Schwarzes Ferkel

Berlin vor und um 1900
Ausgewählte Texte aus der Reichshauptstadt


Christian Morgenstern
Karl Henckell
Hans Brennert
Wilhelm II
Walther Rathenau
Karl Liebknecht
Bruno Wille
An Richard Dehmel
Entzauberung

Dort drüber liegt sie - riesengroß erstreckt -
Und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt -
Die steinern fahle Stadt - von hinderttausend
Tagwerken murrend und erbrausend.
Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern:
Der Schlote Ausgeburt - die noch nicht feiern.
Und doch schon murmeln von der Vesperstunde
Die düstern Türme mit dem Glockenmunde.

Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt-Rumpf,
Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf
Hinüberstarrt - zum braunen Ackergrund,
Wo -schmutzigrot die Mauern -
Zwei quallmende Fabriken kauern.
Horch, die Maschine heult das Veperzeichen!
Da rinnt aus dem Fabrikentor
Ein langer Zug von Arbeitsvolk
Den Ackerweg dahin zur Stadt.
Und sieh, die Häuserstirnen rötet matt
Der Abendwolken Widerschein.

Auf einmal quillt der Feuerball herein
Aus einem Wolkenriß und überflutet
Die Landschaaft, daß sie golden glutet.

O Zaubertat! Die Stadt mit ihrem Dunst
Liegt nun verklärt, von Purpurduft umschlossen:
Ein Berg, um den in ungestümer Brunst,
Aus grauem Dorn, blutrote Rosen Sprossen.

Und sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen,
Mit rotem Blitz das Sonnenfeuer malen -
Wie alle Häuser, alle Fensteraugen,
Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen
Und saugend immer lichter sich verklären -
als ob sie fluchbeladene Schlösser wären,
die für ein karges Weilchen von der bösen
Verwünschung sich erlösen. -

Und sie betrachtend voller Staunen,
Hör ich die Häuser gramvoll rauenen:

"Verwunschene Schlösser, verfluchte Mauern,
Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern
In düstrer Öde jahraus jahrein,
Hilfloses Grauen im lahmen Gebein.
Durch Kerkerräume Gespenster poltern,
Viele arme Menschenseelen zu foltern,
Mit teuflischen Zangen, mit Dürsten und Fasten,
Mit knechtischen Ketten, unmenschlichen Lasten.
Auf faueleem Stroh die Armut kauert,
Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert;
Das Auge irrt,
Es ringen die Hände;
Doch fledermausig
Die Sorge schwirrt
Um unsere grausig verdammten Wände...
Fluch und kein Ende! -
Nur manchmak naht die Gnadenstunde,
Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde
Die Stirn uns rührt - und an jenen gemahnt,
den unsere Seele erschauernd ahnt;
Den Strahlenbräutigam wundervoll,
Den starken Helden - der kommen soll,
Aus gespenstischer Not, aus Nacht und Ketten
Auf ewig uns zum Lichte retten." - -

So klagten die Verfluchten. Und der Scheiben Rot
Ward düster und erstarb in matten Funken
In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken:
Ein Schlackenhaufen,
Schwarz - und kalt - und tot.

Christian Morgenstern
Berlin

Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht,
wenn deine Linien ineinander schwimmen,-
zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen
und Menschheit dein Gestein lebendig macht.

Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel;
wie Seelenburgen stehn sie mystisch da,
die Häuserreihn mit ihrem Lichtgefunkel;
und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.

Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben;
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt;
gebändigt ruht ein ungestümes Treiben,
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.

