel des Pan zu lauschen? Sag!

Der Zentaur
In einem stillen Kesseltal ward mirs beschert.
Da wogte mit dem schwülen Abendwind herab
Vom Rand der Felsen rätselhaftestes Getön,
So tief aufwühlend wie vereinter Drang
Von allem Tiefsten, was die Seele je durchlebt,
Als flöge mein Ich im Wirbel fortgerissen mir
Durch tausendfach verschiedne Trunkenheit hindurch.

Der Schmied
Verbotenes laß lieber unberedet seoin!

Die Frau
Laß immerhin, was regt die Seele schöner auf?

Der Schmied
Das Leben zeitigt selbst den höhern Herzensschlag,
Wie reife Frucht vom Zweige sich erfreulich löst.
Und nicht zu andern Schauern sind geboren wir,
Als um das Schicksal über unsre Lebenswelle haucht.

Der Zentaur
So blieb die wunderbare Kunst dir unbekannt,
Die Götter üben: unter Menschen Mensch,
zu andern Zeiten aufzugehn im Sturmeshauch,
Und ein Delphin zu plätschern wiederum im Naß
Und ätherkreisend einzusaugen Adlerlust?
Du kennst, mich dünkt, nur wenig von der Welt, mein Freund.

Der Schmied
Die ganzekenn ich, kennend meinen Kreis,
Maßloses nicht verlangend, noch begierig ich,
Die flüchtge Flut zu ballen in der hohlen Hand.
Den Bach, der deine Wiege schaukelte, erkennen lern,
Den Nachbarbaum, der dir die Früchte an der Sonne reift
Und dufterfüllten lauen Schatten niedergießt,
Das kühle grüne Gras, es trats dein Fuß als Kind.
Die alten Eltern tratens, leise frierende,
Und die Geliebte trats, da quollen duftend auf
Die Veilchen, schmiegend unter ihre Sohlen sich,
Das Haus begreif, in dem du lebst und sterben sollst,
Und dann, ein Wirkender, begreif dich selber ehrfurchtsvoll,
An diesen hast du mehr, als du erfassen kannst -
Den Wanderliebenden, ich halt ihn länger nicht, allein
Der letzten Glättung noch bedarfs, die Feile fehlt,
Ich finde sie und schaffe dir das letzte noch.

Er geht ins Haus.

Die Frau
Dich führt wohl nimmermehr der Weg hierher zurück.
Hinstampfend durch die hyazinthne Nacht, berauscht,
Vergissest meiner du am Wege, fürcht ich bald,
Die deiner, fürcht ich, nicht so bald vergessen kann.

Der Zentaur
Du irrst: verdammt von dir zu scheiden, wär´s,
Als schlügen sich die Gitter drühnend hinter mir
Von aller Liebe dufterfülltem Garten zu.
Doch kommst du, wie ich meine, mir Gefährtin mit,
So trag ich solchen hohen Reiz als Beute fort,
Wie nie die hohe Aphrodite ausgegossen hat,
Die allbelebende, auf Meer und wilde Flut.

Die Frau
Wie könnt ich Gatten, Haus und Kind verlassen hier?

Der Zentaur
Was sorgst du lang, um was du schnell vergessen hast?

Die Frau
Er kommt zurück, und schnell zerronnen ist der Traum!

Der Zentaur
Mit nichten, da doch Lust und Weg noch offen steht.
Mit festen Fingern greif mir ins Gelock und klammre dich,
Am Rücken ruhend, mir an Arm und Nacken an!

Sie schwingt sich auf seinen Rücken, und er stürmt hell schreiend zum Fluß hinunter, das Kind erschrickt und bricht in kägliches Weinen aus. Der Schmied tritt aus dem Haus. Eben stürzt sich der Zentaur in das aufrauschende Wasser des Flusses. Sein bronzener Oberkörper und die Gestalt der Frau zeichnen sich scharf auf der abendlich vergoldeten Wasserfläche ab. Der Schmied wird sie gewahr, in der Hand den Speer des Zentauren, läuft er ans Ufer hinab und schleidert, weit vorgebeugt, den Speer, der mit zitterndem Schaft einen Augenblick im Rücken der Frau stecken bleibt, bis diese mit einem gellenden Schrei die Locken des Zentauren fahren läßt und mit ausgebreiteten Armen rücklings ins Wasser stürzt. Der Zentaur fängt die Sterbende in seinen Armen auf und trägt sie hocherhoben flußabwärts, dem anderen Ufer zuschwimmend.

(S.34 - 40)
Interpretationen zu "Idylle"

Vorsicht! Bei den folgenden Leseeindrücken und Interpretationen handelt es sich um Texte, die in der Stunde oder zu Hause geschrieben worden sind. Sie sind nur hinsichtlich der Rechtschreibung verbessert worden: Ansonsten kann man sich an ihnen reiben, sie weiter schreiben, andere, vielleicht bessere Texte zu Hofmannsthal schreiben.

