Victor Hadwiger, 1906
Zeitgenössisches literarisches Portrait
Oskar Walzel, 1930
Über Richard Dehmel
Martin Möbius (O.J. Bierbaum)
Steckbriefe
1900
Dehmel und die bildende Kunst
Christian Engel
Dehmel- Texte
Analysen, Lesarten
Susann Bieger
Rolf Eigenwald
Matthias Wegner

Einleitung zur Matinée
Matthias Wegner
Richard-Dehmel-Matinée in den Hamburger Kammerspiele am 09.05.99: Auswahl und Moderation Matthias Wegner; Sprecher: Dietmar Mues; Gesang: Miriam Scharoni; am Flügel: Johanna Wiedenbach.
Eindrücke von Schülern
zur Matinée

Richard Dehmel. Lithographie nach dem Gemälde von Max Liebermann 1909 (Ausschnitt), aus Oskar Walzel, Deutsche Dichtung, S.258. Hamburger Kunsthalle.

Als "größten deutschen Dichter" seiner Zeit bezeichnete ihn Frank Wedekind. Geboren wird der Lyriker und Schriftsteller Richard Dehmel als Sohn eines Försters am 18. November 1863 in Wendisch-Hermsdorf/Brandenburg. Als einer von wenigen besucht er das Gymnasium und macht einige Jahre später Abitur. Als Student der Berliner Universität interessiert er sich neben den Natur- und Staatswissenschaften vor allem für die Philosophie. Im Alter von 24 Jahren promoviert er in Leipzig. Nach dem Studium arbeitet er acht Jahre in einer Versicherungsanstalt in Berlin und lernt hier den Kreis der Berliner Naturalisten um die Gebrüder Hart kennen. Zu ihm gehören unter anderem Arno Holz, Michael Georg Conrad und Otto Erich Hartleben.
Im Mai 1899 heiratet er Paula Oppenheimer, die er schon 1886 kennenlernt und mit der er drei Kinder hat. Seine ersten Gedichtbände "Erlösungen. Eine Seelenwanderung in Gedichten" und vor allem "Weib und Welt" machen ihn wegen "Verletzung der religiösen und sittlichen Gefühle" in ganz Deutschland bekannt.
Mit seiner zweiten Frau Ida Dehmel, der er 1895 das erste Mal begegnet und zu der er sich sofort hingezogen fühlt, unternimmt er lange Reisen durch Europa, bis er sich schließlich 1902 in Hamburg niederläßt. 1912 gründet er die Kleiststiftung und zieht dann in das "Dehmel-Haus" in Blankenese ein, das genau nach seinen Vorstellungen gebaut ist. Beim Kriegsausbruch 1914 meldet er sich freiwillig und stirbt an den Folgen einer Venenentzündung am 8. Februar 1920.

