Zeitgenossen

Walter Benjamin


Beitrag von Johanna Vogt '99,
LK-Deutsch
Leseproben
Berliner Kindheit um 1900
Aussichten
Leseproben
Gedichte

Walter Benjamin wird am 15. Juli 1892 in Berlin geboren. Er ist Sohn eines wohlhabenden Mitinhabers eines Auktionshauses und großbürgerlicher, jüdischer Herkunft.
Benjamin studiert von 1912 bis 1919 Philosophie in Freiburg/Breisgau, Germanistik in Berlin und Kunstgeschichte in München. Während dieser Zeit veröffentlicht er "Das Leben der Studenten" (1915); 1916 schreibt er, vom Kabbala-Forscher Gersham Scholem motiviert, den Essay "Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen", den er zwar Bekannten zum Lesen gibt, nicht aber veröffentlicht.
1917 heiratet er Dora Sophie Keller und setzt sein Studium in Bern fort. 1918 wird sein Sohn Rafael geboren. Mit "Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik" promoviert Benjamin 1919 bei Richard Herbertz und kehrt 1929 nach Berlin zurück. Er arbeitet als freier Publizist, schreibt für Zeitungen, Zeitschriften und später auch für den Rundfunk. 1925 will Benjamin an der Frankfurter Universität mit seiner Abhandlung "Ursprung des deutschen Trauerspiels" Professor werden. Die Fakultät nimmt diese Abhandlung aus ideologischen Gründen nicht an, weshalb sie erst 1928 erscheint.
In den Jahren 1925/26 macht Benjamin eine mehrmonatige Moskaureise.
Von seiner FRau läßt er sich 1930 wieder scheiden. 1932/33 entstehen auf Ibiza, wo er an Malaria erkrankt, seine Prosastücke "Berliner Kindheit um 1900" mit stark autobiographischen Zügen, die in der Frankfurter und Vossischen Zeitung erscheinen.
Im März 1933 emigriert Benjamin nach Paris, wo er bei der "Zeitschrift für Sozialforschung" des Frankfurter "Instituts für Sozialforschung" mitarbeitet. 1934/35 verbringt er einige Zeit in San Remo bei seiner ehemaligen Ehefrau Dora Sophie Keller. Nach Kriegsausbruch wird er im Lager Nevers von den Franzosen interniert, kommt im November 1939 frei und kehrt nach Paris zurück. Der Herausgeber der "Zeitschrift für Sozialforschung", Max Horkheimer, der in New York im Exil lebt, verschafft ihm ein US-Visum. Im September 1940 versucht Walter Benjamin mit Hilfe Lisa Fittkos von Port-Vendres über die Pyrenäen nach Port-Bou (Spanien) zu fliehen. Die spanischen Grenzposten teilen ihm allerdinngs nach erfolgreicher Überquerung der Pyrenäen mit, daß er aufgrund eines fehlenden französischen Ausreisevisums zurück nach Frankreich geschickt werde. Daraufhin nimmt sich Benjamin mit einer Überdosis Morphium, das er zur Sicherheit mitgenommen hatte, das Leben.
Auf seiner Flucht nimmt er ein Manuskript mit, das er nicht den Nationalsozialisten in die Hände fallen lassen will. Durch Lisa Fittko erfährt Gershom Scholem vierzig Jahre später von diesem Manuskript, kann es allerdings nicht mehr ausfindig machen, so daß das letzte Werk Benjamins der Nachwelt nicht bekannt ist.

Leseprobe
Aus Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

Das Karussell

Das Brett mit den dienstbaren Tieren rollt dicht über dem Boden. Es hat die Höhe, in der man am besten zu fliegen träumt. Musik setzt ein, und ruckweis rollt das Kind von seiner Mutter fort. Erst hat es Angst, die Mutter zu verlassen. Dann aber merkt es, wie es selber treu ist. Es thront als treuer Herrscher über einer Welt, die ihm gehört. In der Tangente bilden Bäume und Eingeborene Spalier. Da taucht , in einem Orient, wiederum die Mutter auf. Danach tritt aus dem Urwald ein Wipfel, wie ihn das Kind schon vor Jahrtausenden, wie es ihn eben erst im Karussell gesehen hat. Sein Tier ist ihm zugetan: Wie ein stummer Arion fährt es auf seinem stummen Fisch dahin, ein hölzerner Stier-Zeus entführt es als makellose Europa. Längst ist die ewige Wiederkehr aller Dinge Kinderweisheit geworden und das Leben ein uralter Rausch der Herrscher mit dem dröhnenden Orchestrion in der Mitte. Spielt es langsamer, fängt der Raum an zu stottern und die Bäume beginnen sich zu besinnen. Das Karussell wird unsicherer Grund. Und die Mutter taucht auf, der vielfach gerammte Pfahl, um den das landende Kind das Tau seiner Blicke wickelt.