Sabine Schwarz, 10a, 2001

Die Frau verkörpert Abenteuer- und Lebenslust. Das praktische, schnörkellose Werk ihres Gatten beobachtet sie feindselig. Vielmehr gefällt ihr die Arbeit des Töpfers, der aus Ton Kunst macht, Bilder enstehen lässt, Bilder von Göttern. Denn bei dem Gedanken an das schöne Leben der Götter verfällt sie ins Träumen. Sie wünscht sich genauso zu leben wie die Mythengestalten und kann ihre Sehnsucht nach Erlebnissen kaum bändigen. Erleben, das ist es, wovon sie träumt. Das Leben erleben mit aller Lust und allem Leid, voller Gram, Hass und Liebe. Hier wird deutlich, dass sie alles dem eintönigen Leben, der Langweile vorzieht - selbst das Leid. Doch wenn sie aus ihren Träumen erwacht, findet sie sich genau dort, wo sie nicht sein möchte: in einer idyllischen Welt, die sich kaum ändert. Im Gegensatz zu ihrem Mann fühlt sich die Frau in der Idylle gefangen. Sie hat den Drang, aus der heilen Welt auszubrechen und das Leben mit all seinen guten und schlechten Seiten kennenzulernen. Da kommt ihr der Zentaur gerade recht. Er ist für sie ein Bote der Götter, der ihre Ideale verkörpert: Freiheit und Ungebundenheit. Von vielen Abenteuern weiß er zu erzählen und lockt sie somit immer weiter auf seine Seite. In ihrem Leben ist dieser Zentaur ein großes "Event", doch in seinem ist sie, so glaubt sie, nichts als eines von vielen. Da hat sie allerdings falsch gedacht. Und als der Zentaur sie nun bittet mitzukommen, braucht die Frau nicht lange, um ihre Bedenken und ihr Pflichtgefühl abzulegen. Das Fremde und das Verbotene locken sie mehr als alles andere. Aber schließlich muss sie für ihre Begierde nach Abenteuern, nach Aufregung mit ihrem Leben bezahlen - obwohl sie doch nur endlich einmal ihr Leben leben wollte!

Verena Vielhaben, 10a, 2001
Beschreibung des Schmiedes

Der Schmied ist ein grundlegender Teil in der beschriebenen Idylle. Er ist, wie es sich für ihn gehört, bei der Arbeit, und fragt fordernd seine Frau, woher ihr träumerische Blick komme. Er setzt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Dasein eines Menschens und eines Gottes: der Mensch ist dazu da, Aufgaben zu erfüllen, sich - überzogen gesagt - eine Idylle schaffen. Es sei ein Frevel, nicht zu wissen, was für den Menschen bestimmt ist, und das Handwerk, das Bodenständige, durch ersehnte Abenteuer und Träumerein ersetzen zu wollen.Hier gibt er seiner Frau ebenfalls ein Beispiel aus dem Mythenkreis, das Unglück der Semele. Er betont immer wieder, dass wirkliche Werte Tüchtigkeit und Tatkräftigkeit seien. Die Worte des Zentauren durchschaut der Schmied, denke ich, denn jener will seine Frau mit seinen Geschichten entführen, aus des Schmieds Idylle, die für seine Frau eher zu einer Art Gefängnis geworden ist. Sie will raus, im Gegensatz zu ihrem Mann, dem alles Neue nicht passt. Deshalb tötet er schließlich sogar seine Frau. Der Schmied stellt sich mit seinem Handwerk über den Zentaur und bezeichnet diesen als einen Waldgeborenen und als einen, der so auch nichts von den Qualitäten eines eigenen Hauses weiß. Um so begieriger seine Frau nach der Freiheit und den Träumen ist, die von dem Zentauren symbolisiert werden, um so abwertender und bestimmter sind des Schmiedes Antworten. Der Alltag ist das Leben des Menschen, das, was er an materiellen Dingen hat, das, was er kann - und die Familie."Von dem Haus, was du dir geschaffen, da sollst du nicht weichen, bis zum Tod", so sagt der Schmied dem Zentaur.
Der Schmied ist so vernagelt in seine "Lebenstheorie Alltag", dass er verletzt ist, und - damit für ihn alles recht zugeht - seine Frau umbringt, als sie mit dem Zentaur weggehen will. So behält er seine Idylle, kein Riss ist in den Alltag gekommen; will seine Frau nicht bei ihm bleiben, so muß sie eben sterben.
Die Natur um ihn ist weiterhin idyllisch schön und er hat seiner Meinung nach an seinen Werten festgehalten. Er kommt nicht auf den Gedanken loszulassen, und so hat er - aus objektiver Sicht - seine Idylle zerstört.


GESTALTEN

Der Jüngling in der Landschaft


Die Gärtner legten ihre Beete frei,
Und viele Bettler waren überall
Mit schwarzverbundenen Augen und mit Krücken -
Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.

Die nackten Bäume ließen alles frei:
Man sah den Fluß hinab und sah den Markt;
Und viele Kinder spielen längs den Teichen.
Durch diese Landschaft ging er langsam hin
Und fühlte ihre Macht und wußte - daß
Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.

Auf jene fremden Kinder ging er zu
Und war bereit, an unbekannter Schwelle
Ein neues Leben dienend hinzubringen.
Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
Die frühern Wege und Erinnerung
Verschlungner Finger und getauschter Seelen
Für mich als nichtigen Besitz zu achten.

Der Duft der Blumen redete ihm nur
Von fremder Schönheit - und die neue Luft
Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
Nur daß er dienen durfte, freute ihn.

(S.22)


Der Schiffskoch, ein Gefangener singt

Weh, geschieden von den Meinigen,
Lieg ich hier seit vielen Wochen,
Ach und denen, die mich peinigen,
Muß ich Mahl= um Mahlzeit kochen

Schöne purpurflossige Fische,
Die sie mir lebendig brachten,
Schauen aus gebrochenen Augen,
Sanfte Tiere muß ich schlachten.

Stille Tiere muß ich schlachten,
Schöne Früchte muß ich schälen
Und für sie, die mich verachten,
Feurige Gewürze wählen.

Und wie ich gebeugt beim Licht in
Süß= und scharfen Düften wühle,
Steigen auf ins Herz der Freiheit
Ungeheuere Gefühle !

Weh, geschieden von den Meinigen,
Lieg ich hier seit vielen Wochen !
Ach und denen, die mich peinigen,
Muß ich Mahl= um Mahlzeit kochen !

