Richard Dehmel

Analysen, Lesarten


Die Versuchung des stummen Hampelmanns
Matthias Wegner in der
Frankfurter Anthologie
in der FAZ vom 20.05.2000
Ballnacht-Interpretation
Susann Bieger, 10. Klasse
Zum Verhältnis
Dehmel-Nietzsche
Jochen Stüsser-Simpson
Rolf Eigenwald
In Verlaines Manier
Richard Dehmel und die Franzosen

Der französische Lyriker Paul Verlaine ist ungewöhnlich häufig in die deutsche Sprache übersetzt worden. An der Verlaine-Aneignung beteiligten sich viele namhafte deutsche Kollegen. Die 1990 im Beck Verlag erschienene vierbändige Sammlung "Französische Dichtung" nennt (in Band 3) 1751 deutsche Übersetzungen von 370 Verlaine-Gedichten. Aus der großen Zahl der Übersetzer seien genannt K.L. Ammer, Theodor Däubler, Stefan George, Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke, Georg von der Vring, Stefan Zweig, Karl Krolow.
Richard Dehmel befindet sich also mit seinen Verlaine-Nachdichtungen (die dies wohl eher sind als Übertragungen oder gar Übersetzungen im strengen Sinn) in guter Gesellschaft, und er findet sich, den französischen Lyriker in Deutschland populär zu machen, harter (ihm nacheifernder) Konkurrenz ausgesetzt. In den Anthologien französischer Lyrik setzt sich Dehmel dann auf Dauer eher selten durch. Doch ist Richard Dehmel der erste gewesen, der 1893 drei Gedichte Verlaines in Deutschland vorstellt. Dann erst folgen Wolf Graf Kalckreuth, Richard von Schaukal und andere.
In den gegenwärtig zugänglichen Publikationen seiner Texte begenet der Leser dem Nachdichter Dehmel hin und wieder. Derart stößt er im Reclam-Band der "Gedichte" auf den Text "Helle Nacht". Eine Anmerkung verrät, daß das Gedicht einem Verlaine-Poem verpflichtet sei. Wie Dehmel seine dichterische Freiheit im Umgang mit der Vorlage versteht, mag eine Gegenüberstellung zeigen:

La lune blanche

La lune blanche
Luit dans les bois;
De chaque branche
Part une voix
Sous la ramée...

O bien-aimée.
L’étang reflète,
Profond miroir,
La silhouette
Du saule noir
Où le vent pleure...

Rêvons, c’est l’heure.
Un vaste et tendre
Apaisement
Semble descendre
Du firmament
Que l’astre irise...

C’est l’heure exquise.
Helle Nacht

Weich küßt die Zweige der Mond.
Ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh:
Geliebte du -

Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert.
Ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen:
wir träumen - träumen -

Die Weiten leuchten
Beruhigung.
Die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum:
o hin - o Traum

