Hamburg

Auf den Spuren Liliencrons und Dehmels


Gustav Falke und Detlef von Liliencron vor Klopstocks Grab an der Christianskirche.
Die Inschrift des Grabsteins lautet: "Bey seiner Meta und bey seinem Kinde ruhet Friedrich Gottlieb Klopstock. Deutsche nahet mit Ehrfurcht und mit Liebe der Hülle eures größsten Dichters."

Der Deutsch-Leistungskurs am selbigen Ort heute.

Gustav Schiefler
Liliencrons Tod
Klopstock, geboren 1724 in Quedlinburg, der Dichter von "Der Zürchersee", "Die Frühlingsfeier" und "Der Messias" erringt zu seiner Zeit ein außerordentliches Ansehen in der ganzen deutschsprachigen Öffentlichkeit. Nach seiner Rückkehr aus Zürich lässt er sich 1851 in Kopenhagen nieder, materiell abgesichert durch eine Lebensrente des dänischen Königs. Nach dem Scheitern des Projektes einer wissenschaftlichen Akademie in Wien lebt Klopstock von 1770 bis zu seinem Tod 1803 in Altona. In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhundertserlebt die Freie und Hansestadt eine Blütezeit der Literatur. Klopstock trifft hier auf Lessing, Claudius, Reimarus, Herder u.a. Goethe, selbst von Klopstock in seiner frühen Lyrik stark beeinflusst, weist auf Klopstocks epochale Bedeutung für die deutsche Literatur hin: "Nun sollte aber die Zeit kommen, wo das Dichtergenie sich selbst gewahr würde, sich seine eigenen Verhältnisse selbst schüfe und den Grund zu einer unabhängigen Würde zu legen verstünde. Alles traf in Klopstock zusammen, um eine solche Epoche zu begründen." (Dichtung und Wahrheit) Herder urteilt schon früh über ihn: "Es ist Klopstock, der erste Dichter unseres Volkes, der, so wie Alexander Macedonien, die Deutsche Sprache seiner Zeit nothwendig für sich zu enge finden mußte: der sich also in ihr eine Schöpfermacht anmaaßte, diese zur Bewunderung ausübte, und zu noch größerer Bewunderung nicht übertrieb: ein Genie, das auch in der Sprache eine neue Zeit anfängt." (Fragmente über die neuere deutsche Literatur)
Kein deutscher Dichter wurde jemals durch die Teilnahme so vieler Menschen an seiner Trauerfeier gewürdigt: Am 22. März 1803 säumten 50 000 Menschen den Weg des Trauerzuges zur Christianskirche in Ottensen. Die Glocken der fünf Hauptkirchen läuteten ihm zu Ehren. Der Trauerzug wurde angeführt von Jungfrauen in weißen Gewändern mit Frühlingsblumen, dem Sarg folgten alle Würdenträger der Stadt, Senatoren, das diplomatische Corps, Künstler und Kaufleute. Im Hafen tuteten die Schiffe.
Heinrich Heine, dessen Onkel nicht weit entfernt wohnt, besucht häufig das Klopstock-Grab. In "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski" schreibt er: "Die Ufergegenden der Elbe sind wunderlieblich. Besonders hinter Altona, bei Rainville. Unfern liegt Klopstock begraben. Ich kenne keine Gegend wo ein toter Dichter so gut begraben liegen kann wie dort. Als lebendiger Dichter dort zu leben, ist schon weit schwerer. Wie oft hab ich dein Grab besucht, Sänger des Messias, der du so rührend wahr die Leiden Jesu besungen! Du hast aber auch lang genug auf der Königstraße hinter dem Jungerfernsteg gewohnt, um zu wissen, wie Propheten gekreuzigt werden." Später wird eine seiner schönen Cousinen auch auf dem Friedhof der Christianskirche begraben.hier
2. Bild: Unterschrift: Hafenszene um 1900. Im Hintergrund St. Michaelis. Aufnahme von... Ein Hinweis zu den Ortsnamen: Ottensen war früher ein Dorf an der Elbe, heute ist es ein Teil von Altona, dies wiederum von Hamburg. Früher gehörten Altona samt der Elbdörfer bis Blankenese - und Schleswig-Holstein zu Dänemark, 1866 wurden sie preußisch. Altona wurde durch das Groß-Hamburg-Gesetz 1937 zu einem Stadteil Hamburgs.

Heinrich Heine

Als ich ging nach Ottensen hin
Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin.
Viel schmucke und stattliche Menschen dort standen,
Und den Leichenstein mit Blumen umwanden,
Die lächelten sich einander an
Und glaubten Wunders was sie getan. -
Ich aber stand beim heiligen Ort,
Und stand so still und sprach kein Wort,
Meine Seele war da unten tief
Wo der heilige deutsche Sänger schlief: --

Aus dem Nachlass

Bis zu Liliencrons ehemaliger Wohnung in der Palmaille, in der er von 1892 bis 1901 lebte, ist es nur ein Stück zu Fuß, vorbei an dem heutigen Altonaer Rathaus. Der junge Heinrich Heine mußte genau entgegengesetzt die Elbchaussee bis zur Nr.31 ein Stück nach Westen gehen, um das schöne Anwesen, den Sommersitz seines Onkels Salomon Heine, zu erreichen. Die Heine-Villa wurde abgerissen, doch das Gartenhaus steht noch immer, schön restauriert direkt an der Elbchaussee.