(S.23)


Verse auf ein kleines Kind

Dir wachsen die rosigen Füße,
Die Sonnenländer zu suchen;
Die Sonnenländer sind offen!
An schweigenden Wipfeln blieb dort
Die Luft der Jahrtausende hangen,
Die Unerschöpflichen Meere
Sind immer noch, immer noch da.
Am Rande des ewigen Waldes
Willst du aus der hölzernen Schale
Die Milch mit der Unke dann teilen?
Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
Fast fallen die Sterne hinein!
Am Rande des ewigen Meeres
Schnell findest du einen Gespielen:
Den freundlichen guten Delphin.
Er springt dir ans Trockne entgegen,
Und bleibt er auch manchmal aus,
So stillen die ewigen Winde
Dir bald die aufquellenden Tränen.
Es sind in den Sonnenländern
Die alten, erhabenen Zeiten
Für immer noch, immer noch da!
Die Sonne mit heimlicher Kraft,
Sie formt dir die rosigen Füße,
Ihr ewiges Land zu betreten.

(S.25/26)

Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer

Wenn endlich Juli würde anstatt März,

Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand,
Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn
Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.

Da stünden Gruppen großer Bäume nah,
Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche:
Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!

Da stiege ich vom Pferde oder riefe
Dem Kutscher: Halt! Und ginge ohne Ziel
Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.

Und unter solchen Bäumen ruht ich aus,
In deren Wipfel wäre Tag und Nacht
Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,

Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht
Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag.
Dort wäre Alles Leben, Glanz und Pracht.

Und aus dem Schatten in des Abendlichts
Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin,
Doch nirgend flüsterts: "Alles dies ist nichts."

Das Tal wird dunkel, und wo Häuser sind,
Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an,
Doch nicht vom Sterben spricht der mächtige Wind.

Ich gehe übern Friedhof hin und sehe
Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen,
Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.


Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern,
Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich
Und höre kein "Dies ist vergeblich" flüstern!

Da ziehe ich mich hurtig aus und springe
Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe,
Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.

Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle,
Und einen glatten Kieselstein ins Land
Weit schleudernd steh ich in der Mondeshelle.

Und auf das mondbeglänzte Sommerland
Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig
Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?
So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert
Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt
Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?

Er, den der böse Wind in diesem März
So quält, daß er die Nächte nie sich legt,
Gekrampft die schwrzen Hände auf sein Herz?

Ach, wo ist Juli und das Sommerland!

(S.24/25)


PROLOGE UND TRAUERREDEN


J. K. Ferdinand in "Kabale und Liebe".
Abbildung aus "Das 26. Jahr", S. Fischer Verlag,
Berlin 1912.

Verse zum Gedächtnis
des Schauspielers Josef Kainz


O hätt ich, seine Stimme hier um ihn
zu klagen! Seinen königlichen Anstand,
Mit meiner Klage darzustehn vor euch!
Dann wahrlich wäre diese Stunde groß
Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr
Als Trauer: denn dem Tun der Könige
Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt,
Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.

O seine Stimme, daß sie unter uns
Die Flügel schlüge! - Woher tönte sie?
Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach
Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon
Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern
Herab? Wer redete da aus dem Leib
des Jünglings Romeo, wer aus dem Leib
Des unglückseligen Richard Plantagenet
Oder des Tasso? Wer?
Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,
ein niebezauberter Bezauberer,
Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,
der fern war, da wir meinten, er sei nah,
Ein Fremdling über allen Fremdlingen,
Einsamer über allen Einsamen,
Der Bote eines namenlosen Herrn.

Er ist an uns vorüber. Seine Seele
War eine allzuschnelle Seele, und
Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.
Dies Haus hat ihn gehabt - doch hielt es ihn?
Wir haben ihn gehabt - er fiel dahin,
Wie unsre eigne Jugend uns entfällt.
Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.

O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges
Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen,
Wer warest du? O Schweifender! O Fremdling!
O nächtlicher Gespräche Einsamkeit
Mit deinen höchst zufälligen Genossen!
O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!
O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!
O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!
Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings
Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste
Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist
Wir mit dir wohnten - Stimme, die wir nie
Vergessen werden - o Geschick - o Ende -
Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!

O wie das Leben um ihn rang und niemals
Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis
Wollüstiger Verwandlung! Wie er blieb!
Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,
Gleich einem Knaben stand! O kleine Hand
Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,
O vogelhaftes Auge, das verschmähte,
Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,
O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne
Den Blick nicht niederschlägt,
o kühnes Aug,
das beiderlei Abgrund gemessen hat,
Des Lebens wie des Todes - Aug des Boten!
O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!
Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,
Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!

Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,
Schauspieler ohne Maske du, Vergeistigter,
Du bist empor, und wo mein Auge dich
Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,
Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen
Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,
Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes
Bote und Träger bist du immerdar,
Und als des Schwebend=Unzerstörbaren
Gedenken wir des Geistes, der du bist.

O Stimme! Seele! aufgeflogene!

(S.84 - 86)


