Zeitgenossen

Otto Ernst (Otto Ernst Schmidt)



Beitrag von
Johannes Hennies '99-'00, Student
(LK-Deutsch '97)
Biographie
Leseproben
Nis Randers
Dornröschen in den Kammerspielen
Zusammenhang mit Dehmel
O. Ernst und der Antisemitismus

Lara Dietrich, Maria Felte,
Anna Schories, Klasse 8a '00
Otto-Ernst-Abend am Christianeum
Aus dem Christianeums-Jahrbuch '98
zu Appelschnuts 100. Geburtstag
Ulrike Schwarzrock-Frank
Jochen Stüsser-Simpson
Verena Dietrich & Katrin Meinert,
LK-Deutsch '99
Appelschnut

Interview mit Senta Möller-Ernst, Tochter von Otto Ernst
Die Darstellung von Otto Ernst ist im Folgenden ausgesprochen umfangreich geraten, im Wesentlichen aus Gründen der Nachbarschaft: Das Christianeum, ursprünglich in der Hoheschulstraße im südöstlichen Altona, fast an der Grenze zu St. Pauli gelegen, ist im Laufe seiner Geschichte - parallel zur Elbe - immer weiter nach Westen gezogen, zuerst (1936) in die Behringstraße (früher:"Roonstr.") und, nach dem Bau des neuen Elbtunnels an dieser Stelle, nach Othmarschen-Flottbek in die heutige Otto Ernst Str.34 (1971). Eine Minute entfernt liegt schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite das Haus von Otto Ernst, in dem nach seinem Tode seine Tochter Senta-Regina Möller-Ernst - "Appelschnut":19.8.1897-30.10.1998 - bis zu ihrem Tode vor zwei Jahren mit ihrer Familie lebte. Aufgrund dieser Nachbarschaft gab es viele Kontakte zu "Appelschnut". Frau Regina Möller-Ernst war zudem eine der wenigen Zeitzeuginnen, die in ihrer Kindheit und Jugend Schriftsteller wie Liliencron, Falcke, Dehmel u.a. gelegentlich oder sogar häufiger gesehen oder kennengelernt hatte.

Otto Ernst (eigentlich Otto Ernst Schmidt) wurde 1862 in Ottensen bei Hamburg als Sohn einer Zigarrendreherfamilie geboren. Seine Jugend war einerseits von Hunger und materielle Not geprägten , auf der anderen Seite durch das Umfeld einer sozialdemokratischen, bildungshunrigen Arbeiterschaft. Dank der Förderung seiner Lehrer gelang es O.E. den Beruf des Volksschullehrers zu erlernen. Er übte ihn von 1883 bis 1901 aus, als er von seinen Einkünften als Bühnenautor leben konnte. Zwei Jahre danach konnte er sich auch ein Haus in Othmarschen kaufen (in der heutigen Otto-Ernst-Straße), in dem mit seiner Frau und seinen Kindern lebte bis er 1929 starb.

Bekannt ist Otto Ernst heute zumeist nur noch durch die Kindheitsgeschichte seiner jüngsten Tochter »Appelschnut« (1907). Bemerkenswert ist seine autobiographische »Asmus Semper«-Trilogie, besonders der erste Band »Asmus Sempers Jugendland« (1904), der das Leben in Ottensen vor der Jahrhundertwende plastisch darstellt. Sein bekanntestes Theaterstück ist »Flachsmann als Erzieher« (1900), das mit seiner Forderung nach fortschrittlichen Erziehungmethoden den Zeitgeist der Jahrhundertwende traf und heute unvorstellbaren Erfolg hatte. Von seinen Balladen ist insbesondere »Nils Randers« bekannt geblieben.

Johannes Hennies


Leseproben
ausgesucht von Johannes Hennies

Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man´s gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich´s der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mit nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will´s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme. Mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot, und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern...! Nein: es blieb ganz!...
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Die schnauben und schäumen.

Die hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken der anderen springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen!

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt..
Still - ruft da nicht einer? - Er schreit´s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ´s Uwe!“


Dornröschen in den Kammerspielen

Eines Tages komm ich nach Hause und finde sämtliche Türe, Schränke, Betstellen, Truhen und Büchergestelle mit mühsam bedruckten Zetteln beklebt, besteckt und benagelt:

Theater in Großflottbek
Heute, Sonntag, den 16. Juni,
abends 7 Uhr
Dornröschen
Ein Märchen in acht Aufzügen.

Personen:
Der König . . . . . . . . . . Erasmus.
Die Königin . . . . . . . . . Else.
Der Prinz . . . . . . . . . . Erasmus.
Dornröschen . . . . . . . . . Else.
Ein Frosch . . . . . . . . . . Kuno.
Ein Page . . . . . . . . . . Kuno.
Ein Koch . . . . . . . . . . Erasmus.
Ein Küchenjunge . . . . . . . Kuno.
Ein alter Mann . . . . . . . . Else.
Anne.
Die zwölf guten Feen . . . . . . Trude.
Käte.
Die böse Fee . . . . . . . . . Käte.
Ein Baby (Dornröschen) . . . . Roswitha.

