Zeitgenössische Kreativitätstheorie

"Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten - er schuf erst den Dingen Sinn; einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich "Mensch", das ist: der Schätzende.
Schätzen ist Schaffen: hört es, ihr Schaffenden! Schätzen selber ist aller geschätzten Dinge Schatz und Kleinod.
Durch das Schätzen erst giebt es Werth: und ohne Schätzen wäre die Nuss des Daseins hohl. Hört es, ihr Schaffenden!
Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein Schöpfer sein muss."
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra (Von tausend und einem Ziele)

"Gehen wir daran, einige der Charaktere des Phantasierens kennenzulernen. Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit.
Sigmund Freud, Der Dichter und das Phantasieren



Deutscher Germanistentag
Rückblick

Das Weihnachtsgeschenk 2000 für die Website war die E-mail von Yahoo. Weil sie uns gut gefallen hat, lassen wir sie noch etwas stehen.
[Yahoo! - Web Sites der Woche]
h
Die folgenden Schülerinnen und Schüler gehen oder gingen, sofern dies nicht anders angemerkt ist, auf das Christianeum in Hamburg. Das Christianeum ist ein altes und großes Gymnasium im Hamburger Westen. Wer mehr über die Schule erfahren möchte, sehe sich die Homepage an.
Die Klassen- oder Stufenangabe bei Schülern bezieht sich auf den Zeitpunkt, zu dem sie den hier vorliegenden oder verarbeiteten Text, das Bild o.ä. fertig stellten.So sind die Fünftklässler von Anfang 99 zum Beispiel am Ende des Jahres bereits in der sechsten Klasse, alle Leistungskurs-Schülerinnen und Schüler des Abitur-Jahrgangs 1997 studieren heute oder stehen im Beruf.


Klasse 4c/1999 der Gorch Fock Schule in Blankenese: Umfrage zum Namen der ehemaligen Richard Dehmel Schule
Sabine Junge, Klassenlehre in der 4c/99: Historische Recherche


Gymnasium Christianeum:

Klasse 5c 1999:
Felix Kraft
: Bilder zu Gedichten von Paula und Richard Dehmel
Philipp von Lamezan: Bilder zu Gedichten
Julia Shulkevych: Bilder zu Gedichten

8. Klasse 2000:
Lara Dietrich, Maria Felte, Anna Schories: Bericht vom Otto-Ernst-Abend 12/99

9. Klasse 2000:
Felix Scheder-Bieschin: Auf dem Fußballplatz (nach Arno Holz)
Thea Küstner: Schöne Braune Augen (nach ArnoHolz)

10. Klasse 1999:
Xenia Zunic 10. Klasse 1999: Matinee-Beitrag
Julia Gutjahr 10. Klasse 1999: Matinée-Beitrag
Susanne Bieger 10. Klasse 1999: Interpretation der "Ballnacht"
Klaus Meyer
10 b 2001: Zu Wedekind, Frühlings Erwachen
Katrina Möbius
10 b 2001: Zu Wedekind, Frühlings Erwachen
Nathalie Kohlmann
10b 2001: Zu Wedekind, Frühlings Erwachen
Neele zu Solms
10b 2001: Zu Wedekind, Frühlings Erwachen
Niklas Zerfang
10c 2001: Zu Wendla Berger aus Frühlings Erwachen
Marie Siepmann
10a 2001: Vergleich Wedekind Frühlings Erwachen, Simmons, Salzwasser
Stefanie von Oertzen
10 c 2001: Vergleich Wedekind - Simmons
Maxi Baumann, Grundkurs Deutsch 4.Sem 1999: Otto Julius Bierbaum, Prinz Kuckuck