Jonas Singelmann
Interpretation der "Reitergeschichte"
Der glanzvoll, majestätisch wirkende Ritt der Schwadron durch Mailand zeigt den Soldaten, welche Macht sie haben. Die Bewohner Mailands erstarren bei dem Anblick der Schwadron, was den Männern der Einheit ein Gefühl der Männlichkeit und des Stolzes vermittelt und somit etwas verdeckt, was ihnen fehlt, nämlich Wärme und Geborgenheit: "Straße rechts, Straße links wie ein aufgewühlter Ameisenhaufen sich füllend mit staunenden Gesichtern; fluchende und erbleichende Gestalten hinter Haustoren verschwindend, verschlafene Fenster aufgerissen von den entblößten Armen schöner Unbekannter." (18/35)
Diese fehlende Wärme wird dem Wachtmeister Lerch durch das Haus einer ihm bekannt vorkommenden Frau deutlich, die ihn magisch anzieht, "...als wirklich eine aus dem Innern des Hauses ganz vorne in den Flur mündende Zimmertür aufging und in einem etwas zerstörten Morgenanzug eine üppige, beinahe noch junge Frau sichtbar wurde, hinter ihr aber ein helles Zimmer mit Gartenfenstern, worauf ein paar Töpfchen Basilikum und rote Pelargonien, ferner mit einem Mahagonischrank und einer mythologischen Gruppe aus Biskuit dem Wachtmeister sich zeigte.."(19/31)
Durch das Gespräch mit ihr – und vor allem ihren Anblick,"der ihm das Blut in den starken Hals und unter die Augen trieb"(20/13) -, entwickelt sich ein Traumgebilde für den Wachtmeister,dem einfällt, dass er die Dame schon aus früheren Zeiten kennt. Während er ihren Namen Vuic erinnert und "ihren Kopf mit schwerer Hand nach vorwärts" drückt, sagt er ihr:">In acht Tagen rücken wir ein, und dann wird das da mein Quartier<."(20/27) Dieser Traum läßt ihn nicht mehr los, er stachelt seine Begierde an: "Denn der Gedanke an das Bevorstehende erste Eintreten in das Zimmer mit den Mahagonimöbeln war der Splitter im Fleisch, um den herum alles von Wünschen und Begierden schwärte."(21/28) Dem prachtvollen Ritt der Schwadron folgt nun das Gegenteil: Lerch reitet allein durch ein fast verlassenes Dorf, in dem alles hässlich und dreckig erscheint. Der Stolz, den er vorher während des Rittes durch Mailand empfunden hat, kehrt sich nun um in völliges Unbehagen. Die vielen, von Hofmansthal verwendeten Symbole, die das Dorf wie eine surreale abstoßende und beklemmende Landschaft erscheinen lassen, verweisen auf Lerchs psychische Verfassung. "Denn hier sperrte eine Kuh den Weg, die ein Bursche mit gespanntem Stricke zur Schlachtbank zerrte. Die Kuh aber, von dem Dunst des Blutes und der an den Türpfosten genagelten frischen Haut eines schwarzen Kalbes zurückschaudernd, stemmte sich auf ihren Füßen, sog mit geblähten Nüstern den rötlichen Sonnendunst des Abends in sich." (23/35)
Auch die Erscheinung seines eigenen Ichs, das in vielen Erzählwerken auf den Tod hinweist, zeigt, daßss der Ritt nicht real gewesen sein kann. In dem darauffolgenden Kampf, in den er, nach der seltsamen Erscheinung des eigenen Widergängers oder Spiegelbildes, gerät, erringt er ein schönes Pferd, welches er als Beute zu behalten gedenkt. Durch die Erinnerung an den Ritt durch das Dorf immernoch ein wenig benommen, sieht Lerch in diesem wunderschönen Tier womöglich ein Zeichen für ein neues, besseres Leben. Der Rittmeister, sein Vorgesetzter, aber befiehlt die Freilassung der erbeuteten Pferde.
Lerch jedoch, den mit einem Male ein ungeheurer Zorn gegen den Rittmeister überkommt, der ihm die herrschende Ordnung repäsentiert, widersetzt sich dem Befehl. Der Rittmeister steht ihm als ein Zeichen seiner jahrelangen tristen Lebenshaltung und im Gegenzug dazu sieht er in dem erbeuteten Pferd die Freiheit und das Symbbol eines besseren Lebens, vielleicht an der Seite der Vuic, die er nicht entbehren möchte: Es "war sein Bewußtsein von der ungeheuren Gespanntheit dieses Augenblicks fast gar nicht erfüllt, sondern von vielfältigen Bildern einer fremdartigen Behaglichkeit ganz überschwemmt, und aus einer ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern stieg ein bestialischer Zorn gegen den Menschen da vor ihm auf, der im das Pferd wegnehmen wollte."(27/20) Lerch widersetzt sich dem Befehl. Der Rittmeister erschießt ihn mit der bereits gezogenen Waffe. Der psychische Prozess der Irritation und Spaltung ist zu einem abrupten Ende gekommen.

Die Seiten und Zeilen werden zitiert nach dem Klettbuch 35126, herausgegeben von Dietrich Steinbach, eingeleitet von Hans-Ulrich Lindken, Stuttgart 1981f.


Doppelgänger- oder Selbstbegegnungstexte
nach dem Muster der "Reitergeschichte"(1899) von Hugo von Hofmannsthal