Wenn auf die Einstudierung so viel Mühe verwandt ist wie auf die Zettel, dann darf man die höchsten Erwartung hegen.
Sogar ab der Tür zu dem in jedem Hause notwendigen einsamen Plätzchen ist ein Zettel befestigt. Fleißig anzeigen ist die Hauptsache.
Kuno, das Nachbarskind, hat zum Geburtstag einen Buchdruckkasten geschenkt bekommen; vielleicht ist das die Veranlassung zur Gründung des Theatern. Es sind schon aus nichtigeren Gründen Theater errichtet worden.
Die Schauspielgesellschaft setzte sich aus unseren und aus Nachbarskindern zusammen. Seit drei Wochen wird einstudiert. Wenn ich von meinen Kindern eine Handreichung, eine Besorgung wünschte, so begegnete ich geringen Verständnis für ihre Notwendigkeit. Wen ich beim Zipfel erwische - wenn ich ihn erwische - er ist "augenblicklich nicht momentan". Da ich vom Theater her weiß, daß von einem Schauspieler, der eine große Rolle spielt, nichts zu wollen ist, so bescheide ich mich.
Als die Vorstellung beginnen soll, wird durch Garten und Haus, vom Keller bis zum Bodenraum eine Halbe Stunde lang geklingelt. Ein ganz zeitgemäßer Theaterbetrieb. Eine halbe Stunde lang schwingt Kuno eine alte, verrostete Haustürschelle. Er tut es offenbar gerne. Vielleicht ist das neue Theater aus dieser Schelle entstanden.
Das aus vier Herrschaften und drei Dienstmädchen bestehende Publikum versammelt sich im ersten Stock vor dem Kinderschlafzimmer, dessen Türöffnung durch ein großes Bettlaken verhüllt ist. Das Stück beginnt mit einem langen Zwischenakt. Endlich wird der Vorhang geöffnet.
Man sieht ein Schlafzimmer. Die Königin erscheint mit einem funkelnden Stirnband in den Locken und mit einem Bademantel über dem Arm.
"Ach", seufzt sie, "wenn ich doch nur ein Kind hätte! Schon seit meiner frühsten Jugend wünschen ich mir ein Kind; aber niemals kommt eins!"
Gar nicht so übel. Die Mädels wissen ihre Worte zu setzten und haben immer Bühnenbegabung.
Unter dem Bett hervor kriecht Kuno der Frosch. Er trägt einen grünen Abendmantel.
"Sei nur ruhig", spricht er, "du wirst ein Kind bekommen."
"Oh", ruft die Königin begeistert, "ist es möglich? Wann denn?"
Kuno ist ein gutmütiger Frosch.
"Na - nächsten Sonntag", versetzt er.
"Oh wie herrlich!" jubelt Königin Else, "wie freu´ ich mich, wie freu´ ich mich auf das kleine Dornröschen!"
Da erscheint Erasmus der König. Eine gewürfelte Tischdecke ist an seinen Schultern hängen geblieben.
"Denk´ dir nur, lieber Mann", ruft die Königin, "wir kriegen ein Kind, wir kriegen ein Kind!"
"Wieso?", fragt der König majestätisch.
"Eben war ein Frosch hier und sagte es mir."
"Na ja, dann laß uns nur nach Hause gehen", brummt der König und zieht seine Gemahlin schleunigst von hinnen. Der Vorhang schließt sich.
Die Begabung des Königs Erasmus bedarf einiger einführenden Worte. Die Begabung ist unzweifelhaft; er spielt mit Leidenschaft Komödie und wüßte sicherlich allerlei Gutes zu sagen und zu spielen; aber sobald er aufgetreten ist, tut er nichts mehr als sich befangen zu fühlen. Wenn Goethe so befangen gewesen wäre, besäßen wir keine Zeile von ihm. Sowie er die Bühne betreten hat, beherrscht ihn nur der eine Gedanke: Wie kommst du wieder herunter? Daher die Worte: "Na ja, dann laß uns nur nach Hause gehen!" Er spricht das und seine Rolle in jenem überlegenen Leutnantston, den zwölfjährige Jünglinge anschlagen, wenn sie vor Verlegenheit nicht wissen, wohin.
Nach einem langen Zwischenakte, der offenbar durch eine längere Betriebsratssitzung hinter dem Vorhang verursacht wird, öffnet sich dieser von neuem und man sieht ein Schlafzimmer. In einem großen Wäschekorb liegt ein wohlgenährter Säugling von höchstens sechs Jahren (Roswitha).
König und Königin kommen nach Hause.
"Oooh!" schreit die Königin, "wir haben ein Kind, wir haben ein Kind" Sieh doch nur, liebes Männchen, wir haben ein wunderschönes Kind!"
"Na ja, dann laß nur die weisen Frauen kommen", näselt Seine Majestät.
"Aber es sind doch 13, und wir haben nur zwölf silberne Teller!" wendet sorgenvoll die Königin ein.
"Na ja, dann laß eine weg", entscheidet Erasmus mit der Kurz-und-Bündigkeit eines echten Herrschers.
Mit um die Stirn geschlungenen, hinten herabwallenden Mullbinden erscheinen drei gute Feen, für die zwölf Teller eigentlich genügen sollten. Die erste spendet dem Kinde Tugend, die zweite Schönheit, die dritte Reichtum, was ja schließlich für einen Menschen auch genug ist. Aber die Tugendspenderin ist, nachdem sie ihren Spruch getan, sofort wieder verschwunden. Schnell und furchtbar verwandelt, wie das bei der Tugend vorkommt, stürzt sie in den Saal; ein schwarzer Schleier umhüllt ihr Haupt; auf ihrer Schulter sitzt eine Katze. Diese Katze verdient besonderer Erwähnung. Sie ist aus Wollfilz und Glasaugen wirklich täuschend natürlich hergestellt und bildet das Prunkstück der Ausstattung.
"Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen!" schreit die böse Fee und wie sie schreit es, mit welcher Gewalt des Hasses, der Rachsucht, der Bosheit und des Kehlkopfes! Ist das Käte, die sanfte, immer flüsternde Käte, die sonst kaum "Piep" sagen kann? Ich muß der tiefen Weisheits Shakespeares gedenken, der, als die wilde Katharina zum Lamm geworden ist, die engelsmilde Bianka sämtliche Krallen hervorstrecken läßt.
Empört hat sich König Erasmus aus seinem Klubsessel erhoben.
"Na, das ist denn doch -"
"Unglaublich" will er sagen; aber er geniert sich.
Eine der andauernd guten Feen tritt vor und spricht:
"Aufheben kann ich den Fluch nicht; aber ich kann ihn mildern. Dornröschen soll nicht sterben, sondern in einen tiefen, hundertjährigen Schlaf fallen."