Christian Morgenstern 1871 München-1914 Meran

Karl Henckell
Berliner Abendbild

Wagen rollen in langen Reih´n,
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Bannt mich arabische Zaubermacht?
Tageshelle in dunkler Nacht!
Hastig huschen Gestalten vorbei,
Keine fragt, wer die andre sei,
Keine fragt dich nach Lust und Schmerz,
Keine horcht auf der andern Herz.
Keine sorgt, obdu krank und schwach,
Jede rennt ihrem Glücke nach,
Jede stürzt ohne Rast und Ruh
Der hinrollenden Kugel zu.
Langsam schlend´r ich im Schwarm allein -
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Kaufmann, Werkmann, Student, Soldat,
Bettler in Fetzen, Dirne im Staat.
Rechnend drängt sich der Kaufmann hin,
Rechnet des Tages Verlust und Gewinn.
Werkmann bebt vor des Winters Not:
"Fänd´ich, ach fänd´ich mein täglich Brot!
Hungernd wartet die Kinderschar,
´s ist ein böses Jahr."
Bruder Studio zum Freunde spricht:
"Warte, das Mädel entkommt uns nicht!
Siehst du, sie guckt; brillant, famos!
Walter, nun sieh doch - die Taille bloß!"
Steht der Gardist in Positur,
Weil der Hauptmann vorüberfuhr,
Ließ seine Donna im Stich - allein:
"Ja, liebste Rosa, Respekt muß sein."
"Blumen, Blumen, o kauft ein Bouquet,
Rosen und Veilchen, duftend und nett!
Bitte, mein Herr, ach so sei´n Sie so gut!"
"Scher dich zum Teufel, du Gassenbrut!
Retzow, auf Ehre, wahrer Skandal."
"Unter Kam´raden ganz egal."
"Sehen Sie, bitte! Grandiose Figur,
Wirklich charmant, merveilleuse Frisur."
"Echt garantiert? Doch das macht nichts aus.
Hm! Begleiten wir sie zu Haus?"
"Neuestes Extrablatt! Schwurgericht!"
Hei, das drängt sich neugierig dicht.
"So ein Schwindler, ein frecher Hund,
Schlägt erst tot und leugnet es rund."
Woe das rasselt, summt und braust!
Wie es mir vor den Ohren saust!
Jahrmarkt des Lebens, so groß - so klein!
Magisch leutet der blaue Schein.

merveilleuse: wunderbar
Karl Henckell, 1864 Hannover - 1929 Lindau/Bodensee: Lyriker, ging nach dem DStudium in Berlin 1886 nach Zürich. Schrieb u.a. für die SPD. Das "Berliner Abendbild" stammt aus dem "Poetischen Skizzenbuch", Minden i.W.1885: Bruns. Vergl. auf dieser Website: Moderne Dichterabende. Zwanglose Zitatenplaudereine. Zürich 1895: Th. Schröter. (in Arbeit)

Hans Brennert
Das Überlied

Ich liebe Botticellileiber,
Die wie Tiffanyglas so schlanl;
Ich sterbe für die Überweiber
In Keller-Reiners Künstlerschrank.
Ich buhle, gleich verliebten Pagen,
Um stilisierte Bel-Etagen
Im stilisierten Berlin W-:
Da wohnt sie, meine Überfee!
O Überweib, so reizerblüht
Dir steigt mein Lied, mein Überlied!

Die stilisierte Überehe,
Die ist mein künstlerisches Ziel!
Mein Überweibchen schon ich sehe
Im Überheim - im Eckmannstil!
Von Leistikow die Wandtapeten
Auf Pankokläufer soll man treten;
Um Mitternacht umfängt uns nett
Herrn van der Veldes Überbett. -
O Überbett, auch dir steigt müd
Mein Abendlied, mein Überlied!

Anm.:"Das Überlied" (1901) zur Eröffnung von Wollzogens ""Überbrettl".
"Botticellileiber" meinen in Anspielung an den italienischen Maler ätherische Frauengestalten. Der belgische Architekt Henry van der Felde , wohnhaft in Weimar, gestaltete die Berliner Kunstgalerie Keller&Reiner. Er war mit den Dehmels befreundet. Otto Eckmann und Walter Leistikow waren Jugendstilmaler, Bernhard Pankok - "Pankokläufer" - vertrat ihn im Kunstgewerbe. Die Vorsilbe "Über" ironisiert Nietzsches unter dem Begriff des "Übermenschen" gefaßte Theorie der Selbstüberwindung.

Hans Brennert: 1870 Berlin - 1942 Berlin.


