Zeitgenossen

Gerrit Engelke


Beitrag von
Christian Fuhrhop '99,
LK-Deutsch
Leseproben und Kommentare
Warum Engelke lesen?
Zusammenhang mit Dehmel

Am 21.Oktober 1890 wird der Sohn eines Textilwarenhändlers in Hannover geboren. Von seiner Mutter erbt Engelke sein Gespür für Musik und Kunst. Er erlernt das Malerhandwerk, obwohl er lieber Künstler geworden wäre. 1910/11 entstanden seine ersten Gedichte, die hauptsächlich von der Welt der Arbeit und der Großstadt handeln. Als seine Eltern 1901(Vater)/1910 (Mutter) nach Amerika auswandern, muß er sich seinen Unterhalt selber verdienen und wendet sich an Richard Dehmel, der zu der Zeit Preise für junge Talente verleiht. Dehmel ist auch Engelkes literarisches Vorbild. Nach Vermittlung Dehmels an Paul Zech, werden1913 Engelkes ersten Gedichte in der Zeitschrift "Der neue Pathos" veröffentlicht. Besonders Jakob Kneip wird auf ihn aufmerksam und veröffentlicht weitere Gedichte in der Nyland- Zeitschrift "Quadriga". Im Oktober 1914 wird Engelke Soldat und rückt Februar nächsten Jahres ins Feld. 1917 erleidet er eine Verwundung am rechten Oberarm und verbringt darauf mit Jakob Kneip seinen Genesungsurlaub. Er trifft auf eine Berliner Offizierswitwe und verlobt sich mit ihr. 1918 wird er wieder eingezogen und stirbt am 13. Oktober in einem britischen Feldlazarett an den Folgen einer Schußverletzung.
Engelkes Künstlerleben wurde sehr früh beendet und doch beschrieb ihn J. Babs als "das erste literarische Genie, das aus dem Proletariat hervorgegangen ist", wobei bei Engelke der sozial- anklägerische und politische Ton fast gänzlich fehlte. Vielmehr arbeitet er die Sprache Nietzsches, Liliencrons, J.Schlafs und Dehmels mit romantischen, aber auch volksliedhaftem Einschlag auf und wird als einer der frühen Expressionisten bezeichnet, obwohl er immer vor der sprachlichen Destruktion des eigentlichen Expressionismus haltmachte.
1921 gab Jakob Kneip einen Gesamtgedichtband unter dem Titel "Rhythmus des neuen Europa heraus", der in einer Zweitauflage zu einer Gesamtausgabe Engelkes erweitert wurde.

Eine Frage, die sich auch heute noch die Menschen stellen. So auch das Kulturamt der Stadt Hannover, das jährlich mit Stolz den Gerrit- Engelke- Preis verleiht.
Also sollten wir der Frage nachgehen:
Was macht diesen Dichter mit seinem kleinen Gesamtwerk so interessant?
Niemand beschreibt Engelke besser als er selber. In einer Tagebuchnotiz schreibt er :
"In folgender Dreiteilung könnte vielleicht ein Kapitel über mich geschrieben werden, (man kennt sich selbst am besten):

I. Der Weltmensch (Stadt- und Weltgedichte)
II. Der Künstler, (Einfache Gedichte und Lieder)
III. Der Fantast, (Kosmische Gedichte)"

Hätte Engelke nicht selber diese Zeilen notiert, so hätten sich die Literaturhistoriker wohl nachträglich darauf geeinigt. Denn erstaunlicherweise ist seine gesamte Lyrik tatsächlich in diese Einteilung aufzuteilen. Zwar schreibt Engelke nicht nur Lyrik, sonder auch Theaterstücke und einzelne Fragmente, aber es sind die Gedichte, die den Lesern fesseln und beeindrucken. An den Gedichten läßt sich Engelkes wandelnde Weltanschauung und steigende Melancholie während des Krieges und seiner großen Liebe festmachen.

I. In frühen Künstlerjahren beschäftigt er sich mit den Erscheinungen einer Großstadt:

Die Fabrik

Düster, breit, kahl und eckig
Liegt im armen Vorort die Fabrik.
Zuckend schwillt, schrill und brutal
Aus den Toren Maschinen- Musik
Schlot und Rohr und Schlot und Schlot,
Heißdurchkochtes Turmgestein,
Speien dickes Qualmgewölk
Über traurigstarre Häuser, Straßenkot

Tausend Mann, Schicht um Schicht,
Saugt die laute Arbeits- Hölle auf.
Zwingt sie all in harte Pflicht
Stunde um Stunde. [...]

