Hamburg

Blankenese


Ida Dehmel
Richards Blankeneser Spaziergänge
Gustav Schiefler
Die Dehmels in der
Hamburger Gesellschaft
Zeitgenössische Künstler/innen zu Besuch in Blankenese:
Detlev von Liliencron:
Kutschfahrt vom Süllberg
nach Altona

Aufnahme von Ida Dehmel:
Alfred Mombert
Ernst Wilhelm Lotz:
Elbstrand
Die Grundschule in Blankenese
Richard-Dehmel-Schule
Gorch-Fock-Schule

Richard und Ida Dehmel ziehen nach ihrer Hochzeit 1901 nach Blankenese in die Parkstraße 40, heute Am Kiekeberg. Sie wohnen hier in einer Etagenwohnung zur Miete, mit einem "weiten Blick über den Elbstrom". Zu seinem 50. Geburtstag erhält Richard Dehmel am 18.11.1913 ein Haus in der Westerstraße geschenkt, der heutigen Richard-Dehmel-Straße. Dort leben sie bis zu ihrem Tod im "Dehmelhaus". Richard stirbt - letztlich - an einem Kriegsleiden 1920, Ida Dehmel 1942 durch Freitod.
Da viele Fotos von Ida Dehmel in Blankenese entstanden, lohnt ein Blick in ihr Photoalbum.

Blankeneser Hauptstraße nach der Jahrhundertwende.

Der Strandweg in Blankenese
von der Elbe aus gesehen
um1900
Höhe der Demut

Auf dem hohen Uferweg,
zu dem der breite Strom heraufglänzt,
mit Schiffen, die klein wie Spielzeuge scheinen,
und jedes ist großer Schicksale voll,
trägt Menschenherzen hinaus aufs Meer,
die Sturm und Mühsal bestehen wollen,
um andern stürmischen Menschenherzen
Nahrung für ihre Mühsal zu schaffen,
auch dir, auch dir, mein Herz hier oben,
das über alldas hin emporklopft:
was willst du, Himmel, was soll ich, Erde -
da kniee ich und beuge mein Haupt
auf dem hohen Uferweg.

Aus: Richard Dehmel, Schöne Wilde Welt, S. Fischer Verlag, Berlin 1918


Schnaakenmoor in Rissen hinter Blankenese, 1999
Ida Dehmel
Richard Dehmels Blankenese

So wurden wir denn Anfang November 1902 Blankeneser. Das "Ziegenbock-Kletternest", wie Peter Hille es nannte, war damals noch ein Fischerdorf, das dem der Natur aufs innigste verwachsenen Dichter unbegrenzte Möglichkeiten schenkte. Die Vielgestaltigkeit der Landschaft, die Elbe, die Heide, der Wald, die Ebene, der von keiner Berglinie zerschnittene Horizont, - das alles bot dem Künstler Raum für die weltumfassende Weite der eigenen Fantasie. Wie ein Rausch kam es oft über ihn, wenn er an dem Hügelrand der Elbe entlangschritt, sich immer mehr von den Menschen entfernend, dem Meere zu. Da geriet er ins Laufen, ins Tanzen, und mit schallender Stimme sang er selbstgeschaffene Melodien zu eigenen Gedichten. Dann kam es wohl vor,daß einsame Wanderer, die ihn sahen, sich vor ihm fürchteten, weil sie sich diesen ekstatischen Ausbruch vor der Natur nicht zu erklären vermochten. Wenn Dehmel hie und da erfuhr, daß sich jemand ängstlich erkundigt habe, wer denn dieser rätselhafte Mann mit dem dunklen Bart sei, der die einsamsten Winkel der Blankeneser Heide mit seinem wilden Gesang erfüllte, dann gelobte er für die Zukunft zivilisiertes Verhalten, aber er hielt sein Versprechen nicht, denn immer wieder riß die Natur ihn hin, und er kehrte beseeligt nach Hause zurück mit dem