Wilhelm II
Rede an die an der Ausgestaltung der Siegesallee beteiligten Künstler bei dem abschließenden Festmahl im Königlichen Schloß am 18.12.1901

…Mit Stolz und Freude erfüllt Mich am heutigen Tage der Gedanke, dass Berlin vor der ganzen Welt dasteht mit einer Künstlerschaft, die so Großartiges auszuführen vermag. Es zeigt das, dass die Berliner Bildhauerschule auf einer Höhe steht, wie sie wohl kaum je in der Renaissancezeit schöner hätte sein können. Und ich denke, jeder vin Ihnen wird neidisch zugestehen, dass das werktätige Beispiel von Reinhold Begas und seine Auffassung, beruhend auf der Kenntnis der Antike, vielen von Ihnen ein Führer in der Lösung der großen Aufagbe gewesen ist. .....
Nun, meine Herren, am heutigen Tage ist auch zu gleicher Zeit in Berlin das Pergamon-Museum eröffnet worden. Auch das betrachte Ich als einen sehr wichtigen Abschnitt unserer Kunstgeschichte und als gutes Omen und glückliches Zusammentreffen. Was in diesen Räumen dem staunenden Beobachter dargeboten wird, das ist eine solche Fülle von Schönheit, wie man sie sich gar nicht herrlicher vereint vorstellen kann.
Wie ist esmit der Kunst überhaupt in der Welt? Sie nimmt ihre Vorbilder, schöpft aus den großen Quellen der Mutter Natur, und diese, die Natur, trotz ihrer großen, scheinbar ungebundenen, grenzenlosen Freiheit, bewegt sich doch nach den ewigen Gesetzen, die der Schöpfer sich selbst gesetzt ha, und die nie ohne Gefahr für die Entwicklung der Welt überschritten oder durchbrochen werden können.
Ebenso ist´s in der Kunst; und beim Anblick der herrlichen Überreste aus der alten klassischen Zeit überkommt einen auch wieder dasselbe Gefühl; hier herrscht auch ein ewiges, sich gleich bleibendes Gesetz; das Gesetz der Schönheit und Harmonie, der Ästhetik. Dieses Gesetz ist durch die Alten in einer so überraschenden und überwältigenden Weise, in einer so vollendeten Form zum Ausdruck gebracht worden, dass wir in allen modernen Empfindungen und

allem unserem Können stolz darauf sind, wenn gesagt wird bei einer besonders guten Leistunf:"Das ist beinahe so gut, wie es vor 1900 Jahren gemacht worden ist."
Aber beinahe! Unter diesem Eindrucke möchte Ich Ihnen dringend ans Herz legen: Noch ist die Bildhauerei zum größten Teile rein geblieben von den sogenannten modernen Richtungen und Strömungen, noch steht sie hoch und hehr da - erhalten Sie sie so, lassen Sie sich nicht durch Menschenurteil und allerlei Windlehre dazu verleiten, diese großen Grundsätze aufzugeben, worauf sie auferbaut ist!
Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe, und das darf die Kunst nie werden. Mit dem viel mißbrauchten Worte "Freiheit" und unter seiner Flagge verfällt man gar oft in Grenzenlosigkeit, Schrankenlosigkeit, Selbstüberhebung. Wer sich aber von dem Gesetz der Schönheit und dem Gefühl für Ästhetik und Harmonie, die jedes Menschen Brust fühlt, ob er sieauch nicht ausdrücken kann, loslöst und in Gedanken in einer besonderen Richtung, einer bestimmten Lösung mehr technischer Aufgaben die Hauptsache erblickt, der versündigt sich an den Urquellen der Kunst.
Aber noch mehr: Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll auch den unteren Ständen nach harter Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wieder aufzurichten. Uns, dem deutschen Volke, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, während sie andere Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind. Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideen zu hüten, zu pflegen, fortzusetzen, und zu diesen Idealen gehört, dass wir den arbeitenden, sich abmühenden Klassen die Möglichkeit geben, sich an dem Schönen zu erheben und sich aus ihren sonstigen Gedankenreisen heraus- und emporzuarbeiten. Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut
als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke. Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, und wenn wir hierin den anderen Vökern ein Muster sein und bleiben wollen, so muss das ganze Volk daran mitarbeiten wollen, und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muss sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt dass sie in den Rinnstein niedersteigt.
Ich empfinde es als Landesherr manchmal recht bitter, dass die Kunst in ihren Meistern nicht energisch genug gegen solche RichtungenFront macht. Ich verkenne keinen Augenblick, dass mancher strebsame Charakter unter den Anhängern dieser Richtungen ist, der vielleicht von den besten Absichten erfüllt ist, er befindet sich aber doch auf falschem Wege. Der rechte Künstler bedarf keiner Marktschreierei, keinert Presse, keiner Konnexionen. Ich glaube nicht, dass Ihre großen Vorbilder auf dem Gebiete der Wissenschaft weder im alten Griechenland noch in Italien, noch in der Renaissancezeit je zu einer Reklame, wie sie jetzt durch die Presse vielfach geübt wird, gegriffen haben, um ihre Ideen besonders in den Vordergrund zu rücken. Sie haben gewirkt, wie Gott es ihnen eingab, im übrigen haben sie die Leute reden lassen. Im Übrigen haben sie die Leute reden lassen. Und so muss auch ein ehrlicher, rechter Künstler handeln. Die Kunst, die zur Reklame heruntersteigt, ist keine Kunst mehr, mag sie hundert- und tausendmal gepriesen werden. Ein Gefühl für das, was hässlich oder schön ist, hat jeder Mensch, mag er noch so einfach sein, und dieses Gefühl weiter im Volke zu pflegen, dazu brauche ich Sie alle, und dass Sie in der Siegesallee ein Stück solcher Arbeit geleistet haben, dafür danke Ich Ihnen ganz besonders.