Für ihn war der Fortschritt durch Technik und Industrie eine "Entseelung" der natürlichen, gottgegebenen Welt:
"Wir konstruieren ganz erstaunliche Wunder der Technik: kilometerlange Brücken, wolkenhohe Häuser, Luftschiffe und andere rasendschnelle Beförderungsmittel- und denken nicht, daß wir nicht glücklicher dadurch werden, daß wir nur Hast und Angst in unser Leben tragen: daß wir nur schneller leben- und daß wir uns immer vom Materiellen, von Stahl und Dampf und Elektrizität, daß wir uns immer mehr von den neuen Mitteln zu neuen Bedürfnissen, die wir unnötiger- und zweckloserwiese uns schaffen,- knechten lassen! Wann werden die Kräfte, die jetzt nur für den äußeren Menschen angewandt werden, auf den inneren Menschen gerichtet?"

II. Später stoßen wir dann auf seine melancholischen, in Kriegszeiten geschriebenen, Gedichte, die meist von Liebe und Angst handeln. So schreibt er an seine Verlobte, während er an der Westfront Wache hält, folgendes Gedicht:

Appassionato

Du hast durch Deinen Kuß
Mein stromvoll Blut geweckt
Und mein Gesicht warm aufgehoben aus dem Tag,
Daß mich nun uferlose große nacht umspült,
Herwehend Glanz und Taumel.
Ein wiegend Zittern schwillt in meiner Füße Wurzeln,
Einströmen lassend Erde und Getön,
Und springt aus meiner Kniee Schreiten in die Brust
Zu meerbewegter Melodie,
Darin mein Herz , die Orgel rauscht.
Nun sich im Takte meine Sohlen heben
Und grenzenlos beseeltes Schweben
Die Glieder übergießt:
Hab ich die Arme aufgehoben,
Den Blick in Himmeldunkelblau zerstoben
Und fühl, wie meiner aufgelockten Haare schopf
Die nachtbemalten Wolken streift,
Sternenblütenkranz die Stirn umgreift,
Und tanze, tanze zu Dir hin !
Denn meiner segelwilden Sehnsucht Schauer,
All meine Einsamkeiten Trauer,
Mein hin und her durchflutet Sein,
Und nun des sel`gen Leibes neue Lust:
Stürmt fort und fort an Deine Brust,
Will nur in Dir geborgen sein!

Engelke wird sie nie wiedersehen. Drei Monate nach Verfassen dieses Gedichtes stirbt Engelke.

Auf Grund seiner malerischen und musikalischen Begabung schafft es Engelke, mit unglaublicher Ausdruckskraft seine Gedanken und Gefühle zu formulieren. Viele schätzen an ihm seinen ungebundenen, natürlichen Schreibstil.
Für andere hingegen ist Engelke Symbolfigur des sich intellektuell ansatzweise emanzipierenden Proletariats. So schreibt Richard Dehmel in einem Brief über Engelke:
"..., daß Deutschland noch nicht verloren ist, solange die Volksschule solche Jünglinge zeitigt." Allerdings dürfen wir auch nicht vergessen, daß Engelke Autodidakt ist und ihm außerordentliche Fähigkeiten angeboren sind.

III.Engelke schreibt also einfache Gedichte, Liebesgedichte und kosmische Gedichte. Eines seiner ausdruckstärksten Gedichte verfasst Engelke kurz vor seinem Tod.
In diesem Gedicht sind alle Seiten seiner unterschiedlichen Stile vorhanden:

Sang im All

Herrgott, deine blauen Himmel singen,
Deine Wälder brausen immerzu,
Ozeane schäumen uns, umschlingen
Dein Gesicht! Dein Geist in allen Dingen
Atmet Leben, Beben ohne Ruh.

Ohne Ruhe schmettern, saugen, dröhnen
Deine Riesenstädte wild und barsch,
Tag und Kraft und Zukunft zu versöhnen,
Pulsen aller Häuserstraßen, tönen,
Gießen, strömen in den Lebensmarsch.

Deine Völker hassen, wandern, lieben
Unaufhörlich um dem Horizont-
Ach, an deine Weltenbrust getrieben
Sollen alle Brust an Brüsten liegen,
Heiß von deiner Güte übersonnt!