Ausruf:"Heute habe ich mal wieder herrliche Musik gemacht!"
Sicher hat es niemals einen genaueren Kenner des Blankeneser Geheges gegeben als Dehmel, der als Förstersohn seine ersten Jugendeindrücke im Walde aufgenommen hatte. Als er fast schon zwei Jahre hier wohnte, schrieb er einem Freunde:"Obgleich ich täglich stundenlang spazieren laufe, so entdecke ich doch immer neue Wege, neue Durchbrüche, neue Schönheiten!" Er liebte jeden Baum, er verehrte in ihm die Urkraft, die in tausendfältiger Art den Trieb zur eigenen Gestaltung willig zum Ausdruck bringt. So empfand es Dehmel fast wie Raub am persönlichen Besitz, als die ersten Stacheldrahtgitter in der Blankeneser Heide auftauchten und der Grenzenlosigkeit ein Ende machten. Die Schilder "Verbotener Weg", auch eine üble Errungenschaft späterer Jahre, ignorierte er mit Gelassenheit; sie reizten ihn höchstens, das Besitzrecht seiner Fantasie auszuüben und für seinen Teil gegen die Besitznahmedurch andere zu protestieren, indem er gerade diese Wege ging.

Aus: Almanach zur Altonaer-Blankeneser Woche 1928. Hrsg. von Egbert Baumann, Paul Theodor Hoffmann und Hans Leip. Altona 1928


Gustav Schiefler,
Eine Hamburgische Kulturgeschichte
1890 - 1920

Die Dehmels in der Hamburger Gesellschaft

Ende 1901 verlautete, Dehmel sei mit "seiner Muse" in Blankenese, der Frau, die ihn zu den "Zwei Menschen" begeistert hatte. Diese war gleichsam wie eine elementare Macht in sein Leben getreten, alle Ketten und Fesseln sprengend. Jener Zyklus von dreimal 36 Gesängen ist das Hohelied dieser unheilig-heiligen Liebe, die sich stark genug erwies, ihn für sein gnazes künftiges Leben in Bann zu schlagen. Das Motto "wir Welt" oder in der Abkürzung "Wrwlt" war ein kühner Wahlspruch, der alle Vorurteile in die Schrankem herausforderte; ein Lebensbejahung und Selbstbehauptung, die ein wundervolles Selbstbewußstsein bekundeten. Dehmel stand damals, so scheint mir, auf dem Höhepunkt seiner menschlichen und künstlerischen Entwicklung. .................................
Dann begegneten wir ihm mit jener Frau, mit der er inzwischen ehelich verbunden war, auf dem Vortragsabend bei Falke.. Der Klang seiner Stimme und die Art seines Vorlesens machten ihn mir noch anziehender; die durchgearbeiteten Züge seines von schwarzem Haar und Bart eingerahmten Gesichts waren Zeugen manchen inneren Kampfes, aber der wohlwollende, ich möchte sagen: innige Glanz seines Auges bewies, daß er darüber zu seelischer Harmonie gekommen war. ................
Im Sommer 1904 machten wir ihnen in Blankenese einen Besuch. Sie bewohnten ein Häuschen in schönster Lage, mit dem Blick auf das Gewirr der Fischerhäuser zu ihren Füßen, drüben auf den Süllberg und auf den breiten Strom; auf den Reisen, die sie zusammen gemacht, sei ihnen dieser Platz der begehrenswerteste erschienen. Es war ein heißer Tag.

Dehmel trug einen weißen Tennis-Anzug, sie ein weißes Kleid mit violettem Kragen und spitzem Ausschnitt, das ihr glänzend stand. Sie saß in einem Sessel neben der Tür und wußte offenbar, wie bilmäßig sie wirkte. Beide stellten in der Wirklichkeit die "Zwei Menschen" dar, wie man sie sich nach dem "Roman in Romanzen" dachte; natürlich-vornehm, nicht unbewußt, aber auch nicht aufdringlich. ................
Sonst hatten Dehmels anfänglich, außer mit Dr. Stemanns und einigen Familien der Blankeneser Nachbarschaft, keinen Umgang. Später freilich dehnte sich nach und nach der Verkehr; wir sahen sie z.B. bei Baudirektor Schumacher, und auch Henry P. Newmans luden sie zu einer großen Abendgesellschaft,
auf der Clotilde von Derp tanzte. Sie hatten reichen Ersatz an den Besuchen, die von auswärts kamen; alle Männer und Frauen der literarischen Welt, die Hamburg berührten, versäumten nicht, bei ihnen vorzusprechen.
Sie selbst waren viel auf Reisen, pflegten Beziehungen zu zahlreichen namjaften Männern auch der bildenden Kunst und Wissenschaft und gingen regelmäßig zur Pfingstzeit nach Weimar, wo sich bei der Tagung der Goethe- und Shakespeare-Gesellschaft alljährlich um Frau Förster-Nietzsche ein Kreis ausgesuchter Persönlichkeiten zusammenfand. Aber Frau Isis Ehrgeiz genügte das auf Dauer nicht. Sie wollte selbst irgendwie ein Mittelpunkt sein, und da sich die alten Hamburger Familien spröde verhielten, knüpfte sie Bekanntschaft und Freundschaft mit den Künstlern, die 1910 als Lehrer an die umgestaltete Kunstgewerbeschule berufen wurden, namentlich mit den Wienern Luksch, Czeschka, Delavilla, Kling. Zweimal im Monat hatte sie am Sonntagnachmittag in ihrem Haus Empfang, und in der Tat gelang es ihr, damit einen eigenartig gefärbten geselligen Kreis zu schaffen, der sich in bestimmter Richtung, nämlich für die geschmackvolle Einrichtung von Festen, Basaren, Aufführungen mancherlei Art fruchtbar erwies.