Sophia von Voithenberg


Zeitgenössisches "literarisches Portrait" von Victor Hadwiger aus:
Führer durch die moderne Literatur, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers, unter Mitwirkung der Schriftsteller Victor Hadwiger, Erich Mühsam, René Schickele, Walter Bläsing. Berlin 1906. S.49-52
Auch auf die Lyrik blieben die Tendenzen des Naturalismus nicht ohne Einfluß, wenn sich hier auch die Auflösung der bisherigen Form nicht in dieser Kraßheit vollzog. Richard Dehmel (geb. 1863 in Wendisch-Hermsdorf im Spreewald, lebt in Blankenese bei Hamburg) zeigte in seinen Anfängen, wie beispielsweise dem erotischen Venuszyklus seiner ersten Sammlung, deutliche Spuren der naturalistischen Revolution. Ein spekulatives Talent, das bei aller anscheinenden Willkür der Empfindung streng und vorbedacht mit den Elementen seiner Eigenart zu rechnen verstand, konnte er allerdings als "Suchender" nicht lange innerlich befriedigt bleiben. Rasch fand er einen Weg, der es ihm gestattete, den ganzen Ballast seiner neugewonnenen subjektiven Formwerte bequem zu handhaben. Man darf mit Recht von einem Ballast sprechen, denn alles, was es in Frankreich und Deutschland an Seltsamkeit und Seitensprüngen zu lernen gab, nahm diese Dichterseele in sich auf, um es ihrer Souveränität dienstbar zu machen. Und doch kann man bei Dehmel gerade für diese seine Werdezeit eigentlich nicht von direkten Einflüssen sprechen. Die Art, in der er das Brauchbare und Entwicklungsfähige für sich gewann, warweder ein unbewußtes Sichhingeben noch ein Mangel an Selbständigkeit. Bewußt, und mit seinem Instinkt für innere Abgeschlossenheit, meißelte er sich den mystisch-brünstigen, phantastischen Schwärmer zurecht, als den er sich uns heute darstellt. Er ist vielleicht ein wenig zu klug! Dehmel ist ein Stück von dem, was man mit dem Ausdruck "dekadent" zu bezeichnen pflegt; seine oft krankhafte outrierte Art, Empfindungen und Eindrücke zum Bewußtsein des Hörers zu bringen, ließ ihn oft auf Abwege geraten, die den Künstler nicht mehr erkennen lassen und lediglich ein Spielen mit Raffinement und Persönlichkeit bedeuten. Wenn man Dehmels gesamte Produktion überblickt, namentlich seine früheren Sammlungen, ergibt sich deutlich eine Grenze zwischen den Ergüssen eines reinen, spontanen Künstlerempfindens und jenen aus seiner Erziehung zu bestimmten Tendenzen der Form hervorgegangenen Arbeiten. So gelingen ihm Töne wie die Gedichte "Aus banger Brust" und "Ideale Landschaft" sie aufweisen, neben dem stark verzeichneten, hypersensitiven Stimmungsgemälde "Bastard". Seine erste Sammlung waren die "Erlösungen" 1891, der 1893 "Aber die Liebe", 1895 "Lebensblätter" folgte. Schon in den "Erlösungen" kündigten sich die eben erwähnten Kontraste entscheidend an. Neben dem hysterischen Nervenrausch der Pubertät das intellektuelle Grüblertum der Überreife. Auch die Ziele des künstlerischen Programms sind im wesentlichen bereits fixiert; die Weltanschauung hat bereits ihr idealistisches Gepräge. In "Aber die Liebe" geht er einen Schritt weiter. Das noch unklare Drängen und Gären der Formtendenzen beginnt zu stagnieren. Die typischen Linien beginnen sich scharf und deutlich, oft sogar schon aufdringlich abzuheben. In seiner Vorrede zu den "Lebensblättern" hat sich Dehmel selbst