Dehmel gewinnt, ersichtlich an den Verlaine-Versen orientiert, dem Text des verehrten Kollegen jene Magie des leichten Tons ab, die manches Gedicht des französischen Lyrikers prägt; doch ist diese, ins Zweihebige des Deutschen umgesetzt, nicht immer durchzuhalten. Zuweilen bleibt der deutsche Text zurück hinter der unaufdringlichen Eleganz des französischen Originals. Verlaines Kurzverse, Viersilbler mit einer beweglichen Tonsilbe im Inneren und entsprechend jambisch oder anapästisch rhythmisiert, kommen auf betörend leichtem Versfuß daher. Im Deutschen wirken die Verse schwerfälliger. Dehmel nimmt sich einige Freiheiten heraus in seiner Nachdichtung, muß so verfahren, um die Fülle der Empfindungen im Gedicht verstauen zu können. Er läßt den fünften Vers jeweils länger ausschwingen.
Der Magie des lyrischen Leichtsinns im Verlaine-Gedicht entspricht Dehmel auf eigene Weise (und widerspricht so auch dem Original), indem er einen assonanzenreichen Gegenklang beschwört: Den gesamten Text durchläuft eine Folge einschmeichelnder Eindrücke, durch Binnenreime noch verdichtet: "Weich", "Zweige", "weiße", "neige", "schweige", "Weiher", "Weide", "weint", "Weiten", "bleich", "Schleier". Auch die Strophenform variiert Dehmel eigenwillig. Die im Verlaine-Gedicht isoliert stehenden Zwischenverse bindet er ans Ende der Strophen. Es entsteht eine andere Komposition, eine solche mit eigenem Flair. Anklänge inhaltlicher Natur sind unverkennbar. Vor allem das Traum-Motiv wird aufgenommen, dann variiert; am Ende der Mittel-Strophe und am Ende des Dehmel-Gedichts klingt es an. Doch setzt der Original-Text Verlaines einen anderen Akzent am Schluß, er setzt - auch im Sinne syntaktischer Abrundung durch einen Aussagesatz - einen Schlußpunkt ("C´est..."). Dehmel hingegen entgrenzt, hält offen, läßt verklingen.
Die Kunst, eine Empfindung in der Schwebe zu halten, übernimmt Dehmel von Verlaine. Wo dieser durch drei Punkte den Schwebezustand bewirkt, nutzt Dehmel den Gedankenstrich, der - streng genommen - ein solcher des Empfindens nur sein kann: "Geliebte du - "; "o hin - o Traum - - ".
Seiner eigenwilligen Variation der Verlaine-Verse eine Lizenz zu sichern, versieht Dehmel "Helle Nacht" 1893 mit dem Zusatz "Nach Paul Verlaine". Später unterbleibt diese Hinzufügung. Das Gedicht hat sich im Bewußtsein des Verfassers vom Original gelöst.
"Nach Francois Villon", "Nach Verlaine. Auf die Nachricht vom Tode des Dichters", "Nach Arthur Rimbaud", "Nach Emil Verhaeren": Einige Dehmel-Gedichte derartiger Etikettierung finden sich in Gedichtsammlungen des Autors. 1987 bringt, ein Ende der DDR mag absehbar (gewesen) sein, der Verlag der Nation Berlin unter dem Titel "Alle Ufer fliehn" eine aufschlußreiche Zusammenstellung von Dehmel-Gedichten heraus. In ihr sind die genannten "Nach"-Sätze und die entsprechenden Nach-Dichtungen zahlreich zu entdecken. Unterschiede zu eigenen Hervorbringungen Dehmels sind oft schwer auszumachen. Einerseits ist die Orientierung an Verlaine und an anderen französischen Lyrikern unverkennbar, andererseits führt die Aneignung auch dazu, daß Grenzen verwischen.
Über die Nachempfindung vorgegebener Tonarten findet Dehmel offenbar zu sich selbst und im Gleichklang erweckt er, der 19 Jahre jünger ist als die berühmte Leitfigur, den Anschein, es stelle sich ein deutscher Verlaine vor. Übereinstimmungen im Lebensstil und im poetologischen Selbstverständnis sind unverkennbar.
Dehmel ist zweifellos einer jener Vermittler französisch inspirierter Impulse, die die Weltsprache der modernen Poesie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland haben anklingen lassen. Er zählt so zeitweilig zur lyrischen Internationale, die den Wortlaut und die Tonart der Avantgarde prägt. Es verbindet die Autoren der antibürgerliche Gestus und ein artistisches Programm gleichermaßen. Der Geist der Bohème einigt sie - noch.
Ablehnende Zeitgenossen heben den unerhört provokanten Charakter hervor, der Dehmels Gedichten der 90ér Jahre zukommt, bezeichnen sie als unverständlich, dunkel, artifiziell, beklagen Naivitätsdefizite, fehelende Volkstümlichkeit. Jürgen Viering dokumentiert im Nachwort zum Reclam-Band der "Gedichte" solche Urteile. Es sind dies die Ablehnungstopoi, die die moderne Lyrik begleiten werden. Auch Dehmel, poète maudit und Klangartist auf Verlaines Spuren, bekennt sich eine Weile zu diesem französischen Erbe. Den Blick auf den durch französische Vorbilder inspirierten und ästhetisch avancierten Lyriker Dehmel verstellten später dann ganz andere Verse. Die Kriegsbegeisterung wird sich verheerend auswirken auf Stil und Empfinden des Autors. Eine nationalistische Gebrauchslyrik macht Dehmels vormaligen Beitrag zum ästhetischen Aufbruch nahezu unkenntlich.
Da ist es klug, abschließend einen Blick noch in die 1981 im Fischer Taschenbuch Verlag herausgebrachte "Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart" zu werfen. Auch der junge Bertolt Brecht entgeht dem französischen Einfluß - Villon, Verlaine, Rimbaud - nicht. Zu verweisen ist auf die berühmte K.-L.-Ammer-Übersetzung von 1907, der Brecht seine Villon-Verve entleiht.
Es hätte ihn auch Dehmel mit dem "Lied des vogelfreien Dichters. Nach Francois Villon" beeindrucken können. Die Figur des faszinierenden Asozialen zieht Dehmel offenbar ebenso in Bann wie - eine Generation später - Brecht: "ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann, / und meine Not ist meine Seligkeit - / ich, höchst beliebt, verschrieen bei jedermann." Wie sehr Dehmel durch Francois Villon eingenommen ist, belegt auch sein "Lied der Gehenkten. Villons Epitaph als er nebst etlichen zum Galgen verurteilt war", das Karl Otto Conrady 1977 in "Das große deutsche Gedichtbuch" aufnimmt.
Neben Villon, dem unmöglichen Lyriker des 15.Jahrhunderts, ist es auch Paul Verlaine, der Brecht dann anregt. Ein Blick in Albert Soergels "Dichtung und Dichter der Zeit "(8. Auflage 1911) läßt noch einmal die Anziehungskraft des wüsten Exzentrikers und betörenden Sängers auf deutsche Autoren vor und nach der Jahrhundertwende erahnen. Als "Dichter lyrischer Urlaute" wird er verstanden. Der Absinth, heißt es, mache ihn zum Lüstling und Zyniker: "Immer trinkt er, Sünder und Beter, Priester und Faun, ein inbrünstiger Bekehrer zum Glauben und unflätiger Lehrer aller nur denkbaren Perversitäten zugleich." Züge der Baal-Figur soll Brecht Verlaine (und Frank Wedekind) nachempfunden haben. Woher mag Brecht aber seine Eindrücke genommen haben? Die zitierte "Sozialgeschichte der Literatur" gibt einen Hinweis:" Brecht benutzte u.a. die Verlaine-Übersetzungen Richard Dehmels, der wie Brecht in den Augsburger Neuesten Nachrichten publizierte und seinerseits Brechts frühe Dichtungen beeinflußte." Verlaine, Dehmel, Brecht: Die Literaturgeschichte gibt immer wieder unglaubliche Zusammenhänge preis.

