Schwarzes Ferkel

Friedrichshagener Bohème



Wilhelm Bölsche
Heinrich Hart
Julius Hart
Gerhart Hauptmann
Peter Hille
Erich Mühsam
Bruno Wille
Ernst von Wolzogen
Erik von Uexküll '99, LK-Deutsch
Die Tägliche Rundschau
Soll das die neue
deutsche Kultur sein?


Mehr zu Friedrichshagen bietet der Friedrichshagener-Dichterkreis vom kulturhistorischen Verein Friedrichshagen.
Friedrichshagen war 1753 für eingewanderte Spinnerfamilien gegründet worden. Als sich die Autoren um 1890 hier niederließen hatte es sich schon zum Kurort gemausert, dehnte sich langsam am Müggelseeufer aus und zählte ca. 1000 Einwohner. Die Dichter kamen hierher um der Großstadt zu entfliehen und ihr gleichzeitig aber auch nahe zu sein. Diesen Wunsch erfüllte Friedrichshagen durch die gute Entwicklung des Vorortverkehrs Berlins, der die Verbindung zu den Verlegern, Freunden und Kneipen in der Stadt aufrecht erhielt.
Als Erster ließ sich Gerhart Hauptmann in dieser Gegend, in Erkner, nieder und kam über den Literaten-Verein "Durch" mit den späteren Friedrichshagenern zusammen. So entstand langsam der Friedrichshagener Dichterkreis, auch Friedrichshagener Naturalisten-Kolonie genannt. Zu den Mitgliedern und regelmäßigen Besuchern des Kreises zählten u.a.: Gerhart Hauptmann, die Brüder Hart, Wilhelm Bölsche, die Brüder Paul und Bernhard Kampffmeyer, Otto Erich Hartleben, später Erich Mühsam, Stanislaw Przybyzewski, Max Halbe, Peter Hille, Frank Wedekind, der Anarchist JohnHenry Mackay, Felix Holländer, Fidus u. v. a. Richard Dehmel war häufiger Gast in Friedrichshagen sowie in Berlin Gastgeber; er vertrat nur zeitweilig naturalistische Positionen. Der Ruf Friedrichshagens führte dazu, daß sich skandinavische Künstler hier ansiedelten wie Arne Gaborg, Hulda Garborg, Ola Hansen und seine Frau Laura Marholm, über die August Strindberg hierher eingeladen wurde, um dann auch in Friedrichshagen zu wohnen und in Berlin - wie die gesamte skandinavische Kolonie - die Kneipen zu besuchen, u. a. dann das sogenannte Schwarze Ferkel.
Getroffen hat sich der harte Kern der Naturalisten (1888/89) zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille. Nachdem Bölsche 1893 in die Schweiz gezogen war, traf man sich bis zur Jahrhundert-wende im Haus der Brüder Hart. Der Kreis widmete sich der radikalen, in der Anfangsphase hauptsächlich naturalistischen Erneuerung von Dich-tung und Theater. Er wirkte sich vom ländlichen Friedrichshagen aus auf das literarische Leben im Umfeld der Berliner Moderne aus. Politisch waren die Friedrichshagener zum Teil der SPD verbunden und beein-flußten deren kulturpolitisches Programm, einige wandten sich enttäuscht ab und liebäugelten mit dem Anarchismus.

Franziska Roewer '99, LK-Deutsch


Wilhelm Bölsche

Im Kiefernduft der endlosen einsamen Wälder, die man von da oben bis zum Horizont fluten sieht wie einen blaugrünen Wollteppich, habe ich mir dann langsam in langen Jahren die schwarze Brühe der Großstadt geistig und körperlich wieder heruntergewaschen, Käfer sammelnd und auf entlegenen Waldpfaden zwischen rotem Schlagholz und dicken weißen Pilzen philosophische und ästhetische Gespräche führend mit dem einen oder anderen lieben Genossen. Und allmählich wurde aus dem allgemeinen unbestimmten Hunger eine friedliche Sättigung und dann, wie es braven Deutschen geziemt, zum Schluß eine Theorie.


Die Brüder Julius und Heinrich Hart
Heinrich Hart

O ihr Tage von Friedrichshagen! Ihr Wanderungen am Müggelsee und durch die Müggelberge. Ihr seligen Stunden verträumten Hindämmerns in der Kiefernheide, gemeinsamen Schaffens und Wirkens und Suchens, fröhlicher Symposien und ernster Arbeit am eigenen Selbst... Wer von uns zuerst die Idee hatte, gemeinsam nach Friedrichshagen überzusiedeln, ich weiß es nicht mehr. Der Zug nach dem Osten war erklärlich. In Erkner hauste Gerhart Hauptmann, in Friedrichshagen selbst hatten zwei Freunde, die Brüder Kampffmeyer, ein eigenes Haus und Grundstück erworben. Stadtmüde waren wir alle, unser Sehnen ging aufs Land. Von uns vier waren es zunächst Bruno Wille und Wilhelm Bölsche, welche hinaus an die Müggel zogen; erst einige Zeit später folgten mein Bruder und ich.