über seine künstlerischen Intentionen geäußert, und man kann diesen Gedichtband als eine Beglaubigung seiner Theorien auffassen. Ein erschöpfendes Bild seines Innenlebens eröffnet uns der Dichter hier, ein Auf- und Niederwogen von Gefühlen und Reflexionen, die seine Seele erfüllen, zeigt er uns und reicht uns seine Seligkeiten und Räusche, damit auch wir davon trinken mögen. Auch dramatisch versuchte sich Dehmel. Seine Tragikomödie "Der Mitmensch" 1895 und die pantomimischen Dramen "Lucifer" 1899 und "Fitzebutze" 1907 sind Arbeiten eines geistreichen, feinsinnigen Dichters, aber keine Schauspiele. Den Höhepunkt seines bisherigen Schaffens erreicht er in der lyrischen Sammlung "Weib und Welt", Gedichte und Märchen, und dem Epos "Zwei Menschen" 1903, einer Art Roman in Versen. Es erübrigt, die formelle Eigenart Dehmels, die sich besonders in den beiden letztgenannten Büchern ausspricht, übersichtlich zu charakterisieren. Was seine Anhänger oft verleitet hat, in dem Dichter den "Propheten" einer neuen lyrischen Form zu erblicken, ist die Deutlichkeit, mit der gerade bei ihm der neue Standpunkt sich Geltung verschafft - das musikalische Prinzip der lyrischen Form, oder, wie es manche mit einem nicht ganz klaren Schlagwort nennen wollten, der "innere Rhythmus". Die leisesten Schwankungen des Stimmungsgehaltes in der Färbung des Rhythmus wiederzugeben, eine äußerste Differenziertheit in der Wertung von Wortklang und Silbendauer zu erreichen, die detaillierteste Nuancierung der Sprache wurde leitendes Prinzip. Man ist leicht geneigt, von diesem Prinzip anders geartete Resultate, wie sie etwa bei anderen Formkünstlern unserer Tage in Erscheinung treten, zu erwarten. Die Anstrengung, das Raffinement der Deklamation, an die Dehmelsche Poesien appellieren, lassen äußerlich eher Willkür und Lässigkeit verraten, während doch strengste, ja pedantische Berechnung und Selbstzucht vorhanden sind. Die Erklärung für diesen Umstand ist ähnlich wie etwa bei Holz mit dem Hinweis auf den Charakter der deutschen Sprache gegeben, die dort, wo der geeignete Prüfstein an sie angelegt wird, an Dissonanzen reicher ist, als unser vielgetäuschtes Ohr vermutet. Und man muß Dehmel zugestehen, daß er das Wesen dieser Sprache im Tiefsten erfaßt hat, daß er die Wissenschaft der deutschen Metrik mehr bereichert hat als zehn Theoretiker! Zur Vervollständigung seines Dichterportraits sei endlich noch Dehmels Tätigkeit auf einem Gebiete erwähnt, das sich erst in ganz jüngster Zeit auf ein höheres, sagen wir literarisches Niveau zu heben beginnt. Ich meine die Jugendliteratur. Auch hier hat er ganz neue Töne, man kann fast sagen entdeckt. Seine reiche Seele fand sich leicht in dem Chaos der Kinderempfindungen zurecht; er verstand es, das Lallen der Kleinsten wie den Übermut der Größeren in künstlerische Formen zu gießen, ohne dadurch den Zusammenhang mit der spezifischen Welt des Kindes zu verlieren, d.h. seine Ansprüche auf Willkür und Ungereimtheit ganz unberücksichtigt zu lassen. So gelang ihm die vorzügliche mit Paula Dehmel zusammen veröffentlichte Sammlung "Fitzebutze" und viele andere in Zeitschriften und in der Anthologie "Buntscheck" (1904) erschienene kleine Lieder und gereimte Spässe, die seinen Namen auch für dieses Genre Klangvoll machen.