Leistungskurs Deutsch Abitur 2000:
Die Schülerinnen und Schüler dieses LKs haben das Fundament für diese Website gelegt. Hier liefen die Diskussionen um die Möglichkeiten dieses Mediums, hier wurde das Material arrangiert, hier wurden die ersten - und bis heute meisten - Texte geschrieben und bearbeitet. Da in der Entstehungsphase noch außer Betracht war, dass sich diese Site zu einem längerwierigen Projekt auswächst, genügten einige eher spontan und für den kurzfristigen Gebrauch geschriebene Texte nicht den unter der Hand gewachsenen Ansprüchen. Diese wurden wieder herausgenommen. Die folgenden Schüler haben an der ganzen Site mitgearbeitet, in öffentlichen Aufführungen und Präsentationen die angezeigten historischen Figuren gespielt und deren Texte gesprochen oder gesungen.
Christian Fuhrhop: Gerrit Engelke u.a.
Benita von Heyden: Arnold Schönberg
Laura von Hurter: Franziska Gräfin zu Revenlow
Anna Kuhlmann: Max Dauthendey
Tonia Lensch: Ida Dehmel
Insa Meenen: Else Lasker Schüler u.a.
Christian Patschkowsky: Scheerbart
Jakob Raben: Harry Graf Kessler
Franziska Roewer: Friedrichshagen und seine Dichter
Eliza Schröder: Hedwig Lachmann
Erik von Uexküll: August Strindberg u.a.
Johanna Vogt: Walter Benjamin
Sophia von Voithenberg: Edvard Munch u.a.
Valeska von der Wense: Detlev von Liliencron
Gesine Strenge: Musikalische Unterstützung

Leistungskurs Deutsch 1997 Abi 97:
Verena Dietrich
: Interview Appelschnut
Christian Engel: Kunst-Artikel, Photo-Recherche
Johannes Hennies: Otto Ernst
Caro Grüber: Photo-Recherche Berlin
Katrin Meinert: Interview Appelschnut
Josy von Zitzewitz: Elena Luksch-Makowskaja

Leistungskurs Deutsch Abitur 2003:
Charlotte Bartels:
Selbstbegegnungstext nach Hofmannsthals Reitergeschichte; Interpretation zu E.W. Lotz' Karneval
Katharina Bauer: Selbstbegegnungstext nach Hofmannsthal
Johannes Glasmacher:
Photo-Präsentation zu Lotz-Texten
Isabelle Harnisch
Isabel Kleinau
Moritz Meenen:
Photo-Präsentation zu Lotz-Texten
Julian Müller: Selbstbegegnungstext nach Hofmannsthal
Laura Spengler: Umschreiben von Hofmannsthals Reitergeschichte in der Technik des inneren Monologs nach A. Schnitzlers Leutnant Gustl

Gunter Hirt, Leiter der Christianeums-Bibliothek
Rolf Eigenwald, Fachseminarleiter Deutsch, Lehrer am Christianeum und Institut für Lehrerfortbildung. Artikel: Richard Dehmel und die Franzosen. Zuerst im Katalog der SUB-Hamburg, Dehmel-Ausstellung 97
Ulrike Schwarzrock-Frank
, Lehrerin für Deutsch und Latein, organisiert das Literarische Café des Christianeums: Artikel zu Appelschnut
Gisa Hansmann
, Lehrerin am Christianeum für Griechisch, Latein, Mathematik. Mythologie-Projekt in Griechisch, Klasse 10/2001: Hintergrund zur Hofmannsthal-Lektüre u.ä.
Dr. Karlheinz Vogel
, Uni Hamburg, lokalhistorische Tipps zum Hamburger Westen
Anke John, Lehrerin für Russisch und Deutsch am Christianeum, lokalhistorische Tipps zu Friedrichshagen bei Berlin


Hamburger Kammerspiele:

Dr. Matthias Wegner, Leiter der Reihe "Hamburger Autoren" in den Kammerspielen; Konzept der Dehmel-Matinée.
Dietmar Mues, Schauspieler; hier: Auszug Dehmel-Matinée
Miriam Scharoni, Sängerin, hier: Auszug Dehmel-Matinée

Günter Dunz-Wolff, Infrastruktur
Matthias Koentopf, Programmierer bei Dunz-Wolff, technische Hilfestellung beim "Schwarzen Brett"


Annette Stüsser-Simpson, Design und Funktion der Site
Jochen Stüsser-Simpson, Lehrer am Christianeum: inhaltliches Konzept

www.richard-dehmel.de:
Das weißblaugelbe Organonmodell einer literarischen Website
Jochen Stüsser-Simpson

Christianeum, Hamburg
www.germanistik2001.de
Deutscher Germanistentag 30.9. - 3.10.2001 in Erlangen
Sektion 5: Virtualisierung II. Di 10.00 5Eb

