Strindberg aus der Sicht von Frau Krogh
Ich kenne ihn nun schon so lange und wußte nicht, daß aus Hass Liebe werden kann. Ja, ich liebe seine Sticheleien, seine sarkastischen Bemerkungen, alles an ihm. Sein Blick ist wild wie der eines Räubers und dennoch so scheu wie der eines Kindes. Wie gegensätzlich und geheimnisvoll er ist! Bis jetzt habe ich immer gedacht, er würde die Frauen hassen und sie verachten, aber ich weiß jetzt, daß er nur versucht, sich zu schützen. Eine Frau muß ihn einmal sehr schlecht behandelt haben, deshalb ist er nun allen Frauen gegenüber mißtrauisch. Es wird schwer sein, die Gefühle, die er zweifelsohne hat, aus ihm herauszubekommen. Er wird sich nicht leicht öffnen, weil er glaubt, dadurch zuviel von sich zu zeigen und dadurch verwundbar zu sein. Verwundbar für die anderen Männer, die sich schon über ihn und seine Frauen lustig machen, und besonders für die Frauen. Wie gut, daß ich ihn durchschaut habe und keine andere. Bei mir ist sein großes Geheimnis sicher verwahrt, ich werde es nicht weitererzählen. Uns verbindet, denke ich, eine höhere Liebe! Wenn wir uns in die Augen sehen, habe ich manchmal das Gefühl, er weiß, daß ich weiß. Im Moment reagiert er darauf noch abwehrend, ja beinahe aggressiv. Er fühlt sich in seinem Schneckenhaus gestört. Es wird bestimmt lange dauern, bis er Vertrauen gewinnt und merkt, wie gut es ist, daß ich alles weiß. Wenn er das begriffen hat, wird nichts mehr zwischen uns stehen, was dann passiert, daran wage ich noch gar nicht zu denken. Alles Denken ist ausgeschaltet und was bleibt, ist nur die Liebe!
Nun sitze ich ihm hier, im Schwarzen Ferkel, gegenüber. Neben mir sitzt Christian, mein Mann. Mein Mann? Mein Mann ist ein anderer, ich liebe einen anderen, hurra! Christian wird vor Kummer umkommen, wenn er es erfährt.Aber ab jetzt denke ich an mich. Und an ihn. Aber nicht an Christian.Als ich ihn heiratete, war ich viel zu jung. Ich mochte seine Jungenhaftigkeit, seine Unsicherheit und die Art, wie er mich ansah, als er mich porträtierte. Aber nun weiß ich auch, daß nichts dahintersteckt. Kein Geheimnis, kein zweites Gesicht, nur einfach Christian, Christian, Christian. Wie mir das inzwischen zum Hals heraushängt. Manchmal möchte ich ihn schütteln und sagen: "Sei wütend, schrei´ herum, trink wie die anderen und schau´ ihnen nicht nur dabei zu, zerreiß´ deine Skizzen oder streite dich mit Dehmel oder Przybyszewski...!" Aber er ist so ausgeglichen! Er wird nicht zu ihm hingehen und ihn herausfordern. Er wird nicht um mich kämpfen. Er wird sich damit zufriedengeben, daß er der Schwächere ist. Sonderbar! Was ich an August suche, hasse ich an Christian...
Alle Männer drehen sich um. Natürlich, sie ist es. Was unterhalb der Tischkante bei diesen geilen Affen nun vor sich geht, kann man sich ja vorstellen. Aspasia! Sie ist eine Schlange! Sie sieht aus wie eine und sie bewegt sich wie eine. Warum begreift heute Adam nicht, wie giftig und gefährlich die Schlange ist, während Eva genau Bescheid weiß. Sie tut keinem Mann gut, aber anscheinend sehnen sich die Männer nach einer solchen Behandlung. Sie würden sich für sie opfern, so wie damals Perikles eine Rede für seine geliebte Aspasia hielt und sie so vor der Todesstrafe rettete. Sie war den wichtigen Herren in Griechenland zu aufmüpfig und intelligent geworden.
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Aufmüpfig und intelligent? Das einzige, wozu die Schlange Intelligenz braucht, ist, sich die Namen ihrer Verehrer zu merken und aufmüpfig ist sie nun gar nicht. Sie wirkt so hilfesuchend und unschuldig und hat nichts von einer selbstbewußten emanzipierten Frau heutzutage.
Auch August scheint ihr halb verfallen zu sein, doch nur, weil er seine wahren Gefühle nicht erkannt hat. Wir sind füreinander geschaffen!
Er hat mich wieder angesehen, sehr lange diesmal. Er hat schon viel getrunken, weshalb seine Augen etwas schielen, aber sie haben nichts an Ausdruck verloren. Merkt er, wie ich ihn heimlich beobachte? Lächelt er jetzt? Erwidert er meine Liebe? Sieht er mich ärgerlich an? Ertappt er sich bei seinen Gefühlen?
Inzwischen ist die Schlange wieder aus dem Ferkel geschlängelt. Die Augen der Männer zog ihr Schlangenkörper hinter sich her. Als sie sich wieder mir zuwandten, entdeckte ich einen verträumten, fast seligen Blick in ihren Gesichtern. Wenn Munch sie doch nie mitgebracht hätte!
