Richard Dehmel

Gedichte


Die Gedichte werden nach den Gesammelten Werken in drei Bänden (1913) zitiert. Hinweise auf Erstveröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien erscheinen nur in wenigen Fällen.

 

Der Flammenbecher wurde Dehmels Emblem auf den Gesammelten Werken in 10 Bänden
"Lieber Herr Fischer!

Ich lasse mich nicht im letzten Augenblick überrumpeln; und mit andrer Leute Meinung dürfen Sie mir überhaupt nicht kommen. Der Flammenbecher hat genau dieselbe Daseinsberechtigung wie Ihr Verlags - Signet. Ich will mich nicht in ganz die gleiche Uniform stecken lassen wie die Herren Kaßner, Hofmannsthal etc. pp.; meine Bücher sollen eine persönliche Note tragen. Was würden Sie denn sagen, wenn ich darauf bestände, daß Ihr Fischer über Bord geworfen wird! Glauben Sie etwa, daß mir der besser gefällt, als Ihnen der Flammenbecher? Ich kann Ihnen versichern, daß ich
ihn nur aus Respekt vor Ihrer Firma erdulde, gegen die Art Symbolik ist der Flammenbecher noch immer ein reines Juwel von Ornament! <…>"


Bekenntnis

Ich will ergründen alle Lust,
so tief ich dürsten kann;
ich will sie aus der ganzen Welt
schöpfen, und stürb´ ich dran.

Ich will´s mit all der Schöpferwut,
die in uns lechzt und brennt;
ich will nicht zähmen meiner Glut
heißhungrig Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,
durch zahmer Küsse Tausch?
Ich ward erzeugt in wilder Nacht
und großem Wollustrausch!

Und will nun leben so der Lust,
wie mich die Lust erschuf.
Schreit nur den Himmel an um mich,
ihr Beter von Beruf!

Erlösungen 1891. GW 1,11

Im Fluge

Ganz in eines flocht, o Gott, der Tanz
unsre bang beseligten Gestalten;
und ich sah, ihr schweres Haar war ganz
von dem einen Silberpfeil gehalten.
Und da hob sich schon ihr Mund und bog
sich mir dar mit bittendem Gefühle;
willenlos ein Blick, und im Gewühle
blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog.

Und sie senkte tief ihr heiß Genick,
plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen;
und ich habe diesen Augenblick,
den mir Gott gegeben hat, genossen.

Erlösungen GW 1,19


Die Umworbene
Nach Pierre Louys

Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt,
einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist,
samt den Denkmälern und der Kirche,
dem Rathaus und der Steuerkasse.

Der Zweite hat mir Verse gemacht.
Er hat gesagt, ich sei viel holder
als eine Seerose im Morgenrot
und scheuer als der Abendwind.

Der Dritte war so schön,
daß seine Schwester sich umgebracht hat,
weil er sie nicht mehr küssen wollte.
Ich hätt ihm nur zu winken brauchen.

Du, du hast mir nichts gesagt.
Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm.
Und bist nicht schön.
Aber dich liebe ich.

Erlösungen GW 1,22

Wollust
Nach Shakespeare

In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut
ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt,
roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last,
meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.

Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt;
sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,
als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.

Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl,
maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst,
erdürstet Überglück, genossen Dunst,
verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual -

Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg:
zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.

Erlösungen GW1,28

Entbietung

Schmück dir das Haar mit wildem Mohn,
die Nacht ist da,
all ihre Sterne glänzen schon.
All ihre Sterne glühn heut Dir!
du weißt es ja:
all ihre Sterne glühn in mir!

Dien Haar ist schwarz, dein Haar ist wild
und knistert unter meiner Glut;
und wenn die schwillt,
jagt sie mit Macht
die roten Blüten und dein Blut
hoch in die höchste Mitternacht.

In deinen Augen glimmt ein Licht,
so grau in grün,
wie dort die Nacht den Stern umflicht.
Wann kommst du?! - Meine Fackeln lohn!
laß glühn, laß glühn!
schmück mir dein Haar mit wildem Mohn

Erlösungen GW 1,21

Frecher Bengel

Ich bin ein kleiner Junge,
ich bin ein großer Lump.
Ich habe eine Zunge
und keinen Strump.

Ihr braucht mir keinen schenken,
dann reiß ich mir kein Loch.
Ihr könnt euch ruhig denken:
Jottedoch!

Ich denk vo euch dasselbe.
Ich kick euch durch den Lack.
Ich spuck euch aufs Gewölbe.
Pack!