Bettler und Huren

In meiner Kindheit war ich ein Gefangener des alten und neuen Westens. mein Clan bewohnte diese beiden Viertel damals in einer Haltung, die gemischt war aus Verbissenheit und Selbstgefühl und die aus ihnen ein Ghetto machte, das er als sein Lehen betrachtete. in dieses Quartier Besitzender blieb ich geschlossen, ohne um ein besseres zu wissen. die Armen - für die reichen Kinder meines Alters gab es sie nur als Bettler. Und es war ein großer Fortschritt der Erkenntnis, als mir zum erstenmal die Armut in der Schmach der schlechtbezahlten Arbeit dämmerte. Das war in einer kleinen Niederschrift, vielleicht der ersten, die ich ganz für mich selbst verfaßte. Sie hatte es mit einem Mann zu tun, der Zettel austeilt und mit den Erniedrigungen, die er durch ein Publikum erfährt, das für die Zettel kein Interesse hat. So kommt es, daß der Arme - damit schloß ich - sich heimlich seines ganzen Packs entledigt. Gewiß die unfruchtbarste Bereinigung der Lage. Aber keine andere Form der Revolte ging mir damals ein als die der Sabotage; diese freilich aus eigenster Erfahrung. Auf sie griff ich zurück, wenn ich der Mutter mich zu entziehen suchte. Am liebsten aber bei den "Besorgungen”, und zwar mit einem verstockten Eigensinn, der meine Mutter oft zur Verzweiflung brachte. Ich hatte nämlich die Gewohnheit angenommen, immer einen halben Schritt zurück zubleiben. Es war als wolle ich in keinem Falle eine Front, und sei es mit der eigenen Mutter, bilden.


Aus Aussichten

Die Weihnachtspyramide, Die Vorgängerin des Weihnachtsbaums

Die älteste Anordnung der Weihnachtskerzen kam aus den Kirchenbräuchen: Das war die Lichterpyramide; ein stabiles und steiles Holzgestellchen, an dem die Kerzen sich in verschiedenen Schichten staffelten. Diesen Pyramiden, so zierlich sie auch waren, fehlte freilich der Duft von Harz und Tannennadeln.
Der Sieg des Weihnachtsbaums entschied sich langsam. Wie, das zeigen unsre Bilder, die alten Kinderbüchern entnommen sind.
Schließlich war es ein kleiner Zwischenfall, der für die Dauer die Pyramide durch den Weihnachtsbaum verdrängte. Es trug sich 1827 auf dem Berliner Weihnachtsmarkte zu. Damals wurden Tannen- und Fichtenbäume auf den Straßen nur sehr vereinzelt ausgeboten, Pyramiden dagegen fünfmal mehr als Weihnachtsbäume. Arbeiter nämlich, die im Winter jenes Jahres keine Beschäftigung gefunden hatten, waren auf die Idee verfallen, Weihnachtspyramiden zu basteln und verkauften sie vorm Fest an allen Ecken. Dadurch entstand ein solcher Überfluß, daß mehr als tausend Pyramiden aller Größen unverkäuflich blieben, trotzdem man sie für einen Silbergroschen ausschrie. Als keine Aussicht zu verkaufen mehr vorhanden war, schleppten die Leute ihre eigene Ware nach der Königsbrücke und schleuderten sie kopfüber auf die Eisdecke der Spree, von wo am Weihnachtsmorgen dann die armen Leute sie als Brennstoff holten. Von dieser "Krise” hat sich der Pyramidenmarkt nie mehr erholt



Hamburger Kindheit um 1980/90
Pendant zum Anfang von Walter Benjamins Geschichte "Bettler und Huren”

In meiner frühen Kindheit war ich ein Gefangener des Hamburger Westens. Seit meine Eltern in Hamburg lebten, wohnten sie im westlichen Teil der Stadt. Zwar waren sie nicht besonders stolz auf ihren Wohnort, doch wurden mir und meinen Geschwistern schon bald die Vorzüge dieses Viertels zu teil. Es war für uns selbstverständlich ein eigenes Zimmer zu haben. Außerdem hatten wir ein Turnzimmer, wo wir unsere im Turnverein erworbenen Künste erweitern konnten. Jeder von uns lernte eher oder später mindestens ein Instrument zu spielen, und daß wir in den Ferien wegfuhren, war für uns normal. So war uns das Leben von Kindern, die in finanziell schwächeren Familien lebten, wenig bekannt.
Meine Eltern hielten es aber für wichtig, daß wir nicht nur im Käfig unseres Stadtteils aufwachsen. Daher schickten sie uns auf eine Grundschule auf der anderen Seite der Autobahn, die sehr gut war und deren Schüler zum großen Teil Kinder von Ausländern und ärmeren Leuten waren. Somit wurde uns der erste Schritt, das Erkennen, daß nicht alle Menschen die gleichen Chancen, Vorteile und Möglichkeiten haben, abgenommen.
Mir war klar, daß die menschlichen Qualitäten nicht vom Einkommen oder der Herkunft der Eltern abhängen, aber erst seit dieser Zeit war ich auch mit Kindern, die nicht im selben Stadtteil lebten wie ich, befreundet. In dieser Zeit fiel mir auch erst richtig auf, wie gut wir es hatten; denn nur dann, wenn man etwas "Schlechteres” kennt, wird einem klar, daß etwas "gut” ist So hatte ich zwar einen langen Schulweg, wurde aber mit einem Auto, dessen Größe meine Mitschüler beeindruckte, abgeholt. Erst wenn ich bei irgendeinem Freund zu Besuch war, fiel mir auf, daß er nicht so viel Platz zum Spielen hatte, wie die Kinder in unserer Umgebung.
Die Idee meiner Eltern fand ich zwar sehr ehrenhaft, zumal ich mir im nachhinein nicht sicher bin, ob ich so den Weg aus meiner "heilen Welt” geschafft hätte, aber je mehr mir bewußt wurde, daß ich es besser hatte als andere, fing ich, auch wenn es mir unangenehm ist dieses zuzugeben, mich auch für jemand Besseres zu halten. Ich glaube, daß ich nicht die einzige bin, sondern daß auch die anderen in dieser Gegend mehr oder weniger so denken. Ich bin aber sehr dankbar, daß ich weiß, daß die "anderen” genauso nett oder unfreundlich sind wie die Leute in dem Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin.