Schwarzes Ferkel

Die illustre Trinkrunde
Zeitgenössische Texte


Da Erinnerungstexte, die das Treiben im "Schwarzen Ferkel" darstellen, augenblicklich gar nicht im Buchhandel, antiquarisch kaum oder nicht ohne großen Aufwand zu besorgen sind, präsentieren wir hier einige umfangreichere Texte: Carl Ludwig Schleich war in Berlin ein Kommilitone Dehmels, als Mediziner Schüler von Bergmann, Virchow und Olshausen; später erfand er einige neue Methoden (u.a. in der Anästhesie), war Professor und Leiter der Chirurgie am Krankenhaus in Groß-Lichterfelde, dann einer eigenen Klinik. Seine Erinnerungen erschienen ab 1922 in vielen Auflagen im Rowohlt Verlag Berlin.
Der Strindberg-Freund und Biograph Adolf Paul wird von der zeitgenössischen Kritik sowohl als finnischer wie auch als deutsch-schwedischer Autor bezeichnet. Bei deutschen Verlagen in Berlin, München und Leipzig war er später mit vielen Büchern vertreten, sein Roman "Die Tänzerin Barberina" hatte bei Albert Langen, Verlag in München, über 30 Auflagen.
Demnächst sind hier des weiteren Auszüge aus Stanislaw Przybyszewskis "Erinnerungen" zu finden, insbesondere die Passagen zum Schwarzen Ferkel. Von Julius Bab, dem Theaterkritiker und Dehmelbiographen folgt aus dessen historischem Abriss über "Die Berliner Bohème" das Kapitel über Dehmel und Przybyszewski: "Die neuromantische Bohème". Hingewiesen sei an dieser Stelle auf Otto Julius Bierbaums Schlüsselroman "Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive", zu dessen Figuren, unter Spitznamen verdeckt, Paul Scheerbart, Stanislaw Przybyszewski, Julius Meyer-Graefe und Peter Hille gehören. Bei den vorliegenden Auszügen aus dem Buch von Gustav Türke, "Gestählt hinterm Tresen. Aus den Lebenserinnerungen eines Berliner Wirts", ist bisher unklar, ob sie unter der Rubrik "Zeitgenössische Texte" oder unter "Kreative Texte" veröffentlicht werden.

Carl Ludwig Schleich
Besonnte Vergangenheit

Doch mehr von den Erlebnissen! Wie schön waren diese Abende in dem kleinen Stübchen der Weinstube in der neuen Wilhelmstraße, "Das schwarze Ferkel", die ihren Namen nach einem gefüllten bessarabischen Weinschlauch trug, der unter sehr oberflächlicher Ähnlichkeit mit einem dunklen Borstentier unter dem Pfosten der Eingangstür pendelte. Hier fanden sich Munch, Ola Hanson, Laura Marholm, Hamsun, Dehmel, Prszybyszewski, Scheerbart, Asch, Elias, Hartleben, Evers und viele, viele andere ein, auch sein früher Biograph Adolf Paul. Dort haben wir ein Dichterheim gehabt von großer Eigenart, mit klassischem Anstrich. Hier tönten Lieder, hier flammten Gespräche und Autodafés der Literatur, hier langte unser aller Zentralstern, Strindberg, ab und zu zur Gitarre und sang seine einzige Ballade: "Denn der Russe ist tot. Schlagt ihn tot! Ist er nun Korporal oder General, sterben muß er zumal!" Hier aber saßen wir einst zu dritt: Strindberg, ein japanischer Hauptmann und ich, und haben eine ganze Nacht damit verbracht, uns unsere schgönsten Volkslieder im Wettstreit vorzutragen, und um die Palme nationaler Dichterkraft zu ringen. ....(S.248)
Hier im schwarzen Ferkel erschien eines anderen Abends der greise Holger Drachmann, eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, am Arm. Kaum hatte sie das überfüllte Stübchen betreten - wir feierten gerade an festlicher Tafel irgendeinen Gedenktag - , als sie, umherblickend im Kreise, einen Champagnerkelch ergriff und ausrief: "Wo ist August Strindberg?" Alles zeigte auf ihn, der im äußersten Winkel hockte. "Strindberg! Komm her, gib mir einen Kuß!" Und breitete die Arme. Jetzt geschah etwas Verblüffendes: Der berühmte Frauenhasser stand auf, zog merkwürdigerweise seinen Frack mit gravitätischer Entschlossenheit aus, stampfte quer über den weinbestandenen Tisch und küßte diese Frau so dauernd und nachdrücklich, daß Drachmann die Uhr zog und resigniert-lakonisch meinte: "Zwei Minuten sind es lange!" Endlich Entschlingung, und Strindberg ging gleichen Wegs an seinen Platz und zog den Frack wieder an. Kein Mensch konnte je erfahren, warum er sich dessen zu diesem eigentlich unschweren und angenehmen Werke entledigt hatte.
Diese Nacht endigte mit dem unaufhörlichen Absingen zu dritt: Drachmann, Strindberg und mir, von Fescas Reiterlied:
Die bange Nacht ist nun herum,
Wir reiten still, wir reiten stumm,
Wir reiten ins Verderben!
Frau Wirtin! Noch ein Glas geschwind,
Wie weht so kühl der Morgenwind -
Vorm Sterben, vorm Sterben!....
(S.250)
Zurückgekehrt nach Berlin, verband uns wieder die alte Burschenliebe. Ich habe ihm auf seinen Wunsch bei jener denkwürdigen religiösen Hochzeitsfeier mit Paula Oppenheimer, bei der er seinen

Rabbiner-Schwiegervater erst gar nicht zu Wort kommen ließ, sondern selbst die Predigt an seine junge Frau hielt mit dem stark prononzierten Thema: "Ich bin dein Herr!" eine Arie singen müssen: "Sei getreu bis in den Tod!" Die Feier, die er mit somnambuler Würde veranstaltet hatte, war eine Groteske. Damals war Richard auch seinen nächsten Verwandten noch ein Problem; sie sahen in ihm einen Dämonen, einen Ratten-fänger, eine Art Bruder Martin oder Horla à la E.T.A. Hoffmann oder Maupassant. Warum die Ehe mit Paula zerriß, danach habe ich ihn nie gefragt. Es ist nutzlos, in die Psychologie einer zerbrechenden Ehe einbrechen zu wollen. Kein Mensch kann dieStruktur des Amalgams zweier Herzen sehen. Gewiß ist, daß er Paula sehr geliebt hat, freilich war ihm seine spätere Frau Isi etwas ganz anderes, sie hoch Überragendes. Er hat sie über alles auf Erden gestellt.
Unserem Bunde harrte ein großes Erlebnis: die Bekanntschaft mit Strindberg. Täglicher Verkehr mit ihm durch Monde hindurch, der naturgemäß zu den interessantesten Auseinander-setzungen zwischen Dehmel und Strindberg führte; denn, so gleichgerichtet die beiden im Grunde in ihrem Ethos auch sein mochten, so einig sie auch waren in der Erkenntnis von der metaphysischen Struktur der Welt und der in dieser Metaphysik ruhenden Erkennbarkeit des Lebens, so sehr beide die heutige, namentlich von Fricke über die Physik und für die Psychologie von mir vertretene Erkenntnis von der eigentlichen Geistigkeit der Materie vorweg ahnten - so sehr differierten sie doch in der naiven Naturanschauung, in dem Einfühlen in die gegebenen, wenn auch vorgetäuschten sogenannten Realitäten des Lebens. Strindberg sah die Welt schon damals mit dem mehr ahnenden als beweisenden Blick des Mystikers; Dehmel, obwohl durchaus Geisteswissenschaftler in seinen philosophischen Abstraktionen, stak doch noch mit beiden Beinen mitten im Naturalismus, den nun einmal alle unsere koryphäischen Zeitgenossen, Holz, Hauptmann, Hartleben, Bierbaum, Heymel, auf ihre Fahne geschrieben hatten.
Daß übrigens der eigentliche Zündfunken zum Naturalismus und Bühnenrealismus der

unvergeßliche Joseph Kainz durch sein rhetorisches Zerpflücken des Schillerschen Jambus zu einer atemlos hervorgestoßenen Prosa, durch die Zerreißung des Pathos in eine reale, unglaublich überzeugende Vortragsweise, etwa um 1882 herum, gewesen ist, soll hier nur angedeutet werden. Es lohnte eines ausführlichen Beweises. Genug, als wir Strindberg kennen- lernten, um 1892 herum, stand der sogenannte Naturalismus in vollster Blüte, während Strindberg schon dabei war, völlig in den Mystizismus einzumünden, dem er dann in dem "Traumspiel", in "Damaskus" und in den vier "Kammerspielen" à la E.T.A. Hoffmann und in Callots Manier die Basis für die ganze, jetzt moderne Symboldichtung gegeben hat. Über diese Wogen geistiger Dichtungen wurde oft diskutiert, und eines schönen Tages, im Schwarzen Ferkel in der Wilhelmstraße, gerieten Dehmel und Strindberg hart aneinander. Strindberg wurde reichlich grob, was sonst nicht seine Art war, er wetterte auf den ganzen Naturalismus mit Donnerstimme und Jupiter-gebärden und schrie Dehmel an: "Das ist es ja eben, ihr seid Gerichtsberichtler von "die" Straßenereignisse, Detektive des Alltagslebens, richtige Abkleckser, Photographen und einfache Kopisten aller Dunkelseiten des Daseins. Das ist nicht Kunst, das ist Ducken unter die Fußtritte des Gemeinen!"
