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Richard Dehmel. Lithographie nach dem Gemälde von Max Liebermann 1909 (Ausschnitt), aus Oskar Walzel, Deutsche Dichtung, S.258. Hamburger Kunsthalle.
Als "größten deutschen Dichter" seiner Zeit bezeichnete ihn Frank Wedekind. Geboren wird der Lyriker und Schriftsteller Richard Dehmel als Sohn eines Försters am 18. November 1863 in Wendisch-Hermsdorf/Brandenburg. Als einer von wenigen besucht er das Gymnasium und macht einige Jahre später Abitur. Als Student der Berliner Universität interessiert er sich neben den Natur- und Staatswissenschaften vor allem für die Philosophie. Im Alter von 24 Jahren promoviert er in Leipzig. Nach dem Studium arbeitet er acht Jahre in einer Versicherungsanstalt in Berlin und lernt hier den Kreis der Berliner Naturalisten um die Gebrüder Hart kennen. Zu ihm gehören unter anderem Arno Holz, Michael Georg Conrad und Otto Erich Hartleben. Sophia von Voithenberg |
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| Oskar Walzel, Über Richard Dehmel. Aus: Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart (1930)
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Weit befremdender neu (Anm.: ..als Otto Erich Hartleben) wirkte in seinen Anfängen Richard Dehmel. Seine "Erlösungen" (1891) erschienen vielen wie Zerstörung wertvollen alten Besitzes. Ist das nicht alles längst verständlich geworden? Kaum wird heute noch stark das Ungeschlossene der Form einzelner Gedichte Dehmels gefühlt. Die Verse "Drückende Luft" schöpfen eine Stimmung aus, die in der Natur von einem nahenden Gewitter erwirkt wird; das verknüpft und verschlingt sich mit den lastenden Eindrücken eines Lieds, das nebenan ertönt und an verlorenes Glück mahnt; es verrät, daß zwei sich einander entfremdet haben. Vier sechszeilige Strophen, jede in zwei gleiche Hälften zerfallend, melden das; dann klingt das Ganze aus: Die Wolken wurden immer dumpfer, die wunden Töne immer stumpfer, wie Messer stumpf, wie Messer spitz; und aus dem alten Liebeslied klagten zwei Kinderstimmen mit - da fiel der erste Blitz. Ist das Lied wirklich schon zu Ende? Läßt sich dieser Ausgang tatsächlich als Abschluß eines in sich geschlossenen Werks empfinden? Nicht immer wagt Dehmels Bedürfnis nach freibeweglicher Formung Verwandtes. Er kann ebenso sein Fühlen in strengstes Ebenmaß der Form bannen und in sorglich abgezählte Versfolgen von gleichem Umfang. Dehmel ist einer der bewußtesten Künstler der Weltdichtung. Er weiß das und vertritt bedingungslos den Standpunkt, daß nur aus bewußtem Schaffen wirklich Wertvolles entstehen kann. Er ist zugleich ein großer Könner, er kann leisten,was ihm als Aufgabe aufgegangen ist; zielgewiß ringt er nach Erfüllung des als richtig Erkannten. Um so überraschender bleibt, daß Dehmel zugleich wie von einem Dämon getrieben dichten konnte, daß dionysische Stimmung in ihm auch Unerdachtes und Unerrechnetes zum Ausbruch brachte. Dieser Geistreichste unter den Dichtern seines Zeitalters hat den Menschen Ernsteres und Tieferes zu sagen als die andern, ein Bewunderer Nietzsches und zugleich bereit, über Nietzsche hinaus zu selbständiger Lebensgestaltung vorzudringen. Das unterscheidet ja Dehmel von fast allen Lyrikern des späteren 19.Jahrhunderts: Er gewinnt im lyrischen Gedicht Stellung zur Welt, nicht bloß im Sinn des Kampfes für oder gegen die bestehende Gesellschaft. Wohl nimmt auch er gleich dem Frühnaturalismus für die Armen und Unterdrückten Partei; Liliencron, auch Hartleben und andere hatten das aufgegeben. Allein er drang über solche Fragen, die in der Zeit wurzelten, weiter zu den letzten und wichtigsten Anliegen der Menschen. Die Entscheidung, die er nun traf, bewahrte ihn vor einer Gedankendichtung, der die Welt nur wie etwas Fernes und Wertarmes erscheint. Mit Nietzsche teilt er den heißen Wunsch, die Welt sinnenfroh auszukosten. Das deutet wieder auf Sensualismus im materialistischen Sinn Heines. Glühender aber als Heines ist Dehmels Sinnenlust. Zwar kündet er von der Notwendigkeit, sich zu bändigen. Im Leben indes und in der Dichtung ließ er dem starken Zug seines Herzens die Bahn frei. So wird sein Sang zu einer Verklärung des Verhältnisses von Mann und Weib, wird dieses Verhältnis für sein Sinnen und Schaffen der eigentliche Mittelpunkt. In Scherz und Ernst, humorvoll bald, bald auch jungenhaft lebensfroh, ein andermal aus tieferlebtem Leid singt er von Liebe. Von knapper, in wenigen Zeilen zusammengeballter reiner Lyrik geht es auf weitem Wege fort zu Erzählunghaftem und noch weiter zum Hymnischen. Dem Wesen seiner Kunst jedoch entspricht es, daß er nicht bloß von Liebe zu singen hat. Kann er doch sogar als Vater dem kleinen Kinde kindlich