Da reißt sich Erasmus noch einmal zusammen und schnarrt:
"Na ja, dann laßt nur alle Spindeln verbrennen." Und weg ist er. Der Vorhang schließt sich.
Einer erhabenen Feinheit der Spielleitung aus diesem Akte kann ich gedenken mir nicht versagen. Als die böse Fee ihren Fluch hervorstößt, wimmert das kleine Dornröschen mehrere Male laut auf: "Bäh - bäh - bäh!" das ist sozusagen Maeterlinck.
Als der Vorhang sich zum dritten Male auftut, sieht man ein Schlafzimmer. In einem Lehnstuhle sitz Käte als altes Weib, an dem Rad einer aufgestützten Schubkarre spinnend; auf ihrer rechten Schulter zweites Auftreten der Katze. Else erscheint als halb erwachsenes Dornröschen und beginnt mit den Worten:
"Heut´ bin ich 15 Jahre alt. Vater und Mutter sind ausgegangen, da will ich mir doch einmal das Schloß recht gründlich betrachten," Sie geht im Vordergrund der Bühne zweimal auf und ab.
"Oh, diese Herrliche Tapeten! Und diese kostbaren Vorhänge! Und lauter goldenen Stühle und Tische! Ei sieh da, guten Tag , liebes Mütterchen, was habt Ihr denn da?"
Die Sache entwickelt sich weiter, bis Dornröschen sich an der Spindel gestochen hat und wie leblos auf einen Liegestuhl gefallen ist. Mit schrecklicher Dämonie erhebt sich Käte.
"Ha! Endlich wird mir Genugtuung für die Schmach, die ihr mir angetan habt! Rache! Rache! Rache!"
Der Vorhang sinkt. O Tugend, Tugend, wie hast du dich verändert!
Der folgende Zwischenakt dauert sehr lange. Endlich öffnet sich wieder der Vorhang und die Bühne zeigt ein Schlafzimmer. Auf einem Holzschemel erhebt sich die königliche Hofküche, Erasmus, in weißer Schürze und Mütze, rührt mit einem Holzlöffel in einem Topf herum. Zu seinen Füßen sitz die Katze. (Drittes Auftreten.)
Ganz im Vordergrund hockt Kuno, der Küchenjunge, und schleckt mit dem Finger aus einem Topfe. Erasmus bemerkt das, holt zornigen Gesichts zu einer Ohrfeige aus und - erstarrt in dieser Stellung. Der allgemeine Schlaf hat ihn ergrffen. Der Vorhang fällt. In diesem Auftritt, dessen Periodenaufbau keine besonderen Anforderungen stellt, entfaltelt sich seine Begabung ohne Lampenfieber in schöner Unbefangenheit.
Als der Vorhang zum fünften gehoben worden, stellt sich unseren Blicken ein Schlafzimmer dar, dessen hintere linke Ecke durch eine Rollwand verdeckt ist, wie man auf zugigen Veranden als Windschutz verwendet.
Vor dieser Rollwand stehen Else im Lodenmantel und mit Umhängebart als alter Mann und Erasmus als Prinz mit einem Kavalleriesäbel, einem Pelzbarett von Käte und weißen Strümpfen, die einen durchaus prinzlichen Eindruck hervorrufen. Die zungenfertige Else erzählt eine lange Geschichte von der königlichen Familie, die schon seit hundert Jahren schlafe; sie weist auf die Rollwand und berichtet, daß durch diese Rosenhecke schon unzählige Prinzen zu dringen versucht hätten; aber alle seine an den scharfen Dornen hängengeblieben und seien eines jämmerlichen Todes gestorben. Erasmus steht mit dem Rücken gegen das Publikum und sagt kein Wort, spielt aber sehr gut. Endlich hat Else, der alte Mann, geendet.
"Ach was, ich geh durch!" schnarrt Erasmus, stößt die Rosenhecke beiseite, daß sie Else auf den Fuß fällt, und ist verschwunden.
Else greift nach ihrem Fuß, und der Vorhang fällt.
Der sechste Aufzug zeigt uns das Schlafzimmer des dritten. Dornröschen liegt auf dem Liegestuhl und schnarcht leise, um den Schlaf anzudeuten. Der Prinz erscheint, tritt an die Schlafenden heran und - ja nun kommt der fürchterlichste Augenblick für unseren jungen Künstler - er soll annähernd so tun, als wenn er ein Mädchen küßte. Er neigt sich ein wenig vornüber, und 40 Zentimeter von ihrem Mund entfernt, macht er blitzschnell jene bezeichnende Kopfbewegung eines jungen Ziegenbocks, der stoßen will.
Dornröschen (erwachend): "O, welch wunderschöner Prinz!"
Der Prinz (über diese taktlose Schmeichelei bis unter den Halskragen errötend): "Na ja, dann komm nur," (Er schleift die hinaus,)
Der nun folgende Zwischenakt dauert 25 Minuten. Hinter dem Vorhang ist ein deutliches Zerwürfnis zwischen Spielleitung und Darstellung ausgebrochen. Danach zeigt die Bühne die Ausstattung des vierten Aktes. Auf dem Schemel erhebt sich die Hofküche. Viertes Auftreten der Katze. Das Küchenpersonal erwacht, und Erasmus haut Kuno´n eine Ohrfeige herunter. (Höhepunkt des Dramas.) Sie fällt bedeutend naturwahrer aus als der Kuß. Der Vorhang fällt.
Achter und letzter Aufzug. Das Schlafzimmer des zweiten. Auftreten des gesamten Künstlerpersonals. In feierlichen Zuge erscheinen der Prinz und Dornröschen. Apotheose: Kuno der Page hält über die Häupter des Paares als Baldachin einen Sonnenschirm, den sein Onkel aus Kamerun mitgebracht hat.
Dornröschen: "Wo nur die lieben Eltern bleiben? Ach, sie waschen sich wohl erst!" (Gut beobachtet! Nach längerem Schlaf hat man ein lebhaftes Waschbedürfnis.
(Dumpfes Schweigen.)
Der Prinz: ""Na ja, dann laß uns nur Hochzeit feiern." ( Er tanzt mit Dornröschen hinaus, und tanzend folgt der Rest.) Der Vorhang fällt.
Das Kind ist der geborene Spielleiter von heute. Oder kann man sich eine glänzendere Lösung der Ausstattungsfrage denken als den Gedanken, dieses Drama des hundertjährigen Schlafes vollständig in ein Schlafzimmer zu verlegen? Kann man glücklicher einen Bühnenstil finden, der nichts kostet und dabei wie neu aussieht?
Der Beifall ist denn auch ungeheuer; immer wieder muß der Vorhang sich heben, ein Erfolg, der, wie die Zeitungen zu sagen pflegen, ausschließlich auf Rechnung der Darstellung kommt und für den sich die dichtende Volksseele bei unseren Künstlern bedanken darf.