Da stand Dehmel entrüstet auf, der ja gar nicht gemeint war, er fühlte sich aber bis ins Innerste beleidigt, nahm seinen Hut und ging. Vergeblich suchte ich zu vermitteln. "Was will der wilde Mann?" Ich setzte ihm auseinander, daß er Dehmel bitter Unrecht getan. Strindberg wurde sehr schweigsam. Nach etwa einer Stunde ging auch er. Auffallend früh. Mit kurzem Gruß. Sein eventuelles Wiederkommen stellte er in Aussicht. Andere hinzukommende Freunde, Elias, Franz Evers, Ola Hanson, Laura Marholm, Hartleben und so weiter, blieben noch. Es war schon tiefe Nacht, als Strindberg in den zusammengeschmolzenen Freundeskreis zurückkehrte. Heiter und guter Dinge. Ich fragte ihn: "Woher des Weges?" "Von Dehmel", sagte er, "ich habe ihm abgebittet. Habe eine Droschke genommen und bin gefahren nach Pankow." Wo Dehmel damals wohnte!" "War er noch böse?" "Man kann ein Unrecht, das man getan, gar nicht schnell genug wieder gutmachen, wenn man es überhaupt in der Hand hat. Man soll nicht einen Augenblick versäumen, es auszugleichen. Wer kann wissen, wie schnell ein Unglück sich dazwischen schiebt. Dehmel war sehr gut und gerührt über meine einfache Abbitte, da du "mich" gesagt, daß ich im Unrecht sei. Er gab "mich" einen Kuß, und der wilde Mann sagte ein gutes, aber stolzes Wort: "Wenn wir uns schon anbellen, was sollen dann die Hunde tun?" Damit war die Angelegenheit erledigt.
(S.328-331)


Adolf Paul
Strindberg-Erinnerungen und - Briefe
München 1914/24, Albert Langen Verlag

Auszug: S.89-95
Alles lauschte schon aus dem Grund, weil Drachmann keinen zu Wort ließ, wenn er einmal anfing! - Und auch, weil er amüsant vortrug!
Strindberg zupfte und kaute an seinem Schnurrbart. Munch und Heiberg lächelten ironisch, und Felix Lehmann bekam eine Idee!
So gut wie der erzählen konnte, das war was für seinen in Freiheit sterbenden literarischen Verein! Das würde massenhaft neue Mitglieder heranlocken!
"Sie müssen bei uns lesen, Drachmann!"
"Wenden Sie sich an Strindberg!"
Strindberg lehnte entschieden ab, und Lehmann erzählte ihm vergebens, wie schön es wäre, wenn der Dichter zu seinem Publikum in persönliche Beziehung träte. Er vermied es aber, ihn nochmals direkt aufzufordern, um sich nicht eine nochmalige Ablehnung zu holen, und verschob es auf eine günstigere Gelegenheit.
"Am Ende machen wir einen skandinavischen Abend, wo alle nordischen Dichter, die hier sind, ihre eigenen Werke vorlesen?!"
Dann lud er die ganze Gesellschaft zum Diner bei sich ein - nach einigen Tagen.
Erst müsse nämlich die Premiere des Sudermannschen Stückes "Heimat", dessen Verleger er war, stattfinden! Zur Generalprobe müsse aber Strindberg kommen! - Er würde ihn mit Sudermann bekannt machen! Und Strindberg, der sonst niemals ins Theater ging, sagte zu und war auch bei der Probe anwesend, obwohl stark verkatert, oder vielleicht eben deshalb.
Am Tage nach der Premiere war das Diner bei Lehmann.
Fulda, Neumann-Hofer und Sudermann waren da, und außer ihnen der ganze skandinavische Kreis.