Oskar Walzel,
Über Richard Dehmel.

Aus: Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart (1930)


Prägung auf dem Bucheinband, Walzel.

Weit befremdender neu (Anm.: ..als Otto Erich Hartleben) wirkte in seinen Anfängen Richard Dehmel. Seine "Erlösungen" (1891) erschienen vielen wie Zerstörung wertvollen alten Besitzes. Ist das nicht alles längst verständlich geworden? Kaum wird heute noch stark das Ungeschlossene der Form einzelner Gedichte Dehmels gefühlt. Die Verse "Drückende Luft" schöpfen eine Stimmung aus, die in der Natur von einem nahenden Gewitter erwirkt wird; das verknüpft und verschlingt sich mit den lastenden Eindrücken eines Lieds, das nebenan ertönt und an verlorenes Glück mahnt; es verrät, daß zwei sich einander entfremdet haben. Vier sechszeilige Strophen, jede in zwei gleiche Hälften zerfallend, melden das; dann klingt das Ganze aus:

Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit -
da fiel der erste Blitz.

Ist das Lied wirklich schon zu Ende? Läßt sich dieser Ausgang tatsächlich als Abschluß eines in sich geschlossenen Werks empfinden? Nicht immer wagt Dehmels Bedürfnis nach freibeweglicher Formung Verwandtes. Er kann ebenso sein Fühlen in strengstes Ebenmaß der Form bannen und in sorglich abgezählte Versfolgen von gleichem Umfang. Dehmel ist einer der bewußtesten Künstler der Weltdichtung. Er weiß das und vertritt bedingungslos den Standpunkt, daß nur aus bewußtem Schaffen wirklich Wertvolles entstehen kann. Er ist zugleich ein großer Könner, er kann leisten,was ihm als Aufgabe aufgegangen ist; zielgewiß ringt er nach Erfüllung des als richtig Erkannten. Um so überraschender bleibt, daß Dehmel zugleich wie von einem Dämon getrieben dichten konnte, daß dionysische Stimmung in ihm auch Unerdachtes und Unerrechnetes zum Ausbruch brachte. Dieser Geistreichste unter den Dichtern seines Zeitalters hat den Menschen Ernsteres und Tieferes zu sagen als die andern, ein Bewunderer Nietzsches und zugleich bereit, über Nietzsche hinaus zu selbständiger Lebensgestaltung vorzudringen.
Das unterscheidet ja Dehmel von fast allen Lyrikern des späteren 19.Jahrhunderts: Er gewinnt im lyrischen Gedicht Stellung zur Welt, nicht bloß im Sinn des Kampfes für oder gegen die bestehende Gesellschaft. Wohl nimmt auch er gleich dem Frühnaturalismus für die Armen und Unterdrückten Partei; Liliencron, auch Hartleben und andere hatten das aufgegeben. Allein er drang über solche Fragen, die in der Zeit wurzelten, weiter zu den letzten und wichtigsten Anliegen der Menschen. Die Entscheidung, die er nun traf, bewahrte ihn vor einer Gedankendichtung, der die Welt nur wie etwas Fernes und Wertarmes erscheint. Mit Nietzsche teilt er den heißen Wunsch, die Welt sinnenfroh auszukosten. Das deutet wieder auf Sensualismus im materialistischen Sinn Heines. Glühender aber als Heines ist Dehmels Sinnenlust. Zwar kündet er von der Notwendigkeit, sich zu bändigen. Im Leben indes und in der Dichtung ließ er dem starken Zug seines Herzens die Bahn frei. So wird sein Sang zu einer Verklärung des Verhältnisses von Mann und Weib, wird dieses Verhältnis für sein Sinnen und Schaffen der eigentliche Mittelpunkt. In Scherz und Ernst, humorvoll bald, bald auch jungenhaft lebensfroh, ein andermal aus tieferlebtem Leid singt er von Liebe. Von knapper, in wenigen Zeilen zusammengeballter reiner Lyrik geht es auf weitem Wege fort zu Erzählunghaftem und noch weiter zum Hymnischen. Dem Wesen seiner Kunst jedoch entspricht es, daß er nicht bloß von Liebe zu singen hat. Kann er doch sogar als Vater dem kleinen Kinde kindlich lallende Verse in den Mund legen und ebenso in ernster Mahnung sich an seinen Sohn wenden. Die künstlerische Gestalt seiner Lyrik birgt ein starkes Temperament. Bewegt Holz sich zwischen der bloßen Aneinanderreihung von Eindrücken und barockhafter Auftürmung von Wortblöcken, so bewahrt Dehmel einheitlicher den Ton einer stark erlebenden, leidenschaftlich beteiligten Seele. Ihr widerstrebt es, große Entfernung mit gelassener Hand zwischen sich und den Gegenstand des Dichtens zu legen.
Darum bedeutet Stefan George den eigentlichen Gegenpol Dehmels. Er scheidet sich auch von andern durch das Feierliche seiner Gebärde; unlebendig kann er neben ihnen wirken. Weil man an George die Lebensnähe vermißte, die ungebrochen bei Liliencron wie bei Dehmel, dann aber auch in einem guten Teil älterer wertvoller Lyrik bestand, so traf er auf Einspruch und Unverständnis. Genügt es, wenn zu Georges Gunsten auf Hölderlin hingewiesen wird? Sogar der alternde Goethe unterdrückte nur selten gleich willig den Herzenston, auch gab er sich nicht gern erhaben. Klopstock hat etwas mit Stefan George Verwandtes in der strengen Gebärde; aber fremd ist dem Wesen Georges alles Seraphische, alles religiös Inbrünstige, alles Bedürfnis, sich zu höchster Gefühlsspannung zu steigern.
S. 258-260 aus: Oskar Walzel, Professor an der Universität Bonn, Deutsche Dichtung von Gottsched bis zur Gegenwart II. Handbuch der Literaturwissenschaft. Wildpark-Potsdam (Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion) 1930.