Zusammenhang
mit Dehmel

Johannes Hennies
Zu dem Verhältnis Otto Ernst und Dehmel läßt sich wenig sagen, obwohl sie beide als Dichter zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt haben und mit z. B. Detlev von Liliencron auch gemeinsame Freunde hatten. Richard Dehmel hat in Otto Ernst nie mehr als einen "geschickten Scribifax" gesehen, entsprechend hat sich auch Otto Ernst nicht annerkennend über Dehmel geäußert. Erst als Otto Ernst im ersten Weltkrieg den belgischen Dichter Emil Verhaeren, der antideutsche Schriften verfaßt hatte, in einem "offenen Brief" abgriff, drückte ihm Richard Dehmel seine Anerkennung aus. Sie war jedoch nicht dem Literaten, sondern dem Patrioten Otto Ernst zugedacht, wenn Richard Dehmel von der Front schrieb: "Eben laß ich im Schützengraben nach einem gewonnen Gefecht ihren offenen Brief an Verhaeren... Sie haben ihn nach Gebühren gezüchtigt, und ich reiche Ihnen über alle Gräben hinweg, die uns bis jetzt in persönlicher Hinsicht getrennt haben, im Gefühl unserer großen und guten Sache die Hand."

Otto Ernst und der Antisemitismus

Johannes Hennies
Eine Romanfigur, ein Kind, tritt im wirklichen Leben auf. Sie wächst auf, wird erwachsen und schließlich sehr alt. Ihr ganzes Leben kämpft sie beharrlich darum, daß ihr Autor nicht vergessen wird. Hauptsächlich in Erinnerung halten möchte sie das Werk, in dem sie selber erscheint. Vielleicht steht hinter der Beharrlichkeit die Angst, daß sie ebenfalls verschwinden könnte, wenn "ihr" Buch vergessen würde.
Was wie eine Fiktion aus den Händen eines phantasievollen Autors wirkt, scheint zum Teil die Faszination des Menschen Senta-Regina Möller-Ernst ausgemacht zu haben. Die Tochter Otto Ernsts war mit seiner literarischen Figur "Appelschnut" im allgemeinen Bewußsein zu einer Person verschmolzen, nicht zuletzt wahrscheinlich auch in ihrem eigenen.
Dies erklärt auch, warum am Christianeum wenig über das übrige Werk des Otto Ernst und erst recht nicht über seine Schattenseiten geredet wurde. Wer würde in Anwesenheit von Oliver Twist schlecht über Dickens reden wollen?
Nach dem Tod von Appelschnut besteht nun für das Christianeum die Möglichkeit, sich ihrem Vater freier zu nähern, ohne Angst haben zu müssen, sie zu verletzen. Durch die Erbschaft des Dichterzimmer gibt es hierzu auch eine Verpflichtung; schließlich muß man erklären, wessen Erbe man aufbewahrt.
Der Otto-Ernst-Abend am 2.12.1999 sollte der Anfang einer kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Dichter sein.
Ich habe mich dabei des Themas "Otto Ernst und der Antisemitismus" angenommen.
Dabei wollte ich in erster Linie klären, was Otto Ernst gesagt und gedacht hat, ohne eine vorgefaßte Meinung oder gar einen Erklärungsversuch anzubieten. In diesem Sinne habe ich an dem Otto-Ernst-Abend versucht, die von mir gefunden Quellen möglichst neutral darzustellen, um jedem eine eigene Bewertung zu ermöglichen. Die Textgrundlage, die ich hier nun dokumentiere, ist nur vorläufig, da es sich um Sekundärtexte handelt, die das Verhalten von Otto Ernst beschreiben. Der nächste Schritt wäre nun, die Originaläußerungen zu finden und zu untersuchen.

Grossjohann schreibt 1991 in dem Vorwort zu einer Otto-Ernst-Anthologie:
"E. ist von seinen Gegnern immer wieder der Vorwurf gemacht worden, Antisemit zu sein. Es existiert von ihm eine umfangreiche Abhandlung zu diesem Thema, die an kompromißloser Ablehnung des Antisemitismus nichts übrig läßt. Er war mit einigen Juden besonders eng befreundet, seine Töchter besuchten ausnahmslos eine von einem Juden – Dr. Löwenberg – geleitete Schule. Pauschale Intoleranz war E. stets ein Greuel. In "Semper der Jüngling" beschreibt er sein erstes Erlebnis mit dem Antisemitismus. (....)
Da der Vorwurf des Antisemitismus auch gerade in jüngster Vergangenheit dazu verwendet wurde, E. eine posthume Ehrung durch die Stadt Hamburg zu verweigern, hielt ich es für angebracht, auch diese Tatsachen und literarischen Bekenntnisse den Lesern nicht zu verschweigen." (Grossjohann, 1991)

Nach Grossjohanns Auffassung sind also alle Vorwürfe aus der Luft gegriffen, sie dienen nur dazu, Otto Ernst seine Anerkennung vorzuenthalten. Er spielt damit darauf an, daß 1987 der Ottensener Bürgerverein beantragte, den "Fischerspark" als "Otto-Ernst-Park" zu benennen.
"Der Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, der in Ottensen geborene Dichter hätte in seinen letzten Jahren antisemitische Schriften verfaßt und außerdem gäbe es bereits eine Otto-Ernst-Straße in Othmarschen." (Ottensen-Chronik, 1994)

Appelschnut hat sicherlich diese fehlende Anerkennung als kränkend empfunden. Zu der Frage , wie sie zu dem damaligen Antisemitismus gestanden habe, antwortete sie in einem Interview für das Dehmelprojekt des Deutsch-Lks 96/97, zu dem ich auch gehörte. Obwohl die Frage im Zusammenhang mit Ida Dehmel gestellt wurde, ist die Antwort auch vor dem Hintergrund der Vorwürfe gegen ihren Vater interessant:
"Ich habe selbst eine jüdische Mädchenschule besucht, die Dr. Jakob Löwenberg, ein guter Freund meines Vaters, leitete. Ich bin mit Juden groß geworden. Gegen den Antisemitismus habe ich mich immer gewehrt. Sie sind schließlich eine Rasse wie alle anderen auch.
Trotzdem waren die Juden an ihrem Schicksal auch ein bißchen mitschuldig; das haben sogar unsere jüdischen Freunde zugegeben: Sie wollten immer und überall die Ersten sein. In Hamburg waren alle Rechtsanwälte und Ärzte Juden. Damit haben sich natürlich auch Feinde gemacht, auch wenn das nicht unbedingt berechtigt war. Die Juden sind eben ein sehr aktives Volk.
Dr. Löwenberg, Dr. Levoir und Dr. Goldschmitt: Sie waren alle Mitglieder der "Literarischen Gesellschaft". In diesem Zusammenhang pflegte mein Vater scherzhaft zu sagen, daß die "Literarische Gesellschaft" ihren Namen daher habe, daß nur ein Liter arisches Blut in ihr fließe" (Arbeitspapiere Dehmel-Haus, 1997)