Würde die Website jetzt ausgedruckt - ohne alle Graphiken, Bilder, Filme usw. (also als sogenannte PDF-Version), hätte sie schon den Umfang eines dickeren Taschenbuches. Sieht man sich unter "Schaffende"(Nietzsche) die Mitarbeiter an, so sind im Augenblick neben dem produktiven Kern eines 14-köpfigen Deutsch-Leistungskurses inzwischen über 40 weitere Beteiligte aufgelistet, nicht nur Schüler und Lehrer unserer Schule. Hieraus mag deutlich werden, dass in einem kleinen Artikel nicht der abgeschlossene Arbeitsprozess und auch nicht die noch unerledigten Probleme, die sich bei der Konstruktion einer solchen Site zwangsläufig ergeben, umfassend beschrieben werden können. Aber die herausgegriffenen Aspekte können vielleicht einen passenden ersten Eindruck vermitteln, worauf im Allgemeinen bei Literarischen Websites zu achten ist und zugleich mit den bewußten Aussparungen dazu anregen, sich dieses Schaufenster zur Jahrhundertwende, Richard Dehmel ist hier die repräsentative Schlüsselfigur, selbst einmal anzusehen. In Erlangen wurde kein bloßer Vortrag über die Site gehalten, sondern sie wurde (qua Beamer) präsentiert.
Die drei Seiten des Modells
Anders als bei den auf dem Germanistentag in der Sektion 5 vorgestellten Websites, bei denen bewusst jede beteiligte Schülerin und jeder Schüler in digitaler Hinsicht gleichermaßen alles können sollte, wurde bei der Dehmel-Site gezielt arbeitsteilig vorgegangen, die Hilfe von Experten wurde gesucht und nicht gemieden.
In der Anfangsphase des Bastelns wurden die Ansprüche an eine literarische Website auf die folgende Formel gebracht: Schön soll sie sein, informativ soll sie sein, kreativ soll sie sein! In Anlehnung an das zuvor im Unterricht behandelte Sprachmodell von Karl Bühler war ironisch von dem Organonmodell der Website die Rede. Alle drei Seiten gehören zusammen, weder auf das Ästhetische noch auf das Informative oder Kreative kann verzichtet werden, ohne das Ganze wesentlich zu verändern. Die drei Postulate beziehen sich sowohl auf die Texte als auch auf die Bilder, also auf die gesamte Site.
Bildbereich
Werden literarische Homepages und Websites gemeinsam mit Schülern angesehen und besprochen, und zwar Web-Sites von Profis und auch solche von Schülern, so wird als ein wesentliches Merkmal der Seiten, die auf Anhieb gefallen und die einladen, auf ihnen zu verweilen, ihre gelungene graphische Gestaltung gesehen, oft die besondere Kombination von Wort und Bild. Viele Schüler sehen sich selbst für Bilder empfänglicher als für die Schrift; hier lassen sich Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren, Grund- und Leistungskursen usf. angeben bzw. ließen sich herausfinden. Während die schlechten Sites häufig über die Anmutung von Karteikästen nicht hinausgelangen, haben die ansprechenden einen ästhetischen Überhang, der häufig zu fruchtbaren Vergleichen mit Büchern einlädt. Da fast jedermann es sinnlicher und angenehmer findet, ein Buch, das er in Händen hält, als einen Text auf dem Bildschirm zu lesen, sollte jede Präsentation so gestaltet sein, dass sie auch ohne Bilder ausdruckbar ist, es sollte also möglichst immer eine sogeannte PDF-Version zur Verfügung gestellt werden. Für die Dehmel-Site galt es, für die graphische Gestaltung eine Menge von Bildmaterial zu organisieren: Photographien von Ida, Paula und Richard Dehmel aus dem Dehmel-Archiv in der SUB-Hamburg, Portraits der übrigen Zeitgenossen, die um die Dehmels herum präsentiert werden sollten, wurden aus alten Büchern, meist Verlagsalmanachen zusammengesucht, die zum Teil in der Bibliothek des Christianeums vorhanden waren, teils aber auch erst organisiert werden mussten. Als besonders websitegeeignet