Katharina Bauer,
2. Semester, LK Deutsch

"Aufwachen, Sweetpea!" Meine Ma ruft. Ich bin augenblicklich
hellwach.
Schwinge meine Beine aus dem Bett und merke, wie zerschlagen ich bin.
Und müde.
Ich gucke auf die Uhr, 6.00 a.m..
Ich hatte nur fünf Stunden Schlaf.
Jack ist erst um halb eins gegangen.
Jack...
Ich gehe unter die Dusche.
Das dampfende, heiße Wasser belebt.
Ich will hier bleiben. Unter der Dusche. Den ganzen Tag.
Aber meine Mom bollert gegen die Tür:" Hon, beeil dich, du musst
gleich los und ohne Frühstück lass ich dich nicht gehen!"
Das Bad außerhalb der Dusche scheint, obwohl es vom Wasserdampf aufgewärmt
ist, kalt.
Der große Spiegel ist beschlagen.
Ich wische ein kleines Loch, grade mal so groß, wie mein Gesicht frei.
Ich sehe mich. Mit verquollenen Augen. Sehe meine langen braunen Haare, die
mir schwer auf den Rücken und ins Gesicht fallen.
Jack mag meine langen Haare.
Jack mag auch meinen Busen, aber der verschwindet schnell unter einem festen
BH und einem hochgeschlossenen Shirt.
Als ich die Treppe runtergehe, empfängt mich der Geruch nach warmen
Pancakes und frischem Kaffee.
Eigentlich habe ich gar kein Hunger, aber meine Ma würde mich nie ohne
Frühstück in die Schule lassen.
Also übergieße ich meine Pancakes mit viel Sirup und zwinge mich, sie zu
essen, während meine Mutter wie immer unaufhörlich plappert.
Über Jack.
Nichts Ungewöhnliches.
Mom liebt Jack.
Sie findet, ich sollte ihn heiraten, er wäre doch so ein feiner Kerl...
Ist er ja auch. Und ich bin schon seit dem Freshmen-year mit ihm zusammen.
Jetzt sind wir Seniors, das heißt, dass wir schon seit fast vier Jahren
miteinander gehen...
Die Stimmer meiner Mutter dringt von Ferne an mein Ohr : "Also, wenn
er dir einen Antrag macht, wirst du nicht ablehnen, Sweetpea! So einen
findest du so schnell nicht wieder!"
Nein, wohl nicht.
"Aber ich bin doch erst achtzehn...", mehr fällt mir dazu nicht
ein.
Jack ist ja eigentlich perfekt....
Meine Ma setzt schon zu einer Erwiderung an, da errettet mich die
Türklingel.
Es ist Marla, meine beste Freundin.
Sie nimmt mich jeden Morgen mit zur Schule.
Ich springe auf, schnappe mir meine Schultasche und bin zwei Sekunden später
draußen.
Zurück bleibt meine Mutter, den Kopf schüttelnd ob des nur zur Hälfte
gegessenen Pancakes.
Marla ist gut drauf. Ihr Freund Justin, will nach der Graduation mit ihr
runter in die Lower fahren.
"Lower", so nennen wir Alaskaner den Rest der USA. Eben die
restlichen 48 Staaten.
Ich war, genau wie Marla noch nie außerhalb Alaskas.
Außer vielleicht in Kanada. Aber das zählt nicht...
Während meine Freundin weiter ihre Urlaubspläne raussprudelt, schweifen
meine Gedanken wieder ab.
Das Schild "Palmer High-School", das vor unserer Schule steht,
nimmt meine Gedanken gefangen.
Vier Jahre fahren Marla und ich schon Morgen für Morgen hierher. Früher mit
dem Schulbus, seit Marla ihren Führerschein hat, mit dem Auto.
Vier Jahre.
Fast so lange bin ich auch schon mit Jack zusammen...
"Hast du deine Bewerbungsunterlagen fürs College schon abgeschickt", unterbreche ich Marlas Redefluß.
Sie schaut mich etwas erstaunt an.
"Nein, hat ja auch noch Zeit. Ich will ja sowieso nur zur UAA
(University of Alaska Anchorage), bin ja nicht so ein Überflieger wie du.
Außerdem...", sie kichert,"wenn Justin mir einen Antrag
macht, kann ich mir das Ganze sowieso sparen.
Dann wird das leben nach der Graduation schön relaxed.
Marthie meinte, ich könnte bei ihr im Diner arbeiten, bis wir Kinder haben
wollen...", und schon plappert sie wieder los.
Ich liebe Marla. Sie ist meine beste Freundin und ich kenne sie schon, seit
wir Babies waren, aber manchmal verstehe ich sie wirklich nicht!
Ich würde nämlich schon gerne studieren.
Am liebsten in Stanford.
Aber mein Dad ist nicht so begeistert davon.
Immerhin ist Stanford nicht wirklich billig, diese Universität kann ich mir
mit meinen Stipendia allein nicht finanzieren.
Aber ich habe gute Noten.
Nur Einsen.
Im SAT habe ich die höchste Punktzahl im District und ich bin Präsident von
Student-Government, dem Key-Club und den Peer-Helpers.
Würde ich mich auf ein Stanford Stipendium bewerben, wäre die