Julius Hart

... Denk ich eurer, o Tage von Friedrichshagen, da wir an den Wassern des Müggelsees saßen, so steigt es wie ein Weinduft um mich auf, wie ein Evoe klingt es aus dionysischen Nächten und ein Lachen der Natur und Erde. Wie ein Eiland lag unser Königreich mitten im Gewühl der Weltstadt und doch weit, weit fern von ihr in einem stillen Ozean – wo wir, ein unbeschworener Bund der Fröhlich-Freien, durch geistige und herzliche Sympathien miteinander verknüpft, unter Sang und Saitenspiel der Natur, der Kunst und der Liebe freigiebig opferten.
In meinen Erinnerungen leuchten die Friedrichshagener Jahre meines Lebens und später die Jahre einer »Neuen Gemeinschaft« am Schlachtensee nur wie eine glücklich-selige Insel auf, da man »das höchste Glück der Erdenkinder« genossen hat.


Gerhart Hauptmann
Abendstimmung

Hin durch den Forst schießt eine weiße Schlange,
spitz ist ihr Haupt, ihr Schweif verweht im Wind;
darunter braust auf stählernem Gewinde
der Erdenpuls in nimmermüdem Gange.

Verschwunden ist sie tief im Forste lang,
stumm ragt die Kiefer, um die rote Rinde
spielt schon der Nachthauch, schweifen Nebel linde,
und Uhuschrei tönt ferneher und bange

Ein Tümpel liegt in weltvergessenen Träumen,
vom Frühlingsregen angefüllt, am Raine;
es spiegeln drin sich einsam Ost und West

Tiefblau der Ost steht über schwarzen Bäumen
Die Stirn geziert mit einem Demantsteine;
Der Westen prahlt mit fahlen Sonnenresten


Peter Hille
Waldesstimme

Wie deine grüngoldenen Augen funkeln,
Wald, du mosiger Träumer!
Wie deine Gedanken dunkeln,
Einsiedel, schwer von Leben,
Saftseufzender Tagesversäumer

Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Wie’s Atem holt und näher braust,
Und weiter zieht-
Und stille wird-
Und saust.

Über der Wipfel Hin- und weiderschweben
Hoch oben steht ein ernster Ton,
Dem lauschten tausend Jahre schon,
Und werden tausend Jahre lauschen...
Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.


Peter Hille mit Erich Mühsam in seinem Arbeitszimmer .

Erich Mühsam

Am Müggelsee, in Friedrichshagen, wurde die Fahne aufgepflanzt. Ein Teil der jungen Stürmer siedelte sich dort an, die anderen kamen als regelmäßige Gäste, zum Diskutieren, zum Revolutionieren, zum Aufbauen und Schaffen neuer geistiger und sozialer Werte. Die Erinnerung an diese Zeit ist von anderen fest gehalten worden. Als ich , 1902, nach Friedrichshagen zog, war sie noch springlebendig, doch aber schon nur als Erinnerung.

 


Bruno Wille

Erinnerungen an Gerhart Hauptmann
In der einsamen, grüblerischen Oberspree-Landschaft und der wuchtig arbeitenden Weltstadt, wo schon in den achtziger Jahren das soziale Leben stürmisch gärte, sind Hauptmann die ersten großen Werke gelungen. In meinem Gedenken sind sie verwachsen mit Bildern aus dem Kiefernwald, sowie aus dem Berliner Literatur- und Theatergetriebe.
Im Hochsommer war’s, als Gerhart neben Bölsche und mir im Walde zwischen Wachholderbüschen lag und sein eben vollendetes Drama "Vor Sonnenaufgang" vorlas. Es wirkte auf uns hinreißend, und ich hatte den Eindruck, es bedeute der herandämmernde Morgen, den der Titel meinte, eine neue, würdige Epoche der sittlichen Kultur und zugleich der Dichtung. Unsere begeisterte Zustimmung tat dem Dichter wohl, obgleich auch ohne sie sein Selbstvertrauen neuerdings gehoben war

Ernst von Wolzogen

Es war mein Ehrgeiz, mich von allen Vorurteilen zu befreien, alle menschlichen Dinge ohne Brille sehen zu lernen und Mitkämpfer für jeden als notwendig erachteten Fortschritt zu werden. Aus diesem Bestreben nahm ich auch Bölsches Anerbieten, mich in den Friedrichshagener Kreis der politischen und literarischen Umstürzler einzuführen, mit Freuden an.



Die tägliche
R U N D S C H A U

-
Ultrapreußisch -
- alldeutsch -
- polenfresserisch -
von Karl Konservativ (Erik von Uexküll,1999 wirkten auf)
Soll das die neue deutsche Kultur sein?