erwiesen sich Karikaturen wie die von Olaf Gulbransson oder Bruno Paul. Zeitgenössische Photgraphien des Hamburger Hafens um die Jahrhundertwende wurden ebenso aus der Landesmedienzentrale geholt wie Bilder des zeitgenössischen Blankenese. Für die Graphik ließen sich Buchumschläge mit Jugendstil-Motiven verwenden und Selbstgeschriebenes in Sütterlin. Auch im Bildbereich kam wie bei den Texten das kreative Moment nicht zu kurz: Bei einem literarischen Spaziergang durch Altona setzte sich die Leistungskursgruppe vor dem Klopstockgrab oder einer Liliencron-Wohnung in Positur. Zu Kindergedichten von Paula und Richard Dehmel malten Fünftklässler bunte Bilder.
Textsorten in Blau, Weiß und Gelb
Doch gutes Bildmaterial und Design alleine sind keine hinreichenden Bedingungen, dass eine Site auf Dauer ihre Leser findet. Im Folgenden sei deshalb die Textseite in den Vordergrund gerückt. Auf der augenblicklichen Dehmel-Site finden sich drei verschiedene Textsorten, die alle ihre Berechtigung haben. Sie werden in Hinsicht auf die Benutzer zu deren schnellen Orientierung weiß, gelb und blau eingefärbt. Auf keine von ihnen kann verzichtet werden, ohne die Qualität der Site zu schmälern. Weil dies für viele literarischen Schülerseiten zu gelten scheint - und uns zu Beginn der Website-Arbeit ziemlich unklar war, sei dies hier ausgeführt. Wenn die Site unter "Zeitgenossen" angeklickt wird, erscheint dort dieser Text: "Jeder Zeitgenosse wird nach dem folgenden Muster -schmerzfrei - zergliedert und präsentiert: Nach 1. einer kurzen Biographie erscheinen 2. originale Texte, oft Auszüge oder Zitate. Falls vorhanden folgen 3. Dokumente zum Zusammenhang mit Richard Dehmel und der Jahrhundertwende, u.U. auch zusammenfassende Darstellungen. In dem Teil "Lesarten" werden Interpretationen, Stellungnahmen und biographische Verfeinerungen gesammelt. Zuletzt werden 5. "kreative", selbstgeschriebene literarische Texte zusammengestellt, die sich in irgendeiner Weise, sei es historisch oder z.B. satirisch, auf die Schriften oder die Biographie einer zeitgenössischen Person beziehen oder dort ihren Ausgangspunkt haben."
Weiß
Wir haben es mit historischen Original-Texten zu tun, die meist unter 2. und 3. erscheinen. Hier zeigt sich, ob gut recherchiert wurde, ob das Material überblickt wird und die Quellenlage gut ist. Mit universitären Archiven wie dem Projekt Gutenberg kann man hier nicht konkurrieren, dennoch sollten einige besondere und neue, d.h. nicht mehr oder nur schwer zugängliche Texte vorhanden sein, die noch nicht zum Gutenberg-Inventar gehören bzw. an anderer Stelle im Internet abrufbar sind; bei uns sind das z.B. solche von Ernst Wilhelm Lotz, Dauthendey, Ida Dehmel u.a., um das Interesse von literarisch interessierten Surfern zu finden. Interviews mit Zeitzeugen oder deren Nachfahren können hier eine große Rolle spielen - bei uns z.B. ein Appelschnut-Gespräch (der Tochter von Otto Ernst). Sie werden gewöhnlich von den literarischen Suchmaschinen schnell "verlinkt". Zu einem Thomas Mann z.B. wird für Schüler kaum Neues herauszufinden sein; für weniger bekannte Autorinnen und Autoren aus der eigenen Region - aus der Hamburger Perspektive eben ein Dehmel oder ein Liliencron - sieht dies oft schon günstiger aus.
Gelb