Zuerst veröffentlicht in dem Katalog zur Ausstellung in der Staats- und Universitätsbiliothek Hamburg Carl von Ossietzky, 3.8. - 30.9.1995: Sabine Henning u.a., WRWlt - o Urakkord. Die Welten des Richard Dehmel, Herzberg 1995.


Fitzebutze

Lieber, ßöner Hampelmann!
fing die kleine Detta an;
ich bin dhoß und du bist tlein,
willst du Fitzebutze sein?
Tomm!

Tomm auf Haterns dhoßen Thul,
Vitzlibutzki, Blitzepul!
Hater sagt, man weiß es nicht,
wie man deinen Namen sp`icht.
Pst!

Pst, sagt Hater, Fitzebott
war einmal ein lieber Dott,
der auf einem Tuhle saß
und sebratne Menschen aß.
Huh!

Huh, sei dut, ich bin so tlein
und will immer a`tig sein;
Fitzebutze, du bist dhoß,
kleine Detta spaßt ja bloß.
Ja?

Ja, ich bin dir wirklich dut!
Willst du einen neuen Hut?
Tlinglingling: wer bìngt das Band?
Königin aus Mohrenland!
Tnicks!

Tnix, ich bin Frau Tönidin,
hab zwei Lippen von Zutterrosin;
Fitzebutze, sieh mal an,
ei, wie Detta tanzen kann!
Hoppß!

Hopßa, h0pßa, hopßassa:
Tönigin von Af`ika!
Flitzeputzig, Butzebein,
wann soll unse Hochzeit sein?
Du!