In meiner Eigenschaft als Berichterstatter für die "tägliche Rundschau" besuchte ich die Hochzeitsfeierlichkeiten des Schriftstellers Julius Hart. Mit der Absicht gekommen, an der christlichen Verbindung eines deutschen Paares teilzunehmen, tat sich mir hingegen ein Abgrund von Dekadenz, Entartung und - ich wähle bewußt diese Formulierung - Geisteskrankheit auf. Alle meine Vorbehalte gegenüber der sogenenannten "Nerven-" oder "modernen Kultur" wurden nicht nur bestätigt, sondern sogar übertroffen. Mit zögerndem Herzen nur schildere ich dem verehrten Leser im Folgenden, wie ein christliches Fest in einer moralischen wie gesellschaftlichen Entgleisung endete, die eigentlich jeder Beschreibung spottet und doch halte ich es für meine Pflicht, diesen Sumpf von Sünde und Entartung in das öffentliche Bewußtsein zu rücken und dadurch - wo möglich - trockenzulegen. Nachdem also die christliche Trauung abgeschlossen war, begab sich die Gesellschaft - eine Bezeichnung, die dieser buntgewürfelte Trupp notorischer Habenichtse, Hungerleider und Schmierfinken kaum verdient - in das für die anschließende Festivität präparierte Lokal, ein in höchstem Maße anrüchiges Etablissement, in einem ebenso anrüchigen Stadtviertel gelegen. Dort - ich kann es nicht anders sagen - wurde nur gesoffen. Ein jeder geneigter Leser wird sich vermutlich noch an seine Kneip- und Studienjahre erinnern - und wer würde einen guten Tropfen schon verachten, aber was sich hier abspielte spottet jedes Vergleiches. Unterbrochen wurde das Gelage nur immer durch den Vortrag von Texten und Gedichten und liedern, die größtenteils nicht nur schlecht , sondern in höchstem Maße obszön waren und das religiöse Empfinden eines jeden Christen zutiefst verletzen mußten. Der Höhepunkt der Abartigkeit wurde aber in den frühen Morgenstunden erreicht, als sich zwei Männer bei den Händen fassten und einen wilden, irren Tanz über Stühle, Tische und Bänke begannen, der den Eindruck vermittelte, die beiden hätten nicht nur ihren Verstand, sondern jeden Rest von Zivilisation und Menschsein verloren und befänden sich nun auf dem Niveau von wilden Tieren. Dabei war es mir besonders schmerzlich mitanzusehen. dass es sich bei dem einen der "Tänzer" um Richard Dehmel handelte, der immerhin doch Talent besitzt und von ernsthaften Menschen bereits als Vorbild des neuen deutschen Dichters gesehen wird. Um so bedauerlicher ist es, dass sich nun auch Dehmel den subversiven und zutiefst undeutschen Einflüssen von Kreisen, die sich in maßloser Selbstüberschätzung selbst als "Künstlerkreise" bezeichnen, hingibt. Namentlich sind dabei die slawischen Einflüsse, verkörpert vor allem durch ein Subjekt mir dem unaussprechlichen Namen Przybyszewski, die unsere junge deutsche Literatur anfaulen und verkommen lassen, und so war es auch jener Przybyszewski, der Dehmel zu dem wüsten Exzess verführte und mitriss.
Als ich mich schließlich in höchster innerer Erregung und erfüllt von natürlichem Ekel entfernte, wurd ich noch Zeuge dieses anderen Vorgangs: Im Wahn des Rausches warf sich ein gewisser Scheerbart auf das Pflaster der Straße, wo er ungeachtet des Verkehrs wie ein wahnsinniger nach dem "Weltgeist" zu rufen begann. Dieses Bild steht charakteristisch für eine Generation, die nicht bereit ist, sich ernsthaft mit der Kunst auseinanderzusetzen, die nur roh schaffen, aber nichts lernen will und die meint, tausend Jahre deutsche Kulturgeschichte einfach über Bord werfen zu können. Ebenso widerspiegelt das Wilde, Animalische dieser Generation, die meint, nicht nur in der Kunst nach dem Hau-Ruck-Prinzip Traditionen und Konventionen zerschlagen und ihren eigenen Geist etablieren zu können. Nun, meine Herren, wenn dieser ihr Geist darin besteht, sich zu betrinken, Sitte, Anstand und Moral zu verletzen und sich in Straßengräben zu wälzen, dann kann Deutschland auf diesen ihren Geist verzichten!
Wenig später kam es noch zu einem Handgemenge zwischen Scheerbart und Przybyszewski, in dessen Verlauf letzterer den Stock des Ersteren zu spüren bekam, was aus Versehen geschah. Trotzdem ging ich in dem tröstlichen Bewußtsein heim, dass selten ein Stockhieb einen würdigeren getroffen hat !

Der Autor: Karl Konservativ ist Redakteur der "täglichen Rundschau", publizierte die bekannten Dramen "Ritter Unibald - gar treulich für Gott und Vaterland" sowie "König Barbarossa - ein Mann wie eine deutsche Eiche" und er ist Veteran des "Eisernen Jahres".