Obwohl sie das ganze Interview autorisierte hatte, wurden die Zeilen "Trotzdem..." bis "....aktives Volk" damals von uns nicht veröffentlicht. Es war ein angemessenes Vorgehen; schließlich ging es in erster Linie um Richard Dehmel. Doch offenbart sich hier unsere Bereitschaft, eine kritische Diskussion angesichts des Alters und der Person Appelschnuts zu vermeiden und sie durch Nichtveröffentlichung ihrer naiv-antisemitischen Äußerungen zu schützen.
Brisant ist der Interviewtext auch ohne diese Stelle. Nicht nur das "Bonmot" ihres Vaters hinterläßt einen unguten Geschmack, auch die Beschwörung der Freundschaft Löwenbergs zu ihren Vater wirkt auf dem Hintergrund der wirklichen Geschehnisse mehr als nur naiv. So lesen wir in einem Buch, das jüdisches Leben in Hamburg untersucht, im Zusammenhang mit Löwenbergs Tod 1929:
"Nur seine engsten Angehörigen und Freunde wußten, daß die letzte Zeit seines Lebens von tiefer Niedergeschlagenheit und Resignation erfüllt gewesen war. Jakob Loewenberg spürte, daß er vergeblich gegen den uralten Judenhaß gekämpft hatte, und keiner konnte ihm ausreden, daß der Antisemitismus auch in Hamburg bedrohlich anwuchs. Am schwersten hatte es ihn getroffen, als sein Freund Otto Ernst (...) sich von ihm abwandte. Nach dem Weltkrieg war Otto Ernst mehr und mehr zum "vaterländisch-völkischen Publizisten" geworden, der unter dem Beifall der Antisemiten behauptete, Juden beherrschten das Kulturleben und festigten ihre Stellung durch gegenseitige Protektion, wobei sie Nichtjuden zurückdrängten." (Wamser/Weinke, 1991)
Herr Hirt, der Leiter der Christianeums-Bibliothek, hat aus dem Umfeld des mittlerweile verstorbenen Sohnes Löwenbergs noch einmal ausdrücklich dieses Zerwürfnisses, und wie stark es Löwenberg gekränkt habe, bestätigt bekommen.
Die Quelle, auf die sich Wamser und Weinke in Bezug auf Otto Ernst stützen, schildert seine Wandlung zum "vaterländisch-völkischen Publizisten" mit antisemitischen Einschlag detailliert:
"Schon im letzten Band der Trilogie (Semper der Mann), noch mehr aber im Zeitroman "Hermannsland" (1921), zeigte sich die Entwicklung des ursprünglich der Sozialdemokratie nahestehenden, reformerisch eingestellten jungen E, (...) zum vaterländisch-völkischen Publizisten in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Er war seit vor der Jahrhundertwende Vorstandsmitglied der von ihm mitgegründeten Altonaer Ortsgruppe der "Deutschen Friedensgesellschaft gewesen und hatte sich an der Ausrichtung des 1897 erstmals in Deutschland veranstalteten 7. Weltfriedenskongresses in Hamburg beteiligt. 1919 schloß ihn aber die Friedensgesellschaft wegen seiner während des und nach dem Weltkrieg veröffentlichten chauvinistischen Presseartikel aus. (...)
Im gewandelten kulturellen und politischen Klima nach dem Ersten Weltkrieg war ihm eine Fortsetzung oder gar Erneuerung seiner schriftstellerischen Erfolge nicht möglich; Gründe dafür suchte er, unter Beifall der Presseorgane des aufkommenden Nationalsozialismus, auf die bei Antisemiten und völkischen Anti-Intellektuellen übliche Weise, indem er die angebliche Vorherrschaft von Juden im zeitgenössischen Kulturleben auf gegenseitige Protektion unter Beteiligung von Nichtjuden zurückführte. Alte Freunde rückten von ihm ab; auch der Lehrerverein distanzierte sich von seinem langjährigen prominenten Mitglied. (...)
Seine letzten literarischen Arbeiten stellte er überwiegend in den Dienst der Tagespolitik; Tendenzstücke wie die burleske Komödie "Die hohe Menagerie" (1921) predigten die Dolchstoßlegende, leugneten jegliche Kriegsschuld des Deutschen Reiches und suchten in verbalen Kraftakten Revanche gegen den Erbfeind Frankreich. So nahm die ernstzunehmende Literaturkritik vom späten E. nur noch als von einem Ärgernis Notiz." (Biographisches Lexikon v. S-H., 1982)
Dieses Biographische Lexikon erschien übrigens neun Jahre bevor sich Grossjohann so leidenschaftlich gegen die Vorwürfe gegen Otto Ernst wendet. Indem er auf die hier dargestellten Zusammenhänge nicht eingeht, muß er sich den Vorwurf gefallen lassen, ohne große Nachforschungen und somit höchst fahrlässig über den Antisemitismus des Otto Ernst geurteilt zu haben.
Über dessen Ausmaß kann man erst Aussagen machen, wenn man die Äußerungen und Texte, auf die in dem Artikel bezug genommen wird, gefunden und untersucht hat. Mehr als nur leichte Tendenzen sind allerdings schon zu erahnen.
Lore Dobrick, die Enkeltochter von Otto Ernst, war so freundlich, am Ende des Otto-Ernst-Abends noch ein paar Worte zu sprechen. Sei verwies darauf, daß es frühe Texte von Otto Ernst gibt, in denen er sich radikal gegen den Antisemitismus stellt und stellenweise jüdisches Brauchtum als besonders schön und nachahmenswert beschreibt. Sie sei immer wieder fassungslos, wie unvereinbar dies mit seinen späteren Äußerungen zu sein scheint. Die Gründe hierfür zu untersuchen, wäre eine spannende Aufgabe. Wichtig erscheint mir hier der Hinweis, daß Otto Ernst sich mit seinen Äußerungen von seinem alten Umfeld isoliert hat. Er hat sich offensichtlich radikalisiert und seine alten Zusammenhänge aufgegeben, in denen ein klares Bewußtsein davon bestand, daß sein Verhalten gefährlich war. Dies scheint mir ein starkes Argument gegen diejenigen, die in Otto Ernst nur jemanden sehen wollen, der einer übermächtigen Zeitströmung folgte, die er gar nicht so recht einzuschätzen wußte.
Schließlich unterstrich Frau Dobrick, wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesem Teil Otto Ernsts sei, da man ohne die kritische Aufarbeitung auch den schönen Teil seines Werkes nicht genießen könne; eine Auffassung, der ich mich nur anschließen kann.