Millionen Weltplaneten kreisen
Über uns hinaus nach deinem Sinn!
Kann kein Sternentüpfelchen entgleisen:
Blickt das Herz ins All, gläubig Dich zu preisen,
stöhnt umrauscht der Mensch: ich bin !
Halte Halme, Häuser, Mensch, Äonen
Nah an dich, in deines Rhythmus Trott,
Tausendfaches ruht im Gleichmaß deiner Liebe
alle Zonen-
Laß uns einmal alle in der Liebe wohnen,
Denn das Leben ist nur Gott.
11.7.1918 Gerrit Engelke


An Engelke bewundere ich besonders seinen unerschütterlichen Drang nach Kunst und Kultur. Seine Kriegsaufzeichnungen verdeutlichen, daß Kunst und Liebe für ihn das Wichtigste sind und ihm über die schwere Zeit hinweghelfen. Natürlich beschreibt Engelke auch den Krieg in seinen Schriften. Doch sein Stil ist sympatischer als der der anderen Expressionisten, die versuchen durch ihre wirren Gedichte das Kriegselend wiederzugeben. Ich bewundere Engelke für seinen Optimismus, denn schon in Kriegstagen besinnt sich Engelke auf ein friedlicheres Zusammenleben und einen kulturellen Neuanfang in Europa:

Unsere größte menschliche Aufgabe nach dem Kriege wird heißen: Vergib deinem Feinde, der doch von der Schöpfung des Menschen her dein Nächster auf Erden ist. Hat der Weltkrieg nicht uns alle so groß und furchtbar getroffen, daß es uns aus gegenseitiger Schmerzerkenntnis menschlich leicht sein müßte, zu neuem Verstehen die Hände zu reichen ?
2.1.1916 Gerrit Engelke

Für diese Art von weitsichtiger Völkerverständigung ist Engelke nur zu bewundern.
Für ihn war es ein Auftrag, seinen Beitrag zu dem Neuanfang nach dem Krieg zu formulieren und er braucht dafür vier Wörter:
"Rhythmus des neuen Europas",
die Vorstellung von einem in allen seinen Gliedern gesunden Organismus Europa, der allein auch eine neue Blüte kulturellen Lebens hervorbringen könnte.

Warum also Engelke lesen?

Weil Engelke den Leser durch seinen Schreibstil einnimmt. Nicht weil er literaturhistorisch oder durch bedeutende Werke als schillernde Figur in Lexika erscheint, sondern weil er eine sehr ursprüngliche, ehrliche und unverfälschte Art der Lyrik hervorbringt.

Ich möchte abschließend zwei Zitate noch nennen, die mir besonders gut gefallen.
Beide sind in seinen Tagebuchnotizen zu finden:

"Die Liebe kann das Idealste oder das Gemeinste sein. Jeder schafft sich selber den Grad des Wertes."

"Leben heißt: Erleide deine Welt." (1915)

"Mein Name: Gerrit Engelke. Ich bin zu Hannover geboren und lebe im 23. Jahr [....]
Ich besitze kein Geld, ich lebe von meinem erarbeiteten Gelde von Woche zu Woche[...]
Meine Bitte, sehr geehrter Herr Dehmel: Würden Sie es erlauben, daß ich Ihnen in einer gültigst bestimmten Zeit meine Gedichte überbringen und Sie um Rat, vielleicht um gütige Hilfe bitten darf ?"
Mit diesen Zeilen wendet sich Engelke 1913 zum ersten Male an Richard Dehmel. Seine Intention ist es, Dehmels Einfluß bei der Talentförderung geltend zu machen. Dehmel ist auch sofort von Engelkes Schreibstil begeistert: "Genial, größer als wir alle", sagt Dehmel und vermittelt ihn an einige Zeitschriften. Er findet Gefallen an dem jungen Künstler und nach einem Briefwechsel besucht Engelke Dehmel in Hamburg, um sich von ihm Rat zu holen: Denn er will nicht in den "Sumpf der Bohème geraten"; fraglich ob ihn da der Richtige beraten hat.... Engelke zumindest genießt die nette Bewirtung im Hause Dehmel. Er fühlt sich wohl in Hamburg- Blankenese und verfasst dort einige Gedichte.
Dehmel ist für Engelke stets ein literarisches Vorbild. So erinnern seine Gedichte an die Lyrik Dehmels, obwohl Engelke schon seinen eigenen Stil kreierte.
Es bleibt bei einer oberflächlichen Beziehung. Für den einen ist es ein Staunen über ein so großes lyrisches Talent, für den anderen ist es ein Heraufblicken zu einem bewegenden Dichter der Jahrhundertwende, der sich im Laufe der Jahre zum "Kulturmanager" etablierte. Erst die Wirren des Krieges lösen diese zwar nicht feste Freundschaft aber doch lose Bekanntschaft. Nur selten noch schreiben und sehen sich die beiden, bis Engelke 1918 fällt.
Die Beziehung zwischen Dehmel und Engelke kennzeichnet, nicht zuletzt auch durch Dehmels Initiative der Verleihung des Kleist- Preises, die Beziehung zwischen jungen Talenten und ihren Mäzenen zu Beginn des Jahrhunderts.