Wilhelm II, 1859 Potsdam - 1941 Doorn, Niederlande


Walther Rathenau
1867 Berlin - 1922 Berlin.
Leiter der AEG in Nachfolge seines Vaters Emil R., Organisator der Kriegswirtschaft im ersten Weltkrieg, 1922 Außenminister des deutschen Reiches, von Nationalisten am 24.6.1922 ermordet.
Die schönste Stadt der Welt
Würdigung

Dass Berlin der Parvenu der Großstädte und die Großstadt der Parvenus ist, dessen brauchen wir uns nicht zu schämen, denn Parvenu heißt auf deutsch: self made man. Natürlich haben wir keine Tischzeit und keinen Korso, kein Villenviertel und keine City. Kommst du am Sonntagnachmittag in die Geschäftsviertel von London und New York, so ergreift dich der Schauder einer ausgestorbenen Stadt: Straßenweit kein Mensch zu blicken und die Hauskatzen laufen über den Fahrweg. In Berlin wohnt man in der Jerusalemerstraße und macht Geschäfte auf dem Kurfürstendamm. Equipagen rollen, wenn die Börse gut steht, und die ältesten Paläste reichen zurück in die Gründerzeit. Genaugenommen, ist die Großstadt Berlin gar nicht vorhanden. Was uns den Namen gibt, ist die Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt, und die vielleicht die größte der Welt ist. Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme; sie umklammert das schmächtige Westviertel mit Eisensehnen, und wer weiß, was dereinst ... Nein, davon will ich heute nicht sprechen.

Karl Liebknecht
Kampf dem Dreiklassenwahlrecht!
Auszüge aus einer Rede zu einer Petition im preußischen Abgeordnetenhaus
24.6.1909

Meine Herren, ich will etwas literarisch beginnen. (Oh,oh!") Nach Cardano, einem der Philosophen, die am Beginn des neuen Zeitalters stehen, teilt sich die Menschheit in drei verschiedene Klassen: in die Klasse derer, qui decipiunt, in die zweite Klasse derer, qui decipiunt et decipiuntur, und in die dritte Klasse derer, qui decipiuntur; die erste Klasse sind diejenigen, die betrügen, die zweite die, die betrügen und gleichzeitig betrogen werden, die betrogenen Betrüger, und die dritte Klasse diejenigen, die nur betrogen werden. Das ist in Kürze der Sinn des Dreiklassenwahlrechts (Große Heiterkeit). Ja, meine Herren, Sie lachen über sich selbst und wissen nicht einmal, dass Sie über sich selbst lachen...
...Sie vertreten mit außerordentlicher Energie den Standpunkt, dass das Dreiklassenwahlrecht nicht zu beseitigen sei. Meine Herren, zunächst möchte man doch einmal fragen: Aufgrund welcher Legitimation vertreten Sie diesen Anspruch? (Zurufe rechts: "Verfassung!") Ja, auf Grund der Verfassung! Aufgrund des

