Zu Gast bei Richard Dehmel

Die fremde Wohnung
Nachdem wir über den Gartenweg zu dem Efeu-bewachsenen Haus gegangen waren und die obersten Stufen des Treppenaufganges bestiegen, sah ich zum ersten Mal das Klingelschild. Sofort überkam mich das gleiche gespannt-nervöse Gefühl wie immer, wenn ich zum ersten Mal vor der Haustür eines Fremden warte. Ein Fremder, bei dem wir in der nächsten Zeit häufiger zu Gast sein würden und der schon vor 77 Jahren gestorben war, was ihn nicht vertrauter erscheinen ließ. Ich hatte kurz zuvor zum ersten Mal seinen Namen gehört. Zwar hatten wir dabei ein paar elementare Informationen bekommen und vielleicht schon einmal lustlos das kleine, gelbe Reclamheftchen mit einer Anthologie von Dehmels Gedichten durchgeblättert, doch das hatte eigentlich eher noch das Gefühl verstärkt, nun in den Privatbereich eines Unbekannten einzudringen. Ich jedenfalls ahnte nicht, daß im Folgenden die Dehmel-Werke, Dehmel-Briefe, Dehmel-Kataloge, -Hinweise und -Querverweise fast überall, wo ich danach suchte, aus Karteien, Listen, Ordnern und Köpfen sprudeln würden. Noch weniger ahnte ich jedoch, wie schwierig es sein würde, das Material dem Zeitrahmen unseres Projektes entsprechen einzuschränken.
Der erster Raum, den wir betraten, war beruhigend unpersönlich mit seinen leeren Schränken und dem großen Tisch, auf dem eine große Menge Dehmel-bezogener Bilder und Zeitschriften lag. Gebührlich bewunderten wir das kiloschwere Gästebuch (So? Aha!) und die Kiste, die mit Totenmasken angefüllt sei (Huch! - War aber dann doch nur eine) und warfen gleichzeitig noch einen Blick auf die sonnenbeschiene Terrasse. Die Assoziation, wie gerne die Dehmels wohl dort gesessen haben durften, leitete gut über zu dem nächsten Raum. Dieser ist größer und wirkte sehr viel privater durch die Bücherschränke, den Tisch und die Tapete, die noch aus Großpapa Dehmels Zeiten sind. Ein paar kürzere Erläuterungen zu diesem Raum folgten. Doch die architektonisch und dramaturgisch bedingte Entwicklung unserer Besichtigung leitete schnell zu dem dahinterliegenden Raum hin. Es war der kleinste von den dreien und zugleich der besterhaltenste: Das Allerheiligste, die höchste Kammer des Elfenbeinturms: dem Dichterzimmer. Der Schreibtisch war für mich gleich der Mittelpunkt des Raumes. An ihm entstand meiner Vermutung nach das, was ich mir ohne genaue Kenntnis als das Werk Dehmels vorstellte. Mich überkam für einen Moment so etwas wie Ehrfurcht, während mich von Stuhl und Sofa die "Bitte nicht setzen" -Schilder anknurrten. Ein ähnliches Gefühl mag den (mir damals ebenfalls noch nicht bekannten) Biographen Dehmels Julius Bab beschlichen haben, wenn er nach 425 Seiten seiner "Geschichte eines Lebens-Werkes" schreibt: "Geduldige Forschung wird (...) in den Schränken von Blankenese noch mancherlei finden, was meine Darstellung wesentlich ergänzen könnte."
Allerdings sollte die Ehrfurcht bald ziemlich aufgeweicht werden. Zum einem durch die Gewöhnung, an diesem Ort zu arbeiten, zum anderen durch die Einsicht in ein paar Bücher Dehmels, die an dem Schreibtisch entstanden sind, wie z.B. das nationalistische und kriegsbejahende






"Kriegsbrevier" ("Dank dem Schicksal, Volk in Waffen / Deutschland gegen alle Welt / Nicht um Beute zu erraffen / Uns hat Gott zum Kampf geschaffen / rein zum Kampf im Ehrenfeld / Heldenvolk").
Einmal setzte ich mich vor den Schreibtisch, um zu sehen, ob man sich dabei vielleicht doch irgendwie besonders fühlt; man tut es nicht. Und ich lernte, mich an die Urne von Richard und Ida Dehmel im Bücherschrank zu gewöhnen und über Dehmels Autogrammkarten und das versteinerte Lakritze seines Enkels zu lächeln, das genauso zu finden war wie Dehmels Kriegssäbel.