Vignette, Walzel S.3.


Steckbrief
Aus: Martin Möbius (O.J. Bierbaum), Steckbriefe, 1900


Zeichnung von Bruno Paul

Als der Weltschmerz zum Leibweh (denkt diesem Wort bis in die Gedärme nach!) wurde, kam die Muse der Mark in einer Berliner Destille nieder und gebar Richard Dehmel. Siehe, da erglühten die Gilkaflaschen brandfeuerrot, und Mampe mit Pomeranzen schillerte changeant wie der Unterrock der Venus socia. Bei solchen Wundern ist es kein Wunder, daß aus diesem Dichter ein Spiritus wurde, an dem sich alle die Jünglinge und Jumgfrauen Deutschlands bis zum Lallen betrunken haben, die nichts Gutes vertragen können.
Oh dieser Lehrer der Jugend und Rattenfänger von Pankow! Oh dieser Da Lai Lama, dessen Excremente so brünstig verehrt werden, als seien sie Bestandteile seiner grauen Gehirnmasse! Sehet ihn an, den Propheten aller Heimlichkeiten, wie er auf einer Muttersau via Bethlehem und Athen ins Land der Verheißung (seiner Verheißung!) reitet ...! Folget ihm nach auf rosigen Ferkeln und schlaget die Leyern der Unergründlichkeit! Aber folget ihm nicht zu nahe, denn seine Fußtritte verraten das Sohlleder der Mark, und er ist keiner von den gutmütigen Predigern des Heils.
Wird er das Land seiner Verheißung erreichen, wo die Pfützen Meere sind? Es ist grauslich zu sehen, wie er sich unter Lithurgieen die Gedärme aus dem Leibe haspelt und damit nach dem Sirius zielt, daran emporzuklettern.
Prophete! Prophete! Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Sumpf zog, war klüger als du.
Er hatte aber auch Humor…

"Zwei Menschen"
oder Richard Dehmel und die bildende Kunst
Es gab Beziehungen und Beeinflussungen zu den künstlerischen Zeitgenossen in seiner "Berliner Zeit" - und zwar auf allen Ebenen der Kunst. Um den Boheme-Kreis "Schwarzes Ferkel" und Richard Dehmel gesellten sich Künstler, Dichter und Musiker wie August Strindberg, Arno Holz, die Gebrüder Hart oder Edvard Munch.
Anhand von Dehmels Gedicht "Zwei Menschen", einem Roman in Romanzen, läßt sich sehr schön eine Beeinflussungskette zeigen, die das Verhältnis der Künstler zueinander verdeutlicht. So kommt Edvard Munch während seiner Zeit in Berlin von 1892 bis 1896 natürlich mit den Künstlern der Berliner Bohème zusammen, so auch mit Dehmel. Dieser entdeckt Munchs Radierung "Zwei Menschen" von 1895 und beginnt im selben Jahr mit dem Konzept für seinen Roman in Romanzen, der allerdings erst 1903 erscheint. Inspiriert durch das Bild "Venus Madonna" von Munch kommt es bei Dehmel zu der gleichen Verklärung der Frau, wie es typisch für das "Fin de siècle" samt Jugendstil und Symbolismus ist. Ein weiteres Werk zu diesem Thema schrieb Dehmel 1897 unter dem Titel "Verwandlungen der Venus".
Später vollzieht sich wieder der Schritt von Literatur zu bildender Kunst, denn der Einfluß Richard Dehmels auf das Schaffen des expressionistischen "Brücke"-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner führt 1905 zu einem Holzschnittzyklus, wiederum mit dem Titel "Zwei Menschen".

Christian Engel