Wahrscheinlichkeit, dass ich eins kriegen würde, sehr hoch.
Aber dann ist da noch Jack.
Er wird zur UAA gehen. Das steht fest.
Schon sein Vater und seine großen Brüder waren da.
Und außerdem ist er in der Schule wirklich nicht so eine große Leuchte.
Dabei ist er nicht dumm!
Nein, nein, Jack ist schlau.
Marla und ich marschieren in die Schule.
Auf dem Senior-Wall sitzen schon Jack und Justin.
Die zwei kennen sich auch schon ewig.
Marla und Justin haben sich durch Jack und mich kennengelernt, als wir
damals zusammen kamen.
Zu viert machen wir eine nette tTruppe.
Natürlich gehören noch andere dazu, so wie Stacy, die grade von der Seite
kommt und mir mein obligatorisches Küsschen auf die Wange gibt.
Auch Jack küsst mich. Nur dass er mich auf den Mund küsst und mir dabei den
Arm um den Nacken legt, um ihn da bis zum Anfang der nächsten Stunde zu
lassen.
Er begleitet mich zu meiner Psychology-Klasse und küsst mich noch mal, bevor
er mich in den Unterricht entlässt.
Mrs. Aube, meine Psychology-Lehrerin, verfolgt mich mit ihrem typischen
freundlichen und doch ein wenig spöttischen Blick, den sie in letzter Zeit so oft
für mich zu haben scheint, bis zu meinem Platz.
Erst dann beginnt sie den Unterricht.
Auch in Psychology habe ich gute Noten, aber heute kann ich mich nicht
konzentrieren.
Meine Augen schweifen ab, heften sich auf den Hinterkopf des Mädchens vor
mir.
Ich kenne sie nur flüchtig vom Sehen.
Sie hat dicke braune Haare, genau wie ich. Ihre aber sind kurz geschnitten.
Bis unters Kinn gehen sie ihr gerade mal.
Ich hab mir auch schon überlegt, ob kurze Haate mir stehen könnten.
Aber nein.
Sicher nicht.
Jack sagt, lange Haare sehen viel schöner an mir aus. Jack liebt meine
Haare.
Auf einmal dreht sich das Mädchen vor mir um.
Mrs. Aube scheint nichts zu bemerken.
Ich blicke wieder das Mädchen an und merke, dass sie mein Gesicht trägt. Nur
mit kurzen Haaren.
Sie lächelt erst. Dann lacht sie. Ein unbekümmertes Lachen, das mir seltsam
bekannt vorkommt und mich irgendwie an das Freshmen-year errinnert.
Ich merke plötzlich, wie meine ohnehin schon langen Haare anfangen,
sichtbar zu wachsen.
Sie wickeln sich um mich, umstricken mich, wickeln mich langsam ein, wie ein
Kokon.
Mein anderes Ich schaut ernst und ruhig zu.
Das Haar schnürt mich immer weiter ein und nimmt mir die Luft.
Ich ersticke!
Merkt denn niemand was?
Ich blicke hilflos zu Mrs.Aube, aber sie referiert weiter. Worüber, kann ich
nicht verstehen. Ich höre gar nichts mehr, sehe nur, wie sich ihr Mund
bewegt, während mich mein eigenes Haar immer mehr und mehr fesselt.
Da höre ich etwas.
Das Lachen des anderen Mädchens, das mein Gesicht trägt. Mein Lachen von vor
vier Jahren. Ich erkenne es.
Wann habe ich es nur verloren, dieses Lachen?
Ich kann mich nicht entsinnnen.
Das Mädchen steht mit einer unglaublich leichten Bewegung auf und geht auf
mich zu. Vielmehr scheint sie zu schweben...
Dann hebt sie die Hand, in der sie auf einmal eine Schere hält.
Ruhig nimmt sie meine Haare, die aufgehört haben, zu wachsen und schneidet
sie - Strähne für Strähne - ab.
Ich kriege Luft. Fühle mich frei. Wie sie, scheine ich zu schweben.
Mein Kopf ist leicht, ohne die Haare.
Mein anderes Ich streckt die Hand aus und ich tue es ihr nach.
Wie ein Spiegelbild bewegen wir uns aufeinander zu, bis wir in einander
aufgehen.
Eine Person sind.
Dann sitze ich wieder auf meinem Stuhl.
Höre meine Philosophylehrerin reden und sehe das Mädchen vor mir in ihrem
Stuhl sitzen.
Sie dreht den Kopf leicht und ich sehe, dass sie ihr echtes Gesicht wieder
hat.
Die Pausenklingel schellt.
Vor der Klasse steht Jack und ich weiß, was ich zu tun hab.
Als er zum Reden ansetzt, halte ich ihm meine Hand vor den Mund und sage
ohne Zögern: "Jack, wir müssen uns trennen!"
Hoppla, das war ja gar nicht so schwer.
Ich lasse ihn stehn, schicke auch Marla, nach einem leichten Kuß auf die
Wange, weg.
Ich habe viel zu erledigen!
Schnell hole ich die Bewerbungsunterlagen für Stanford aus meinem Locker, wo
sie schon seid Wochen ausgefüllt liegen und stecke sie in den Postkasten vor
der High-School.
Dann mache ich vom Schultelefon aus einen Termin beim Frisör.
Ich fühle mich so leicht.
Fast schwebend...

