Zeitgenossen

Max Dauthendey


Beitrag von
Anna Kuhlmann '99,
LK-Deutsch
Biographie
Hauptwerke
Leseproben
Gedichte
Kommentar
Gedicht 1915
Zusammenhang mit Dehmel

STECKBRIEFE
erlassen hinter dreißig literarischen Uebelthätern gemeingefährlicher Natur
von
Martin Möbius
mit den getreuen Bildnissen der Dreißig
versehen von Bruno Paul
Erstes bis Drittes Tausend
im Verlage Schuster und Loeffler
Berlin und Leipzig 1900
Maximilian Dauthendey

Maximilian Dauthendey
Macht die Metrik ganz entzwei,
Reime setzt er vorne dran,
Daß man sie nicht merken kann,
Seiner Verse Katarakt
hat nicht Rhythmus, hat nicht Takt,
kurz, die deutsche Poesie
Purzelbaumt hier, wie noch nie.
Meine Herrschaften! So was ist noch nicht dagewesen! Dieser Mann nimmt ein geschliffenes Crystallglas, steckts in den Mund, zerbeißt es, spuckt die Splitter auf den Tisch und murmelt verklärt: Sehet her und staunet an, ich habe die alte Form überwunden, und eine neue liegt vor euch, die so schön ist, daß Indianer vor Seligkeit darüber weinen müßten!
Es ist kein Wunder, daß dieser Dichter eines seiner Bücher von hinten nach vorne hat drucken lassen, so daß ein naiver Leser seekrank wurde, weil er auch die Worte von rechts nach links las.
Und wer wäre so primitiv, sich darüber zu wundern, daß eines seiner Dramen im Gehirne der Menschen spielt?
Wahrlich, wahrlich ich sage euch: wer sich bei Dauthendey über irgend etwas wundert, ist ein Kalbsgekröse und würdig, daß dieser Dichter sein nächstes Drama in der Zirbeldrüse des Beklagenswerten spielen läßt.
Sämmtliche Setzer, die die Werke Maximilians gesetzt haben, sind in der Blüte ihres Mannesalters tobsüchtig geworden; ein Backsteinkäs, den man in das Drama hineinzuwickeln die Unvorsichtigkeit hatte, wurde ultraviolett und roch plötzlich nach Veilchen.
Maximilian selber aber ist ganz gesund.

Max Dauthendey wurde am 25. Juli 1867 in Würzburg geboren. Er wuchs als jüngster hn wohlhabender Eltern auf, und abgesehen vom frühen Tod seiner Mutter Caroline 1873 (Max war gerade sechs Jahre alt), erlebte er eine glückliche Kindheit. Da sie als Kind deutscher Kolonisten in St. Petersburg geboren wurde, der Vater Karl ebenfalls lange dort lebte und alle sieben Geschwister in Rußland zur Welt kamen, hatte die russische Kultur große Einflüsse auf das Leben Max Dauthendeys, auch wenn er in Würzburg aufwuchs.
Max war ein schwieriger Schüler; er dachte nicht ans Lernen, nur an die Poesie und Kunstmalerei - sehr zum ƒrger seines Vaters, der ihn gerne sein Photoatelier weiterführen gesehen hätte. Nachdem es zum wiederholten Male zu einem heftigen Streit mit seinem Vater gekommen war, der ihn gar wegen seines Verhaltens in eine Nervenklinik gesteckt hatte, zog Max 1891 nach Berlin, um dort das Dichten in Ruhe zu betreiben. Ohne eigenes Geld lebte er dort und in Paris und reiste viel umher, vorzugsweise nach Skandinavien. In Schweden lernte er 1894 auch Annie Johan n, die Tochter eines Großkaufmanns, kennen, die er zwei Jahre später heiratete.
Nach - und trotz - einer kurzen Affäre Max¥ mit seiner Würzburger Jugendfreundin, der Malerin Gertrud Rostosky, reiste das Ehepaar Dauthendey mit fremden Mitteln und dem ererbten Geld des 1896 verstorbenen Karl Dauthendeys gemeinsam durch die Weltgeschichte; 1897/98 nach New York und Mexico, 1898 nach Griechenland, und von 1899 bis 1905 lebten sie beide in Paris. Es zog Max eine zeitlang auch zurück in seine Heimatstadt Würzburg, bis er 1905/06 seine erste Weltreise ohne Annie unternahm; nach ƒgypten, Indien, China und über Japan nach Hawaii und in die USA. Kaum wieder von seiner Gattin in die Arme geschlossen, reiste Max in das nnige Italien; natürlich nicht mit seinem eigenen Geld. 1914 llte er ein letztes Mal seine geliebte Annie verlassen, denn er ging wieder auf Weltreise. Nach einem Aufenthalt in Arabien besuchte er Java, um von dort nach Neuguinea zu segeln. Aber auf der Rückfahrt gen Java überraschte ihn der 2. Weltkrieg; Max konnte Java nicht mehr verlassen. Trotz emsiger Bemühungen vieler Verwandter und Freunde, darunter auch Romain Rolland und Bernhard Shaw, ihn zurück nach Europa zu holen, konnte der Heimwehkranke Java nicht verlassen.
Am 29. August 1918 starb Max Dauthendey in Malang/Java an Malaria.