Sudermann, sehr müde und gelangweilt, aber im vollen Glanz seines schwarzen Vollbarts und vom Widerschein seines Premierenerfolgs sanft bestrahlt. Das Essen war gut, die Weine waren vortrefflich, die Stimmung danach.
Sudermann redete in wohlgesetzten Perioden an die nordischen Künstler und endete höflich mit dem schmeichelhaften Kompliment: "Vom Norden her kommt uns das Licht!"
"Das Nordlicht!", replizierte sein Busenfreund Neumann-Hofer. Und Drachmann stand auf und ließ à tempo sein Licht leuchten, in einer an die Frau des Hauses und das Weib überhaupt gerichteten Rede, die alles andere als die Kälte des Nordlichts empfinden ließ! Man biederte sich so allmählich an. Und schließlich hatte Lehmann dem nicht mehr so widerborstigen Strindberg das Versprechen abgerungen, mit Drachmann, Heiberg und anderen Skandinaviern in der Singakademie vorzulesen, - was er später schmerzlich bereute.
Er paßte gar nicht hinter den Vortragstisch, am allerwenigsten mit dem blendenden Improvisator Drachmann als Folie! Drachmann in Frack und Orden, lang und imposant, jugendliche Begeisterung über das gerötete, weißumrahmte Gesicht, geübt, öffentlich zu reden und bon mots aus den Ärmeln zu schütten! Und Strindberg, dessen Gedächtnis sofort von dem Bewußtsein, öffentlich reden zu müssen, paralysiert wurde, und der sonst auch die kleinste Tischrede ablesen mußte! -
Größere Kontraste konnte man sich kaum denken!
Drachmann hatte auch einen rauschenden Erfolg, während Strindberg, mit dem ihm gebührenden Respekt empfangen, sich, ohne das Publikum zu beachten, hinter den Tisch setzte, sein Manuskript aufklappte und sein Pensum mit müder, monotoner Stimme ableierte, wie ein Schuljunge das auswendig Gelernte mechanisch abhaspelt, während die Gedanken irgendwo weit draußen in Gottes herrlicher Natur weilen.
Es war eine Sünde, diesen Menschen zu zwingen, sich wider seine eigene Natur zu geben! Aber was alles leistet nicht so ein "Freier literarischer Verein", um seine Überflüssigkeit darzutun? Strindberg hätte wohl, wie auch sonst, wenn´s Not tat, sein Versprechen rückgängig gemacht! Aber er war bei Lehmann Gast gewesen! Und es wäre unhöflich, ein unter dem Siegel der Gastfreundschaft gegebenes Wort nicht einzulösen! Die Schweden werden eben viel zu höflich erzogen!"Die verfluchte Höflichkeit", pflegte Strindberg zu sagen, "man kriegt sie eingepaukt, uns sie sitzt einem dann wie Religion im Körper und läßt nicht locker!"
Hoch und heilig schwur er aber, sich nie wieder in solche Gefahr locken zu lassen, als wir nach beendigter Schaustellung im Ferkel saßen, allwo die neunhundert Schnäpse lagerten! Und Vater Türke mußte die eine Lage Sekt nach der andern hereinschicken, ehe die Stimmung der Delinquenten wieder "ferkelehrlich" befunden werden konnte.
An dem Abend nahm auch Richard Dehmel am Ferkel teil.
Dehmels Bekanntschaft hatte Strindberg in effigie gemacht, im photographischen Atelier der Geschwister Marschalk in der Leipziger Straße, wohin Frau Marholm ihn zu Verewigung geschickt hatte, als sie noch für seine Unsterblichkeit sorgte. Dort stand als Reklame, blitzsauber retouschiert, die pechrabenschwarze, von unzähligen Schmissen tranchierte Fratze Dehmels. Es imponierte Strindberg gewaltig, daß der Besitzer so vieler heldischer Narben auch ein Dichter, und gar ein lyrischer war! Und die Neugier zog bald die persönliche Bekanntschaft mit dem wilden Mann nach sich.
Dehmel dichtete damals zwar nur im Nebenamt. Im Hauptberuf war er Versicherungsbeamter, führte sich brav, außer wenn er es nicht tat, wohnte in Pankow und kam auch oft hin.