Das Kartenhaus
Ich beschäftigte mich mit der Inventarisierung von Büchern. Dabei wurde ich von der für Belletristik und geflügelte Worte weidlich ausgenutzten Annahme geleitet, daß jeder durch seinen Bücherbestand deutlich charakterisiert würde und zwar in doppelter Hinsicht: Er wird durch seine Bücher beeinflußt und schafft sich aber Bücher entsprechend seinen Bedürfnissen und Interessen an. Ich tippte und überprüfte also einige Zeit Bücherlisten, ohne das Gefühl zu haben, Richard Dehmel entscheidend näher gekommen zu sein. Und während dieser Zeit hoffte ich, das Einmalige zu finden, das mir etwas Greifbares und Markantes über den Hausherren mitteilen würde.
Ich hatte Glück! Da war die ersehnte Kuriosität. Ich wurde nämlich auf ein ganz besonderes Buch hingewiesen. Es heißt "An meinen Traumgeist - Sieben Gesänge von ***" und ist ein Sonderdruck des Insel-Verlages in 50 Stück, numeriert und namentlich zugeeignet: "Nummer 13 gehört Richard Dehmel, Hamburg-Blankenese". Es sei, so hieß es, ein Abschiedsgedicht Richard Dehmels an seine Frau Paula, von der er sich 1899 nach jahrelangen Querelen getrennt hatte.
Ich las Dehmels Biographie und seine Briefe auf sein Verhältnis zu Paula durch und suchte nach Insel-Almanachen, die dieses Buch erwähnten.
Das Buch mußte schließlich von ihm sein und wenn man gerne wollte, paßten auch Inhalt und Form - beinahe. Schließlich hatte er über Paulas Krankheit, die ein entscheidender Grund für die Trennung gewesen war, in dem Gedicht "Der gesunde Mann" auch geschrieben: "Meine Frau ist krank, sie / Wird wohl bald sterben / Dann kann ich lachen / Dann werd` ich `was erben...usw."
War es da nicht plausibel, daß er auch diese etwas holprigen Strophen verfaßt hatte: "Die Zeit, die ich dir seitens ging, war Qual, doch unvergleichlich süß. / Vergiß die ersten Freuden nicht und unser kurzes Paradies, / den glaubensvollen Anfang. Denke daran, wie ich, und schilt mich nicht, / mein liebster Geist. Ich bleib dir in der Erinnerung und im Gedicht."?
Doch das Datum "August 1913" paßte wenig zu Dehmels Biographie, es bestand weder Anlaß noch Zeit, sich gerade zu diesem Zeitpunkt noch mal mit seiner mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Trennung mit seiner Ex zu beschäftigen, zumal er in diesem Monat wenig in Hamburg war und mit anderen Themen beschäftigt, wie seine Briefe zeigen.
Als ich mich also auf die Suche nach der Quelle für die vermeintliche Autorenschaft Dehmels begab, fand ich bald heraus, daß aus Vermutungen









und Mißverständnissen in der Informationskette bei mir eine Gewißheit entstanden war, die völlig unberechtigt war. Ohne das Vorurteil, daß Dehmel "***" war, schaute ich mir die "Sieben Gesänge" noch einmal an. Unter der geänderten Perspektive zeigte sich nun Punkt für Punkt, weshalb er es auch wahrscheinlich nicht gewesen ist. Am Ende fiel das Kartenhaus zusammen, der Traum vom "Traumgeist" war ausgeträumt und ich fühlte mich irgendwie ungut.

Was bleibt ?
Obwohl die Zeit nun vorbei war und einige Ansätze, die sich mir noch geboten hätten, nicht mehr verfolgt werden konnten, war meine Arbeit nicht nutzlos - wenigstens für mich. Ich hatte erfahren, wie leicht man die Realität aus den Augen verliert, wenn man auf ein bestimmtes Ergebnis "hinforscht". Ich hatte viel von und über Richard Dehmel gelesen und war neugierig geblieben. Und schließlich fühle ich mich in seinem Haus mittlerweile richtig heimisch - und das ist auch schon etwas.

Johannes Hennies