Zeitgenössische Künstler/innen zu Besuch in Blankenese

Viele Künstler, die damals Hamburg besuchten, kehrten bei den Dehmels ein - oder besser: Sie sahen Hamburg, weil sie die Dehmels besuchten. Über das damalige kulturelle Leben im Hause der Dehmels, auch nach dem Tode Richards unter der Ägide von Frau Isi, lohnte eine eigene Web-Site. Da wir hier erst einmal nur historische Bilder zeigen, sei auf eine Website verwiesen, auf der das aktuelle Blankenese gut dargestellt wird. Auch wechselnde Bilder die die jeweiligen Elbblicke zeigen, sind da zu sehen.

Aus:
Detlev von Liliencron,
Briefe in neuer Auswahl.
Hrsg. und eingeleitet von Heinrich Spiero, Stuttgart 1927.

Die "Süllberg-Karte" hatte ich noch seit sieben Jahren liegen. Nach dem Süllberg muß man mit der Droschke (30 Mark hin und zurück) nachts 1 Uhr fahren, wenn die Nachtigallen schlagen auf der Flottbeker Chaussee und in den Villengärten (1 1/2 Meilen Villengärten längs der Elbe), und dann um 6 Uhr früh dort Beefsteak (herrlichsten Beefsteak) essen und Beyechevelle dazu trinken. Und im Taxameter (Droschke erster Güte) sitzt ein liebes süßes Mädel, das man der Frühlingsnachtkälte wegen in seinen eigenen grauen Herrenmantel eingehüllt hat. Und dann von zehn zu zehn Minuten: "Halt, Dimpler" (so hieß der Droschkenlenker) - "töv`n Ognblick" (wart‘ einen Augenblick). Und die Nachtigallen singen. Dann nach drei Minuten: "So, Dimpler, nu man werr jü!" (nun wieder zu). Ja, ja, das sind so Erinnerungen aus meiner Jugend - na ja………

Luftaufnahme:
der Süllberg im Blankeneser
Treppenviertel nach 1900.



Alfred Mombert in Blankenese.
Aufnahme von Ida Dehmel.
• • •

Der du brausend durch deine Welten fährst
Und die schönen Gluten erst:
Ungenannter, Ewiger Nächst-Verwandter:
Sieh und freue dich:
Hell in Phönix-Gluten flammt dies Haus.

DEHMEL-HAUS
IN PHÖNIX-GLUTEN
5.II.1920

Aus: Alfred Mombert, Atair, Insel-Verlag, Leipzig 1925, S.14.

Aus:
Ernst Wilhelm Lotz
Wolkenüberflaggt
Kurt Wolff Verlag (Der Jüngste Tag 36),
München 1916, S. 30.

Elbstrand

Der Strand glänzt prall besonnt und badehell.
Es wimmelt um die Zelte wie von Maden.
Die aufgesteckte Wäsche blendet grell,
Und Mondschein kommt von Leibern, welche baden.

Vom Meere weht ein Wind mit Salz und Teer
Und kitzelt derb die Stadt-verweichten Lungen.
Da springt ein Lachen auf dem Strand umher.
Und unvermutet redet man in Zungen.

Ein großer Dampfer kommt vom Ozean.
Stark ruft sein Baß. Die Luft wird plötzlich trüber.
Man drängt ans Wasser kindlich nah heran.
Ein Atem braust. - Die Woermann schwimmt vorüber.