An dem Abend im Ferkel ging der Teufel mit ihm durch! Er hatte von Przybyszewski zu viel Chopin zum Besten bekommen und war in überschwenglicher Stimmung, hielt Reden, improvisierte und gab ein Gedicht auf Strindberg zum besten! Gegen Morgen aber stieg er auf den Tisch, schwang seinen Stock um die wildbewegten Locken und fing an, alle neunhundert Schnäpse zu vertilgen -, in der einzig noch möglichen Weise, so, daß er alles kurz und klein schlug. Der Ferkelwirt hatte nicht oft solchen reißenden Abgang seiner Ware! Und dafür hatte er dem "Freien literarischen Verein" Berlins zu danken, der mit seiner Vorlesung so viel Zündstoff bei den Agierenden und bei ihren Seelenverwandten unter den Zuhörern angehäuft hatte! Das Gedicht gab Dehmel mir mit der Ermächtigung, es zu publizieren. Was ich hiermit, wenn auch etwas verspätet tue, - nicht um ein Gedicht von ihm zu bringen, sondern um in den Zusammenhang, in den es gehört, zu zeigen, wie ein junger deutscher Dichter damals Strindberg auffaßte. - Es lautet:
Ein Ewiger
Ich lag in einem dunklen Taxushain
und hatte Furcht...
Im Schatten vor mir saß ein Mann,
der war wie eine große nebelvolle Höhle,
in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
neue Welten träumte;
nur ab und zu
erhob er seine schweren Wühlerhände
durch das Gitter,
und mit grauen,
grausam traurigen Augen
griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
Und über ihm, im Hintergrund der Höhle,
mit unendlich weichem,
kleinem stolzem Munde,
in einen grünen Sack gewickelt,
lag eine schöne geistesirre Frau gekauert,
die weinte über den traurigen Dachs.
Da hob der Mann
die starre Gottesstirne zu mir her,
darüber ihm die Haare
seidenfein und blond
in langen, wirren Wellen lagen,
als ob er eben aufgehört zu fliegen,
und seine scheuen Frauenlippen zuckten.

Ich aber sah hinauf,
wo durch den dunklen Taxuswald
der kalte blaue Himmel strahlte,
klar, weit, hoch,
und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
und eine Freude wie im Winter
verbrannte meine Furcht zu Funken,
die sprühten einen Namen in das Dunkel,
riesenhaft:
Strindberg...

Auszug: S.110
Mit Lidfors begegnete er sich in der wissenschaftlichen Forschung! Mit Przybyszewski in der Lebensphilosophie! Gegenseitig waren sich alle drei Ausbeutungsobjekte! Freunde, solange es ging! Feinde, als es nicht mehr ging - d.h. als die Frau ins Spiel kam! Und das geschah sehr bald!
Eines Tages trat sie an der Seite Munchs in das "Ferkel" ein. Blond, schlank, elegant, mit einem Raffinement gekleidet, das die Geschmeidigkeit des Körpers zu voller Geltung brachte, aber sorgfältig vermied, bestimmte Konturen zu geben. Der robusten Männerkraft also in gleichem Maße anziehend; aber vermeidend, die selbstquälerisch kokettierende Nervenherrlichkeit der Modedekadenten mit zuviel "unmotivierter" Fleischlichkeit vor den Kopf zu stoßen! - Ein klassisch reines Profil, - ein krauses Wirrsal blonder Locken, die bis auf die Brauen niederfielen und der Phantasie des Beschauers überließen, die Höhe der Stirn nach Belieben einzuschätzen. Ein Lächeln, das zum Küssen verführte, und dabei hinter dünnen Lippen zwei Perlenreihen scharfer Zähne, die nur auf Gelegenheit zu lauern schienen, plötzlich zuzubeißen! Und eine schlangenhafte, müde Lässigkeit der Bewegung, die aber einen bltzschnellen Angriff befürchten ließ!
So schlängelte sie durch die Schar eitler Geisteshelden hindurch, fing sie den einen nach dem andern ein, mimte einem jeden meisterhaft sein Ideal vor, bis sie hinter die Kulissen seiner Lebenslüge blicken konnte! Dann lachte sie ihn aus und ließ ihn laufen. Ihr eigenes Lebensrätsel gab sie niemals preis, verstand aber meisterhaft, es als tiefe Bedeutung zu inszenieren! Dann lachte sie ihn aus und ließ ihn laufen. Selbstverständlich kam sie aus dem nordischen Nebellande, wo die Ibsenschen Frauentypen schon angefangen hatten, sich aus seinen Büchern in die von Bohemiens umgemodelte Wirklichkeit zu verpflanzen!