Erlösungen GW 1,37


Empfang

Aber komm mir nicht im langen Kleid!
komm gelaufen, daß die Funken stieben,
beide Arme offen und bereit!
Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
über Berge gehts, reiß ab die Schleppe,
nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
und am schönsten bist du blaß und bloß, nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
und dein Brautbett ist die ganze Erde.

Erlösungen GW 1,15

Ballnacht

Prunkende Klänge
Tanz und Geflirre;
stumm im Gedränge
steh ich und irre.
Steh ich und starre, suche nach dir,
und weiß und weiß doch, du bist nicht hier.

Alle die Blicke,
was sie wohl plaudern,
die Händedrücke,
die Hast, das Zaudern.
Immer verworrener, wie im Traum,
fremder und fremder rauscht der Traum.

Köpfe wiegen sich,
Füße schweben,
Arme biegen sich;
sinnlos Leben.
Sterbende Blumen, weh tuendes Licht,
seltne Juwelen, nur Seelen nicht.

Wie blas die Sterne
durchs Fenster blinken!
O könnt ich ferne
jetzt hinsinken
mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
die du im Traum noch fühlst mit mir!

Erlösungen GW 1,19

Interpretation


Tief von fern

Aus des Abends weißen Wogen
taucht ein Stern;
tief von fern
kommt der junge Mond gezogen.

Tief von fern,
aus des Morgens grauen Wogen,
langt der große blasse Bogen
nach dem Stern.

Erlösungen GW 1,52

Der Herr der Liebe
Nach Dante

An jedem, der mit edlem Geist dem Bunde
der Himmelsmächte dient in Erdentalen
und willig dartut, was sie anbefahlen,
ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.

Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde,
da sah ich plötzlich alles um mich strahlen,
und vor mir stand der Herr der Liebesqualen,
sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.

Erst schien er fröhlich. In der Hand , der einen,
hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen
schlief meine Herrin, blaß, in roten Leinen.

Er weckte sie und ließ sie von dem kleinen
und völlig glühenden Herzen schüchtern essen.
Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.

Erlösungen GW 1,52


Blick ins Licht

Still von Baum zu Bäumen schaukeln
meinen Kahn die Uferwellen;
märchenblütenblau umgaukeln
meine Fahrt die Schilflibellen,
Schatten küssen den Boden der Flut.

Durch die dunkle Wölbung der Erlen
-welch ein funkelndes Verschwenden -
streut die Sonne mit goldenen Händen
silberne Perlen
in die smaragdenen Wirbel der Flut.

Durch die Flucht der Strahlen schweben
bang nach oben meine Träume,
wo die Bäume
ihre kranken Häupter heben
in des Himmels ruhige Flut.

Und in leichtem, lichtem Kreise
weht ein Blatt zu meinen Füßen
nieder; und des Friedens leise
weiße Taube seh ich grüßen,
fernher grüßen
meiner Seele dunkle Flut.

Erlösungen GW1,72

Lied an meinen Sohn

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
laut; so erwacht ich vom Gebraus
des Forstes schon als Kind.
Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
in deine ferne Wiegenruh
stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
vom Sturm; bis eine graue Nacht
wie heute kam.
Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
wie damals, als ich sein Getön
vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
mein Sohn, in deinen Wiegentraum
zornlacht der Sturm - hör zu, hör zu!
Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
horch, wie er durch die Kronen leucht:
sei du! sei Du! -

Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
mein Sohn, dein alter Vater spricht,
gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
laut - -

Aber die Liebe GW 1,131


Vierter Klasse

Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne keucht der Zug.

Ich schaue und horche und weiß es kaum;
ich träume einen stolzen Traum,
wie Form geworden der Menschengeist
donnernd um Achse und Achse kreist...

Da schreit ein Kindchen neben mir
und übertönt das Eisentier.
s klang so weh, mein Traum zerrint;
so blaß, so mager sit das Kind.

Im Wagen schwankt die Dämmerung,
und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
so spitz heraus das kleine Gesicht.

Von Kisten und Kasten eingezwängt,
von Säcken und Päcken überdrängt,
schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
und summt ein Wiegenlied dazu.

Und rund herum, bedrückt und schwer,
verworrene Worte, hin und her;
Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
und Menschendünste, dick und dumpf.

Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
mit ihrem letzten bißchen Mut,
aus Polen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach Amerika,

Nur wenn das Wörtchen "drüben" fällt,
grünt eine ferne Hoffnungswelt;
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.

Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
durch Rädergepolter und Eisenlärm,
wie Stimmen der Erlösung , ziehn
der Mutter leise Melodien.

O heiliger Stall von Bethlehem,
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn eine Wöchnerin beglückt
ihr Kind in Armut an sich drückt!