Die Zeltstadt glänzt bevölkert wieder bald.
Wir schreiten langsam durch die hellen Reihen
Und hören hier: es kam ein Palmenwald,
Ein ganzes Land mit Düften, Negern, Affen, Papageien.


Die Grundschule in Blankenese

Fast in Sichtweite des Dehmelhauses wird in der Karstenstraße am 9.8.1929 das von dem Architekten Marschall gebaute Schulgebäude von dem Altonaer Bürgermeister Max Brauer eingeweiht. Bürgermeister Brauer übergibt dem Rektor Jensen eine schwarz-rot-goldene Flagge mit dem Altonaer Wappen und der Inschrift "Richard-Dehmel-Schule".
Die bisherige "Kahlkamp-Schule" wurde eine Nebenstelle der "Richard-Dehmel-Schule" . 1937 wird die Schule nach dem Finkenwerder Schriftsteller Johann Kinau (1880-1916) auf den Namen "Gorch-Fock-Schule" umgetauft. Die Begründung dieses Namenswechsels ist unbekannt, es wäre interessant sie herauszufinden. Schulleiter Diercks leitet mit einer einjährigen Frontunterbrechung die Schule von 1935 bis 1945.
Nach dem Krieg wird der Name "Gorch-Fock-Schule" für die Schule in der Karstenstraße beibehalten, die Schule am Kahlkamp als neue Schule wiederum mit dem Namen "Richard-Dehmel-Schule" begründet. Den verliert sie endgültig, als 1968 im Kahlkamp aufgrund der steigenden Schülerzahlen dem Gymnasialbereich zugeordnet wird. Heute ist im Kahlkamp die Unterstufe des Gymnasiums Blankenese untergebracht.

Eine der zahlreichen Tierfiguren in den zwei Fenstergittern am Eingang der Gorch-Fock-Schule.

Detektive gesucht!
In Blankenese, dies ist sicher, hieß keine Schule oder Schulteil jemals "Paula-Dehmel-Schule", wie wir lange Zeit vermuteten. Im Nachlass von Frau Vera Tügel-Dehmel, heute im Besitz von Claus Grossner, gibt es einen Hinweis auf die Namensgebung der "Paula-Dehmel-Schule" am 19.3.1955. Der Rektor der Schule hieß Linke, der amtierende Schulrat Kupreh. Vera Tügel-Dehmel, die Tochter Paula Dehmels, war zu dieser Veranstaltung eingeladen. Die Hamburger Schulbehörde kann uns bei der Suche nach dieser Schule nicht weiter helfen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine Schule außerhalb Hamburgs. Wer hierüber etwas weiß, nehme zu uns Kontakt auf!


Wer war Gorch Fock? Umfrage 1999

Wir - die Klasse 4c - haben zusammen mit unserer Lehrerin Frau Junge eine schriftliche Umfrage an unserer Schule gemacht, wer Gorch Fock, der Namensgeber unserer Schule, sei.
von 255 befragten Kindern haben 27 die richtige Lösung gewusst, d. h. also 11 % oder jeder 9. Schüler kennt zu unserem Schulnamen auch die richtige Person.
38 Kinder brachten den Namen mit dem gleichnamigen Schiff in Verbindung, einige vermuteten, dass er ein Segler oder Kapitän sei, der auf ebendiesem Schiff um die Welt geschippert war.
Gorch Fock wurde auch als Gründer der Gorch-Fock-Schule oder als ein Mann angesehen, dem die Gorch-Fock-Schule gehörte.
Einer verwechselte Gorch Fock wohl mit Noah, denn er nahm an, dass er bei einer Überschwemmung ein Schiff gebaut, alle Tiere und seine Frau gerettet hatte.
Jemand vermutete hinter dem Namen einen mächtigen Mann, der eine große Segeljacht hatte, oder sogar einen berühmten Seefahrer, der auch Gedichte schrieb und sich in Hamburg niederließ.
Ja, so kann man sich irren! Für die, die gerne die Auflösung unseres Rätsels hören möchten:
Gorch Fock hieß eigentlich Johann Kienau und wurde 1880 auf Finkenwerder als Sohn eines Hochseefischers geboren. Berühmt wurde er durch seinen Roman "Seefahrt tut not", der den Alltag der Menschen auf Finkenwerder beschrieb. Er starb 1916 in der Skagerakschlacht und wurde auf der schwedischen Insel Steensholm beigesetzt.