"Aspasia" wurde sie sofort genannt, und sie tat dem Namen Bescheid.
Sie nahm am Stammtisch Platz und lauschte verzückt den Klängen der Strindbergschen Gitarre, die ihr urweltliche Mysterien zu offenbaren schien!
Am nächsten Abend fand sie sie aber bereits mißtönend und nichtssagend im Vergleich zu den liebegierenden Tönen aus anderer Verehrer Kehlen! Uns so ging es weiter - in stetem Wechsel. Sie wurde gemalt, sie wurde besungen, verhätschelt und gelästert! Schließlich auch geheiratet! Eins der besten Portaits Munchs verdankt ihr sein Dasein. Damit war die Geschichte für ihn erledigt und er wandte sich anderen weniger präraffaellitisch angehauchten Objekten zu. Lindfors, der sie von früher her kannte, wandelte sich nach ihrer Ankunft zum Orakel um, das, schwanger von ihrer Vergangenheit, den Weltuntergang der Zukunft durch sie weissagte! Przybyszewski flößte sie die große Leidenschaft ein, die ihn zu Großtaten des Geistes und gar zur Arbeit entflammte! Und Strindberg fürchtete sie mehr als "Frau Blaubart" und haßte sie wie die Sünde, alldieweil er sie auch lieben mußte! Das Element, das den Kreis um den Stammtisch sprengen sollte, war sie,- aber abwesend als die Mine platzte.
Es war am Tage vor der Abreise Strindbergs nach München. Wir hatten "großes Ferkel" anberaumt, um ihm Adieu zu sagen und gleichzeitig Drachmann zu begrüßen, der sich wieder nach Berlin verirrt hatte.
Der norwegische Maler Christian Krogh hatte eben sein Potrait von Strindberg beendigt (Anmerkung im Original: Später von Ibsen aufgekauft) und schloß sich mit seiner Frau und seinem Hausfreund Heiberg an, um dem Original Valet zu bieten. Sein fuchsroter Vollbart prangte also an dem Abend am Stammtisch, zwischen der Löwenmähne Strindbergs und dem silbernen Lockenkranz um Drachmanns Glatze. Munch träumte in einer Ecke von der Untreue Aspasias, etwas verärgert durch die Sticheleien seines Zechbruders Heiberg, dessen volles Genießergesicht vor Zufriedenheit glänzte. Und die holde Weiblichkeit wurde von Frau Krogh allein, aber mit viel Grazie und Liebreiz vertreten. Denn Aspasia hatte sich an dem Abend mit den Hütern ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft,- Lidfors und Przybyszewski, - anderswo etabliert, zu nicht geringer Beunruhigung Strindbergs, bei dem es sofort feststand, daß sie über Rachepläne wegen seiner Verlobung brüteten, und daß ihm zum mindesten Mord und Totschlag von seinen beiden ihr sklavisch gehorchenden Freunden bevorstünde.
Aber - am nächsten Tage sollte ihm das Honorar für "Die Beichte eines Toren" ausbezahlt werden, er ließ also Sekt aufmarschieren, um die Verstimmung im Keime zu ersticken, und erreichte das Gegenteil.
Munch fing an, die Heibergschen Sticheleien zurückzugeben, aber in der Distraktion selbstverständlich an andere Adresse, was nicht gerade zur Besserung der Stimmung beitrug.
Strindberg entschloß sich, um dem ein Ende zu machen, ein Lied zum besten zu geben, wurde aber bei der zweiten Strophe von plötzlicher Paralysie des Gedächtnisses befallen und reichte die Gitarre an Frau Krogh, die sie nahm, um ein anderes Lied zu singen. - Erst begann sie aber seine Gitarre umzustimmen, was ein Verbrechen war, da er, wie schon erzählt, seine eigene geheiligte Stimmung hatte! Er verlangte kategorisch, sie sollte die benutzen! Sie lehnte sie als unbrauchbar ab! Und so zankten sie sich um die Stimmung herum und kamen immer mehr in die Verstimmung hinein!
Denn Krogh und Heimann hielten zu ihr, und Strindberg ließ sich nicht gern ins Unrecht versetzen.
Da stand Drachmann auf und heischte Gehör. Er hatte schon ein paar Nummern zum besten gegeben, war in der Laune zu improvisieren und kam durch das Gezänk der anderen nicht dazu. So mußte denn der Versuch gemacht werden, mit den verschiedenen, verletzten Eitelkeiten aufzuräumen, und er ließ denn eine Rede los, die jedem der eigenwilligen Künstlerköpfe einen Stoß auf die Eitlekeit versetzen mußte, um sie so mit Gewalt aufzurütteln und die Feuchtfröhlichkeit des Abends zu retten.
