Dehmel-Haus-Abend am 19.6.97
Bei schönem Juni-Wetter trafen die zumeist festlich, in Teilen aber auch etwas schrill gekleideten Gäste im Dehmel-Haus ein. Topia, der Hund, trug ein blaues Halstuch und wirkte recht aufgeräumt. Von Schülern des Deutsch-Leistungskurses und Herrn Grossner wurden die Besucher mit einem Glas Sekt begrüßt - und konnten sich dann ein bißchen im Dehmel-Haus umsehen. Nach diesen auratischen Studien führte Herr Grossner noch einmal durch die beiden großen Zimmer und erläuterte die Interieurs. Vor dem großen Ida-Dehmel-Bild über dem Schornstein lag das Zentrum der improvisierten Bühne, auf der im folgenden vorgetragen wurde.
Ablauf
Begrüßung durch Herrn Grossner
- die frei gehaltene Rede liegt nicht schriftlich vor
Einführungsrede: Jochen Stüsser
Liebe Gäste,
das Dehmel-Haus-Projekt, das hier versucht ein bißchen seine Ergebnisse vorzustellen, ist im Kern von einem Leistungskurs Deutsch betrieben worden. Hinzu kamen einige Schüler aus einem Grundkurs Philosophie, auch 4.Semester, die Lust hatten, über den normalen Unterricht hinaus sich an dem Projekt zu beteiligen. Inhaltlich passte dies auch, da wir im vierten Semester des Philosophie-Kurses den Schwerpunkt ganz auf Ästhetik gelegt hatten: wir klärten die wesentlichen Momente des Kantschen Geschmacksurteils , des "Interesselosen Wohlgefallens" anhand von Auszügen aus der Kritik der Urteilskraft, lasen die wichtigsten Briefe aus Schillers "Über die Ästhetische Erziehung des Menschen" und behandelten Nietzsches Programm einer produktiven Ästhetik anhand der wichtigsten Reden und Handlungen aus "Also sprach Zarathustra". Die praktisch-produktive Wende bot sich hier gegen Ende des vierten Semsters mit dem Dehmelhausprojekt an, zumal einige Schüler - Johanna, Johannes, Josephine, Caro - in beiden Kursen waren.
Im Leistungskurs beschäftigten uns in der ersten Hälfte des vierten Semesters Goethes Wahlverwandtschaften, danach konnten wir uns mit Hilfe von Herrn Grossner, ohne den es dieses Projekt nicht gegeben hätte, und von Herrn Andersen, unserem Schulleiter, im wahrsten Sinne des Wortes ins Dehmel-Haus stürzen. Den Abschluß in Sachen Goethe und den Übergang zum Dehmel-Projekt bildete ein Wochenende in Weimar. Dort waren wir nicht nur im Haus am Frauenplan, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek usw., sondern auch im Bauhausmuseum, im Nietzsche-Archiv und dem ebenfalls von van de Velde gebauten (unter Einbeziehung von Röhr) Kunstschulgebäude. Ursprünglich wollten wir heute Abend auch einen Extra-Punkt "Weimar" aufnehmen, der im Dehmel-Zusammenhang gerechtfertigt wäre: Die Dehmels überlegten damals ernsthaft, dorthin







überzusiedeln, die Bemühungen der van de Veldes und vor allem von Harry Graf Kessler um Richard Dehmel blieben nicht ohne Wirkung, andere alte Bekannte aus den Zeiten der Berliner Bohème lebten inzwischen dort, wie z.B. der Arno Holz Kompagnon (und spätere Gegner) Johannes Schlaf. Aus Gründen der Zeitökonomie - morgen werden schon alle Abiturienten entlassen - haben wir ihn fallengelassen. Übrigens wurde uns im nachhinein erst deutlich, nämlich durch kunsthistorische Artikel, welcher Kontext zwischen dem Gartenhaus Goethes am Stern und dem Dehmel-Haus besteht, daß das Gartenhaus in Weimar das Vorbild für die "kalkulierte Einfachheit" des Dehmelhauses, das sogenannte "Haus des Dichters" in Blankenese wurde (in Teilen übrigens auch für den Barkenhoff in Worpswede, auf den sich einige Beiträge des heutigen Abends beziehen).