Die selbstgeschriebenen Texte lassen sich in zwei Gruppen untergliedern: auf der einen Seite die kreativen, literarischen Texte, auf der anderen die darstellenden, klärenden und informierenden Texte - sie seien der Einfachheit halber so genannt, die Begrifflichkeit ist hier generell schwankend. Auf originäre Texte und Dokumente der Jahrhundertwende-Künstler folgen analytische und interpretatorische Texte, die auf der Site meist unter Lesarten ihren Platz finden. Um bei der Auswahl der Texte behutsam und nicht zu eng zu verfahren,erscheinen häufiger Hinweise wie der folgende zu Hofmannsthal: "Vorsicht! Bei den folgenden Leseeindrücken und Interpretationen handelt es sich um Texte, die in der Stunde oder zu Hause geschrieben worden sind. Sie sind nur hinsichtlich der Rechtschreibung verbessert worden: Ansonsten kann man sich an ihnen reiben, sie weiter schreiben, andere, vielleicht bessere Texte zu Hofmannsthal schreiben". Gegenüber dem durch viele Emails signalisierten Interesse anderer Schüler wird so vor einer blinden Verwertung für Referate oder Hausaufgaben gewarnt.
Da diese interpretatorischen Texte kaum Unterschiede zu ähnlichen Arbeiten in anderen Print-Zusammenhängen aufweisen, müssen sie hier nicht in besonderer Weise erläutert werden.
Dies gilt nicht für die webspezifischen appellativen Texte der ersten Seiten und die lexikalischen der Kurzbiographien. Beginnen wir wie der normale surfende Literaturliebhaber mit dem Text auf der ersten Ebene, der Homepage, der einen Diskussionsprozess durchlaufen und regelrecht vereinheitlicht werden wird. Da die gesamte Web-Site vorgestellt und die Navigation beschrieben werden, hat der Text stark vorschreibende Züge. Zugleich muß er aber die gesamte Web-Site repräsentieren, auch die weiter hinten gelagerten kreativen und individuellen Texte sollen auf ihm in irgendeiner Weise zur Erscheinung kommen. Da andererseits die erste Seite der Struktur des Nachfolgenden gehorcht und sich zugleich appellativ an den allgemeineren Surfer oder Internet-Flaneur wendet, der sich jederzeit wieder wegklicken kann, bleibt wenig Spielraum für zweckfreie kreative Spielereien, die ganze Seite unterliegt genau angebbaren Zwecken und muss gleichwohl die Gefahr vermeiden, eine pure Gebrauchsanweisung mit vorangestelltem Willkommensgruß zu werden. Hier ist die Graphik nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern erhält einen eigenen Aussagewert, der dem des Textes gleichkommt oder sogar überwiegt. Die wenigen nicht unmittelbar funktionalen Textstellen der Dehmel-Homepage geraten zum Beispiel in der Schülergruppe in einen Diskusssionsprozess, an dessen Ende Kompromiss-Lösungen stehen. Wenn dort etwa in einem ersten Text-Entwurf die digitale Interaktivität eines "Schwarzen Brettes" - oder besser: Message Point/Board? - mit dem Tresen der Kneipe - Schankstube, Weinlokal, Wirtschaft..? - "Schwarzes Ferkel" verglichen wird und die spezifische Differenz durch die Formulierung ausgedrückt wird:"Nur saufen kann man hier nicht", so gerät dieses "Saufen" in Konkurrenz zu "Zechen", "Trinken", "Tanzen" usw., um endgültig mehrheitlich festgelegt zu werden.
Wenn das Leben einer Autorin oder eines Autors nach Schaffensphasen unterteilt wird, für die die jeweiligen Wohnorte stehen - bei Dehmel sind das Berlin und Hamburg, dann bieten sich von der Textseite her, die auch hier mit der Graphik gut abgestimmt sein muss, "Klappentexte" an. Verließe man die Terminologie des Buchdruckes, ließe sich auch von "Fenstertexten" sprechen. Anders als in Lexikonbeiträgen wird in Klappentexten nicht zusammengefasst, sondern werbestrategisch geschickt mit Aussparungen gearbeitet. Sie sind appellativ, auch wertend, trotzdem sollen sie Aura vermitteln. Weil hier, im Eingangsbereich der Web-Site, wiederum vielerlei Ansprüche im digitalen Raum stehen, handelt es sich um so oft veränderte Texte, dass eine individuelle Handschrift des ersten Entwurfs meist nicht mehr zu erkennen ist. Dies gilt nicht für Klappentexte auf hinteren Ebenen der Web-Site. Dort ist genügend individueller Gestaltungsraum vorhanden.