Charlotte Bartels,
2. Semester, LK Deutsch

Ein Engel für Charly
Freitagabend. 20 Uhr. Der Wecker klingelt... o nein, noch ein bisschen schlafen... ah, im Radio spielen sie Cher. Nun aber raus aus den Schlafklamotten, schließlich kommen Tini und Kathi schon um 21 Uhr und dann geht`s auf die Piste, nach dieser stressigen Woche mal wieder endlich die Sau rauslassen, muss nur noch IRGENDWIE in die richtige Stimmung kommen. Erst mal die Partykrache-Cd reinschieben und dann, hm, was zieh ich an? Ach, die Miss Sixty Jeans macht geile Beine, ja und ein kurzer Pulli dazu, eng aber nicht zu aufgetakelt - sehr gut. Nun noch ein bisschen Wimperntusche, Parfüm und die Haare machen... ein kurzer Blick in den Spiegel! Ja, kann sich sehen lassen, wow! Wer kommt denn heute alles? Wenn Philipp da ist... o Gott, hoffentlich feiern Niko und Alex heute auch mit! Ich muss ja ein bisschen Show schieben und eifersüchtig machen. Na, da klingelt es ja endlich, die beiden kommen aber auch immer zu spät. „Hallo, wie schön, dass ihr kommt!“
Nun werden erst mal Komplimente gemacht: Du siehst toll aus! Weiß ich, auf zur Party!
Die S-Bahn kommt heute sogar pünktlich und die Fahrt wird superlustig, nein, was für Leute heutzutage mit der S-Bahn fahren, da kann man echt nur lachen und wie verbissen die alle gucken, dabei ist doch heute Freitag, wir wollen feiern und das Leben genießen.
Endlich sind wir drin, das war vielleicht ein Gedrängel. Aah, da sind auch schon die ersten bekannten Gesichter. Küsschen links, Küsschen rechts. Perfekt, Niko und Gang, muss ich mir warm halten.. Nun aber erst mal weiterbegrüßen. Wie guckt die Tussi mich denn an? Die kriegt erst mal eine arrogante Musterung, sie ist ECHT dick geworden. Ja, das hat gewirkt! Jetzt aber auf Toilette, Tini drängelt schon und erzählt mir doch glatt, wie Verena heute aussieht, oje, laut lachend stürmen wir das Klo. Tini geht zuerst. Doch wie sieht denn mein Spiegelbild aus? Völlig ungeschminkt und ausdruckslos? Dabei hatte ich doch erst einen Bacardi-Cola? Ein bisschen Wasser auf die Schläfen, aah, das sieht schon besser aus. Weiter geht`s. Nun werde ich erst mal ein bisschen rumhüpfen, begrüßen, labern und ein bisschen Star spielen, aber bloß nicht irgendwo festquatschen, rar machen gilt. Juhuu, da ist schon die perfekte Gruppe! „Hei!“ Bussi, bussi, ja meine Ferien waren natürlich die geilsten!! Jetzt bloß schnell gehen, bevor ich langweilig werde oder das Gespräch sich von mir ablenkt! Wunderbar, da kommt ja schon Alex angesprungen und lädt mich zum Drink ein. Wie viele Abfuhren der schon von mir gekriegt hat und er kommt immer noch an...
Oooooh, Philipp kommt rein und schaut gleich rüber, nein, nicht hingucken, passend dass ich hier mit ´nem Typen sitze, jetzt so tun, als würde ich mich perfekt amüsieren! Perfekt!
Jetzt muss ich aber gehen, bevor Alex das Gespräch von SICH aus beendet. Ciao, ab zur Toilette!
O nein, wieder dieses schreckliche Spiegelbild, was ist nur heute mit mir los? Was ist das da für ein schwaches, ängstliches Mädchen? Das bin doch nicht ICH! So verträumt und hilfesuchend! Bin ich denn schon so besoffen? So ein Quatsch. Alles Einbildung. Das wird mich doch nicht runter vom Partytrip bringen! Schließlich läuft doch alles nach Plan. Philipp ist da und die anderen Jungs tanzen nach meiner Mütze. Vielleicht gehe ich erst mal auf die Tanzfläche, da werde ich das schon vergessen! Ein bisschen verliebte Blicke kassieren, aber dann lieber schnell abschätzend gucken, bevor sie das Interesse verlieren und von selbst weggucken. Ja, so muss man das machen immer schön die Kontrolle behalten und andere wegstoßen. Ach Herr je, der eine kommt rüber: „Dein Lächeln ist so wunderschön!!“ Mein Gott, wie platt, lieber nicht beachten.
Flucht zur Toilette. Warum renne ich eigentlich immer hier hin? Dabei wollte ich mich doch ablenken!? Hilfe! Das Spiegelbild! Es fängt plötzlich an zu sprechen!! Was sind das denn für Fragen?? Warum ich mich über alle Menschen stelle, über sie lache und sie verletzen muss?
Hilfe, wie soll man sich denn sonst oben halten? Sonst wird man doch nur selber verletzt!!
Das Spiegelbild blickt nur noch stumm und traurig! Was ist denn eigentlich mit mir los? Weg! Raus hier! Vorbei! Aus! Fassung wieder erlangen!
Mit Müh und Not geschafft. Aber warum ist denn da so ein Menschenhaufen? O nein, Laura ist völlig besoffen- mal wieder. Der geht´s ja noch dreckiger als mir. Vielleicht kann ich helfen? „Laura? LAURA? Komm’ wir gehen mal ein bisschen an die frische Luft!“
Hah, ich verletze nämlich doch nicht immer, ich helfe doch auch mal. Aber wie kann man nur so am Ende sein und sich soo besaufen? Rufen wir lieber ein Taxi, dann kann sie sich zu Hause erholen!
Da kommt ja Kathi: „Charly, kommst du kurz mit auf Toilette? Mein Top ist hinten aufgegangen!“ Ok, ok, meinetwegen, irgendwie kann ich nicht nein sagen! Aber wenn schon wieder dieses Spiegelbild da ist...? Nur ein letztes Mal noch. Das Top ist schnell wieder gerichtet, Kathi geht schon raus. Aber was passiert jetzt? Das Spiegelbild ändert sich wieder! Plötzlich guckt mich wieder dieses kleine, schwache Mädchen an und fängt plötzlich sogar an laut aufzulachen: „Du dummes, dummes Kind, da geilst du dich täglich am Unglück anderer auf, um selber hart zu bleiben und gut wegzukommen, dabei suchst du selber doch viel mehr die Sicherheit und Geborgenheit. Da spielst du täglich die Rolle der perfekt aussehenden, unerreichbaren, das Leben genießenden Einzelgängerin, dabei brauchst du mehr als alle anderen die Zuneigung und Anhänglichkeit der Menschen! Wie machst du dir das Leben nur kaputt, indem du vorgibst, jemand zu sein, der du gar nicht bist, nur um nicht verletzt zu werden! Wie lächerlich du bist! Nein, das kann doch nicht wahr sein, bin ich jetzt völlig verrückt geworden? Ich kann nicht mehr, ich will nach Hause, bloß, dass es die anderen nicht merken! Am besten durch den Hinterausgang und dann nur noch rennen. Rennen, so schnell ich kann! Rennen, rennen, rennen...