Zum Kurs: Der letzte normale Schultag war der 24. April, also vor bald zwei Monaten. Anschließend wurden die schriftlichen Abiturarbeiten geschrieben, es gab die unterrichtsfreie Vorbereitungszeit und die mündlichen Prüfungen usw. Erst gestern waren die letzten Nachprüfungen. Ein Großteil der Arbeit dieses Projektes ist parallel zum Abitur gelaufen, einiges auch während der Mai-Ferien. Man kommt nicht umhin, in dieser Hinsicht dem Kurs ein großes Lob zu spenden. Bevor ich allerdings in Euphemismus verfalle, sei darauf hingewiesen, daß nicht alle das Abitur geschafft haben.
Zu der Broschüre: Sie liegt in dieser Form heute erstmalig vor. Die Redaktion/Kompilation stand am Ende ganz im Zeichen der Kompatibilität. Mit sechs verschiedenen Computern war gearbeitet worden - und an der Endstelle mußte jede Diskette lesbar gemacht werden: das Hauptproblem dabei war gar nicht einmal der Sprung von der Dos- in die Mac-Welt (und das Konvertieren). Dies zu erwähnen ist noch unter einem anderen Gesichtspunkt erwähnenswert: alles liegt digital vor - und könnte weiterverarbeitet werden nach dem Muster nichtlinearer Texte (Html/Quick-Time..) in Richtung auf ein virtuelles Dehmel-Haus-Museum.

Bestandsaufnahme: Beispiele
Susanne Bloos: Dehmels Bücherschrank
Sie gibt einen Bericht über ihre Archivierungsarbeiten
Anja Deu: Photo-Recherche
Sie beschreibt ihre Arbeit mit den Photos, die im Dehmel-Haus lagern.
Josephine von Zitzewitz, Julia Diemer: Übersetzungen
Sie berichten kurz von ihrer Übersetzung der schwer entzifferbaren Briefe der Luksch-Makowskaja. Das Ergebnis liegt vor und wird von Herrn Grossner spontan sehr gelobt.
Lesung: Soweit keine anderen Quellenangaben - nur Seitenangabe - gemacht werden, sind die Texte in der folgenden Sammlung enthalten: J. Schutte, P.Sprengel, Die Berliner Moderne 1885 - 1914, Stuttgart 1987, Reclam RUB 8359:










Beginn: Berlin um die Jahrhundertwende:"Berlner Moderne"
- Walther Rathenau: Die schönste Stadt der Welt (Auszug, 100), gelesen von Christian Engel
- Wilhelm II, "Die wahre Kunst"(E. Johann, Reden des Kaisers, München 66, dtv, S.99 f.). Die berühmteste Kunst-Rede des deutschen Kaisers wird angemessen zackig vorgetragen. Vortrag: Christian Engel
- Christian Morgenstern: Die Bierkirche. Eine Berliner Szene (566), vorgetragen von Juliane Klüber, Susanne Bloos
- Julius Bab: Berliner Bohème (Auszug aus: J. Bab, Die Berliner Boheme, hg. v. M.M. Schardt, Paderborn 94, Igel Verlag, S.61f.). Neben dem Bericht über das Schwarze Ferkel wird auch kurz über den Dehmel-Biographen Bab informiert, der später im New Yorker Exil zusammen mit Hannah Ahrendt an "Der Aufbau" arbeitete. Vortrag: Anja Deu
- Lou Andreas-Salomé. Auszug - der Freundin von Nietzsche und Rilke, der ersten Freud-Schülerin/Psychotherapeutin- aus der Erinnerung an die Berliner Bohème (L. Andreas-Salomé, Lebensrückblick. Fünfter Nachdruck Ffm 1986, Suhrkamp st 2340, S.96). Katrin Meinert
- Julius Bierbaum: Abenteuer im Omnibus (5oo), Valerie von Scheel
-Else Lasker Schüler: Gedichte zu Berlin, an Dehmel:
Richard Demel:/Aderlaß und Transfusion zugleich;/Blutgabe deinem Herzen geschenkt.// Ein finsterer Pflanzer ist er/Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf//Immer Zickzack durch sein Gesicht,/Schwarzer Blitz// Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert. (Dies., Gedichte 1902-43, München 95/5, dtv 10641). Vorgetragen von Verena Dietrich
-Paula Dehmel: Kindergedichte. Aus Erstausgaben von Susanne Bloos
-Jakob van Hoddis, Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut..Hans Hentig: Bei den Neopathetischen (532), über van Hoddis u.ä. Bericht aus einem Literaturclub. Josy von Zitzewitz
-Hans Brennert: Das Überlied. Persiflage auf die "Übermenschen"- Mode, die auf Nietzsches Begriff - die Inhalte werden so verflacht- zurückgeht. Während die Berliner Theater zunehmend vom Naturalismus beherrscht werden, wird das Kabarett/"Cabaret"(=expressionistisch) zur wichtigen Innovationsinstanz; es gibt immer mehr Kabaretts in Berlin; auch Dehmel schreibt Gedichte speziell für sie. Vortrag von Nicolai Lagoni
- Peter Hille, Paul Scheerbart, Richard Dehmel: Gedichte, auch übers Fahrradfahren. Johannes Hennies kommt in voller Montur, d.h. mit Helm usw. und einem großen gelben Postfahrrad nach vorne und trägt vor.
- Richard Dehmel: Lyrik. Verschiedene Dehmel-Gedichte unterschiedlicher Schreibart werden vorgetragen, u.a. Blick ins Licht, Josy (Dehmel-Recklam-Ausgabe 25), Ballnacht, Juliane (24), Im Fluge , Katrin(9), Wellentanzlied, Auszüge aus Zwei Menschen (99f), Trinklied (54); Johannes H. trägt vor und erläutert den Konflikt um die Zielrichtung - elitär oder für alle -der Zeitschrift "Pan" anhand des Abdruckes des Trinkliedes
- Wiener Moderne: Über "Loris", Schnitzler, Luksch, Otto Czeschka usw. Der gesamte Komplex ist zusammengestellt und wird vorgetragen von Philine Bubrowski und Johannes Gleim









- Dehmel-Haus-Blankenese: Junge Talente bemühen sich um Kontakte zu Dehmel. Der Expressionist Ernst Wilhelm Lotz bestaunt das Dehmelhaus; sein Gedicht "Elbstrand" (in Peter Rühmkorf, Expressionistische Gedichte, Berlin 77,Wagenbach 131, S.126) wird vorgetragen von David Sayers
- Rainer Maria Rilke zu Besuch, zufällig zusammen mit Peter Hille (Rilke Brief)
- Die Dehmels in den Elbvororten (Auszug aus Gustav Schiefler, Richard Dehmel, Ein literarisches Portrait, Gesellschaft der Bücherfreunde Hamburg 1961, S.8f)
Worpswede: Auszug aus Gustav Regler, (Das Ohr des Malchus, Köln 1958) der in Worpswede seine spätere Frau Marielouise, eine Tochter Heinrich Vogelers, kennenlernt, vermittelt durch den Maler Tetjus Tügel, den Mann Vera Dehmels. Zwischen Worpswede und Blankenese gab es eine Menge von Beziehungen. Vorgestellt von Caro Grüber und Johanna Lühr
Bei dem anschließenden geselligen Beisammensein kam zur Sprache, daß Ulf Andersen, Leiter des Christianeums, die in dem Bericht aus dem neopathetischen Club in Berlin geschilderte Tilla Durieux als alte Dame - im Gespräch - noch kennengelernt hat, als studentischer Statist am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Eine anwesende Mutter, Frau von Zitzewitz, hatte in ihrer Jugend in der Worpsweder Gegend Tetjus Tügel kennengelernt.