Nun schläft´s; nun hüllt sie´s ein recht warm
und legt behutsam aus dem Arm,
und lehnt sich müd an ihren Mann
und sieht ihn bang und liebreich an.

Und er versteht den Mutterblick
voll Sorge, urcht und Mißgeschick,
und mit der breiten Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:

"Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
da drüben wird alles anders gehn.
Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
da wirst du wieder gesund, Marie.

Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
ihr werdet beide wieder gesund.
Und unser Kind hat, wenn es groß,
im neuen Land ein bessres Los!"

Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
vergehen in dem einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen...

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkelin rasendem Flug
stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.

Ich horche und horche und weiß es kaum;
ich träume einen gläubigen Traum,
wie Glück begehrend der Menschengeist
empor zu neuen Formen kreist...

Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäuerin ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.

Der sitzt noch wach mit mir allein;
wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
bis uns der Blick die Zunge lüpft, bis hin und her das Flüstern schlüpft.

Und er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkaufen ihren Kram,
und wie sie der Agent gedingt,
der in den Urwald nun sie bringt.

Es war kein neues Wort dabei;
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton.

"Und wie dann gar noch Weib und Kind
mir schwach und krank gewordensind,
da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällt´s uns auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Los als wir gewinnt!"

So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.

Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.

Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstrahl das Herz
zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.

Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
Und alle drängen sich dicht bei dicht
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

Die Mutter aber, still im Schwarm,
nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und - da - : was stiert sie und kü´t es nicht?

Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
Da löst sich ein erstickter Laut,
da liegt´s im Schoß ihr starr und tot -
der Vater stammelt: barmherziger Gott!

Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
die Bauern blicken scheu herum.
Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
Mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert...

Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
die Schaffner reißen die Türen auf.
Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.

Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
wie unerschüttert von Glück und Weh,
Zukunft formend der Menschengeist
um seinen ewige Achse kresit...


Aber die Liebe GW 1,145


Radlers Seligkeit

Wer niemals fühlte per Pedal,
dem ist die Welt ein Jammertal!
Ich radle, radle, radle.

Wie herrlich lang war die Chaussee!
Gleich kommt das achte Feld voll Klee.
Ich radle, radle, radle.

Herrgott, wie groß ist die Natur!
Noch siebzehn Kilometer nur.
Ichradle, radle, radle.

Einst suchte man im Pilgerkleid
den Weg zur ewigen Seligkeit.
Ich radle, radle, radle.

So kann man einfach an den Zehn
den Fortschritt des Jahrhunderts sehn.
Ich radle, radle, radle.

Noch Joethe machte das zu Fuß,
und Schiller ritt den Pegasus.
Ick radle!

Brettl-Lieder, hg.v. Otto Julius Bierbaum, Leipzig 1900

Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Tale,
ein blasser Tag vergeht;
es wird nicht lange dauern mehr,
bis weder Mond noch Sterne;
nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken,

Doch als den Wandrer graute,
da ging ein Lichtlein auf im Grund;
und durch den Rauch und Nebel
begann ein leiser Lobgesang,
aus Kindermund.

Aber die Liebe (1896) GW 1,158

Die Hafenfeier

I
Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;
Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?
O großer Braus der Unruhe, wenn schrill
wektags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen
Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,
Rauchwolken durchs Gestarr der Masten rollen,
durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.

Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,
spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,
nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,
nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,
und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:
wird je auf Erden noch Feiertag?

Bis du erschüttert verneinst, daß eisenhart
die ganze Menschheit im Arbeitskleid
von allen Brückengeländern die Antwort schreit;
und vor dem starken Schall der Gegenwart
verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit.

II
Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,
die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,
der ordnet dir die lärmende Masse.
Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;
ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.

Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,
deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,
rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen
für unsere Herrschaft auf den Ozeanen,
doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,
ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:

Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,
wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,
Herzen und Hirne zur Tat empören.
Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,
was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,
um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.
Unruhe heißt die Schöpferkraft.

III
Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt
schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.
Ein Riesenschiff soll heut vom Stapel laufen,
Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt
harren zehntausendköpfig die Tribünen.
Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen
wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.

Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere
der Würdenträger, Damen, Kavaliere,
Schutzleute, Kurtisanen p.p. - und dann:
ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,
der dieses Völkerfriedensfest ersann,
es neigen sich die Herren Offiziere.

Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,
besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.
Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,
und auf der Strohmbahn i, Sturm der Jubelrufe
wiegt sich ein Echo: Triumphator.

IV
Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?
Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?
Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,
während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,
die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.

Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,
der qualvoll selbst aus unseren Werkzeugen ächzt?
O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,
hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,
die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit
gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!

Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken
dich an wie Flterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken
vom Keller bis zum Dachfirst gellt,
wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,
höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter
sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;
so büßt der Weltgeist seine Welt.

V
Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,
das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;
was ist denn unser Arbeitsvertrag?
Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,
Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,
sich die Verzweiflungsfrage stellen:
war je die Erde schon ein Feiertag?

nächste Spalte

Was fördern all die Fäuste, die sich schinden
an Hämmern, Hebekn, Kolben, Kurbeln, Gewinden,
an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?
Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern
dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,
rascher dann, als er hochgeschossen.

Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenscharen,
die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,
endlich zu meutern gegen die Zwingherrengilde?
Ists, weil sie schärfer als andere Narren gewahren
daß Wahn uns alle bannt? - Ihr Herrn, seid milde! -

VI
Gern sieht das Volk Machthaber über sich:
herrliche MÄnner, liebliche Frauen.
Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,
ein lichtes Vorbild anzuschauen,
sei´s königlich, sei´s bürgerlich.

Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,
in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,
sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;
sie fragen nicht, was solche Bliumen nützen,
sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,
sie freuen, freuen sich daran.

Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt
hingehen vom Landungsplatz, wo rolandshoch
des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt
dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,
als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,
ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,
aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.

VII
Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,
die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald
vom Sonnenuntergang bestrahlt
über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,
und unter denen im Altarkerzenschein
menschenklein
der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.

Und wenn doch mancher, den Not und Kummer kränkt,
Ihm und der Mutter aller Schmerzen
ein paar Minuten ecjter Andacht schenkt,
so tut ers nur, indem er denkt,
daß er mit seinem abgehetzten Herzen
zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.

Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,
sie träumen auch kein Künftiges Glücksland her;
sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,
opfergroß
sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.

VIII

Denn über allen Wassern, die hier stranden,
heller als alle Träume und Gesichte,
die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte
der schaukelnden Kajüten branden,
glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.

Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,
das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis
auf seinen Namen taufen sollte.
Er hatt noch kein solches Schiff gesehn,
nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,
sah,wie`s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.

Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen
sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,
hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,
wieder und wieder ihre hoffnungslosen
glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,
und alldas sollte nun sein Name decken -
da rann die Träne über sein Gesicht.

IX
Es wird noch manche Opferträne rinnen,
die leuchtender von Seele zu Seele brennt
als der erlauchteste Stern am Firmament;
doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,
wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,
warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,
warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.

Denn machmal ist er still. Wenn mitternächtig
kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,
wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,
das Bordlaternenheer sternbilderprächtig
im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,
dann scheint das Himmelreich herabgesunken.

Dann winkt dir aus der todesstillen Flut
der Feiertag, seit jeher prophezeit:
da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht
auf dem erstorbnen Erdball weit und breit
der Hauch der ewigen Seligkeit.

Aber die Liebe GW 1, 164


Der Arbeitsmann

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,
und haben die Sonne und Regen und Wind.
Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
Nur Zeit.

Wenn wir Sonntags durch die Felder gen,
mein Kind,
und über den Ähren weit und breit
das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
um so schön zu sein, wie die Vögel sind:
Nur Zeit.

Nur Zeit! Wir wittern Gewitterwind,
wir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
als all das, was durch uns gedeiht,
um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
Nur Zeit!

Aber die Liebe GW 1,159

Erntelied

Es steht ein goldnes Garbenfeld,
das geht bis an den Rand der Welt.
Mahle, Mühle, mahle !

Es stockt der Wind im weiten Land,
viel Mühlen stehn am Himmelsrand,
Mahle, Mühle, mahle !

Es kommt ein dukles Abendrot,
viel arme Leute schrein nach Brot.
Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schoß,
und morgen geht die Arbeit los.
Mahle, Mühle, mahle !

Es fegt der Sturm die Felder rein,
es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
Mahle, Mühle, mahle !

Aber die Liebe GW 1,163


Stromüber

Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn:
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.

Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ifer schoß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht

und fühlte deinen Atem stehn
und deine Augen nach mir schrein
und - eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!

Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.

Aber die Liebe GW 1,199

Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand;
dämpft mir alle Glut.

Ein verirrter Schwimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.

Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss´ich dich.

Aber die Liebe GW 1,205


Ein Stelldichein

So war´s auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Holunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Gklück.

Es war wie Grabgeruch...Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehtst du wie ein Geist im Leichentuch -
lisch aus, du Mahnbild der gebrochenen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tates selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab...

Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.