Julian Müller,
2. Semester, LK Deutsch

Die Sonne war bereits erloschen, als Dr. Hermann Krause seine Füße durch den schmutzigen, aufgeweichten Schnee zog. Er war spät dran und jetzt musste er auch noch das Auto, seinen silbergrauen Mercedes SLK, am Tor vor seiner langen, von Fichten umsäumten Auffahrt stehen lassen, weil erbefürchtete, dass der stets gepflegte Wagen im Schnee-Schlamm seiner Auffahrt stecken bleiben könnte. Sein schwarzer Lederkoffer wog schwer in seiner rechten Hand; mit einer raschen Handbewegung der anderen ließ er sich von seiner Rolex-Uhr, die stets die Zeiten von vier verschiedenen Zeitzonen zeigte, bestätigen, dass seine Frau schon seit zwei Stunden auf ihn wartete. Sein schlechtes Gewissen beruhigend, klopfte er leicht gegen die Brusttasche, in der ein wunderschöner Hochkaräter an einer Goldkette aufbewahrte wurde. In Gedanken bei der letzten Transaktion schlurfte er in Richtung seiner prachtvollenZehn-Zimmer-Villa und stolperte beinahe, als sein Fuß einen im Schnee versteckten Stein traf. Er schmerzte, er verzog leicht den Mund und ärgerte sich insgeheim darüber, dass nur eine Lampe seine Auffahrt beleuchtete. Er hätte doch auf seine brünette, scharfsinnige Gattin hören sollen, als sie mindestens vier Leuchten den Weg bescheinen lassen wollte. Er blickte mit schon fastsehnsüchtigen Augen dem Lichtkegel der vereinzelt stehenden Lampe entgegen, als er plötzlich den Umriss einer ihm erscheinenden Person wahrnahm. Er hatte keinen Besuch erwartet und fixierte deshalb die nur schemenhaft erkennbare Figur. Dr. Krause beschleunigte seine Schritte nicht, hoffte aber, möglichst bald mehr Details der unbekannten Person zu erhaschen. Der sich dem Lichtkegel Nähernde las augenscheinlich, denn er versteckte den Kopf seiner großen Gestalt im Halbschatten eines Buches. Allmählich erkannte der Banker eine in Kordhose und Wollpullover gekleidete Gestalt, die ihn eigentümlicherweise an die 68iger Generation erinnerte. Deren verfilztes Haar quoll unter einer karibikfarbenen Mütze heraus; doch noch konnte der erfolgreiche, von allen geachtete Finanzexperte das Gesicht der scheinbar jugendlichen Person nicht erkennen. Ein eisiger Wind trieb ihm das erfrorene Nass ins Gesicht und ließ ihn erschaudern. Wie konnte dieser Hippie, dieser Farbfleck im grauenWinter..., wieso war er hier und wieso konnte er in dieser Dunkelheit lesen? Beide, der Bankier und der Hippie, traten gleichzeitig in den Lichtkegel, der eine mit dem linken, der andere mit dem rechten Fuß voraus. Es waren nur noch acht Meter zwischen ihnen, das Blumenkind wich nicht aus, sie drohten zu kollidieren; Krause versuchte einen Blick des Kordhosenträgers einzufangen, doch das von dürren Künstlerfingern umklammerte Buch machte jeden Blickkontakt unmöglich &Mac226; - Krauses suchende Blicke wurden starr, er hatte die ganze Zeit nicht vermocht zu sprechen und auch jetzt kommunizierten nur die Augen - die Neonschrift, der Titel&Mac226; seine Augen blieben starr: Ein kaltes Tröpfchen Wasser bildete sich in der Achsel des Erstarrten &Mac226; - lief ihm brennend an der Seite herunter und blieb einen Moment stehen, wechselte die Richtung und ersoff im Bauchnabel.
Von einem heftigen Dejavue-Erlebnis gepackt schritt Krause geistesgegenwärtig zur Seite und ließ ihn passieren. Nach einer Sekunde des Schocks hatte er sich gefangen, im geschäftigen Leben eines Bankers musste man immer die Ruhe behalten. Er drehte sich ruckartig um, sah aber nur die matschige, graue, mit Bäumen eingefasste Schneise in der weißen Schneelandschaft - blickte wieder in Richtung Villa, fasste sich an die Brust, nahm die Kette mit zwei Fingern aus der Tasche und fokussierte diese mit brennendem Blick aus schon längst erkalteten Augen...

Laura Spengler,
2. Semester, LK Deutsch

Die "Reitergeschichte" von Arthur Schnitzler
Umschreibung, Neuschreibung des Hofmannsthal-Textes: in der Technik des "inneren Monologs" nach A.Schnitzlers "Leutnant Gustl"(1900)

Und aufgesessen! Frisch geputzte Waffen, die glänzendste Rüstung angelegt... Es kann losgehen! Was uns wohl in dieser Stadt erwartet? Ob wirklich alle Truppen daraus abgezogen sind - wahrscheinlich geflüchtet, vor uns? Wir werden sehen...
Da sind schon die ersten Villen, schöne Häuser... Ist schon eine reiche Stadt... Trompeten kündigen uns an, jetzt läuten sogar die Glocken, ist's schon Mittag oder läuten sie nur so? Die Leute, sie stehen und staunen... Es hat sich schon lange kein fremdes Militär mehr in die Stadt getraut. Überall hängen sie in den Fenstern, schöne, junge Menschen und die alten... mit uns habt ihr wohl nicht gerechnet! Schad' dass wir hier keine Kriegsbeute machen können... so ein junges Blut...
Die ganzen Häuser, das dort scheint eine Kirche zu sein... Vielleicht gar eine Kathedrale? Ein prächtiges Gebäude. Und Tore, wunderbare Kunstwerke...
Die Menschenmasse verdichtet sich immer mehr, man kommt kaum noch voran... Ein Markt! Das riecht man schon von weitem. Hier ließe es sich leben. Das wär's, jetzt ausscheren und in einer engen Gasse verschwinden... Nur der Korporal würde es bemerken, würde fluchen, den Deserteur für vogelfrei erklären... Viel später allerdings erst, wenn er merkt, dass er niemanden mehr hat, an dem er seine Launen auslassen kann... Aber ich will ihm zeigen, dass ich viel mehr bin, als er glaubt! Das könnte ihm so passen, dass sein ungeliebtester Reiter ihn verlässt. Nein, den Gefallen tue ich ihm nicht...
Weiter geht es, die Sonne blendet... Wir kommen schon bald aus der Stadt heraus... oder soll ich doch verschwinden? Es wäre die letzte Gelegenheit. Jetzt hier rechts um... He, da ist einer im Weg! Verschwinde doch, du! Ich muss ausweichen - und, nach rechts! Da bin ich nun... Ich habe es getan... mehr unfreiwillig als absichtlich. Eine dunkle Straße ist das - ein ganzer Pulk von Leuten steht herum. Was machen die denn da, reißen mein Pferd an den Zügeln! Finger weg, die dreckigen! Lasst gefälligst los! Da greift einer nach mir; die Waffe gezückt und drauf einschlagen! Da hält einer meinen Arm fest, entreißt mir den Säbel! Ich falle vom Pferd, liege auf dem Boden, was wollt ihr denn nur! Er reißt den Säbel hoch und - nein! Nein, tut mir nichts! Was will der …