Quellen:
Arbeitspapiere Dehmel-Haus, Hamburg 1997
Biographisches Lexikon von Schleswig-Holstein und Lübeck, Bd.9, Neumünster 1982
Grossjohann hrsg., Das Otto-Ernst-Lesebuch, S. 13/14, Hamburg 1991
Förderkreis "Ottensen-Chronik" e.V. hrsg., Ottensen-Chronik, S. 210, Hamburg 1994
Wamser/Weinke hrsg., Ehemals in Hamburg zu Hause: Jüdisches Leben am Grindel, S.53, Hamburg 1991

Otto-Ernst-Abend
am Christianeum


Das Haus des Dichters in der heutigen Otto-Ernst-Straße in Hamburg-Othmarschen.
Am 2. Dezember 1999 war es soweit: Im Lit’Caf‘ fand der geplante von vielen vorbereitete Otto-Ernst-Abned unter dem Thema "Von Ottensen nach Othmarschen" statt. Das erwartungsvolle Publikum und die Mitwirkenden setzten sich bunt aus den Jüngsten, unseren 5.-Klässlern, einer Gruppe von 8.-Klässlern, dem Leistungskurs Deutsch, Ehemaligen, Eltern, Lehrern und, was natürlich besonders schön war, der Tochter von Appelschnut zusammen.
Zu Beginn trugen uns drei Kinder das wohl bekannteste Gedicht von Otto Ernst "Nis Randers" vor.
Danach stellten uns 5.-Klässler Gedichte von einigen Zeitgenossen, vor allem von Paula Dehmel vor. Mit viel Phantasie verdeutlichten sie den Sinn der Gedichte durch kleine Gesten und dezente Requisiten.
Schließlich stieg der herbe Geruch von Tabak und Holz im Lit’Caf‘ auf und versetzte die Zuschauer um 100 Jahre zurück. Die Bühne hatte sich in eine Zigarrenmacherstube mit Zigarrenkisten und Pressen verwandelt. 10 Schüler stellten Otto Ernst‘ Kindheit anhand einiger Szenen aus seinem autobiographischen Roman "Asmus Semper" dar. Es wurden politische Ansichten und der sozialdemokratische Einfluß diskutiert und man lernte die einzelnen Familienmitglieder, ihre Eigenschaften und auch die Armut der Familie kennen.
Nun betrat eine Schülerin des Deutsch-LK 3. Sem. die Bühne: Sie würden Flachsmann, einen Reformlehrer zur Zeit Otto Ernst‘, vorstellen. Es sei eine Schilderung der großen Pause. Schließlich saßen den vielen Zuschauern 6-7 Lehrer gegenüber. Jeder von ihnen hatte eine kleine Macke: Der eine war zu dominant, der andere schwärmte von seinem Garten, einer forderte Zensur, der eine tat seine Pflicht und einer (Flachsmann) spuckte stets und kaute einen Apfel… Die Lehrer überschütteten uns mit kleinkarierten Vorwürfen und dann… war die Pause zu Ende.
Nach der Pause stellte Herr Stüsser das Buch "Appelschnut über Appelschnut" vor. Da unsere legendäre Appelschnut diesen Abend nicht mehr erleben konnte, war dies eine schöne Erinnerung.
Zum Abschluß erzählte der ehemalige Christianeer Johannes Hennies von seinen Recherchen zu O. E. politisches Engagement. Diese Aufgabe stellte sich jedoch als sehr schwierig heraus, da es wenige Informationen darüber gibt und seine letzten Lebensjahre von einem unerklärlichen Wandel hin zum Antisemitischen bestimmt waren. Dass dieses Problem bis zum Schluß ungeklärt blieb, fanden wir nicht so schlimm, da man über diese kleine Ungereimtheit noch ein bißchen nachdenken kann.

Lara Dietrich, Maria Felte, Anna Schories, Klasse 8a '00


Aus dem Christianeums-Jahrbuch 1997/98
Wir übernehmen hier einen Artikel von Ulrike Schwarzrock und einen von Jochen Stüsser. Beide hatten auf die folgende Frage der Jahrbuchredaktion geantwortet:
Alle Jahre wieder hat Regina Möller-Ernst, oder Appelschnut, wie ihr Vater - und daher auch wir - sie verspielt nennen, Geburtstag. Am 19. September 1997 jährte sich ihr Jubiläum zum einhundertsten Mal. Dies bewog uns, verschiedenen Personen aus unserer Schule folgende - zugegeben recht provokante - Frage zu stellen: Was hat Appelschnut, was andere nicht haben, was ist der Grund für die Ehrerbietung, die die Schule ihr alljährlich in Form von Ständchen, kleinen Reden und Gedenkvorträgen erweist?
Ulricke Schwarzrock-Frank
Appelschnut ist fast ein Mythos, teils ein selbstverfertigter, teils ein von der Umwelt produzierter. Schon hochbetagt, nahm sie es selber in die Hand, durch Lesungen an ihren Schriftstellervater Otto Ernst zu erinnern, vor allem an seine "Appelschnut", in der sie als possierliches, kleines Mädchen um die Jahrhundertwende geschildert hatte. Nach einem langen, oft auch mühseligen und leidvollen eigenen Leben schlüpfte sie als Greisin in die Rolle des spitzbübischen Elfchens zurück: Fiction und Non-Fiction verschwimmen bei diesen Lesungen; die Zeit scheint zurückgedreht, ja die sogenannte gute alte Zeit wieder gegenwärtig zu sein; es herrschen zeitlose Anmut und Heiterkeit. Appelschnut ist dann Muse des Vaters und Verwalterin seines Erbes in einer Person. Kinder sind verblüfft über den quirligen Charme dieser uralten Frau: "So nett und so lustig und dabei sooo alt", hörte ich oft Zehnjährige bei solchen Begegnungen staunen.
Wir Lehrer am Christianeum produzierten den Appelschnut-Mythos insofern gern mit, als die alte Dame eine erfreuliche Variante im Umgang von Alt und Jung verkörpert: Sie nimmt Kinder ernst und plaudert mit ihnen wie mit ihresgleichen; umgekehrt sind die meisten Kinder begeistert und respektsvoll angesichts ihrer Lebendigkeit und Phantasie. Ein bißchen ist bei uns allen die Illusion im Spiel, es gäbe ewige geistige und körperliche Gesundheit, nahezu Unsterblichkeit.
Mir persönlich ist Appelschnut dann am sympathischsten, wenn wir uns beim Einkaufen oder im Jeppweg begegnen. Sie sagt dann schon mal: "Nun kann es bald genug sein", und ist dann kein Mythos mehr, sondern eine erstaunliche, freundliche, uralte Frau.