lallende Verse in den Mund legen und ebenso in ernster Mahnung sich an seinen Sohn wenden. Die künstlerische Gestalt seiner Lyrik birgt ein starkes Temperament. Bewegt Holz sich zwischen der bloßen Aneinanderreihung von Eindrücken und barockhafter Auftürmung von Wortblöcken, so bewahrt Dehmel einheitlicher den Ton einer stark erlebenden, leidenschaftlich beteiligten Seele. Ihr widerstrebt es, große Entfernung mit gelassener Hand zwischen sich und den Gegenstand des Dichtens zu legen. Darum bedeutet Stefan George den eigentlichen Gegenpol Dehmels. Er scheidet sich auch von andern durch das Feierliche seiner Gebärde; unlebendig kann er neben ihnen wirken. Weil man an George die Lebensnähe vermißte, die ungebrochen bei Liliencron wie bei Dehmel, dann aber auch in einem guten Teil älterer wertvoller Lyrik bestand, so traf er auf Einspruch und Unverständnis. Genügt es, wenn zu Georges Gunsten auf Hölderlin hingewiesen wird? Sogar der alternde Goethe unterdrückte nur selten gleich willig den Herzenston, auch gab er sich nicht gern erhaben. Klopstock hat etwas mit Stefan George Verwandtes in der strengen Gebärde; aber fremd ist dem Wesen Georges alles Seraphische, alles religiös Inbrünstige, alles Bedürfnis, sich zu höchster Gefühlsspannung zu steigern. S. 258-260 aus: Oskar Walzel, Professor an der Universität Bonn, Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart II. Handbuch der Literaturwissenschaft. Wildpark-Potsdam (Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion) 1930. |
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![]() Vignette, Walzel S.3. |
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| Steckbrief Aus: Martin Möbius (O.J. Bierbaum), Steckbriefe, 1900
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Als der Weltschmerz zum Leibweh (denkt diesem Wort bis in die Gedärme nach!) wurde, kam die Muse der Mark in einer Berliner Destille nieder und gebar Richard Dehmel. Siehe, da erglühten die Gilkaflaschen brandfeuerrot, und Mampe mit Pomeranzen schillerte changeant wie der Unterrock der Venus socia. Bei solchen Wundern ist es kein Wunder, daß aus diesem Dichter ein Spiritus wurde, an dem sich alle die Jünglinge und Jumgfrauen Deutschlands bis zum Lallen betrunken haben, die nichts Gutes vertragen können. Oh dieser Lehrer der Jugend und Rattenfänger von Pankow! Oh dieser Da Lai Lama, dessen Excremente so brünstig verehrt werden, als seien sie Bestandteile seiner grauen Gehirnmasse! Sehet ihn an, den Propheten aller Heimlichkeiten, wie er auf einer Muttersau via Bethlehem und Athen ins Land der Verheißung (seiner Verheißung!) reitet ...! Folget ihm nach auf rosigen Ferkeln und schlaget die Leyern der Unergründlichkeit! Aber folget ihm nicht zu nahe, denn seine Fußtritte verraten das Sohlleder der Mark, und er ist keiner von den gutmütigen Predigern des Heils. Wird er das Land seiner Verheißung erreichen, wo die Pfützen Meere sind? Es ist grauslich zu sehen, wie er sich unter Lithurgieen die Gedärme aus dem Leibe haspelt und damit nach dem Sirius zielt, daran emporzuklettern. Prophete! Prophete! Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Sumpf zog, war klüger als du. Er hatte aber auch Humor |
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Es gab Beziehungen und Beeinflussungen zu den künstlerischen Zeitgenossen in seiner "Berliner Zeit" - und zwar auf allen Ebenen der Kunst. Um den Boheme-Kreis "Schwarzes Ferkel" und Richard Dehmel gesellten sich Künstler, Dichter und Musiker wie August Strindberg, Arno Holz, die Gebrüder Hart oder Edvard Munch. Anhand von Dehmels Gedicht "Zwei Menschen", einem Roman in Romanzen, läßt sich sehr schön eine Beeinflussungskette zeigen, die das Verhältnis der Künstler zueinander verdeutlicht. So kommt Edvard Munch während seiner Zeit in Berlin von 1892 bis 1896 natürlich mit den Künstlern der Berliner Bohème zusammen, so auch mit Dehmel. Dieser entdeckt Munchs Radierung "Zwei Menschen" von 1895 und beginnt im selben Jahr mit dem Konzept für seinen Roman in Romanzen, der allerdings erst 1903 erscheint. Inspiriert durch das Bild "Venus Madonna" von Munch kommt es bei Dehmel zu der gleichen Verklärung der Frau, wie es typisch für das "Fin de siècle" samt Jugendstil und Symbolismus ist. Ein weiteres Werk zu diesem Thema schrieb Dehmel 1897 unter dem Titel "Verwandlungen der Venus". Später vollzieht sich wieder der Schritt von Literatur zu bildender Kunst, denn der Einfluß Richard Dehmels auf das Schaffen des expressionistischen "Brücke"-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner führt 1905 zu einem Holzschnittzyklus, wiederum mit dem Titel "Zwei Menschen". Christian Engel |
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