Zu den Standard-Texten fast jeder literarischen Web-Site gehören die Kurzbiographien. Sie stehen immer unter dem Druck, möglichst knapp gehalten zu werden, für zwei- oder dreiseitige Darstellungen ist auf den ersten Ebenen kein Platz. Fast immer gehen sie von Memoiren, satirischen Darstellungen - wie Bierbaums "Steckbriefen" (1900), literaturhistorischen Beiträgen oder Lexikoneinträgen aus. Deshalb spielen hier zunächst die Techniken des sogenannten "Précis", der Textkürzung, eine wesentliche Rolle. Ist der Ausgangstext ein zeithistorisches Dokument und kein bloßer Lexikoneintrag, so soll die Aura des Originals dabei nicht verloren gehen. Bei der Kürzung der Textvorlagen ist genau zu überlegen, welche Textpartien gestrichen werden können, wie sich der Text im Weiteren durch Umformung, durch eigene Formulierungen, verknappen lässt. In den Übungen zum Précis ( der in Hamburg z.B. auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen von der Sek.I bis zum Abitur vorgeschlagen wird) gilt als dritte Operation das Gewichten: Es ist nicht nur hilfreich bei der Kürzung eines Textes, sondern auch bei der - schwierigeren - Zusammenstellung aus mehreren Vorlagen. In einem über den Précis hinausgehenden weiteren Schritt kann ich nun neue Akzente setzen, den Stil variieren usw. Den potentiellen Besucher muss ich dabei im Blick behalten. Trotz der gebotenen Kürze gibt es natürlich kein Rezept für diese Biographien. Unterscheiden lasssen sich zwei Typen: Manche Schüler werden sich mehr am Werk eines Autors orientieren, andere stärker an seinem Leben. Doch das Verfertigen von Précis-Versionen und Kurzbiographien bereitet nicht allen Schülern Vergnügen. Manche fühlen sich durch die Vorgaben gegängelt.
Blau
Aus diesem Grunde kann im Unterricht schon hier das kreative Schreiben einsetzen. Die kreative Abweichung kann befreiend wirken, die oft parodistischen Ergebnisse sind allemal motivierend. Hier kann die gesamte, inzwischen vielfältige Palette des produktionsorientierten Literaturunterrichtes und des Kreativen Schreibens genutzt werden (auch die sich entwickelnden dekonstruktivistischen Ansätze des Umzentrierens, Weiterschreibens sind hier möglich). Im Sinne der produktiven Hermeneutik lässt sich die Selbstbegegnung in Hofmannsthals Reitergeschichte in der Studienstufe als Muster für einen eigenen Text verwenden, schon in der Untersufe ist es möglich, z.B. zu Arno Holz' Gedicht "Mählich durchbrechende Sonne" Parallelgedichte zu schreiben. Vor dem Hintergrund bekannter historischer Darstellungen - etwa von Carl Ludwig Schleich, Adolf Paul, Frida Strindberg oder Stanislaw Przybyzewski - der Trinkgelage im Berliner "Schwarzen Ferkel" lassen sich dort fiktive Begegnungen historischer Persönlichkeiten arrangieren. Die Schreibaufgabe, ein Portrait für die Bravo zu entwerfen, führt zu dem Pastiche: "Der niedliche Schwede mit den stahlblauen Augen wird am 22. Januar 1849 geboren. Wie alle Steinböcke ist er dynamisch und hat ein aufbrausendes Wesen, kann aber trotzdem auch total sensibel und einfühlsam schreiben. Seine erste große Liebe ist Siri von Essen, weil er bei Mädchen voll auf blonde Haare und eine gute Figur steht. Am wichtigsten ist ihm aber trotzdem der Charakter...Sein Leben lang schreibt er supertolle Bücher! 1912 bekommt er total bitter Magenkrebs und stirbt daran. Tausende von meist weiblichen Fans stehen weinend an seinem Grab!" Oder im Falle Else Lasker-Schülers:"Sie ist jung, sie ist cool, sie ist Trend! Und das, obwohl sie vor hundert Jahren gelebt hat! Sie ließ sich nichts von ihren Eltern, spießigen Kaufleuten, oder den Männern sagen. Neben ihrer Ehe hatte sie Affären mit vielen Künstlern und Schriftstellern: Sie spielte mit den Männern. Das ist wahre Emanzipation, oder? Sie lebte lange Zeit in Berlin und zog dort durch die Kneipen und Szene-Cafes. Von einem rassigen Südländer, von dem sie nicht einmal den Namen verriet, bekam sie einen Sohn. Diese Frau brachte Skandale über Skandale! Ihre Gedichte sind ein bißchen schwer zu verstehen....."