Jochen Stüsser-Simpson
Sie hat einiges, was andere nicht haben, vor allem kommt sie gedoppelt vor, nämlich als wirkliche Frau im wirklichen Leben - und im gleichnamigen Buch aus der Jahrhundertwende als literarische Figur. Diese ist nicht bloß ein Double, sondern führt seit der ersten Veröffentlichung ein Eigenleben; vielleicht ist sie eine Zwillingsschwester der anderen Appelschnut, wie die Kommentierung des väterlichenTextes, die Selbst-Kommentierung nahelegen. Welchem Zwilling jeweils die Honneurs gemacht werden, ist nicht immer zu erkennen. Hier seien sie nun deutlich getrennt.
Anschaulich erzählt Roswitha Möller-Ernst, die wirkliche Appelsnut, auch für jüngere Schüler über das Flottbek und Othmarschen vor bald hundert Jahren, als das ältere Christianeums-Gebäude noch näher bei den Ursprüngen in Altona stand: über die Verkehrsverhältnisse auf der Elbchaussee, den Flottbeker "Boulevard" und Local Heroes wie den Arzt Dr. Lange. Als reale Person - und das ist für jüngere Schüler schon eher langweilig - repräsentiert sie fast ohne Brüche den Sensus communis aus der Zeit vor dem 1.Weltkrieg. So attraktiv sie das als Zeitzeugin macht, so wenig wird man viele ihrer historischen und politischen Urteile und Wertungen übernehmen wollen und können. Ohne sich indes auf dem Main-Stream der 90`er Jahre billig krittelnd treiben zu lassen, sei eine besondere, schon moralische Qualität der Texte hervorgehoben: das Bemühen um Aufrichtigkeit. Obwohl ihre Offenheit sie besonders angreifbar macht, schont sie sich selbst in keiner Weise. Auch extrem erlebte Situationen werden ohne Beschönigung dargestellt. Deshalb verdient sie, über Geburtstagsglückwünsche hinaus, eine ehrliche Auseinandersetzung. Sie sei im Ansatz hinsichtlich des Appelschnut-Textes von Otto Ernst versucht.
Wenn wir uns heute nach entsprechender Kinder-Literatur umtun, werden wir sehr schnell fündig. Es gibt inzwischen eine Fülle von Erfahrungs- und Betroffenheitsliteratur, die im Umfeld von Zeitungen und Zeitschriften angesiedelt ist, seien das nun Brigitte, Stern, Spiegel, Zeit , Süddeutsche o.a. Auch die meisten Buchverlage lassen sich mit einem gut kalkulierten Sortiment nicht lumpen. Die Titel signalisieren meist die Zielgruppe und den Inhalt: Mensch, Papa!;Wenn Männer Väter werden; Der kleine Erziehungsberater; Brücke zum Himmel; Windeln, Brei und lange Nächte usw. In der schönen Literatur stößt man auf sehr viel weniger Titel
zum Thema, etwa Handkes "Kindergeschichte", viele Texte bleiben hier im Pränatalen stecken wie Grass'
"Kopfgeburten" oder Holbeins "Warum zeugst du mich nicht?". In der psychologischen Literatur lassen sich die entwicklungspsychologischen Phasen und Subphasen leicht nachlesen, schon mit 15-18Monaten fallen die Kinder aus dem "Stand der Gnade", wenn sich für die einzelnen durch Symbole und Sprache das hochgestimmte Einssein mit der Welt auflöst und sich, nach verschiedenen Krisen, die Individuation konsolidiert.
In solchen Zusammenhängen, vor diesem Hintergrund liest man heute "Appelschnut". Dort wird der "Stand der Gnade" noch als Metapher für die gesamte Kindheit verwendet. In ihrem Nachwort wählt Appelschnut konsequent ein Jean-Paul-Zitat als Motto für das Buch ihres Vaters: "Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könne."
Von Oral- und Analphasen konnte seinerzeit noch schlecht die Rede sein, aber Otto Ernst verzichtet auch darauf, eine Abfolge von geläufigen Erscheinungen wie Aufstehen, Laufen, Sprechen, Fremdeln usf. zu systematisieren. Er sucht gerade nicht das Allgemeine bei seinem kleinen Töchterchen, sondern versucht das Besondere der kleinen Appelschnut herauszustellen. Dabei ist sein patriarchalischer Blick keineswegs ausgeblendet, der von anderen Autoren der Jahrhundertwende wie etwa Wedekind (Frühlingserwachen) schon karikiert wurde. Aber er stört auch nicht die Wahrnehmungsfähigkeit für Appelschnut, die uns als agiles Persönchen begegnet. Findet sich nicht bei Kindern, die noch wenig geprägt sind (eine tabula rasa liegt natürlich nicht vor) jenseits alles Biologischen, unabhängig von Vernunft und Erfahrung, eine starke Individualität? Die verschiedenen Erzählungen aus Appelschnuts "nicht beschädigter Kindheit" (Adorno) scheinen mir das zu zeigen. An eben diesem Punkt müssen alle wissenschaftlichen Texte versagen, weil sie dem Objektivierbaren verpflichtet sind. Nur Literatur kann die Darstellung des Individuellen so leisten, wie es für "Appelschnut" in diesem Buch des Vaters gelingt. Es wäre spannend, "Appelschnut" einmal gegen Handkes "Kindergeschichte" zu stellen, sie mit Walter Benjamins "Berliner Kindheit" zu vergleichen, auch wenn dort eine andere Perspektive eingenommen wird - vielleicht in einem Grund- oder Leistungskurs der Oberstufe, unter Umständen auch durch eine Diskussionsveranstaltung (Keine Präsentation!) im Literarischen Café. Denn als Kinderbuch, für die Unter- oder Mittelstufe sind wohl nur einzelne Episoden aus "Appelschnut" tauglich.


Appelschnut
Dieses Interview wurde mit der Tochter des Hamburger Dichters Otto Ernst , Frau Senta R. Möller-Ernst geführt.

Sie ist eine der letzten Zeitzeugen, die den Dichter Richard Dehmel (1863 - 1920) noch kennengelernt hat. Leider konnten wir nur wenig über ihre persönlichen Erlebnisse mit Richard Dehmel in Erfahrung bringen, da sie sich nur schwach an einige Begebenheiten erinnern konnte. Dennoch konnte sie uns etwas über die Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts erzählen. Frau Müller-Ernst feierte im August 1997 ihren 100. Geburtstag.