Hauptwerke
Ultra-Violett (1893); Reliquien (1899); Lusamgärtlein (1909); Lingam (1909); Die geflügelte Erde (1910); Die acht Gesichter am Biwasee (1911); Raubmenschen (1911); Geschichten aus meinen Wanderjahren (1913); Geschichten aus den vier Winden (1915).
Außer Büchern schrieb Max Dauthendey Liebeslieder und malte Aquarelle, größtenteils auf seinen Reisen.

Leseprobe
Ich war im Maienabend am Bach,
Der lief der buhlenden Dämmerung nach;
Wohlgeruch tat auf den Grasspitzen stehn,
Es mußten Veilchen im Abend umgehn.
Gebückt ein Mädchen am Erdboden saß,
Sie legte die blaue Schürze ins Gras;
Sie griff ins Dunkel mit ihrer Hand,
Wollüstig der Abhang voll Veilchen stand.
Dunkler und dunkler ward es umher;
Nur ihr Atem verriet sie, der ging schwer.

(Würzburg 1926)

Die Welt um mich ist ein Krankenzimmer
Mit geschlossenen Läden im Zwielichtschimmer.
Ich mßchte nur leise Schritte machen,
Meine Augen schmerzen vor nächtlichem Wachen.
Meine Brust ist von rgen eng umbunden,
Inwendig bluten mir stechende Wunden.
Ich kann noch kein Ende der Krankheit sehen.
Werd ich je froh auf den Füßen stehen?
Das Fieber des Krieges, Heimweh und Sehnen, -
Ich dulde stumm mit verbissenen Zähnen.

(Garoet 1915)


Zum Gedicht:
Als 1914, während sich Max Dauthendey auf der Überfahrt von Neuguinea nach Java befand, überraschend der 1. Weltkrieg in Europa ausbrach, war es ihm nicht mehr möglich, nach Hause zu seiner Frau Annie und seinen Freunden zu gelangen, obwohl Annie sich besonders mit wohlhabenden und einflußreichen Bekannten sehr darum bemühte.
Schon zu Beginn seines Aufenthaltes auf Java erkrankte Max an Malaria. In den drei Jahren der Krankheit ging es ihm manchmal allerdings recht gut dank der Behandlung, die ihm ein Bekannter, Prof. Dr. Schüffner, ein berühmter deutscher Tropenarzt, ermöglichte, daß Max oft auf Java umherreisen konnte. Auf diesen Reisen malte er häufig Aquarelle. Gedichte und Lieder schrieb Max ununterbrochen, auch auf seinem Krankenbett. In diesen schrieb er immer über seinen Kummer, denn er fühlte sich gesundheitlich ja sehr schlecht und wünschte sich außerdem nichts mehr, als endlich nach Hause zu kommen, unter anderem auch aus Sorge um Annie, die zu der Zeit im Kriegsgebiet alleine war.

Max Dauthendey und Richard Dehmel hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander; Max schrieb einmal in einem Brief an einen Jugendfreund: "... und ich wußte plötzlich, daß ich ihn sehr, sehr liebte und ihm für diese Stimme dankbar war. ..." (aus: Max Dauthendey - Sieben Meere nahmen mich auf; Langen Müller, 1987).
Die erste Begegnung zwischen beiden fand im Februar 1893 statt, nachdem Max eine Postkarte von Dehmel erhalten hatte, in der stand, Dehmel hätte Max "Auferstehung" im Musenalmanach gut gefallen, daß er ihn gerne einmal kennenlernen würde.
Schon während der zweiten Verabredung bemerkten beide eine tiefe Feundschaft untereinander, und als Dehmel ein Gedicht vorlas, konnte keiner von ihnen seine innere Erregung unterdrücken. Als hätte es nie etwas anderes gegeben, duzten sich beide nach diesem Gedicht.
Die Freundschaft von Max und Dehmel basierte, abgesehen von einigen gegenseitigen Besuchen, auf Briefen. In ihnen wurde auch Dehmel oft nicht vor Bitten verschont, Max Geld zu leihen.
Richard Dehmel, der die Arbeiten Max Dauthendeys sehr schätzte, schrieb diesem einmal: "Du bist der Rhap de des seligen Überflusses. Deine Stimme jubelt nach Jahrhunderten noch." (aus: Max Dauthendey - Sieben Meere nahmen mich auf; Langen Müller, 1987).