Stehend:
Sophia v. Voithenberg, Insa Meenen, Johanna Vogt, Tonia Lensch, Franziska Roewer, Anna Kuhlmann, Erik v. Uexküll, Christian Patschkowsky, Christian Fuhhop
Kniend:
Laura v. Hurter, Eliza Schroeder, Benita v. Heyden, Jochen Stüsser
Foto: Valeska



Im Hof des Wohnhauses (Nr.100) von Detlev von Liliencron. Hier wohnte vorübergehend auch Richard Dehmel, geflüchtet aus Berlin.
Geht man von hier noch ein kleines Stück weiter in Richtung St.Pauli/Innenstadt - den Michel-Turm kann man schon über der Astra-Brauerei sehen - , liegt links in der Hoheschulstraße der Ort des ersten Christianeums (eingeweiht 1744), das wie die Christianskirche (eingeweiht 1783) nach dem dänischen König benannt wurde. Das Gebäude wurde 1936 verlassen und 1943 zerstört. Zu den Feinheiten der Schulgeschichte siehe die
Christianeums-Homepage!

Liliencrons Tod
Auszug aus Gustav Schiefler,
Hamburger Kulturgeschichte, S. 214

Und dennoch, als man von seinem Tod hörte, war es, als ginge eine Wehmut durch das Land, als sei der Sonnenschein etwas weniger hell geworden. Dehmel nahm sich der Hinterbliebenen an. Er gab für sie zwei Bände nachgelassene Schriften heraus und veranstaltete jene Sammlung von Briefen, von welcher schon die Rede war; eine beträchtliche Arbeit, da es galt, eine Anzahl von mehr als 15 000 Stück zu sichten. Alsbald taauchte auch im Journalisten- und im Schriftstellerverein der Gedanke auf, ihm auf dem Friedhof in Alt-Rahlstedt ein Denkmal zu errichten. Dehmel legte einen Entwurf des ihm befreundeten Bildhauers Luksch vor, der aber nicht den Beifall der Mehrheit fand. Da Dehmel auf dem Entwurf bestand, zerschlug sich die Sache zunächst. Später kam der Plan dennoch zur Ausführung. Die Enthüllung fand am ersten Jahrestag des Todes, am 22. Juli 1910, statt und wurde zu einer einfachen und würdigen Huldigung für den heimgegangenen Dichter. Die Versammlung setzte sich aus etwa 50 Personen zusammen, die alle ein inneres geistiges oder persönliches Verhältnis zu Liliencron gefunden hatten. Immerhin war es selbstverständlich, daß die Feier einen literarisch halb-offiziellen Charakter annahm. Dehmel leitete sie; er war von seiner Gattin und seiner hochbetagten Mutter begleitet.

Otto Ernst, breit-behäbig, war als Vertreter der Literarischen Gesellschaft mit einem mächtigen Kranz erschienen; Dr Heinrich Spiero brachte einen großen Feldblumenstrauß; Frau Diéz-Dührkoop, die Tochter des "neuzeitlich-realistischen Lichtbildners", eine schöne Frau, um deren Gunst sich einmal Liliencron - auch das las man in den Briefen - beworben hatte, trug eine Handvoll Rosen, eine militärische Abordnung fehlte nicht. Der Begräbnisplatz war mit Taxusbüschen und Ebereschen-Bäumchen umstanden, eine Einfassung von eingepflanztem Heidekraut umsäumte ihn, und sonst waren Rosenbüsche sein Schmuck. Als die Hülle des Denkmals fiel, sahen wir auf dem hohen Sockel die ranke Gestalt eines jungen Mädchens, fast noch eines Kindes mit dünnen Ärmchen, das mit hellem Blick erhobenen Hauptes über das Land hinaussah. Dehmel sprach einige Worte, man legte Blumen auf dem Grab nieder, und dann ging die Gemeinde zu Liliencrons Haus, wo Frau Anna mit Kaffee und Gebäck bewirtete.Und er selbst, wäre diese Feier ihm wohl nach dem Herzen gewesen? Ich glaube, wenn er hinter einer der Wolken hervorschauen durfte, hat er gesagt:"Dor lach ik äwer."
Für die Familie war gesorgt; wiederum hatten Dehmels den Anstoß zur Sammlung der Ehrengabe gegeben. Das Reich steuerte 15 000, der Hamburgische Senat - auf Heidmanns Fürsprache hin - 10 000 Mark bei. So konnten die Witwe und die Kinder in den gewohnten Verhältnissen weiterleben und der Zukunft ruhig entgegensehen.