Gerade erfahre ich von Christian, August würde nach München gehen. Es ist ein Schock. Aber ich weiß auch, daß unsere Liebe ewig und edel ist. Wer füreinander bestimmt ist, kümmert sich nicht um Stadtgrenzen oder Entfernungen! Wenn er nicht mehr ins Schwarze Ferkel kommt, werde ich seine Augen vermissen, seinen trockenen Humor. Aber ich werde auch lange, wüste Männerabende mit einem Lächeln überstehen, weil ich dabei an ihn denke.
Heute abend sieht er mich besonders oft an. Es scheint, als wolle er sich im Stillen von mir verabschieden und mir zeigen, daß er immer bei mir sein wird. Wir treffen mit unseren Blicken eine Vereinbarung. Ohne ein Wort zu sprechen, wissen wir alles über den anderen...
Munch, der das Elend in Form von der Schlange mit ins Schwarze Ferkel brachte, ist wieder zu Streitereien aufgelegt. Wir anderen hören verärgert zu. August versucht zu schlichten, was sonst gar nicht seine Art ist. An anderen Tagen streitet er mit, trinkt mehr, bringt mehr unsinnige Argumente. Aber heute ist alles anders. Er weiß, daß ich diese Streitereien nicht mag und er weiß, heute ist unser Abend. August greift zur Gitarre und beginnt, ein Stück zu spielen. Als sich unsere Blicke treffen, sehe ich ihn dankbar an. Er ist überwältigt. Wahrscheinlich erwartet er keine Gefühle von einer Frau. Meine Blicke müssen ihn völlig aus der Fassung gebracht haben, denn plötzlich versagt seine Stimme. Zittrig stammelt er, er habe die weiteren Strophen vergessen. und ich weiß einmal wieder, daß er nur Theater spielt. Ich weiß, warum er nicht weitersingen kann...
Er gibt an mich die Gitarre weiter. Es soll bestimmt ein Test sein, ein Liebestest. Er soll nun aber nicht denken, ich sei schwach und ihm unterlegen. Ich gehorche ihm nicht! Wenn er mich nun testen will- bitte! Ich werde ihm zeigen, wie selbstbewußt ich bin! Ich beginne, die Gitarre leise umzustimmen. August läßt mich nicht aus den Augen. "Nicht umstimmen!" ruft er jetzt. Er sieht wütend aus, doch ich weiß, daß es nur eine Probe ist.
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Wenn ich genau hinsehe, sehe ich ein zartes Lächeln in seinem Gesicht. Er will mich reizen. Der alte Spruch aus meiner Schulzeit "Was sich neckt, das liebt sich" fällt mir ein. Ich lächle zurück. Nun erst recht, mein Lieber. Ich stimme weiter. Nun bin ich bei der dritten Saite und er fängt an zu zetern. Die anderen Männer lachen dröhnend. Auch Christian lacht mit, sehr zurückhaltend. Noch hast du gut Lachen, Christian, wenn du wüßtest... Er und Heiberg meinen nun, mich verteidigen zu müssen. Verteidigen gegen wen? Ich brauche keine Hilfe, ganz im Gegenteil. Laßt uns zwei alleine und alles regelt sich von selbst. August wird böse auf die beiden. Christian ist sein Rivale im Kampf um mich. Auch er will ihnen signalisieren: Das ist etwas zwischen uns beiden, das könnt ihr nicht verstehen. Es ist die Liebe, die wahre Liebe...
August greift zur Gitarre und versucht zurückzustimmen. Unsere Finger berühren sich und ich merke, daß auch er wie erstarrt ist. Für einige Sekunden vergißt er seine Gitarre und seine "Stimmung", es gibt nur noch mich und ihn. Dieser Augenblick wird uns immer bleiben, wenn wir einsam sind, ich hier in Berlin, er in München. Und wenn wir daran zurückdenken, werden wir wieder alles um uns herum vergessen und es gibt wieder nur ihn und mich und mich und ihn.
Noch den ganzen Abend hindurch wirkt er etwas verstört. Ich bin auch noch ganz benommen. Drachmanns Rede nehme ich kaum wahr. Ich trinke viel und werde immer seliger. Wenn ich morgen aufwache, wird er auf der Reise nach München sein und mir bleibt die Erinnerung an diesen Abend und die Gewißheit, daß wir irgendwann richtig zueinander finden. Dummer Christian! Am letzten Tag malt er noch ein Bild von August und gibt mir so das beste Andenken an seinen Feind. So, wie er aussah, als wir uns in die Augren sahen, ist er auf dem Bild. Christian konnte nicht all seinen Zauber einfangen, seine Zwiegespaltenheit, seine Liebe in seinen Augen. Aber als Andenken genügt mir dieses Bild. In meinem Herz habe ich den Moment gespeichert, mein Auge hat dieses Bild.
Ein bißchen schwärzer wird das Schwarze Ferkel ohne ihn sein, aber der Gedanke an ihn wird es erhellen. Die Schlange ist nicht mehr gefährlich, seit er in München ist. Sie ist so zahm wie ein Kätzchen. Sie wird älter, sie nimmt zu, sie bekommt Falten, ihre Haare werden glatt und stumpf. Irgendwann wird sie nicht wieder hierher kommen und niemand wird sie vermissen. Äußere Schönheit ist vergänglich, innere Schönheit ist für immer. Was wahre Liebe ist, wußte die Schlange nicht und deshalb wird sie unglücklich werden.
Ich habe mein Glück in August gefunden. August, August, August, ich liebe, liebe, liebe dich!!!

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