"Trinken wir, leeren wir unsere Gläser auf unseren Freund Strindberg, dessen Weiberhaß heute bankerott wurde und der sich wieder dem Meisterwerk der Schöpfung, der Frau, zu Füßen wirft! Morgen verläßt er uns ja, um in den Armen Hymens die Sorgen der Welt zu vergessen! Wünschen wir ihm Glück dazu!
Ich meine - wir alle können das, wenn wir nur wollen! Ich bin nicht wie Sie, Frau Krogh, die Sie dasitzen und ihn im stillen hassen, wegen alles dessen, was er von den Frauen, die es verdienten, geschrieben hat!
Ich bin auch nicht wie Krogh, der soeben Strindberg gemalt hat und ein gutgemaltes Portait zustande brachte, das uns aber nichts von Krogh und noch weniger von Strindberg sagt, und der seinem Modell das nachträgt!
Ich bin auch nicht wie Heiberg, der in Strindberg einen guten Zechbruder betrauert, der ihm Anlass zu manchem guten Scherz beim Glase gab und nicht mehr geben wird!
Ich bin auch nicht wie Munch, der nach Berlin gekommen ist, um einen Skandal-succes zu machen, und immer noch so sehr davon erfüllt ist, daß er sich vor lauter Würde nicht mehr mit uns freuen kann!

Ich bin nur ein Zigeuner, der die frohe Laune liebt und der gern dein Freund sein will, - Strindberg, - obwohl ich deine Launen nicht immer mag, - insbesondere nicht heute! Trinken wir auf den Frohsinn und auch darauf, daß uns keine Schatten vom heutigen Tage auf den Weg in die Zukunft fallen! Und wünschen wir auch Strindberg dasselbe!"
Stillschweigend tranken sie alle. Dann stand Munch auf.
"Nachdem, was Sie soeben von mir gesagt haben, Drachmann, kann ich von Ihnen keine Empfehlung mehr annehmen!"
Und er gab ihm einen Empfehlungsbrief zurück, den Drachmann ihm für seine Ausstellung in Hamburg gegeben hatte.
"Silentium für Munch! Munch will eine Rede für Drachmann halten!" rief Heiberg ironisch.
"Die Rede kann ich nur so halte, daß ich gehe!"sagte Munch.
Worauf Krogh als der ältere
Malermeister und Landsmann sich veranlasst fand, Munch zu unterrichten, wie er sich unter gebildeten Menschen aufzuführen hätte, - Munch ihn einen "abscheulichen Jargonmenschen" nannte, seinen Hut nahm und ging.
Dann sprang Strindberg auf.
"Du hattest recht, Munch! Hättest du nicht die Rede gehalten, ich hätte es getan!" so rief er ihm nach.
Und dann ging das Gegacker über Strindberg los. Es wäre unbegreiflich, - es wäre dumm von ihm, - und er hätte gar keinen Anlass, für Munch einzutreten! - Er hätte Drachmann mißverstanden!
"ich erinnere jedes Wort, das er gesprochen hat!"
"So wiederholen Sie´s denn!" rief Frau Krogh.
"Nein!"
"Dann schreiben Sie´s auf, ehe Sie´s vergessen! Kellner, Papier und Blei für den Herrn!"
Der Kellner kam. Strindberg riß ihm Blei und Papier aus der Hand, warf sie irgendwohin über den Tisch und stand da, zitternd vor Wut, und blickte zu der Frau hinüber, die es gewagt hatte, ihm Vorschriften machen zu wollen, und die ihn "dumm" genannt hatte! Sie wurde ihm sofort zum Inbegriff alles dessen, was er im Weibe bekämpft hatte: die Flatterhaftigkeit, - die Leicht- fertigkeit, - die krasse Genußsucht um jeden Preis, - die Zerstörerin der geheiligten Bande der Ehe! Ein solcher Haß war in seinen Blicken, daß die Dame in hysterischen Weinkrampf verfiel.
"Ich brauche es nicht von Ihnen zu dulden, daß Sie mich so behandeln!" schrie sie.
Sie können noch mehr zu dulden bekommen, wenn ich zu erzählen anfange!" rief Strindberg, dessen sehnige aufrechte Gestalt vor Erregung zitterte.