K. + V.: Können Sie uns etwas über das Verhältnis Ihres Vaters zu Richard Dehmel erzählen? Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit?

M. - E.: Zu Richard Dehmel hatten wir kein freundschaftliches Verhältnis, wie zum Beispiel zu Detlev von Liliencron, den ich immer "Onkel Lillicon" nannte oder zu Gustav Falke, der mir Klavierstunden gab.
Als kleines Kind hatte ich sogar richtige Angst vor ihm, da er, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, immer einen sehr düsteren Eindruck machte. Beide Dichter hatten ihre eigenen Gemeinden und unsere Familien verkehrten deshalb nur bei öffentlichen Veranstaltungen der Stadt Hamburg miteinander. Zwischen ihnen herrschte aber auch kein sonderlich gespanntes Verhältnis, und ich habe niemals von meinem Vater ein negatives Wort gegen Richard Dehmel gehört. Sie hatten sowohl literarisch als auch privat völlig verschiedene Richtungen. Aber schließlich wäre es auch langweilig, wenn alle Menschen den gleichen Weg einschlagen würden.

K. + V.: Damit ist wohl auch die distanzierte Darstellung Richard Dehmels als "Leo Finstermünz" in Otto Ernsts autobiographischem Roman "Semper der Mann" zu erklären?

M. - E.: Mein Vater hatte die komische Idee, allen Figuren in seinen Romanen andere Namen zu geben; auch seinen Kindern. Mich zum Beispiel nannte er Sigrun. Er wollte nicht, daß sich die Menschen gegen ihren Willen angesprochen fühlten. Wenn sie anonym bleiben wollten, konnten sie es auch.
Gustav Frenssen sagte einmal zu mir: "Stellen Sie sich vor: Ida Dehmel war unlängst meine Tischdame und fragte
ausgerechnet MICH, ob ich ihren Mann nicht auch für den bedeutendsten Dichter des Jahrhunderts halte!" Gustav Frenssen war ein sehr guter Freund meines Vaters.

K. + V.: Standen Sie zu Paula Dehmel in einer näheren Beziehung als zu Richard Dehmel?

M. - E.: Nein, eigentlich nicht. Paula Dehmel muß sehr merkwürdig gewesen sein. Auch zu seiner zweiten Ehefrau Ida Dehmel herrschte immer ein gewisser Abstand. Sie schien etwas abgehoben gewesen zu sein; eine Eigenschaft, die unserer Familie gar nicht lag.

K. + V.: Haben Sie an den von Ida Dehmel organisierten Kulturabenden teilgenommen?

M. - E.: Nein, davon wußte ich gar nichts. Ich finde das sehr schade, da ich gern mit Menschen verkehre, die anders als ich denken. Man darf schließlich nicht immer nur "ja" sagen, man muß auch fragen "wieso?"

K. + V.: 1933 mußte Ida Dehmel sämtliche öffentliche Ämter aufgrund ihrer jüdischen Herkunft niederlegen. Wie standen Sie zum damaligen Antisemitismus?

M. - E.: Ich habe selbst eine jüdische Mädchenschule besucht, die Dr. Jakob Löwenberg, ein guter Freund meines Vaters, leitete. Ich bin mit Juden groß geworden. Gegen den Antisemitismus habe ich mich immer gewehrt. Juden sind schließlich eine Rasse, wie alle anderen auch*.
Dr. Löwenberg, Dr. Levoir und Dr. Goldschmitt: Sie waren alle Mitglieder der "Literarischen Gesellschaft".

*Anmerkung: Hier wird dem Original der Erstveröffentlichung in den "Arbeitspapiere(n) Dehmel-Haus" gefolgt. Zu der an dieser Stelle vorgenommenen Selbstzensur vergleiche den Aufsatz von Johannes Hennies.

In diesem Zusammenhang pflegte mein Vater scherzhaft zu sagen, daß die "Literarische Gesellschaft" ihren Namen daher habe, daß nur ein Liter arisches Blut in ihr fließe.

K. + V.: Ida Dehmel beging 1942 Suizid.

M. - E.: Ich glaube, daß Ida Dehmel ein sehr depressiv und negativ veranlagter Mensch war. Doch es ist leichtsinnig von mir, mich darüber zu äußern, denn ich weiß zu wenig von ihr. Ich denke viel über ihren Freitod nach, weil ich selbst häufig an diesem Punkt angelangt war. Immerhin habe ich zwei Weltkriege und persönliche Schicksalsschläge miterlebt: Mit 21 Jahren verunglückte mein Sohn bei einem Verkehrsunfall tödlich. Doch danach kamen auch wieder schönere Zeiten: erst meine Kinder, dann die Enkel und inzwischen habe ich sogar Urenkel. Außerdem konnte ich mein ganzes Leben in diesem schönen Haus verbringen.
Als ich sechs Jahre alt war, bin ich an Papis Hand hier hereinspaziert, obwohl das Haus noch nicht einmal ganz fertiggestellt war. Der "Blaue Mauermann", der auch in Otto Ernsts "Appelschnut" erwähnt ist, hat es gebaut. Der Bürgerverein in Othmarschen hat sich sehr für die Erhaltung des Otto Ernst-Hauses eingesetzt. Da ist auch verständlich, schließlich hat nicht jede Gemeinde einen Dichter wie Otto Ernst; auch wenn seine Werke heute schon fast vergessen sind.
Aber so sind die Zeiten nun einmal. Wer liest denn heute noch Fontane? Selbst von Goethe oder Schiller kennt die breite Masse meist nur noch den Namen.
Aber war die breite Masse je anders? Oft höre ich von anderen Menschen, daß früher alles viel besser gewesen sei. Ich denke, daß jede Zeit ihre Berechtigung und sowohl positive, als auch negative Seiten hat. In verneine das Negative nicht; es ist schließlich vorhanden. Aber ich wäre ungerecht, wenn ich das Positive nicht anerkennen würde. In dieser Hinsicht sind mein Vater und ich uns sehr ähnlich. Er hat das Elend der Welt zwar nicht verkannt - das kann man als denkender Mensch auch gar nicht - doch Pessimisten wie Richard Dehmel hielt er hingegen für undankbar.

Verena Dietrich & Katrin Meinert bedanken sich bei Frau S. Möller-Ernst für dieses Interview. Aus den Arbeitspapiere(n) Dehmel-Haus '97.