Da jede Web-Site nach hinten beliebig aufgebläht werden kann, werden auch solche Texte immer ihren Platz finden können. Angesichts der Attraktivität des Kreativen Schreibens könnte sich natürlich eine andere Frage stellen: Und weshalb lässt man historische Autoren wie Dehmel nicht einfach fallen und veröffentlicht Selbstgeschriebenes aus der Schreibwerkstatt? Dagegen spricht, dass dies kaum jemand läse. Schüler, die ihre Schreibfertigkeiten und Weisen noch entwickeln, erreichen natürlich während eines kurzen Zeitraumes ihre Freunde und Familienmitglieder, aber kaum eine übergeordnete, allgemeinere Öffentlichkeit. Über historische Autorinnen oder Autoren sowie auch über Epochen können Schüler sich auf eine interessierte literarische Öffentlichkeit beziehen - vorausgesetzt, ein gewisser Minimalstandard wird nicht unterschritten und einige Novitäten (Zeitzeugen, neue Dokumente u.ä.) sind enthalten. Von der Seite des Schreibens her werden literarische Vorbilder gefunden - oder eben Muster, von denen Schüler sich abgrenzen können.
Didaktisches zum Schluss:
Durch die Arbeit in einem solchen komplexen Projekt lernen die Schüler fast unter der Hand, sich im Netz zu bewegen, suchend, fragend, kommunizierend. Hemmschwellen werden durch zunehmende Routine und die kritischen Gespräche über die Möglichkeiten und Grenzen des Netzes abgetragen. Durch die Entwicklung normativer Kriterien zur ästhetischen Beurteilung anderer Web-Sites und zur positiven Orientierung bei der Erstellung der eigenen wird verhindert, dass sie sich in den WWW-Fluten verlieren und untergehen. Durch die eigene Produktion wird garantiert, dass die Schüler nicht das Internet mit dem Fernseher verwechseln und dass das Surfen einem möglichen, nur konsumierenden und emotional abstumpfenden Zappen gleichkäme. Die großen Chancen des Netzes zur Publikation eigener Texte, das Herstellen oder Auffinden neuer Öffentlichkeiten, die spezifischen direkten Kommunikationsformen usw. können praktisch überprüft werden. Den subjektiven Bedürfnissen, sich ästhetisch auszudrücken, sind Tür und Tor (und "Mac" und "Dose") geöffnet. Mittels der Muster und Figuren der Jahrhundertwende werden traditionelle
Möglichkeiten und Methoden des Deutsch-Unterrichtes "aktiviert" und mit dem neuen Medium verbunden. Ungleichzeitigkeiten werden sichtbar, die alten Texte sind als historische in den neuen Kontexten auf Tauglichkeit zu überprüfen. Die Schüler können hinsichtlich einer zurückhaltenden oder einer offensiveren Art der Selbstdarstellung zwischen analytischen, kommunikativen und poetischen Textsorten auswählen. Als Rezipienten und als Autoren lernen sie beide Seiten des Literaturbetriebes kennen, und zwar intensiver, als das in den früheren, netzlosen Zeiten möglich war. Insgesamt werden Literatur und Computer nicht als gegensätzliche Welten erlebt, wie dies durchaus in der Sicht von Teilen der Öffentlichkeit nach wie vor der Fall ist. Der Umgang mit Literatur, die Schreib- und Leselust werden durch eine solche Arbeit im Netz gefördert und nicht behindert. Und innerhalb des WWW weben die Schüler an dem bunter und vielfältiger werdenden literarischen Flickenteppich mit (den schon Else Lasker-Schüler beschrieben hat), der vielleicht die Literatur auch für manchen Bewohner des globalen Dorfes attraktiv macht, der sich von Hause aus nie um sie gekümmert hat.