Verfassungsbruches ("Oho!"rechts), aufgrund eines Hochverrats von oben und von nichts anderem. ("Oho!" und lebhafte Zurufe rechts.) Meine Herrren, Ihre früheren Generationen waren die Mitschuldigen an diesem Hochverrat von oben, und Sie sind die Nutznießer dieses Hochverrats von oben, und die Energie, mit der Sie heute an dem Dreiklassenwahlrecht festhalten, steht genau im Verhältnis zu der Rechtlosigkeit der Grundlagen des Dreiklassenwahlrechtes...
...Meine Herren, dass die Sache des Wahlrechts kein Kinderspiel ist, darüber sind Sie sich inzwischen wohl auch klar geworden. Es ist in Deutschland schon an verschiedenen Stellen um das Wahlrecht Blut geflossen. Im Dezember 1905 ist es in Dresden zu Blutvergießen gekommen, im Januar 1906 in Hamburg, im Januar 1908 in Berlin und im Januar 1909 erneut in Dresden. (Zuruf. Heiterkeit.) Gewiss, meine Herren, ich war nicht dabei. (Große Heiterkeit. Zuruf.) Aber, mein edelster Herr, wissen Sie denn nicht, dass ich damals in Glatz gesessen habe? (Heiterkeit.) Es ist doch töricht, Sie bilden sich ein, dass sich unsere Parteigenossen drücken könnten. ("Sehr richtig!" rechts) Meine Herren, Sie schließen von sich auf andere. (Heiterkeit und Widerspruch)
Ich will Ihnen eins sagen: Im Augenblick befinden Sie sich sozusagen auf dem Kapitol. Aber es ist schon einmal in aufgeregter Zeit gesagt worden: Vom Kapitol zum Tarpejischen Felsen ist nicht weit. Meine Herren, beherzigen Sie das! (Heiterkeit.)
Wenn es zu Unruhen in Deutschland kommt, so darf ich mich auf die Autorität eines Mannes berufen, den Sie vielleicht auch als Autorität anerkennen, nämlich auf die Autorität Goethes, der einst erklärt hat, dass, wenn es zu Revolutionen kommt, jedenfalls nicht das Volk, sondern stets die Regierungen daran Schuld seien.
Wir halten es für nötig, hier stets wiederum unser Ceterum censeo auszusprechen, dass dieses Karthago, dieses Dreiklassenwahlrecht, zu vernichten sei, und wir werden nicht müde werden, dies bei jeder Gelegenheit hier und im Lande draußen auszusprechen. Wir werden so lange nicht nachlassen, bis diese Schanze genommen sein wird, und wir werden dafür sorgen, dass, um ein Wort von Friedrich Wilhelm I zu variieren, die Volkssouveränität stabilisiert werden wird wie ein Rocher de bronze und den Herren Junkern der Wind vom Landtage bleibt. (Heiterkeit)

Anmerkung: Das nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 verordnete und in die Verfassung aufgenommene Wahlrecht bestimmt die Stimmengewichtung nach der bezahlten Steuer. Kein Wahlrecht hatten grundsätzlich alle Frauen, die Männer erst ab 25 Jahren. Die Mehrheit der Bevölkerung war insofern prinzipiell von den Wahlen ausgeschlossen. 1907 waren in Berlin zum Beispiel für ein Mandat in der ersten Klasse 34, in der zweiten 693 und in der dritten 7212 Stimmen erforderlich. 90% der Wahlberechtigten gehörte zur dritten Klasse. Unter dem späteren Reichstagswahlgesetz hätte die SPD in Berlin von 126 Sitzen 96 gewonnen. Nach dem Dreiklassenwahlrecht erhielten die Sozialdemokraten aber nur 35 Sitze.
Karl Liebknecht, Sohn von Wilhelm Liebknecht, der 1869 zusammen mit August Bebel die Gründung der "Sozialdempkratischen Arbeiterpartei" initiiert hatte, wurde wegen seiner politischen Praxis mehrfach ins Gefängnis oder Zuchthaus gesperrt. Er war Mitbegründer der KPD und wurde mit Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 von Soldaten der "Garde-Kavallerie-Schützendivision" ermordet.