Aber die Liebe GW 1,213

Chinesisches Trinklied
Nach Li-Tai-Pe

Der Herr Wirt hier - Kinder, der Wirt hat Wein!
Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
Wenn derKummer kommt, wenn die Saiten klagen,
wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
dann wolln wir die Kannen schwingen -
die Stunde der Verzweiflung naht.

Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
meine lange Laute, die ist mein,
ich weiß zwei lustige Dinge:
zwei Dinge, die sich gut vertragen:
Wein trinken und die Laute schlagen!
Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
ist mehr wert als die Ewigkeit
und tausend Silberlinge!-
Die Stunde der Verzweiflung naht.

Und wenn der Himmel auch ewig steht
und die Erde noch lange nicht untergeht:
wie lange, du, wirst Du´s machen?
du mitsamt deinem Silber-undGoldklingklange?
kaum hundert Jahre ! das ist schon lange !
Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
ist Alles, was uns sicher ist;
Mensch, ist es nicht zum Lachen?!-
Die Stunde der Verzweiflung naht.

Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
im Tamarindenhain hört ihr ihn plärren?
über den Gräbern, ganz alleine,
den armen Affen im Mondenscheine? -
Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
auf einen Zug zu leeren -
die Stunde der Verzweiflung naht.

Aber die Liebe GW 1,214


Mein Trinklied

Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
trinkt, bis die Seele überläuft,
Wein her, trinkt!

Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
die dort in ihrem Blut ersäuft;
Glas hoch, singt!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
diagloni gleia glülala !
Klingklang, seht: schon welken die Reben.
Aber sie haben uns Trauben gegeben!
Hei! -

Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
ein Geglüh:
der rote Mond ist aufgewacht,
da kuckt er übern Berg und grinst:
Sonne, hüh !
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
klingklang, sündlich ! Aber eben:
trinken und lachen kann man bloß mündlichL
Hüh ! -

Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
wächst übern Strom ein Brückenjoch,
hoch, o hoch.
Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
saht ihr den schwarzen Reiter noch?
Dreimal hoch !!!
singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni, Scherben, klirrlala !
Klingklng: neues Glas ! Trinkt, wir schweben
über dem Leben, an dem wir kleben !
Hoch ! -

Pan 1, 1895; auch: Aber die Liebe GW 1,216

Äonische Stunde
Alfred Mombert zu Ehren

Du himmlischer Zecher!
Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
noch eine Träne wild in meinem Herzen,
glühte, glänzte,
doch du sangst, du sangest -
es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
Geister tanzten über dem Erdball,
hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
eine Lichtflut -
und hell in deine
fiel die Träne aus meinem Herzen.

Aber die Liebe GW 1, 218

 

 


Lied der Gehenkten
Villons Epitaph
als er nebst Etlichen zum Galghen verurteilt war

O Mensch, o Brude4r, machst du hier einst Rast,
verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
samt unsern Knochen fast zu Sand verfallen.
Doch wolle keiner seinen Witz dran wetzen -
nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen !

Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehen;
du weißt ja, der du unser Bruder bist,
obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
Verwende dich von Herzen als ein Christ
beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
und uns behüte vor des Satans Krallen.
Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade -
ja: bittet Gott, daß er verzeih uns allen!

Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
Krähn, Raben uns die Augen ausgewüht,
uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
Niemals, kein Stündchen Ruham warmen Herd;
nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen !
Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder -
doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen !

Aber die Liebe GW 1, 221

Der Letzte Traum
Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron

Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte ! endlich schlafen ! -

Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebettt: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt - er stammelte:

Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du ?
Alles war gut. Nur Ich - was ist mit mir ?
Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn -
da an der Wand - Heerschaaren - Kriegerschaaren -
von Land zu Land mit mir - Erobererschaaren -
von Stern zu Stern - zur Schlacht - Schlachtopferschaaren -
im Traum - sie opfern sich für Gott hin - hörst du?
die ganze Welt hin - sich hin - mich hin - Gott! -
Wenn ich nur endlich schlafen könnte - schlafen - -

Aber die Liebe GW 1, 236


Ruhe
Nach Verlaine
Auf die Nachricht vom Tode des Dichters

Ein großer schwarzer Traum
legt sich auf mein Leben;
Alles wird zu Raum,
Alles wird entschweben.

Ich kann nichts mehr sehn,
all das Gute, Schlimme;
kann dich nicht verstehen,
o du trübe Stimme.

Eine dunkle Hand
schaukelt meinen Willen,
glättet mein Gewand,
still im Stillen.

Aber die Liebe GW 1, 236

Erstdruck aus der Zeitschrift "Pan" mit Kopfleiste von Ludwig von Hofmann.
Aus O. Walzel,
Deutsche Dichtung, S. 260.