"Ich brauche es nicht zu dulden, - ich brauche es nicht zu dulden, daß er mir Feder und Papier ins Gesicht wirft!"
"Eben seine Waffen!" sagte der Herr Gemahl und strich sie über den Rücken. "Beruhige dich nur! Ich ordne die Sache noch mit ihm!"
Aber ein anderer Ritter stand schon auf dem Plan, parat, für sie einzutreten. Heiberg trat schwer und dick auf Strindberg zu, schob seinen Bauch auf dessen Weste hinauf, riß den Kneifer von den blinzelnden Augen, steckte ihn mitsamt den Fäusten in die Hosentasche und sagte:
"Willst du um Entschuldigung bitten?"
"Nein!"
Die Frage wurde wiederholt, mit demselben negativen Resultat.
"Zum dritten Mal, willst du um Entschuldigung bitten?"
"Nein! Ich raufe mich auch nicht, wie die Bauerntölpel in der Kneipe, stehe aber zur Verfügung, wann und wo du willst!"
Jeder erwartete jetzt die Ohrfeige mit der obliga- torischen Forderung hinterher.
Aber der edle Ritter streckte die bereits erhobene Hand wieder in die Tasche zurück, ging hin und setzte sich.
"Entweder du gehst, oder wir gehen", hieß es dann von der Partei des beleidigten schönen Geschlechts.
Und die Gesellschaft zog ab. Ein jeder nahm seine verletzte Eigenliebe unter den Arm und ging nach Hause, um allein in stiller Klause die ramponierte Größe zu pflegen.
Als erster , kopfschüttelnd, Drachmann, der keine Ahnung gehabt hatte, daß er am Rande eines mit brennbaren Stimmungen gefüllten Pulverfasses gesessen und ahnungslos mit dem Funken gespielt hatte.
"Adieu, du lieber dummer Freund!" rief Strindberg noch Krogh nach, der ihm zum Vertreter des geknechteten männlichen Geschlechts wurde, als er so hinter der Frau und dem Hausfreund abzog. Während er selbst in Heldenpose dastand als jener Einzige, der dieser elenden, "gynolatrisch" angehauchten Welt wieder einmal standgehalten hatte.
Ins Joch der Ehe begebe er sich nicht! Nie wieder! Die Verlobung wollte er sofort lösen! Mit den Weibern fortan nur sein Spiel treiben! Mit Aspasia wollte er wieder anknüpfen!
Frau T. war unterwegs von Italien, um hier in seinen Rollen zu spielen! Das paßte ihm gut! Die eine gegen die andere ausspielen, so wäre er sie alle drei los! - Und dann neue Beziehungen anknüpfen! Neue Menschen!
Leben und sich das Leben nicht versauern lassen! Das wollte er!
Er war so unternehmend wie noch nie!
Der Rückfall in die Energie hielt noch am folgenden Morgen an, als das Honorar für den "Verkauf" seiner ersten Ehe ankam.
"Glaubst du, daß Türke tausend Mark wechseln Kann?" fragte er, der gestrigen Zeche gedenkend.
"So früh am Tage sicher nicht!"
"Schön, dann zeigen wir ihm ruhig das Geld!" sagte er übermütig und schickte sofort hin und ließ Vater Türken einen braunen Lappen sehen.
Der wird sich auch heute noch nicht von dem Schrecken erholt haben, soviel Geld auf einmal in den Händen seiner Stammtischler zu sehen! Das hieß doch, an die Fundamente des Ferkels rütteln!
Dann aber fingen die "Mächte" wieder ihr unheimliches Spiel mit dem Helden von gestern an, und fort war aller Übermut!
Mit Aspasia hatte er ein Rendezvous für den Abend verabredet!
Ehe aber die Sonne unter- ging,sausten fast gleichzeitig zwei Telegramme auf seinen Schreibtisch nieder.
Das eine von der wartenden Braut, die die Geduld verloren hatte und jetzt herbeieilte, um nach dem Rechten zu sehen!
Das andere von der liebrei- zenden Frau T., die auch ihre Ankunft meldete, um sich Strindberg für lauter Hauptrollen zur Verfügung zu stellen.
Drei Rendezvous auf einmal! Und alle drei am selben Tage! Das war auch für seine Kräfte zuviel!
Er legte sich denn resolut aufs Krankenlager. Unser gemeinsamer Freund Doktor X. gab ihm, hilfreich, die nötige Krankheit und diagnostizierte eine angehende Pleuritis schwerster Sorte.