Zeitgenossen

Hedwig Lachmann


Beitrag von
Eliza Schröder '00, LK-Deutsch
Zusammenhang mit Dehmel
Leseproben
Empörung
Unterwegs
Kommentar des
Gedichts "Empörung"

Hedwig Lachmann ist im Jahre 1865 in Stolp/Pommern als Tochter eines Kantors geboren.
Nachdem sie ihre Kindheit in Stolp und danach auch sieben Jahre in Hürben (Schwaben) verbracht hat, besteht Hedwig Lachmann 1880 das Examen als Sprachlehrerin in Augsburg. Zwei Jahre später ist Hedwig Lachmann Erzieherin in England, zieht jedoch 1885 nach Dresden.
Lachmanns Leben gestaltet sich weiterhin abwechslungsreich,denn nur zwei Jahre später arbeitet sie als Erzieherin und Sprachlehrerin in Budapest. 1889 zieht sie nach Berlin. Dort erscheinen erstmals Gedichte ("Ungarische Gedichte" und "Ausgewählte Gedichte von Edgar Allan Poe") von ihr im Verlag des Bibliographischen Bureaus. Im Jahre 1892 begegnet Hedwig Lachmann zum ersten Mal Richard Dehmel und es beginnt eine langjährige Freundschaft zwischen ihnen. Lachmann begegnet ihrem zukünftigem Ehemann Gustav Landauer zum ersten Mal 1899. Ein Jahr später stirbt ihr Vater, kurz danach erscheint eine erste Veröffentlichung ihrer Übersetzung von Oscar Wildes "Salome". Im Frühjahr 1901 besteht ein "Herzensbündnis" mit Gustav Landauer, im September desselben Jahres emigrieren sie gemeinsam nach England. Ein Jahr später kehren beide nach Berlin zurück und die gemeinsame Tochter Gudula kommt zur Welt. Noch im selben Jahr werden Gedichte und Nachdichtungen Lachmanns veröffentlicht
Im folgenden Jahr scheidet sich Gustav Landauer von seiner ersten Ehefrau, um Hedwig Lachmann zu heiraten. 1905 veröffentlicht Lachmann eine Oscar- Wilde- Monographie. Bereits ein Jahr später wird ihre zweite Tochter Brigitte geboren.
Nach einer langen und sehr intensiven Freundschaft zu Richard Dehmel löst sich diese wegen dessen Kriegsbegeisterung im Jahre 1914 auf.
Im Jahre 1917 stirbt Lachmanns Mutter in Krumbach und Familie Landauer zieht u.a. wegen der schlechten Ernährungslage nach Krumbach.
Am 21. Februar des Jahres 1918 stirbt Hedwig Lachmann infolge einer Lungenentzündung. Im folgenden Jahr erscheinen "Gesammelte Gedichte", herausgegeben von Gustav Landauer im Verlag Gustav Kiepenheuer.

Die Freundschaft zwischen Hedwig Lachmann und Richard Dehmel
Hedwig Lachmann und Richard Dehmel hatten über viele Jahre hinweg ein sehr enges Verhältnis zueinnander.
Den ersten bekannten und erhaltenen Brief schrieb Dehmel an Hedwig Lachmann Anfang des Jahres 1892. Es folgte ein intensiver Briefwechsel zwischen beiden, der sich inhaltlich größtenteils mit Dichtung befaßte. Dehmel fragte Lachmann häufig über ihre Meinung zu seinen neuesten Gedichten, Lachmann hielt es ebenso. Auf diese Weise wurden sie sich wechselseitig wichtige Berater in Sachen Lyrik. Da sich Hedwig Lachmann und Richard Dehmel bisher nur bei Dichterfreunden begegnet waren oder sich durch den Briefwechsel zur Lyrik kannten, wollte Richard Hedwig unbedingt besser kennenlernen. So erhielt Hedwig vom Ehepaar Dehmel eine Einladung zum Abendessen. Es ist nicht genau bekannt, ob sie die Einladung angenommen hat oder wie sie verlaufen ist.
Die Freundschaft zwischen Richard und Hedwig vertiefte sich jedoch immer mehr und nahm eine über den literarischen Austausch hinausgehende Qualität an. Im Sommer desselben Jahres schrieb Richard das erste Liebesgedicht an Hedwig. Infolge seiner sich verstärkenden Gefühle für Hedwig geriet Richard in innnere Konflikte und schrieb seiner Frau Paula, die sich gerde auf Rügen erholte, einen verzweifelten Brief. Ganz offen gab er ihr seine Verwirrung der Gefühle zu und offenbarte, daß er nicht wisse, für wen er sich entscheiden solle.
Hedwig reagierte auf das Liebesgedicht nicht besonders erfreut. Paula Dehmel war eine ihrer besten Freundinnen - und somit versuchte sie sich Dehmels Annäherungen zu entziehen. Sie mied das Dehmelsche Haus, obwohl sie immer wieder von Richard dorthin eingeladen wurde.
In den folgenden Jahren verstärkte sich der Briefverkehr zwischen Lachmann und Dehmel. Fast in jedem Brief wurden Gedichte besprochen und kritisiert. Zuweilen war Dehmels Kritik gegenüber Lachmanns Dichtung so hart, daß sie sich einerseits ihrer sprachlichen Stärke noch bewußter wurde; manchmal ließ sie sich jedoch auch stark verunsichern. Unter das Gedicht "Diesseits-Jenseits", das sie ihm zuschickte schrieb sie sogar: "Bitte sage mir, ob es sehr schlecht ist.!"
In einem Brief an Dehmel setzte sich Lachmann mit dem Begriff der Frauenlogik auseinnander und schrieb ihm, daß ihr an dieser herzlich wenig liege. Sie brachte zum Ausdruck, daß sie gar nicht die Bestrebung habe, auf der logischen Höhe ihrer Zeit zu stehen, sondern immer nur auf der Höhe ihrer selbst. Diese Aussage ist charakteristisch für Hedwig Lachmann. Sie zeugt von einer Selbständigkeit der Lebensführung, aber auch von einer geistigen Unabhängigkeit von der gesamten männlichen Gedankenwelt. Diese Haltung einer Frau war zu der damaligen Zeit keineswegs selbstverständlich, sondern eher die Ausnahme. In der Mitte des Jahres 1893 schrieb Hedwig einen sehr
ernsten Brief an Richard, in dem sie die unbewußte Spannung, die sich zwischen beiden mit der Zeit entwickelt hatte, ein für alle Mal klären wollte. Sie konnte nicht länger mit dem Gefühl leben, daß sie für Richard weit mehr als eine literarische Freundin war und er ihr vielleicht auch mehr bedeutete, als sie sich innerlich eingestehen wollte. Hedwig machte Dehmel in diesem Brief klar, daß sie nicht seine Geliebte werden wollte, ihn aber trotzdem sehr mochte und sich zu ihm auch in gewisser Weise hingezogen fühlte. Richard akzeptierte Hedwigs Entscheidung, bemerkte jedoch in seinem Antwortbrief, daß sie seiner Meinung nach bloß in Konventionen befangen sei. Trotz Hedwigs unmißverständlicher Entscheidung, kämpfte Dehmel jedoch auch in der folgenden Zeit um ihre Nähe. Es erscheint fast so, daß Dehmel durch ihren Korb noch euphorischer wurde und daß sich seine Leidenschaft steigerte. Dehmel empfand die Ehe an sich als eine "die Freiheit einengende Bindung". Immer stand die Leidenschaft zwischen den beiden. In einem Brief aus dieser Zeit heißt es: "Ich will nicht Deiner Leidenschaft zum Opfer fallen, wenn ich auch noch so sehr Dein bin." Hedwig Lachmann war nicht prüde, sondern keusch, darum wiederstand sie immer wieder Dehmels erotischem Drängeln.
Einige Jahre später schrieb Dehmel unter dem offensichtlichen Eindruck der merkwürdigen Liebe zu Hedwig Lachmann das Buch "Aber die Liebe!". Im Allgemeinen war Dehmel von der konstanten Ablehnung Lachmanns in seinem Stolz gekränkt und wohl auch überfordert. In einem Gedicht fand er für Hedwigs Ablehnung das Bild der Distel.
Auch in den weiteren Freundschaftsjahren erhielt Hedwig Lachmann ihre sexuelle Ablehnung gegenüber Dehmel aufrecht, vielleicht machte gerade diese Tatsache sie so interessant für Richard Dehmel.
1903 heiratete sie Gustav Landauer.
Die wohl größte Enttäuschung für Hedwig Lachmann geschah 1914, als Richard Dehmel sich vom Taumel der Kriegsbegeisterung mitreißen ließ und sich freiwillig zum Militär meldete. Hedwig schrieb in einem Brief an einen Freund: " Denken Sie an Dehmel, diesen kritischen Kopf, diesen in moralischen Dingen revolutionären und bahnbrechenden Charakter, wie er sich von der Sturzwelle der nationalen Leidenschaft hat fortreißen lassen und jedes Gefühl für Völkerpsychologie, jeden Gerechtigkeitssinn, jeden Maßstab für die Beurteilung der treibenden Kräfte verloren hat. Was hatte er für eine Aufgabe, was hätte er wirken können und wie hat er seinen Beruf verkannt!"
Dieser Brief zeigt nicht nur Hedwigs großes Entsetzen über Dehmels Entscheidung, er beweist auch, wie sehr sie seine Persönlichkeit und sein Denken und Handeln vor dieser plötzlichen Kriegsbegeisterung geschätzt hat. Dehmel hatte sich also dazu entschlossen, in den Krieg zu ziehen, um die Weltgeschichte mitzugestalten. Dieser Schritt führte gleichzeitig zum Ende dieser langen und innigen Freundschaft zwischen Richard Dehmel und Hedwig Lachmann.

Leseproben
Empörung

Es freuen sich die Scherger und die Schächter,
Dass man die Unschuld peinigt und verhöhnt,
Gebunden steht das Opfer, dran ein frecher
Tyrannendünkel seiner Willkür frönt.

So muss zu Fluch und ewigem Verderben
Der Schwache dulden die metallne Faust,
Die, ihm ihr Schandmal in das Fleisch zu kerben,
Auf den gebeugten Nacken niedersaust.

Zu seinem mörderischen Handwerk rüstet
Sich auf dem Markte der gedungne Knecht,
Der Menschenwohnung zu Staub verwüstet,
Vom Boden tilgt ein wehrloses Geschlecht.

Wie von bekränzten Stieren, an Altären
Dem frommen Opfertod geweiht, raucht warm
Das Menschenblut zu einer Gottheit Ehren
Und keiner fällt den Henkern in den Arm.

Eins tönte eine Botschaft in die Lande,
Die in Erbarmen wandelte die Gier
Und schlug um alle Menschen Liebesbande:
Was ihr den Ärmsten tut, das tut ihr mir!

Wo wächst die Kraft, dass sie die Flammen schüre,

Den Mordgeist wie ein Spukgebid verscheuch`,
Mit Allgewalt an alle Herzen rühre:
Was diesen hier geschieht, das tut man euch!

Wann schwillt zu solch zerstörerischer Welle
Getretner Menschengeist, dass er sich bäumt,
Wild überflutet seine eigne Schwelle
Und dann gelassen wieder weiterschäumt?

Unterwegs

Ich wandre in der großen Stadt. Ein trüber
Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen,
Das Tagwerk schwirrt und braust vor meinen Sinnen,
Und tausend Menschen gehn an mir vorüber.

Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen
Sie in der Brust ein Los wie meins? Und blutet
Ihr herz vielleicht, von mir so unvermutet,
Als ihnen fremd ist meines Herzens Schlagen?

Der Nebel tropft. Wir alle wandern, wandern.
Von dir zu mir erhellt kein Blitz die Tiefen.
Und wenn wir uns das Wort entgegenriefen -
Es stirbt im Wind und keiner weiss vom andern.

Eine Kutte trägt der Mönch,
Dazu eine Glatze,
Bei den Mädchen, bei den Fraun
Ist er nicht am Platze.

Einen Rock trägt der Student.
Wie er sich auch mühe,
Bei den Mädchen, bei den Fraun
Ist´s für ihn zu frühe.

Und ein Wams trägt der Husar,
Tut er´s auch nicht gerne,
Von den Mädchen, von den Fraun
Muß er zur Kaserne.

Einen Schafpelz trägt der Hirt.
Der ist zu beneiden -
Lebt bei Mädchen und bei Fraun
Herrlich und in Freuden.


Kommentar zum Gedicht " Empörung"
Hedwig Lachmann schrieb dieses Gedicht im Vorkriegsjahr 1913 aus einem bestimmten Grund. In diesem Jahr lief in Kiew ein Prozeß gegen einen russischen Juden, der des "Ritualmords" angeklagt war.
Zum einzigen aber auch letztem Mal war es in diesem Jahr zu einer gemeinsamen politischen Stellungnahme Dehmels, Lachmanns und Landauers gekommen.
Alle drei machten ihre Empörung über diesen Vorfall auf verschiedene Weise deutlich. Dehmel und Landauer schrieben beide in der Novemberausgabe des
"Sozialist" einen Artikel. Hedwig Lachmann setzte sich mit dem "Beilis- Prozeß" auseinander, indem sie das oben aufgeführte Gedicht "Empörung" schrieb.
Sie selbst war Jüdin und somit sicherlich besonders entsetzt. Das Gedicht zeigt in jeder Strophe deutlich die Empörung, die sie empfunden haben muß.Gleizeitig zeigt es die Chancenlosigkeit, die dieser Angeklagte damals hatte.