Du! Mein tleiner lieber Dott!
Du?! Sonst geh ich von dir fo`t! -
Ach, du dummer Hampelmann,
siehst ja Detta garnicht an!
Marsch! –

Aus: Richard Dehmel, Werk Bd.6, Der Kindergarten, S.25

Hier noch das Buch
Matthias Wegners über
Ida Dehmel
Aber die Liebe

Matthias Wegner
Die Versuchung des stummen Hampelmanns

Poetischer Blick in die gute Kinderstube: Ein Mädchen spielt mit seinem Hampelmann, setzt ihn auf Vaters großen Stuhl, um mit ihm ein naiv-raffiniertes Traum- und Rollenspiel und eine Einübung in das Flirten zu beginnen. Schaurige Erzählungen des Vaters vom Furcht erregenden Aztekenkönig Fitzliputzli, der gebratene Menschen verspeist, haben in dem Mädchen trotzige Allmachtsphantasien geweckt, die sich ein Opfer suchen. Doch in der Phantasie des Mädchens wird der stumme Hampelmann immer unerreichbarer. In der vierten Strophe zieht sie bereits alle Register der Verführung. Weil ihr das hölzerne Gegenüber inzwischen als bedrohlicher Gott erscheint, will sie ihm jetzt eine königliche Gattin - und damit ebenbürtig sein. Das kokette Werben nimmt jedoch ein kokettes Ende. Die kecken Träume sind in Selbstzweifel umgeschlagen. Das Versuchsobjekt fügt sich nicht in die Rolle des Göttergatten. Das Mädchen versucht es mit Drohen. Mit einem zornigen "Marsch!" holt sie den stummen Partner und sich selbst wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Er ist und bleibt eben nur ein hölzerner Hampel-Mann. Das Spiel ist aus.
Richard Dehmel, der Vater der kleinen Detta, galt zur Jahrhundertwende als vitaler, ja revolutionärer Neuerer der deutschen Poesie. Geradezu schwärmerisch wurde er eine Zeit lang verehrt und begeistert gelesen. Frank Wedekind nannte ihn "den größten Dichter Deutschlands", nicht wenige sahen in ihm einen neuen Goethe. In den Gedichten, aber ebenso in der lustbetonten, aristokratisch-stilisierten Lebensführung des märkischen Förstersohnes artikulierte sich das neue Selbstbewusstsein der Jugendstil-Generation. Statt elegischer Beschwörungen von Dekadenz und Vergangenheit feierte Dehmel auf Nietzsches Spuren schon vor den Expressionisten den "neuen Menschen", über allen Tabus stehend und nur "dem Geistigen" und der Mitmenschlichkeit verpflichtet - vor allem aber befriedet in gleichberechtigter(!) Liebe und Partnerschaft. Bei aller Kultiviertheit und raffiniert eingesetzter Eleganz war Dehmel ein verführerischer Abenteurer in Wort und Tat, der seine Umgebung verzaubern konnte. Auf seine vielen Verehrerinnen wirkte das so befreiend wie auf wilhelminische Moralwächter verstörend. Eine uns heute harmlos erscheinende Passage in einem seiner jubelnden Gesänge auf die Allmacht der Venus musste in der Werkausgabe bei S. Fischer per Gerichtsbeschluss getilgt werden. Der unheimlich-sinnliche Rhapsode beschwor wortreich und hochfahrend ein "Zurück zur Natur", rüttelte an den Grundfesten wilhelminischer Sittsamkeit - und wurde als Freiwilliger des ersten Weltkrieges später dennoch zu einem Propagandisten deutscher (Selbst-)Herrlichkeit. Aber da war seine Schaffenskraft längst verblasst und der Jugendstil Geschichte.
Das oft nachgedruckte Fitzebutze-Gedicht entstand 1901, auf der Höhe seines Ruhmes. Der Dichter und seine erste Frau Paula haben es später zu einem gleichnamigen, von Ernst Kreidolff jugendstilig-märchenhaft illustrierten Kinderbuch erweitert. Auch dieses Gedicht provozierte zuerst Empörung: Ein aufgebrachter Schulrektor beschimpfte es als "anarchistisch, umstürzlerisch ... ein pädagogischer Fehlgriff erster Sorte!" Den liebevollen Vater und Freiheits-Pädagogen Richard Dehmel fochten solche Verdikte nicht an. Er wollte ja auch mit seinem Ausflug in die genau beobachtete Kindersprache seiner Tochter nur seine oft so pathetisch vorgetragenen Botschaften von erotischer Unbedingtheit und weiblicher Stärke, von der Gleichwertigkeit der Geschlechter und individueller Autonomie an frühkindlichen Erfahrungswelten poetisch variieren. Und des Jubels einer großen Dehmel-Gemeinde konnte er sich sicher sein. In einer späteren Fassung hat er dem Gedicht "Fitzebutze" übrigens noch eine Strophe angefügt, in der es heißt: "Ja. ihr Klugen, merkt ihr was?/ dumm tun tat sie bloß zum Spaß!" Die kleine Detta ist so wenig naiv wie ihr sich seiner Mittel immer sehr - Kritiker meinten: allzu - bewußter, aber in alles "Natürliche" verliebter Dichtervater. Dehmel, immer auf der Suche nach neuen Grenzen - als Bergsteiger kühner Montblanc-Bezwinger, als Frauenverehrer träumend von einer "Ehe zu dritt" -, wusste besser als jener deutsche Oberlehrer, die Rollenspiele von "Minderjährigen" zu verstehen und zu respektieren. Die Liebe zwischen Mann und Frau kann nur als königlich-souveränes Gleichgewicht funktionieren und früh übt sich ... Dehmels oft so pathetische Lyrik ist uns längst entrückt. Einige Kleinode haben seine Popularität überdauert - auch diese vergnügten Verse über das Ende eines Kindertraums

Zuerst veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.5.2000 in der Rubrik "Frankfurter Anthologie"


Interpretation des Gedichtes "Ballnacht" von Richard Dehmel
Susann Bieger,10. Klasse

Der Erzähler dieses Gedichtes befindet sich anscheinend auf einem Fest. Er fühlt sich dort allerdings nicht wohl. REs scheint sich um eins der vielen Feste zu handeln, zu denen man nicht geht, weil es einem Vergnügen bereitet, sondern weil es sich so gehört, dort hinzugehen.
Also flieht der Erzähler vor allem Trubel in Gedanken zu seiner Liebsten. Er sucht unbewußt nach ihr, nach einer bekannten, geliebten Person, in dieser Anonymität, in der er keinen kennt, obwohler genau weiß, dass sie nicht da ist.
Dadurch wendet er sich noch mehr von dem Fest ab, er nimmt die anderen Menschen, ihre Hast, ihre Bewegungen, welkende Blumen, blendendes Licht, die seltenenen Juwelen zwar wahr, aber sie rauschen an ihm wie im Traum vorbei, er sieht nur ihre Fassaden, die Seelen bleiben ihm verborgen. Er beschreibt damit genau die Atmosphäre, die auf diesem und auf vielen anderen Festen herrrscht, gibt das wieder, was wahrscheinlich die Hälfte der anderen Menschen auf diesem Fest fühlen, es aber nicht zugeben, weil es sich nicht gehört. Stattdessen zieht sich jeder in seine Gedankenwelt zurück, denkt an etwas Schönes und lächelt nach außen hin freundlich.
Der Erzähler denkt dabei an seine Liebste. Irgendwann nimmt er nicht mal mehr die anderen Menschen wahr. Er schaut aus dem Fenster, betrachtet die Sterne und wünscht sich nichts sehnlicher, als an einem völlig anderen Ort zu sein, an dem sich auch seine Liebste befindet. Dieser Ort ist im Moment aber genauso wenig zu erreichen für ihn wie die Sterne. Die einzige Möglichkeit dorthin zu kommen wäre miot einem Sternenstrahl zu fliegen, mit anderen Worten es ist unmöglich. Für den Erzähler sind diese Strahlen eine Art Brücke zu seiner Liebsten und er malt sich aus, dass sie auch diese Brücke sieht.
Man merkt dem Gedicht keineswegs an, dass es schon ca. 100 Jahre alt ist. Es hätte genausogut von einem Dichter stammen können, der heutzutage lebt. Ich denke, jeder kennt diese Atmosphäre, die oft auf Festen ist, jeder war schon einmal auf so einem Fest. An den Gefühlen und dem Verhalten eines Menschen in solch einer Situation hat sich auch nach hundert Jahren nichts geändert.